Weshalb Deutschland die USA braucht – Teil 1

Um das ambivalente Verhältnis zwischen den USA und Europa und hierbei insbesondere Deutschland zu verstehen, lohnt es, ein wenig zurückzuschauen.

Ami-Bashing ist eine Lieblingsbeschäftigung der Deutschen. Angefangen bei den alltäglichen, fast immer ohne konkreten Inhalt vorgetragenen Anti-USA-Comments in den häufig asozialen „sozialen Netzwerken“ wie Facebook & Co über die Anti-TTIP-Propaganda, ohne auch nur eine Zeile des am Ende zu beurteilenden Vertragstextes zu kennen, bis hin zu den wie aus einer anderen Realität geschöpften schein-satirischen „Anstalts“-Attacken des mit Zwangsabgaben finanzierten Staatsfernsehens, durchzieht der Anti-Amerikanismus unsere Gegenwart.

Eingeräumt: Niemand sollte verkennen, dass die Vereinigten Staaten von (Nord)Amerika weltweit vorrangig ihre eigenen Interessen vertreten. Eingeräumt auch, dass die damit verbundenen Vorgehensweisen nicht zwangsläufig den Wunschbildern einer gerechten, auf Gleichheit und Brüderlichkeit beruhenden Idealvorstellung des edlen Menschen entsprechen. Nicht zuletzt eingeräumt, dass mehr noch als die Irrungen und Wirrungen US-amerikanischer Innenpolitik die Außenpolitik der westlichen Führungsmacht immer wieder geprägt wird von eklatanten Fehleinschätzungen und davon, den gleich aus welchen Gründen begonnenen, regionalen Aktionismus in kaum einem Falle tatsächlich bis zum notwendigen Ende durchgehalten zu haben.

Trotz all dieser Mängel, die man den USA zu Recht vorwerfen kann und die auch künftig den Stoff liefern werden, in der US-Wirtschaft das Konstrukt einer kleinen Finanzoligarchie zu sehen, die fast schon paranoid erscheinende Sammelwut mancher US-Sicherheitsinstitutionen als demokratiefeindlich und menschenverachtend zu interpretieren und nicht zuletzt den US-Interventionismus als permanenten Verstoß gegen das Theoriemodell eines von gleichberechtigten, dem Gemeinwohl verpflichteten Eliten getragenen Völkerrechts zu betrachten, sollten gerade die Deutschen sich darauf besinnen, dass sie ohne die so skeptisch, ja häufig schon feindlich betrachteten Vereinigten Staaten heute nicht das wären, was sie sind. Und dass das, was sie wären, zumindest eines nicht beinhaltete – nämlich das unwidersprochene Recht, selbst den wichtigsten Verbündeten zu verteufeln und als Hauptverantwortlichen allen Übels dieser Welt öffentlich und dennoch ohne persönliche Konsequenzen an den Pranger stellen zu können.

Ein Blick zurück

Mir ist bewusst, dass allein die beiden vorangegangenen Absätze bei vielen Lesern gleich einem Stachelschwein pawlowsk sämtliche Abwehrmechanismen haben hochstellen lassen, und einige dieser mit kleinen, gemeinen Widerhaken versehenen Stacheln sich bereits im Anflug auf den Autor befinden. Mir ist auch bewusst, dass dem gestandenen Anti-Amerikaner kein Argument recht sein wird, welches auch nur ansatzweise dazu beitragen könnte, seine Position zu überdenken. Allen anderen allerdings seien im Nachfolgenden einige Dinge in Erinnerung gerufen, die am Ende vielleicht doch ein wenig dazu beitragen mögen, die Rolle der USA nicht nur mit weniger Schaum vor dem Munde, sondern insgesamt mit etwas mehr Nüchternheit zu betrachten.

Schauen wir, um das ambivalente Verhältnis zwischen den USA und Europa und hierbei insbesondere Deutschland zu verstehen, ein wenig zurück. Denn wie alles in der Politik sind die Ursachen aktuellen Geschehens vielschichtig und haben eine lange, oft auch widersprüchliche Vorgeschichte.

