4.792 Ermittlungen in nur einem Jahr zeigen, wohin sich Deutschland bewegt. Ein Sonderparagraph schützt Politiker wie eine bedrohte Adelskaste, während Bürger für Spott, Wut und scharfe Kritik immer schneller vor Polizei und Staatsanwalt landen. Jede Anzeige erhöht dabei das Ausmaß an Politikerverachtung.
picture alliance / Chris Emil Janßen
2025 registrierte die deutsche Polizei 4.792 Ermittlungsverfahren wegen angeblicher Beleidigungen gegen Politiker. Das sind acht Prozent mehr als 2024 mit 4.439 Fällen und beinahe 85 Prozent mehr als 2023. Die gestern zuerst von der Welt veröffentlichten Zahlen markieren keinen statistischen Ausreißer, sondern den nächsten Schub in einer Entwicklung, die der politischen Klasse immer besser gefällt und für normale Bürger immer bedrohlicher wird.
Dieser Paragraph ist kein Ausweis einer starken Demokratie, sondern ein Dokument politischer Dünnhäutigkeit. Wer Macht ausübt, muss Widerspruch, Schärfe, Spott und Übertreibung aushalten. Genau dafür gibt es die politische Auseinandersetzung. Stattdessen hat sich die politische Klasse in Deutschland ein Sonderstrafrecht gebaut, das sie gegen ihre Kritiker in Stellung bringt. Der Staat ermittelt, der Bürger zahlt, der Apparat wächst. Genau so sieht die Verrechtlichung politischer Empfindlichkeit aus.
Besonders ekelhaft ist daran nicht nur der Paragraph selbst, sondern die Mentalität dahinter. Immer mehr Politiker reagieren auf öffentliche Kritik und Spott nicht mit Gelassenheit, Argumenten oder politischer Härte, sondern mit Strafanzeigen. Man muss sich nur vergegenwärtigen, was ein Helmut Kohl über Jahre hinweg ausgehalten hat. Er wurde verspottet, verhöhnt, karikiert, beschimpft und mit Häme überzogen. Das politische Geschäft war rau, oft grob, oft gehässig. Kohl hat das ausgehalten. Er ließ nicht wegen jeder Überzeichnung den Staatsapparat anrücken.
Gerade daran misst sich die Verkommenheit des heutigen Zustands. Wer schon an der Schärfe des Netzes zerbricht, hat in der Spitzenpolitik einfach nichts verloren.
Seit Jahren versuchen Oppositionsparteien, dieses umstrittene Gesetz abzuschaffen. Erfolglos. Erst im Januar 2026 lehnte der Bundestag einen Vorstoß der AfD zur Aufhebung des § 188 StGB ab. Stephan Brandner erklärte zu den neuen Zahlen, besondere Strafgesetze für Politiker seien nicht nur unnötig, sondern untergrüben auch das Vertrauen in die Fairness des Rechtsstaats. Wenn sich die Zahl der Ermittlungen innerhalb weniger Jahre fast verdopple und selbst satirische oder überspitzte Äußerungen zunehmend strafrechtlich verfolgt würden, entstehe der Eindruck, dass politische Kritik immer stärker unter Verdacht gerate. Genau dieser Eindruck drängt sich inzwischen mit Wucht auf.
Die Fälle der vergangenen Jahre zeigen zudem, wie dieses Sonderrecht in der Praxis wirkt. Bürger werden nicht wegen Gewalt oder realer Bedrohung mit der Härte des Staates konfrontiert, sondern oft schon wegen humorvoller Posts, Memes und Kommentaren. Hausdurchsuchungen, Beschlagnahmungen und Geldstrafen in vierstelliger Höhe sind keine theoretische Möglichkeit mehr, sondern gelebte Praxis. § 188 StGB dient als Hebel, um gegen normale Leute die volle Macht des Apparats in Stellung zu bringen, was die Verachtung gegen diese Kaste nur noch einmal um ein Vielfaches potenziert.
Im Februar 2026 leitete die Polizei in Heilbronn ein Ermittlungsverfahren gegen einen Rentner ein, weil er Friedrich Merz in einem Facebook-Kommentar ‚Pinocchio‘ genannt hatte. Auch daran lässt sich die ganze Lächerlichkeit dieses Systems ablesen. Wer einen Bundeskanzler mit einer satirischen Figur belegt, bewegt sich längst im Fadenkreuz eines Staates, der für seine politische Klasse eine immer größere Schutzzone errichtet. Dieses Verfahren wurde später eingestellt.
Gerade bei Merz zeigt sich die Anzeigenmentalität dieser neuen politischen Empfindlichkeit besonders deutlich. Rund um den Kanzler häufen sich die Verfahren. Der Tagesspiegel berichtete jüngst, dass das Bundeskanzleramt den Inhalt dieser Anzeigen möglichst unter Verschluss halten wollte. Erst gerichtlich wurde dieser Praxis ein Riegel vorgeschoben. Schon dieser Vorgang spricht Bände. Es geht nicht nur um Anzeigen, es geht auch darum, die Öffentlichkeit von der Kenntnis darüber fernzuhalten, wegen welcher Äußerungen Bürger inzwischen belangt werden. Die politische Klasse will verfolgen und zugleich verbergen, wie dünn ihre Haut geworden ist.
