Standortbestimmung: 10 Jahre „Griechenland-Rettung“

Griechenland hätte sich 2010 mit seinen damals noch vorhandenen privaten Gläubigern auf einen Schuldenschnitt verständigen müssen. Gleichzeitig hätte man Griechenland möglichst geordnet aus dem Euro-Raum führen müssen, um ihnen anschließend innerhalb der Europäischen Union helfen zu können.

Christopher Furlong/Getty Images

Zehn Jahre ist es her. Vor zehn Jahren musste die damalige sozialdemokratische Regierung Papandreou in Griechenland um Finanzhilfen der EU und der Euro-Staaten ersuchen. Ein Kassensturz nach der Wahl im Oktober 2009 ergab, dass das von der konservativen Vorgänger-Regierung an die EU gemeldete Defizit von 3,7 Prozent ein Fake war. Die neue Regierung korrigierte das Defizit erst auf 12,5 Prozent und später sogar auf 15,4 Prozent. Die Ratingagenturen stuften daraufhin das Land auf Schrottstatus. Die Zusage für das erste Hilfspaket in Höhe von 45 Milliarden Euro sicherten die Finanzminister der Eurozone dann am 11. April zu. Der Bundestag billigte dies am 7. Mai 2010.

Lediglich fünf Abgeordnete der damaligen Koalition aus Union und FDP stimmten dagegen: Klaus-Peter Willsch, Manfred Kolbe, Alexander Funk (CDU), Peter Gauweiler (CSU) und Frank Schäffler (FDP). Der kollektive Bruch der Nichtbeistandsklausel durch alle Regierungen und die EU-Kommission veranlassten mich damals, diesen Schritt zu gehen. Die Nichtbeistandsklausel (Artikel 125 AEUV) sah vor, dass kein Land für die Schulden eines anderen Landes haftet oder eintritt. Die damaligen Befürworter wischten dies beiseite und wollten Zeit gewinnen. Griechenland sollte harte Reformen durchführen und die Eurozone sollte stabilisiert werden.

Wie ist die Bilanz in Griechenland nach 10 Jahren? Die damaligen Befürworter betonen heute die Fortschritte. 2019 erzielte das Land ein Wirtschaftswachstum von 1,8 Prozent, für 2020 wird mit 2,3 Prozent gerechnet. Der Primärüberschuss, also die Einnahmen abzüglich der Ausgaben ohne Berücksichtigung des Schuldendienstes, lag 2019 bei 3,8 Prozent im Positiven. Und auch die Beschäftigungsquote stieg 2019 um 2 Prozentpunkte. Die Finanzmärkte goutieren diesen Kurs mit historisch niedrigen Renditen für zehnjährige Staatsanleihen (1,5 Prozent im Oktober 2019).

Doch das Bild ist schöngerechnet. Bei Griechenland wurde immer schöngerechnet – die Wachstumszahlen, die Schuldentragfähigkeit, die Arbeitslosenquote. Meist musste die Zahlen hinterher nach unten korrigiert werden. Das größte Problem in Griechenland ist im 11. Jahr immer noch nicht gelöst. Es ist die mangelnde Attraktivität des Investitionsstandortes. Griechenland hatte 2018 die geringste Investitionsquote aller Euro-Staaten. Wenn dort kein privates Kapital investiert wird, kann es nicht wirklich vorangehen. Das geringe Vertrauen von Investoren aus dem eigenen Land und von außen ist der wahre Grund für die andauernde Misere.

Die zahlreichen Transfers in Richtung Griechenland helfen dabei nicht, sondern schaden wahrscheinlich eher. Seit dem Beitritt zur damaligen EG 1981 bis zum Ausbruch der Krise hatte Griechenland aus europäischen Töpfen schon über 133 Milliarden Euro Transfers erhalten. Auf die Anzahl der Einwohner gerechnet hat Griechenland in der EU seitdem mit Abstand die meisten Finanzhilfen erhalten. Pro Kopf sind die Transfers mehr als doppelt (1.049 Euro pro Jahr zwischen 2008 und 2017, Quelle: cep) so hoch wie beim „Zweitplatzierten“ Litauen (459 Euro p.a.).

