Ein Kulturproblem der Demokratie

Juristisch funktionieren die Kontrollmechanismen weitgehend: Parlamente stimmen ab, Gerichte mahnen Parlamentsvorbehalte an, Verfassungen bleiben intakt. Politisch aber frisst eine Kultur der Exekutivdominanz die Demokratie von innen an. Von Sylvia Pantel

picture alliance / SULUPRESS.DE | Dirk Pagels/SULUPRESS.DE

Wird Loyalität zur Kanzlerin wichtiger als offene Auseinandersetzung, werden internationale Pakte, Rettungsschirme oder Pandemielinien in Hinterzimmern vorentschieden, dann entsteht ein gefährlicher Doppelbefund. Die Bürger verlieren das Vertrauen in die Ehrlichkeit des Verfahrens, und viele Abgeordnete geben sich mit der Rolle des Kommentators statt des Gestalters zufrieden. Das ist kein Putsch gegen die Verfassung, aber eine schleichende Entkernung der parlamentarischen Demokratie, die sich Deutschland und Europa auf Dauer nicht leisten können.

Hinzu kommen Koalitionsverträge, die sich von knappen politischen Leitlinien zu immer umfangreicheren Regierungsdrehbüchern entwickelt haben, mit der Folge, dass für echte rechtliche und parlamentarische Beratung oft kaum noch Raum bleibt. Formell sind sie nicht bindend, politisch aber setzen sie Ergebnisse vorab fest und verwandeln viele Parlamentsdebatten in bloße Umsetzungsrituale.

Somit findet eine politische Vorfestlegung und keine offene Beratung statt und die politischen Konflikte werden in die Verhandlungsnächte der Parteispitzen vorverlagert. Wenn der Vertrag steht, gilt die Linie gegenüber Fraktionen und Fachpolitikern faktisch als beschlossen und es gilt „Fraktionsdisziplin und Regieren“. Abgeordnete sind laut Grundgesetz nur ihrem Gewissen verpflichtet, praktisch erzwingen Fraktionsdisziplin und Koalitionsabsprachen aber weitgehend einheitliche Abstimmungen.

Exekutive in kleinen Zirkeln

Statt offener Konflikte im Plenum dominieren informelle Runden im Kanzleramt, in Ministerpräsidenten‑ und Kommissionszirkeln. Dort werden Vorentscheidungen getroffen, die die Parlamente anschließend nur noch politisch abnicken sollen. Wo waren zum Beispiel die erforderlichen Diskussionen zum Atomausstieg oder Kohleausstieg mit den notwendigen Anhörungen, Parlamentsbeteiligung und Folgeabschätzung?

Wer Politik so organisiert wie in den letzten 20 Jahren, reduziert Volksvertretungen auf nachträgliche Legitimationsmaschinen und signalisiert Bürgerinnen und Bürgern: Die eigentliche Entscheidung fällt ohne euch.

Die Auseinandersetzung um den UN‑Migrationspakt zeigte exemplarisch, wie Exekutivdominanz (Staatsgewalt) funktioniert. Die Regierung handelte den Pakt auf internationaler Ebene aus, während große Teile des Bundestags sich erst spät und unter erheblichem öffentlichen Druck ein eigenes Bild machten.

CDU/CSU und SPD verabschiedeten zwar einen Beschluss, der Deutschlands Souveränität betont und Fehlinterpretationen vorbeugen sollte, doch politisch überwog am Ende die Loyalität zur Kanzlerin, nicht die eigenständige inhaltliche Abwägung der Fraktion. Der Eindruck ist geblieben, dass das Parlament nicht beteiligt wird, sondern nachträglich „abgeholt“ wird.

Als Sprecherin des Berliner Kreises haben meine Kollegen und ich gemeinsam viele negative Konsequenzen gespürt. Wir haben die Probleme trotzdem ungeschminkt benannt und die Verhandlungen zum Migrationspakt als intransparent bemängelt. Weder wir als Abgeordnete noch die Bevölkerung wurden frühzeitig ausreichend informiert oder einbezogen.

Wir teilten die einseitig positive Erzählung von Migration nicht, warnten vor der schleichenden Bindungswirkung „unverbindlicher“ Ziele und machten auf praktische Folgen aufmerksam, etwa auf Anreize für zusätzliche Zuwanderung bei gleichzeitig schwacher Rückführungspraxis. Unsere Position markierte nicht nur einen migrationspolitischen Dissens, sondern legte ein tieferes Demokratiedefizit offen.

