Merz rechtfertigt Schulden: „Wir mussten Blockade von Links- und Rechtsaußen verhindern“

Auf dem Parteitag der CDU legt Friedrich Merz den Schwerpunkt auf Außenpolitik und die Stärkung der Wirtschaft. Die neu aufgenommenen Schulden seien nötig gewesen, um eine Blockade der politischen Ränder zu verhindern.

picture alliance/dpa | Katharina Kausche

Parteien und Regierungen müssen Botschaften setzen. Das gilt für Diktaturen, erst recht aber für Demokratien, in denen sich die Mächtigen regelmäßig dem Bürger stellen müssen. Das Management der Botschaften ist allerdings aktuell und für alle offensichtlich nicht die Stärke des Teams um Friedrich Merz. Sowohl in seiner Funktion als Bundeskanzler als auch in der als Vorsitzender der CDU. Vor dem Parteitag haben Merz und sein Team die Themen „Klarnamenpflicht“ im Internet und Verbot der sozialen Netzwerke für Jugendliche gesetzt – in seiner über eine Stunde dauernden Rede auf dem Parteitag hat er dieses Thema aber höchstens angedeutet.

Ein wichtiges Thema dieser Rede ist die Bündnispolitik der CDU. Angesichts der in wenigen Wochen anstehenden Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz – vor allem aber mit Blick auf die Umfragewerte in den ostdeutschen Ländern. Etwa Sachsen-Anhalt oder aktuell Mecklenburg-Vorpommern. Merz bekräftigt auf dem Parteitag das Festhalten an der „Brandmauer“, formuliert es aber anders: „Ich habe mich abschließend entschieden, die Zustimmung zu unserer Politik ausschließlich in der politischen Mitte unseres Landes zu suchen.“

Merz macht als Parteivorsitzender der CDU klar, was das Festhalten an der „Brandmauer“ bedeutet: „Das verengt uns – jedenfalls im Augenblick – auf eine Koalition mit der SPD. Mir ist bewusst, dass wir beiden damit voneinander abhängig sind.“ Beide Parteien würden an diesem Zustand „leiden“, beide seien besorgt um ihre Wähler. Das nötige CDU und SPD, „an die Grenzen unserer Möglichkeit zu gehen“.

Der Vorsitzende räumt in seiner Rede ein, dass die Zeiten schwer seien. Er geht vor allem auf außen- und sicherheitspolitische Veränderungen ein und räumt die wirtschaftliche Schwäche ein. Die Stärke der AfD in Parlamenten und Umfragen deutet Merz immerhin an. Vor diesem Hintergrund wäre das angebracht, was in Anlehnung an historische Vorbilder „Ruckrede“ oder „Blut, Schweiß und Tränen“-Rede bezeichnet wird. Doch das gelingt Merz nicht. Denn die Basis dieser Reden war es, dass Mächtige offen und ehrlich zu den Bürgern gesprochen haben, um sie auf Mühe und Verzicht einzustimmen. Aber das ist Merz eben nicht: offen und ehrlich.

Merz spart zu vieles aus. Er räumt vor seiner Partei zwar ein, dass er sie mit seinem Festhalten an der „Brandmauer“ an die SPD gebunden hat. Aber er lässt weg, dass die CDU in manchen Ländern – vor allem in Ostdeutschland – selbst zusammen mit der SPD keine Mehrheit mehr hat. Daraus ergibt sich, dass Merz mit der „Brandmauer“ die CDU auch an die Grünen und auch an die Linken bindet. Doch davor drückt sich der CDU-Vorsitzende. Er will eine Mutmacher-Rede halten, doch an dieser Stelle fehlt ihm der Mut.

Der Mut geht dem Kanzler auch an anderen Stellen der mehr als einstündigen Rede aus. Allen voran, indem er das Thema der jüngsten Tage – „Klarnamenpflicht“ und Internet-Verbote für Jugendliche – gar nicht offen anspricht. Aber auch, indem Merz zwar zum wiederholten Mal darüber referiert, wie wichtig die wirtschaftliche Erholung für Deutschland sei – ohne dabei in mehr als 60 Minuten allzu oft konkret zu werden. Bürokratie-Rückbau in Brüssel und das Aus des Verbrenner-Aus in Brüssel sind noch seine konkreten Forderungen. Merz will mit seiner Rede Mut machen, aber traut sich in puncto greifbare Vorschläge äußern, nur auf die Zuständigkeit anderer.