Die USA und das Vereinigte Königreich

Wenn wir von den USA sprechen, dann meinen wir damit heute einen Staat, der erst nach 1865 wirklich als solcher langsam zu seiner Rolle in der Welt gefunden hat. Trotz Gründungsakt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert und der Implementierung einer der ersten, wirklich als solche zu bezeichnenden Demokratien der Neuzeit blieben die Neuenglandstaaten lange ein europäisches Kolonialreich, das nach und nach erst die Ländereien der Nachkommen einer frühen menschlichen Besiedlungswelle unterwarf und anschließend ähnlich kolonial geprägten Nachbarn wie Mexiko oder europäischen Imperien wie Russland, Spanien und der ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien deren Erwerbungen abnahm. Diese Landnahme erfolgte oftmals mit Waffengewalt, häufig durch etwas, das man heute als hybriden Krieg bezeichnen würde, und in einem Falle, der den damaligen Veräußerern heute besonders schmerzhaft in Erinnerung ist, als klassischer Yankee-Deal Land gegen Geld.

Ohne die unvollkommenen USA bleibt Europa nicht frei
Weshalb Deutschland die USA braucht - Teil 2
Doch erst mit dem Sieg der industriell-dynamischen Neuenglandstaaten über den Selbstbestimmungsanspruch der feudal-agrarisch geprägten Republiken im Südosten der nordamerikanischen Landmasse entstand ab 1865 etwas, aus dem sich in den kommenden einhundert Jahren der erste wirkliche Global Player der Weltpolitik entwickeln sollte. Entscheidend für diese Entwicklung war auf der einen Seite die staatlich-gesellschaftliche Konsolidierung, die den nordwesteuropäisch geprägten Kolonialistenkindern trotz der Verwerfungen des Sezessionskrieges gelang, auf der anderen Seite ihre auch aus dieser Konsolidierung erwachsende wirtschaftlich-innovative Prosperität. Wer heute einen Blick auf die weltwirtschaftliche Dynamik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wirft, wird feststellen, dass die maßgeblich auch von deutschen Exilanten geprägte, US-amerikanische Entwicklung eines libertären Kapitalismus vorrangig zu Lasten der früheren Kolonialmacht ging. War das Vereinigte Königreich um 1850 noch die einzige Welthandelsmacht, die mit ihrer industriellen Leistungsfähigkeit weltweit Kapital kumulierte, so sah dieses schon um 1900 deutlich anders aus.

Deutschland als die europäischen USA

Doch die Welthandels- und Militärsupermacht des 19. Jahrhunderts, die von einer kleinen, Europa vorgelagerten Insel tatsächlich ein Imperium beherrschte, in dem die Sonne niemals unterging, wurde nicht nur von den abtrünnigen Söhnen im transatlantischen Amerika in Bedrängnis gebracht. Denn in der alten Welt selbst hatte sich zeitgleich etwas getan, das in fast jeder Hinsicht mit der nordamerikanischen Entwicklung vergleichbar ist. Auf dem kargen Boden Brandenburgs war auf den Trümmern des in Folge des ersten wirklichen Weltkriegs nach 1648 darniederliegenden Zentraleuropas mit militärisch-organisatorischem Geschick und einigem Kriegsglück ebenso wie mit einer intelligenten Einwanderungspolitik aus Preußen eine neue Regionalmacht auf überwiegend deutschem Boden entstanden. Dieser Regionalmacht gelang es dank der Politik ihres Hauptakteurs Otto von Bismarck in nur sieben Jahren, aus dem postnapoleonischen Flickenteppich deutscher Klein- und Kleinstreiche über drei innereuropäische Waffengänge mit dem wiedergeborenen Deutschen Reich ein nicht weniger dynamisches Gebilde wie die jungen USA zu schaffen, dessen wirtschaftliche und geistige Liberalität das britische Empire nicht minder bedrängen sollte.