Eine Regierung, die heikle Weichenstellungen möglichst geräuschlos durch internationale Foren schiebt, beschädigt das Vertrauen in die eigene Ordnung. Aktuell beschäftigt sich die UN mit dem Thema Kinderrechte, um durch die Hintertür unsere Gerichte oder das Gesetzgebungsverfahren doch noch zu beeinflussen, da die erforderliche Zweidrittelmehrheit für die Grundgesetzänderung nicht zu Stande kam.

In die Auseinandersetzung um den UN‑Migrationspakt und die zunehmende Exekutivdominanz passt ein weiterer Vorgang, der bislang in der öffentlichen Debatte kaum Beachtung gefunden hat. Es geht um die Beschwerde von uns sechs Bundestagsabgeordneten des Berliner Kreises, die sich gegen die Beteiligung Deutschlands am 750-Milliarden-Euro-Fonds, Next Generation EU, wandten.

Wir riefen sogar in dieser Frage das höchste deutsche Gericht an, weil wir die gemeinsame Schuldenaufnahme der EU als tiefen Eingriff in das Haushaltsrecht des Bundestages werteten. Aus unserer Sicht wurde damit nicht nur eine finanzpolitische, sondern eine verfassungsrechtliche Grenze überschritten, da die Budgethoheit, Kern parlamentarischer Demokratie, schrittweise nach Brüssel verlagert wird.

Das Gericht lehnte die Beschwerde ab, ohne eine ausführliche Begründung zu veröffentlichen, formal zulässig, politisch aber fatal. Denn damit bleibt in der Öffentlichkeit der Eindruck zurück, dass nicht nur Regierungen, sondern auch die höchste juristische Instanz heikle Weichenstellungen eher verwaltet, als transparent ausdiskutiert.

In der Summe fügt sich dieser Vorgang nahtlos in das Bild der „Kanzler‑ und Kommissionsdemokratie“:

  • Die Exekutive verhandelt zentrale Weichenstellungen, hier die EU-Schuldenarchitektur, weitgehend vor.
  • Selbst Parlamentarier, die ihre Kontrollfunktion ernst nehmen, müssen den Umweg über die Verfassungsgerichtsbarkeit gehen, stoßen dort aber auf Schweigen statt auf öffentlich nachvollziehbare Begründung.
  • So entsteht ein gefährlicher Eindruck, selbst dort, wo wir Abgeordnete uns wehren, wird die Auseinandersetzung aus dem politischen Raum in juristische Kurzformeln verlagert und verschwindet dann in der Blackbox der Nichtannahmeentscheidung.
Corona‑Runden, Euro‑Rettung, Mercosur

Der Migrationspakt war kein Ausrutscher, sondern Teil eines Musters. In der Corona‑Pandemie bestimmten Bund‑Länder‑Runden, die rechtlich gar kein eigenes Organ bilden, faktisch den Kurs. Der Bundestag lief den Maßnahmen oft hinterher und reparierte im Infektionsschutzgesetz, was zuvor im Kanzleramt verabredet worden war. Ähnlich die Euro‑Rettung und der ESM. Zentrale Entscheidungen fielen in der Eurogruppe und in ESM‑Gremien, während nationale Parlamente unter extremem Zeitdruck nachlegitimierten.

In der Handelspolitik verhandelt die EU‑Kommission Verträge wie Mercosur, die formell zwar Rat und Europäisches Parlament brauchen, aber politisch lange als „fertig“ gelten, bevor nationale Debatten überhaupt beginnen. Viele Bürger erleben das als Fremdbestimmung und verwechseln ein strukturelles Demokratiedefizit mit einer angeblichen „Außerkraftsetzung“ der Demokratie.

Der aktuelle Fall Brosius-Gersdorf zeigt, dass die CDU/CSU-Fraktion auch hier im Vorfeld weder ausreichend informiert noch intern diskutiert hatte. Die Wahl von Frau Kaufhold wurde letztlich durchgewinkt, um größeren Schaden abzuwenden. Ob man mit dieser Wahl Schaden vom hohen Gericht abgewendet hat, ist noch abzuwarten.

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Kommentare ( 35 )

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Mausi
20 Tage her

„politisch aber setzen sie Ergebnisse vorab fest und verwandeln viele Parlamentsdebatten in bloße Umsetzungsrituale“: Was ja nicht stimmt, wenn man den aktuellen „Koalitionsvertrag“ anschaut. Die SPD sägt doch dran herum beim Heizungshammer.
Nur Konservativ meint noch, so ein Papier habe irgendeine Geltung.