Griechenland hat bei diesen Standortbedingungen keine Chance, jemals auf einen grünen Zweig zu kommen. Dafür ist das Wirtschaftswachstum viel zu gering. Griechenland bräuchte Wachstumsraten von 6 oder 7 Prozent pro Jahr, um auf eigenen Beinen stehen zu können. Die Verschuldungslast ist nach wie vor erdrückend hoch. In 2009 hatte Griechenland eine Verschuldung von 299 Milliarden Euro. Heute liegt sie bei rund 340 Milliarden Euro. Die Tragfähigkeit dieser Verschuldung ist unter normalen Umständen nicht möglich. Sie gelingt nur, weil 284 Milliarden über drei Hilfspakete der Euro-Staaten, der EU und des IWF finanziert wurden. 190 Milliarden sind davon über den vorrübergehenden Schuldenschirm EFSF und den dauerhaften Schuldenschirm ESM finanziert. Die ESM-Kredite laufen bis 2060 und die EFSF-Kredite sogar bis 2070. Beide Kreditlinien sind faktisch zins- und tilgungsfrei. Der ESM sagt selbst in einer Stellungnahme: „Als Ergebnis der sehr vorteilhaften Kreditkonditionen spart Griechenland jedes Haushaltsjahr 13 Milliarden Euro, was etwa 7 Prozent des griechischen BIP ausmacht.“

Griechenland hätte sich 2010 mit seinen damals noch vorhandenen privaten Gläubigern auf einen Schuldenschnitt verständigen müssen. Gleichzeitig hätte man Griechenland möglichst geordnet aus dem Euro-Raum führen müssen, um ihnen anschließend innerhalb der Europäischen Union helfen zu können. Die Stützung des europäischen Finanzsystems wäre dann einfacher und billiger gewesen, als wenn man Griechenland dauerhaft an den Tropf hängt und Gläubiger auf der ganzen Welt herausboxt. Die wichtigste Regel der Marktwirtschaft, dass Risiko und Haftung zusammengehören, wäre dann nicht so fatal verletzt worden und Griechenland ginge es heute nach einem wirklichen Neustart besser.

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Kommentare ( 31 )

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31 Kommentare auf "Standortbestimmung: 10 Jahre „Griechenland-Rettung“"

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Wenn ich mich recht erinnere, war in Griechenland 2010 das Privatvermögen etwa 3 mal so hoch wie die Staatsverschuldung. Die Immobilieneigentumsquote liegt ganz erheblich höher als hierzulande. Warum müssen Nicht-Griechen Griechenland retten, während das Vermögen der Griechen selbst unangetastet bleibt?
Ein Arbeitskollege, der schon in einigen Ländern gelebt und gearbeitet hat, sagte mir mal: „Am besten ist das Leben in den Südländern der Euro-Staaten. Wenig Arbeit und Stress, viel Dolce Vita bei gleichzeitig hohen Einkünften und geringen Abgaben“. Rom fand er super, weil dort auch „viel unter der Hand geht“.

Griechenland wurde nach eigenen Tricks und Täuschungen, sowie Wegschauen anderer, Euro – Mitglied. Weil nicht sein darf, dass ein Staat die Euro Zone verlässt, wurde/wird Griechenland auf Existenzminimum-für-die-Meisten unterstützt. „Leben“ ist was anderes! In Griechenland (und auch Italien) landen sogenannte Flüchtlinge und dann gehen Bilder wie aus Moria um die Welt…Griechenland kann noch nicht mal mehr für die eigene Bevölkerung sorgen…dann schert man sich.nicht um andere, wenn man keine Arbeit hat und was zu Essen. Raus aus der Euro – Zone wäre eine kleine Chance gewesen. „Rein“ der größte, verlogene Fehler ever!! Merkel und Schäuble mit ihrem Starrsinn bluten Griechenland… Mehr

Wozu muss sich ein souveränes Land mit dem hoheitlichen Privileg der Geldschöpfung am Finanzmarkt verschulden?

Wie die Praxis eindrucksvoll gezeigt, ist das nur ein schmutziges Spiel von Gläubiger und Schuldner zu Lasten Dritter, entweder derjenigen die nachher den Bailout zahlen (oder beim Crash ihre Ersparnisse verlieren) oder zukünftiger Generationen, die zu Sklaven des Schuldendienstes plus Zinseszins werden.