Um 1910 hatten die beiden jungen und dynamischen Nationen jede für sich das Empire an Wirtschaftskraft eingeholt. Lag Deutschlands Anteil an der Weltindustrieproduktion 1870 bei 13,2 und der des Empires bei 31,8 Prozent, so sank letzterer bis 1913 auf 14,0 und war von Deutschland mit einem 15,7 Prozentanteil überholt worden. Dabei gingen Englands Industrieexporte mittlerweile zu rund 40 Prozent in die eigenen Kolonien, von denen jedoch Kanada bereits in den USA seinen wichtigsten Wirtschaftspartner gefunden hatte, während Indien zu 64,2 und Australien bei rasant sinkender Tendenz zu 51,3 Prozent von britischen Importen abhingen. In der Chemieindustrie war Deutschland mit einem Umsatz von 2,4 Milliarden Mark vor den USA mit 1,5 Milliarden Mark Weltmarktführer. Bei der Weltstahlproduktion hatte das Reich mit einer Produktionsmenge von 17,8 Megatonnen hinter den USA mit 31 mt das Empire mit nur noch 7,8 mt auf Platz Drei verwiesen. Das Vereinigte Königsreich hatte sich von der weltweit führenden Industrienation des 19. Jahrhunderts zum Baumwollveredler und allerdings wichtigsten Dienstleister der Welt gewandelt. Es schöpfte einen Großteil seiner Einkünfte aus dem von ihm monopolmäßig betriebenen, weltweiten Gütertransport und der darauf basierenden Versicherungswirtschaft mit dem zwangsläufigen Ableger der Londoner „City“ als Weltfinanzmetropole. Dennoch verzeichnete das Königreich allein 1913 ein Außenhandelsdefizit von rund 200 Millionen Pfund – ein Betrag, der in seiner Höhe mehr als einem Zehntel des Volkseinkommens entsprach und der unter anderem dadurch begründet war, dass das Inselreich in Folge seiner frühen Industrialisierung kaum noch über eigene Landwirtschaft verfügte und drei Viertel seines Lebensmittelbedarfs im Ausland decken musste.

Deutschland, Britannien und Frankreich

In dieser für das Empire der deutschstämmigen Queen Victoria zunehmend prekären Situation entwickelte das kleindeutsche Kaiserreich neben der wirtschaftlichen Bedrohung durch eine innovative und prosperierende Wirtschaft den aus zeitgenössischer, eurozentrischer Sicht in jeder Hinsicht legitimen Anspruch, seinen Anteil an der Aufteilung der Welt haben zu wollen. Mit einem global verstreuten Sammelsurium von Schutzgebieten – wobei das Reich insbesondere im Pazifik in die unmittelbare Konkurrenz zu den USA trat – ging die Notwendigkeit einher, über eine leistungsfähige Hochseeflotte zu verfügen. Damit nun sah das niedergehende Empire auch sein letztes Monopol des Welttransportwesens und damit seine dominierende Rolle als Weltfinanzplatz aktiv gefährdet, und es kam zu einer Phase des Wettrüstens, welches insbesondere die britischen Kassen weiter leerte.

Um an dieser Stelle mit einem sorgsam gepflegten Vorurteil aufzuräumen: Es war nicht das Deutsche Reich, das kriegslüstern jede verfügbare Mark in das Militär steckte. Zwar steigerte das Reich seine Pro-Kopf-Ausgaben für die Marine zwischen 1905 und 1913 von 3,80 auf 6,90 Reichsmark jährlich – im gleichen Zeitraum aber erhöhte das Empire seine Marineinvestitionen von 15,70 auf 20,50 Reichsmark je Bürger. Während so die Briten die Reichsmarine mit hohem Mitteleinsatz zu toppen suchten, übernahmen die französischen Partner der Entente cordiale diese Aufgabe im Heer. Stiegen Frankreichs Ausgaben für die Landstreitmacht im genannten Zeitraum von 15,30 auf 19,30 Reichsmark, investierte das Reich hierfür 1905 11,50 und 1913 14,90 Reichsmark je Bürger. Zahlen, die verdeutlichen, dass das Reich sich kaum durch Großbritannien, dafür aber maßgeblich durch Frankreich bedroht sah – angesichts der Tatsache, dass das Französische Heer, abgesehen von kolonialen Aufgaben, tatsächlich nur gegen Spanien, Italien oder Deutschland sinnvoll einzusetzen war, nicht ohne Grund.

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