Johann-Thomas Trattner
22 Tage her

Ach, jahrzehntelang CDU-Mitglied, dort Karriere gemacht und bis 2024 immer dabei. Jetzt, mit 65 Jahren, macht Frau Pantel viele schlaue Sprüche was alles nicht hätte sein dürfen. Irgendwie ist man es leid, von den gealterten Mitläufern diese Sprüche zu hören. Sie haben früher für ihre Karriere geschwiegen und alles geschluckt und waren opportun. Jetzt könnten die Wendehälse doch einfach einmal schweigen. Sie haben den Brei nämlich mit angerührt.

Mausi
20 Tage her

Nun, es stellt sich im Nachhinein heraus, dass es kein Mittel gibt, unsereDemokratie zu stoppen. Die Aussage von Herrn Böckenförde trifft zu. Geschlossen austreten? Hat Herr Maaßen vorgemacht. Ist versandet. Darauf hoffen, dass man einen Einfluss hat? Ist unter AM Amtszeiten gestorben. Seit ihr hat die Union zu viele LinksGrüne Politiker. Und jetzt ist sogar demnächst die Zeit vorbei, in der die Macht unsererGüntherMedien gebrochen werden könnte. Das BVErfGE ist entsprechend besetzt und UnionsPolitiker werben für Schutz der Bürger und vor allem der Kinder vor sexueller Gewalt übers Internet, FakeNews, Einflussnahme von Außen und Einflussnahme rechter Medien auf die Politik.… Mehr

Cyber Politics
23 Tage her

Das von Frau Pantel beschriebene Vorgehen entbehrt jeglicher demokratischer Legitimation und Kontrolle.

Hinterzimmer-Gemauschel, Ablenken an nicht-demokratisch-legitimierte Supranationale Instituationen mit fragwürdigen Repräsentanten und Präsidenten, Übergehen des Parlaments und Nicht-Diskutieren von Themen, die die Souveränität und Zukunft eines Landes und seiner Bürger betreffen, das sich die Demokratie auf seine Fahnen schreibt und auch daraus gerne seine moralische Überlegenheit und Überhöhung diese nicht-demokratischen Verfasstheiten bezieht.

Es widert einen nahezu an. Wie heißt es so schön: “ Es muss demokratisch aussehen…“

Logiker
23 Tage her

Frau Pantel und die Werteunion sind ein schönes Beispiel dafür, dass selbst eine abtrünnige CDU-Abteilung nicht in der Lage ist, etwas politisch Tragfähiges auf die Reihe zu kriegen.

Wie denn auch – mit lauter Altkadern?

Die Sozialisierung under eigene Werdegang im Politzirkus verhindern notwendige Reformen und Umbrüche.

Das scheinen weder die Politiker noch die wohlstandssedierten Wähler der Altparteien zu kapieren.
Der deutsche Fachkräftemangel scheint in der Politik am akutesten zu sein.

Thomas S62
23 Tage her

Das Wort „Bürgerinnen“ gibt es nicht.

Und der „Fraktionszwang“ ist ABSOLUT grundgesetzwidrig.
Hab ich schon in den 70er-Jahren heiße Diskussionen mit meinem Opa geführt.

Mausi
20 Tage her
Antworten an  Thomas S62

Leider erweisen sich der Vorrang der Liste, der Fraktionszwang und der ÖRR als nicht zu stoppen.

Logiker
23 Tage her

Im Grundgesetz von 1949, das ausdrücklich keine Verfassung ist, heißt es im Artikel 146:
„Dieses Grundgesetz verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volk in freier Entscheidung beschlossen worden ist.“
Wir warten noch immer auf diesen Tag.
Oder ist die Einheit Deutschlands noch nicht vollendet?
Was geht hier eigentlich ab?

https://www.anderweltonline.com/klartext/klartext-20261/manipulieren-aber-richtig/

Allerdings sollte tunlichst vermieden werden, dass die derzeitig politisch wie ggesellschaftlich die Deutungshoheit Ausübenden, Grundgesetzverbieger und -mißachter sich an die Spitze einer Verfassungsausarbeitung stellen.
Das Ergebnis wäre noch katastrophaler als jeder schwarz-rot-grüne Koalitionsvertrag.