Und was bringt es?
Haftungsbefreite und obszön reiche Finanzparasiten, Arme und unverantwortliche Länder die lange auf Pump Party machen, und den staatstragenden, anständigen, fleißigen, der am Ende immer die Rechnung zahlt.

Das war alles bekannt und wurde u.a. von Prof. Lucke auch vorgeschlagen. Das war auch der Grund, warum die AfD überhaupt entstanden ist. Aber, man sieht ja, was daraus wird, wenn man sich dem Sachverstand verweigert. Und überhaupt ist mir nichts bekannt, wofür Griechenland eigentlich berühmt ist, ausser für die Erfindung der Demokratie vor 3500 Jahren, als die Griechen es sich noch auf dem Rüchen von Sklaven bequem gemacht hatten, für Korruption, ein abstruses und nicht funktionierendes Steuersystem, marxistische Gewerkschaften, Vetternwirtschaft, einem Meer als Müllkippe (geht mal tauchen, dann werdet ihr sehen) und einem vom Dynamitfischen zerstörtes Ökosystem und Onassis.… Mehr

hätte, hätte, Fahrradkette…

hätte es einen Kanzler Schröder nicht gegeben,
hätte es nie ein Griechenland im EURO gegeben….

Und richtig…
wie konnte es sein, daß eine 15%-Partei aus dem Bundestag flog?
Und weil dies kaum jemand versteht, verstehen will, hinterfragt….
verstehen viele nicht das heutige Handeln der Kanzlerin.

Antidemokratisch verhält sich der Medien-Mainstream.
Denn auf der „Opfer-Liste“ finden sich nur FDP und
Unionspolitiker.
Und überlebt haben bis heute nur Merkel und Seehofer.

So was abba auch.

Herr Schäffler, ich hätte die Bitte, dass Sie sich auf dieser Website auch zu Ihrer Beurteilung der aktuellen Geschehnisse in Thüringen äussern.

Ich möchte darin erinnern, dass die Milliarden (besser Billionen!) mit denen der deutsche Bundestag, bzw. besser gesagt Merkel und ihre Entourage (weil, wie sie selbst geschrieben habe, ihre Kollegen gegen gültiges Recht stimmten) noch immer von einer immer kleiner werdenden Minderheit der Steuerzahler erwirtschaftet wurden und dieses Steuergeld eigentlich für das Allgemeinwohl Deutschlands gedacht war/ist und nicht als persönliche Geldschatulle von wenigen á la Merkel & Co.

Ich gestatte mir, hier die Erinnerung an die Professoren Lucke, Starbattty et al. und die Gründung der AfD nachzutragen.

Herr Schäffler, danke für die Zahlenauffrischung. Allerdings ist Griechenlad nur die Spitze eines Eisberges, der global gesehen inzwischen gigantische Ausmaße hat. Nicht nur in Griechenland sind die Notenbanken inzwischen zur Geldschöpfungsindustrie – wohlgemerkt ohne realen Gegenwert – mutiert und versorgen eine nimmersatte politische „Elite“ mit „Geschenkgutscheinen“ für den dumm gehaltenen Wähler. Im Kielwasser der Politik freuen sich Finanzindustrie und große Industriekonzerne über die noch nie so günstig gewesenen Kreditkonditionen und finanzieren ineffiziente Projekte – in Deutschland speziell Energiewende, E-Mobilität, Klimarettung, illegale Migration etc. -, die unter echten marktwirtschaftlichen Bedingungen sofort scheitern würden. Die dramatische Verzerrung der Marktpreise von Waren und… Mehr
Zitat: „Die wichtigste Regel der Marktwirtschaft, dass Risiko und Haftung zusammengehören, wäre dann nicht so fatal verletzt worden…“ Lieber Herr Schäffler, Sie haben als einer der ganz wenigen Vertreter der Altparteien, meinen absoluten Respekt und Hochachtung dafür, immer wieder das Fähnchen der Marktwirtschaft hochzuhalten – auch gegen die eigenen Leute zu stimmen, wenn es in der Sache angebracht ist. Allerdings müssen auch Sie doch realisieren, dass die oben zitierte Grundregel immer öfter und in fast allen wichtigen Bereichen (Banken, Energie, Industrie – hier besonders Automotive -, Lebensmittel, Landwirtschaft usw.) außer Kraft gesetzt wird und wir mit enormer Geschwindigkeit in den… Mehr