Wie gehabt beginnt Merz seine Rede mit einem ausführlichen außen- und verteidigungspolitischen Block: Es sei eine „Zeit größter Anspannung“ und „wir sind alle Zeitzeugen eines epochalen Wandels der globalen Ordnung“. Eine „neue Weltordnung, eine Großmachtordnung wird mit hoher Geschwindigkeit gestaltet“, sagt Merz. Doch auch da lässt der Kanzler wieder Entscheidendes weg. Eine Großmachtordnung hat die Welt in den zurückliegenden 37 Jahren erlebt, nur dass die deutschen Regierungen in dieser Zeit halt mit der Politik der einzig verbliebenen Großmacht USA einverstanden waren – aber eben nicht mehr, seit Donald Trump US-Präsident ist.

In der neuen Welt zähle Stärke. Die wolle Deutschland künftig wieder zeigen. Damit schlägt Merz in seiner Rede den Bogen zur Innenpolitik. Er räumt ein, dass die „Öffnung der Neuverschuldung“ für ihn „ein schwerer Brocken“ gewesen sei. Nach der Wahl sei ihm klar geworden: „Wir haben nur noch ein sehr kurzes Zeitfenster, um zu verhindern, dass Deutschland unfähig wird zur Verteidigung seiner Freiheit.“ Eine Blockade von Links- und Rechtsaußen habe gedroht. Deswegen sei der Weg in die stärkere Verschuldung die richtige Entscheidung gewesen.

Dass er als „Außenkanzler“ eingeordnet werde, sei für ihn in Ordnung. Außenpolitik sei dieser Tage auch Außenwirtschaftspolitik, sagt Merz. Zuvor hatte er schon die Punkte innere und äußere Sicherheit miteinander verknüpft. So sorgt der deutsche Kanzler für einen weiteren entscheidenden Unterschied zu den berühmten Reden eines Roman Herzogs oder eines Winston Churchills: Die haben die Lage klar geschildert und konnten so leicht verständlich ableiten, was sich daraus ergibt. In Merz Rede benötigt es eine Gruppe von Literaturwissenschaftlern, um auseinanderzuhalten, ob eine Aussage jetzt der innen- oder der äußeren Sicherheit gilt oder einer wie auch immer zu verstehenden Verknüpfung.

„Wir wollen uns nicht von Mäklern und Defätisten herunterziehen lassen“, sagt Merz früh in seiner Rede. An einem anderen Punkt warnt er vor „systematischen Falschinformationen“. Dann wieder: „Wer heute einem naiven Pazifismus folgt, der befördert die Kriege von Morgen.“ Später dann: „Die Zweifel am Wohlstandsversprechen unseres Landes wachsen.“ Jeder Zweite befürchte, dass Politik negative Auswirkungen auf Zukunftschancen der kommenden Generationen hat. Oder er kritisiert das „digitale, moderne Leben“, weil dieses einfache Lösungen liebten.

Ein Ruckredner sagt klar, was auf die Bürger zukommt. Merz lädt bestenfalls zur Interpretation ein: Kommen die „systematischen Falschinformationen“ aus Russland, gegen das Deutschland die Ukraine laut Kanzler weiterhin unterstützen will? Sieht er in Pazifisten die Beförderer dieses Krieges und will er ihnen als Teil des „digitalen, modernen Leben“ entgegen treten, weil dieses die einfachen Lösungen lieben? Oder redet Merz an dieser Stelle über die Themen, die er zu den Themen der Woche vor dem Parteitag gemacht hat: „Klarnamenpflicht“, damit einhergehend strafrechtliche Verfolgung kritischer Bürger und Internetsperren für Jugendliche? Ein Redner, der Mut machen will, indem er zum Interpretieren und Grübeln zwingt, der scheitert. Zumindest in der Absicht, Mut machen zu wollen.

Seit nicht einmal zehn Monaten ist Friedrich Merz Bundeskanzler. In seiner ersten Rede vor dem Parteitag muss er sich mehrfach für seine bisherige Kommunikation entschuldigen. Indirekt, indem er erklärt, warum er die Schuldenpolitik nach der Wahl rechtfertigt, die er vor der Wahl ausgeschlossen hat. Direkt, wenn Merz zugibt, dass er nach dem Regierungswechsel nicht schnell genug klargemacht habe, dass seine Regierung die Lösungen nicht so schnell bieten könne, wie er das versprochen habe. Aber „auf der Brücke“ müsse halt jemand stehen, der anspornt. Führung also durch bewusst zu optimistisch gesetzte Prognosen. Winston Churchill hat es mit Ehrlichkeit versucht – erfolgreich. Der britische Premier musste sich in über fünf Jahren Amtszeit seltener für seine Kommunikation entschuldigen als Merz nach zwei Mal fünf Monaten Amtszeit.