Last edited 23 Tage her by Logiker
Mausi
20 Tage her
Antworten an  Logiker

Unser GrundG ist ausgezeichnet. Leider wurde es durch Änderungen verwässert. Zuletzt durchs Klima.
Was nützt es, Grenzen zu haben, ein GrundG zu haben, eine Verfassung zu haben, wenn sogar das BVerfGE, das diesen Schutz des Bürgers vor dem Staat verteidigen sollte, ihn zugunsten der Machtausübung des Staates über die Bürger verschiebt.

Anton Weigl
19 Tage her
Antworten an  Mausi

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Unser GG war ausgezeichnet.
Jetzt sind wir doch inzwischen soweit, daß man nicht einmal mehr mit freien Wahlen etwas ändern kann. Wenn es endlich wirklich so weit wäre ,daß die Mehrheiten es etwas ändern möchten, steht das Verbandsklagerecht von Vereinen wie DUH , AK, oder Pro Asyl über der Demokratischen Mehrheit.

bkkopp
23 Tage her

Das Strukturproblem des parlamentarischen Systems ist von Karl Jaspers, Wohin treibt die Bundesrepublik, 1966, erstmals beschrieben worden. Den Parteien war das gleichgültig. Weder das Wahlrecht, noch das Parteienrecht, oder die Parlamentsordnungen, und mehrere andere Rechtsvorschriften wurden angepaßt um die Gewaltenteilung im parlamentarischen System, die Machtverteilung zugunsten des Parlaments, zu stärken. Über Jahrzehnte wurde sehr vieles durch geschickte Simulationen von Gewaltenteilung übertüncht. Es braucht nicht eine endlose Fortschreibung von Diagnosen und konkreten Beispielen, es bräuchte überzeugende Ziele für Änderungen, und realistische Schritte um Ziele über mehrere Legislaturperioden auch zu erreichen. Es geht ja alles nur mit den Parteien. Vielleicht könnte man… Mehr

Lesterkwelle
23 Tage her

Es ist so weit gekommen, wie Karl Jaspers 1965 vorausgesagt hat. In seinem auch heute noch lesenswerten Buch „Wohin treibt die Bundesrepublik“ warnte er ausdruecklich vor der Parteienoligarchie. Die Parteien haben sich den Staat zur Beute gemacht und werden diese mit Klauen und Zaehnen verteidigen. Es geht nur noch um Macht und Geld.

rainer erich
23 Tage her

Vermutlich kommt die Autorin nicht vom Recht, definitiv nicht vom Verfassungsrecht , denn dann würde bereits die Einleitung ganz anders lauten. Ihre Systemverbundenheit erklärt den Text. Aber damit steht sie ja nicht allein. Um die Kultur geht es bei der Machtergreifung der Altparteien via Kartell unter Ausnutzung eines ,euphemistisch formuliert, dysfunktionalen Systems nicht, allenfalls um die “ politische Kultur“. Wenn die Repräsentation , ohnehin eine gefährliche Angelegenheit, in die falschen Hände gibt und es gewollt ! keine effektiven Optionen gibt, die Macht zurückzuholen, ist das Ergebnis klar. Vor allem, wenn man in Schland resp dieser Gesellschaft zum System noch weitere… Mehr

MartinKienzle
23 Tage her

Die sogenannte „Demokratie“ wurde uns Deutschen nach 1945 durch die sogenannten „Alliierten“ oktroyiert; an ihr offenbart sich das Herrschaftsinstrumentarium „divide et impera“, da das Gemeinwohl eines Volkes stets unparteiisch ist, das bedeutet, dass die sogenannte „Demokratie“ im Sinne des Deutschen Volkes unverzüglich einer Auflösung bedarf, wenngleich im Zuge der sogenannten „Re-Education“ (https://www.deutschlandfunk.de/deutschland-re-education-alliierte-zweiter-weltkrieg-100.html) stets positiv Rekurs darauf genommen wird!

Last edited 23 Tage her by MartinKienzle
Mausi
20 Tage her
Antworten an  MartinKienzle

Gemeinwohl eines Volkes: Das ist auch so ein Begriff, der sich überhaupt nicht fassen lässt. Jeder versteht darunter etwas anderes. Und das darf er auch.
Und was heißt denn unparteiisch? Je nachdem, wie ich Gemeinwohl des Volkes definiere, schließe ich mich zusammen, werde parteiisch.