Der Spiegel Nr. 18 – Goodbye, Europe

Der Spiegel trifft mit dem Titel das Thema der Woche und regt sich mächtig auf: Trumps Bruch des Iran-Deals gefährde den Weltfrieden und lege die transatlantische Partnerschaft auf Eis. DER SPIEGEL sieht sich in seinem Antiamerikanismus bestätigt.

Die USA braucht Europa (auch) in diesen Zeiten nicht. Wie aber kann Europa ohne Trump zurechtkommen? Hier ist auch der Spiegel ratlos, wie Klaus Brinkbäumer im Leitartikel „Welt ohne Ordnung“ zugibt. Der große USA-Versteher und -Verächter versteht die transatlantische Welt nicht mehr. So geht es dann auch in der Abarbeitung des Titelversprechens ein wenig auch um die EU, aus deutscher und französischer Sicht. Aber vielmehr noch wieder einmal um einen unberechenbaren Donald Trump, von dem der Eindruck hergeschrieben wird, dass er seine Diplomatie an den Revolverhelden der alten Western orientiert: Jemand reitet in ein Städtchen, geht in den Saloon, sobald einer seltsam schaut, wird gekeilt; Schwächlinge und Zauderer ducken sich hinterm Tresen oder verlassen schnell den Ort des Geschehens, vom scheppernden Klavier kommt noch ein trotziger Gruß. Falls irgendwer den Colt zieht, gibt es eine Schießerei und binnen kürzester Zeit sind alle Probleme geklärt.

Da ist die Welt simpel in Gut und Böse aufgeteilt. Insofern ist Trump in seiner archaischen Art eben gerade berechenbar, auch, wenn es nicht in das ach so komplexe Spiegelbild passt. Ein Show-Down gibt es jedenfalls auch mit BILD-Chef Julian Reichelt, denn die alte Männerfreundschaft früherer Chefredakteure ist einem Dauerkonflikt gewichen und Reichelt greift den Spiegel per Twitter an – soziale Medien ersetzen eben zunehmend bedrucktes Papier.

Die zum Titel gehörenden Stücke „Die Demütigung“, ein Interview mit Michael Hayden „Trump feiert gerade“ und der Bericht „Als wäre es ein Donut“ vom neuen Israel-Korrespondenten Alexander Osang zum Umzug der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem, sind gut lesbar. Trump hat sich zum Rächer der Enterbten aufgeschwungen. Er will die von ihm empfundene Demütigung durch einen aus seiner Sicht unfähigen Präsidenten Barack Obama, der die Interesse der USA verraten und verkauft habe, rückgängig machen – mit allen Mitteln. Weltmächte, die wie die USA wirtschaftlich und in der Produktentwicklung, abgesehen von der Digitalindustrie, in die zweite oder gar dritte Liga absteigen, gelten in solchen Phasen als besonders kriegsgefährlich. Solange das Land groß und stark war, war es egal, wie der Lebensstandard erzielt wurde. Der Protektionismus wird ihn spürbar senken. Nicht nur, weil die Amerikaner in manchen Branchen, Jahre des technologischen Rückstands aufzuholen haben, sondern auch, weil sich die Mentalität der Goldgräberstimmung fest in die DNA des Landes eingebrannt hat. Donald Trump ist das lebende Beispiel dafür.

Was mich wundert bei all der zugegebenen Ratlosigkeit von Chefredakteur Brinkbäumer: Dass – ich beklagte es schon häufiger – zu wenige Expertenmeinungen, andere Stimmen, andere Sichtweisen aus anderen europäischen Metropolen, als Berlin und Paris, zu Wort kommen. Wo steht EU-Europa? Das wäre die lohnende Antwort auf Trump. Auch auf die Gefahr hin, dass eine ehrliche Recherche zu erschreckenden Ergebnissen führt. Und wo steht man in Peking, Tokio und Neu Delhi?