Deutschland hat sich damit ein Sonderstrafrecht für Regierende und Funktionsträger geschaffen, das in einem freien Land nichts zu suchen hat. Die Ermittlungszahlen steigen, der Anwendungsbereich weitet sich, die Chuzpe der Anzeigenerstatter wächst. Der Bürger soll Respekt nicht mehr freiwillig gewähren, sondern unter dem Druck von Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht verinnerlichen. Genau darin liegt der wahre Skandal. Ein Staat, der seine Politiker vor dem Spott der Bürger schützen will, schützt am Ende nicht die Demokratie. Er schützt eine politische Klasse, die sich vom Volk entfernt hat und jede Härte nur noch austeilen, aber kaum noch ertragen will.




Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein
Man muss diese Minderleister und Versager nicht beim Namen nennen. Es reicht, das man seine grenzelose Verachtung gegenüber der Regierungsarbeit zum Ausdruck bringt. Die wissen ganz genau, wie das Volk über sie denkt.
Noch mehr davon, um so schneller besiegelt es das Ende dieser korrupten, faschistoiden ‚Unsere Demokratie‘.
Souveränität und Charisma hat man, oder man hat es nicht. Vom Gericht gibt’s das jedenfalls nicht…
Ich denke, daß hässliche Gesicht der toten Partei ist in der Abmahnrangliste auch weit vorne.
Was machen sie, die selbstherrlichen Gestalten, die ihr eigenes Volk verachten und gleichzeitig ausbeuten, wenn sich ein ganzes Volk von ihnen beleidigt sieht und endlich versteht, wie ihm geschieht? Dieser Erkenntnis dann tatkräftigen Ausdruck verleiht?
Je mehr die katastrophalen Auswirkungen ihrer Politik sichtbar werden, desto wilder schlagen sie um sich.
Der Tatbestand der Majestätsbeleidigung hat in diesem Land leider eine recht lange Tradition.
Wie §188 StGB zur Waffe gegen Bürger wird – nicht nur, denn diese Waffe muss auch jemand schwingen „freie richterliche Beweiswürdigung“ – StPO § 261 und ZPO § 286 Im Grundgesetz steht davon nichts drin: GG Art. 20 „Rechtstaatsprinzip“: da steht „die Rechtsprechung ist an Recht und Gesetz gebunden“ Da steht auch wer GG Art.20 dem verplichtet ist in GG Art.92 „die Rechtsprechung ist den Richtern anvertraut“ – heißt aber nicht nach eigener Willkür. Von Rechtsprechung nach eigener Willkür steht auch in diesem Artikel nichts. Lesemphelung für unsere Jurisprudenz: „Ursprünge und Elemente totalitärer Herrschaft“ – Hannah Arendt „Wenn alle Fakten… Mehr
Glücklicherweise habe ich mich schon vor Geraumen aus der BRD verdrückt. Kaum noch vorstellbar, dass sie mir mal als leuchtender Horizont gegenüber der Zone (dort geboren und entfleucht) erschien. Das BRD-Sonderstrafrecht erinnert mich unangenehm an die die Jugendzeit… .
Von wem ging eigentlich die Initiative zur Einführung dieses Paragraphen aus?
Nebenfrage:
wie haben sich die FDP-Abgeordneten bei der Abstimmung zur Einführung verhalten?
Ich würde es gar nicht mitbekommen, wenn mich jemand beleidigt. Das liegt wohl daran, daß ich den ganzen Tag mit meiner Arbeit und den wichtigen Dingen im Leben beschäftigt bin. Das heisst sinngemäß, daß mich auch eine Beleidigung nicht von der Arbeit abbringen könnte. Also so, wie es in der Begründung im §188 heisst. Und ich bin wirklich eine sehr öffentliche Person, die aber ihre Prioritäten wohl ganz anders setzt. Circa 50 Stunden die Woche und häufig auch an den Wochenenden bin ich sozusagen vogelfrei. Bislang wurde das allerdings nur von sehr vielen Politikern ausgenutzt und zwar indem sie meine… Mehr
Wähler, Politiker, Medienvertreter, Staatsdiener, Beamtentum – es gehört alles zusammen und bildet eine Einheit. Wen hat denn der Herr Niehoff früher gewählt, fragen wir mal so nach den Jahren 2005 und 2009? Als konservativer Wähler vielleicht die CSU? Er hat einen Grünen angegriffen, getroffen wurde er aber von einem Gesetz, welches Fr. Merkel einführte. Jetzt ist er als Vorbestrafter gestorben. Verurteilt von einer Justiz, die von der Bayersichen Staatsregierung dirigiert wird. Für Leute, die so wählen und anschließend denken, sie seien nicht greifbar, bleibt halt nur der Peitschenknall über ihren Köpfen. Andernfalls bricht nämlich die Anarchie aus. Ein schlauer Mensch… Mehr