EU-Europa sollte nicht still abwarten, sondern kann auf Gegenstrategien sinnen. Macron zum Wortführer der EU zu küren, ist eine stumpfe Waffe. Der kultiviert agierende Präsident Frankreichs glaubt immer noch, mit fast manischem Händeschütteln, Begrüßungsküsschen und wohlklingenden philosophischen Formulierungen die transatlantischen Beziehungen retten zu können.

Außenminister Heiko Maas kann ich mir nicht als denjenigen vorstellen, der Trump die Stirn bietet. Und seit seinem Auftritt in Moskau auch nicht als jemanden, der mit diplomatischem Geschick, EU-Außenpolitik mitbestimmen könnte. Allein, in der Nähe Frankreichs aufgewachsen zu sein, ist keine Qualifikation für eine außenpolitische Karriere. Moskau hat die Grenzen aufgezeigt. Angela Merkel bleibt kaum etwas anderes übrig, als in ihrer vierten Amtszeit die Außenpolitik aus dem Kanzleramt heraus zu betreiben, gegen alle Widerstände der SPD, die sich lieber in innerparteiliches Kleinklein verheddert, als das politisch beste Personal ins Außenministerium zu entsenden. Aber bis dahin gilt die Aussage von Norbert Röttgen im aktuellen Focus „Wir sind kein relevanter Faktor“.

Apropos Focus: Im Beitrag „Betr.: ‚Anti-Abschiebe-Industrie‘“ prüft die Redaktion den Vorwurf von CSU-Fraktionschef Alexander Dobrindt, dass in Deutschland eine regelrechte Anti-Abschiebe-Industrie systematisch Abschiebungen von Flüchtlingen verhindere. In dem Beitrag bieten die Autoren Faktenjournalismus und Leserservice und berufen sich auf Zeugen wie Rainer Wendt, den Vorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft, und Robert Seegmüller, den Vorsitzenden des Bundes Deutscher Verwaltungsrichter. Der Flüchtlingsrat Bayern etwa steuere, so der Beitrag, mit Info-Bussen Erstaufnahmeeinrichtungen an, wo die Helfer „über die Brutalität und Missstände in den Abschiebelagern aufklären und dafür kämpfen, dies abzuschaffen.“ Dazu kämen Warnungen mit Terminangaben im Internet und mit Tipps wie „abtauchen und aus der eigenen Wohnung verschwinden“. Wobei die Unterstützer zuvor die Flugpläne ausforschen und sich informieren. Der CDU-Politiker Philipp Amthor fordert „ein Maßnahmenpaket gegen derlei organisierte Abschiebeverhinderung“.

Zurück zum Spiegel. Kann ich als Mann über #MeToo schreiben? Lange habe ich gezögert. Doch meine Frau hat mich ermutigt. Dass sie vor gut 30 Jahren aus dem Kulturbetrieb ausgestiegen ist, hatte viel mit der jetzt geführten Debatte zu tun. Das Vorgehen und die Argumentationen der Täter, die der Bericht „Sex im Präsidentenbüro“ beschreibt, sind ihr im Schema nur allzu bekannt. München ist nicht die einzige Musikhochschule, an der es so herging, möglicherweise immer noch geht. Unter dem Deckmäntelchen der außergewöhnlichen Begabung, des Kreativen, durch eine extreme Nähe zwischen Lehrenden und Lernenden mit einem großen Potenzial für Beeinflussbarkeit von Studenten beiderlei Geschlechts, aufgrund sehr unreifer Persönlichkeiten nicht nur unter den Studierenden, sondern auch unter Dozenten und Professoren, die ihre Unreife hinter dem alles tötenden Stichwort „Kunst“ versteckten, hat sie Mikrokosmen erlebt, die man sich als Außenstehender nicht vorstellen kann. In diesem Umfeld blühte sexuelle – und in hohem Maße auch – finanzielle Ausbeutung. Meine Frau wurde lange Zeit in der Szene als „Spinnerin“ abgetan, wenn sie versuchte zu erklären, warum sie dem Musikbetrieb den Rücken kehrte. Das war nicht so sehr der Reflex auf eine Nestbeschmutzerin, als vielmehr die Unvorstellbarkeit, dass an der sehr speziellen Symbiose von Mensch und Kunst so vieles falsch sein kann.

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Kommentare ( 15 )

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Die erstaunliche Metamorphose einer als kritisch und seriös geltenden Zeitung zum Sprachrohr des regierungsamtlichen Blödsinns ist nicht anders als damit zu erklären ,das der Spiegel mehr um die Gunst der Politiker buhlt ,als sich den Fakten und Realitäten des heutigen Daseins verbunden zu fühlen . Journalisten haben kritisch zu sein . Sie haben den Blick über den Tellerrand hinaus zu übersetzen und sind keine Parteipresse und schon gar keine Regierungsjournaille . Aber leider haben sich durch Seilschaften ,wohlmöglich parteilich gefördert ,Systemtreue ins Getriebe geschlichen und nun wird halt alles was nach Gutdünken nicht auf Parteilinie liegt ,besonders gerne AFD ,… Mehr

Ja wo sind denn jetzt die „starken“ FÜHRER von EU-Europa….wo sind denn Macron und Merkel…wo sind die M&Ms…..wenn man sie mal braucht….auf, auf..es gilt den Bösen Trump zu jagen und zur Strecke zu bringen….M&M die Schwafler von der EU Tafelrunde…mehr kann man zu diesen NGO-One-World Marionetten nicht mehr sagen.

Also sind wir doch mal ehrlich, wenn der derzeitige SPIEGEL aus EUropa verschwinden würde, wäre dies doch eine klassische Win-Win-Situation.

Dass der Spiegel regelmäßig kommentiert wird, finde ich nicht schlecht, immerhin sind viele Ihrer Leser ehemalige Spiegel-Leser. Allerdings hat dieser Kommentar recht wenig Struktur. Muss ich mir jetzt den Spiegel kaufen damit ich Ihren Kommentar vollumfänglich verstehen kann? Ganz sicher werde ich mein Geld nicht dafür verschwenden und lieber unwissend sterben. Zum Spiegel: Die antiamerikanischen Titelblätter (die auch in Amerika zu sehen sind) werden im Wesentlichen nur einen Effekt haben; sie werden den Hass und die Abneigung einiger Amerikaner gegen Deutsche insgesamt schüren. Der Spiegel ist zu einem Propagandablatt verkommen, dass auf andere Meinungen und Gefühle null Rücksicht nimmt. Warum… Mehr

Der Spiegel hat (auch) fertig und eigentlich gibt es keine Berechtigung mehr für dieses Alleinstellungsmerkmal der Beachtung hier bei Tichy. Eigentlich würde sich als Kolumne eher anbieten, diese ganzen, sozialistisch-kommunistisch gesteuerten Marionettenpapiere insgesamt zu betrachten und zu entlarfen. Ganz schlimm übrigens auch die Welt bzw. Welt am Sonntag. Ich ärgere mich furchtbar für das in der Vergangenheit investierte Geld, denn dadurch habe ich vermeintlich deren Erziehungskampagnen unterstützt.

Spiegel und Co lese ich schon lange nicht mehr. Hetze,Diffamierung und weglassen von Tatsachen quellen in diesen Blättchen über. Was ich jedoch seit einiger Zeit mache, immer wenn mir ein besonders widerliches Aufmacherbild über den Weg läuft, nehme ich dieses Machwerk und lager es für meine Kinder ein. Es wird der Tag kommen an dem sie mich fragen, wie war das damals? Wie konnte es so weit kommen? Ich hoffe dabei auch, dass meine Kinder überhaupt je die Chance haben werden für diese Aufarbeitung….

Die Europäer werden doch schon seit Ende des 2. Weltkrieges von den USA gegängelt, die einen mehr, die anderen weniger und anscheinend hat man sich in dieser Situation ganz gut eingerichtet und viele Felder den Amis überlassen, man denke nur an die Nato und gerade unter diesem Schutzschild hat man sich preiswert niedergelassen und im Gegenzug durften die Amerikaner in ihrer Außenpolitik machen was sie wollten, man mußte ja nur abnicken und sich in irgendeiner Form beteiligen und alles war gut, bis nun ein neuer Präsident auf der Bühne erschien, dem Kosten/Nutzen wichtiger erscheint als oberflächliche Partnerschaft und in dieser… Mehr

Danke, Herr Canibol, für das Thema und die Einblicke Ihres letzten Absatzes. Bisher hatte ich den Tenor von MeToo in einem artverwandten Opfermachens-Kontext wie den – von mir so genannten – „Genderquatsch“ verortet.

Ihre – für mich – unverdächtigen Bemerkungen zum Thema haben mir eine erweiterte Wahrnehmung zugänglich gemacht.

BEIM SPIEGEL IST MAN OFFENBAR ETWAS VOLLVERWIRRT und der Grund dafür ist wohl, dass man in der Vergangenheit mehr als einmal falsch abgebogen ist. Da geht sie hin, die schöne, naive neue Gutmenschwelt und man will, dass jetzt Angie Quixote mit Europa im Rücken (das hat sie schon lang im Rücken, nur anders als sie denkt) gegen die Windmühlen des Bösen reitet. Die Tragik der meisten Geisterfahrer: sie denken, alle anderen fahren in die falsche Richtung. Unsere linksgrünen Schneeflocken-Medien haben beim Brexit gestöhnt und die Welt nicht mehr verstanden. und jetzt kommt doch da tatsächlich der böse Donald Trump, macht… Mehr

Welch Glück also, dass wir – mit Norbert Röttgen gesagt – schlichtweg irrelevant sind.
Tu felix Germania, dormi – schlaf weiter , deutscher Michel, denn wer schläft, sündigt nicht. Im Deutschland-Erwache!-Wachzustand waren wir doch zumeist eher unangenehm, oder? Wir hocken in der Mitte von Allem, lass‘ die Anderen machen – endlich ist das mal ein angenehmer Zustand, so ganz anders als früher. Alhamdulliläh. Mich wundert nur, warum so viele hier herkommen wollen – anscheinend doch ein begehrter Landstrich, das.

Ja, wundert mich auch. Ich möchte am liebsten nur noch weg, ist aber gar nicht so einfach. Denn andere Länder (wie die USA) lassen zu ihrem Vorteil ihre Grenzen nicht sperrangelweit offen (auch wenn ICH dort eine Bereicherung wäre, kleiner Spaß am Rande).

@giesemann;
İch glaube kaum, das so viele aufgrund des „schönen Wetters“ oder den „blühenden Landschaften“ nach Deutschland kommen. Die wahren Gründe sind wohl bekannt.
Zum Thema „Tu felix Germania“;
es fragt sich nur was in diesen Zeiten besser ist, unangenehm oder irrelevant?

Wen interessiert das denn noch was in Spiegel steht? Gibt es noch einen Tichy Leser, der für diesen Schwachsinn Geld bzw. Zeit verschwendet? Stellen sie doch bitte diese Art von Kommentierung ein.
Das verdirbt einem ja den Ausklang des Wochenendes.

Ach was solls,ein wenig nervenkitzel kann doch nicht schaden,oder soll ich schadenfreude sagen?-In den 60ern hab ich ganz gerne den spiegel gelesen kam meinem aufmuepfigen ,jugentlichen temperament entgegen.Aber sinn,inhalt und einstellung des blattes haben sich vøllig verændert.Jetzt kommt scheinbar nur noch ideologisches POLKOR geschwafel.
Muss ehrlicherweise natuerlich zugeben,dass sich meine auffassungen auch geændert haben-muss wohl was mit altersweisheit zu tun haben…
Wie hat sich der Dicke Pfælzer ausgedrueckt ?Die gnade der spæten…

Lese auch keinen Spiegel mehr. Irgendwann fühlte sich mein IQ persönlich beleidigt über das konstant flache Niveau.
Und ich bin sicher nicht die hellste Kerze….