„Deutschland muss zur Höchstleistung auflaufen“, sagt Merz vor dem Parteitag. Das sagen auch Trainer von Fußballclubs, die vor dem sicheren Abstieg stehen. Was sollen sie auch sonst tun? „Deutschland muss ein Industrieland bleiben“, sagt Merz. Nun. Nicht einmal die Linken oder Grünen sagen offen, dass Deutschland besser kein Industrieland mehr wäre. Das tut höchstens die Taz-Journalistin Ulrike Herrmann in den Talkshows von ARD und ZDF. Doch was will Merz tun, um diese Selbstverständlichkeit selbstverständlich werden zu lassen? Dazu sagt er in Stuttgart vor dem Parteitag zu wenig, um wirklich einen Ruck durch Deutschland gehen zu lassen – geschweige denn die Bürger auf Blut, Schweiß, Mühsal und Tränen einzustimmen.

Zu den Botschaften eines Parteitags gehören nicht nur die Worte der Redner. Es kommt zu ganz anderen, gewollten oder auch ungewollten Botschaften. Missgeschicke der Regie wie eine Rede des Parteivorsitzenden, der am ehrlichsten wird, wenn er vor der AfD warnt – aber dann seine Rede in einem blauen Anzug vor blauer Deko hält. Der Farbe eben dieser AfD. Gezielte Botschaften durch die Rückkehr der langjährigen Parteivorsitzenden und Kanzlerin Angela Merkel. Öde, überholte Instrumente wie ein lang anhaltender Applaus. Laut Bild zehn Minuten und 40 Sekunden.

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Kommentare ( 29 )

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Mikmi
1 Monat her

Unser berühmtes Haarshampoo hat jetzt eine doppelspitze, wir haben großartiges geleistet, besser kann man das letzte Jahr nicht beschreiben.

R.Baehr
1 Monat her

soso, auf Stärkung der Wirtschaft und Aussenpolitik will er seinen Schwerpunkt legen, da steht ja dann das Allerschlimmste dem Land noch bevor. Wirtschaft stärken mit den bald höchsten Energiepreisen der Welt?? Solche 70-jährige gehören überall hin aber sicher nicht mehr auf die Regierungsbank, die gestrige Rede eine einzige Zumutung und Beweis vom kompletten Realitätsverlust und Totalversagen. Und Aussenpolitik?? Für was haben wir eigentlich einen Aussenminister? Zur Dekoration? So schön ist er auch wieder nicht, und zählbares für Deutschland habe ich bisher noch nicht gesehen und gehört von dieser traurigen Gestalt. Das einzige was noch stimmt bei dieser CDU ist das… Mehr

Ohanse
1 Monat her

Im Verhältnis Klingbeil -Merz ist Klingbeil Kanzler (hat Linnemann ja selbst so zugegeben) und Merz der Praktikant, der nicht Kaffee kochen kann.

prague
1 Monat her

Das einzige was die CDU mit Merz kann, ist auf alle andere zu schimpfen, alle anderen haben Schuld an der deutsche Misere,obwohl die CDU an der Macht ist.

Klaus D
1 Monat her

sehr deutlich nach links verschoben…ich sehe das genau andersrum sprich nach rechts verschoben hat. Lässt man mal 2015 weg was weder mit rechts oder links was zu tun hat gab es unter Merkel eine deutliche machverschiebung nach politisch rechts siehe macht der lobbyisten aus der wirtschafts,- und finanzwelt. Gleichzeitig hat Merkel den sozialstaat nach und nach abgebaut, die mittelschicht immer mehr belastet und die obereschicht (das kapital) immer reicher gemacht. Wären wir links würde sich das NICHT erklären lassen denn dann hätten gerade die vermögenden oberschicht verloren aber so richtig.

Biskaborn
1 Monat her

Zehn Minuten Applaus für einen Low Performer, das sagt alles über diese CDU, weiterer Kommentar erübrigt sich!

Privat
1 Monat her
Antworten an  Biskaborn

Antwort – Die AFD wählen sonst wird sich überhaupt nichts ändern.

Deutsche
1 Monat her

Von wegen „Mut machen“. Das ist eine Kampfansage gegen kritische Bürger und Wähler die eine vernünftige Politik wollen.
Verlogener Machtmensch, dem es Wurscht ist wenn Deutschland kaputt geht oder zum verarmten „Mülleimer“ des Planeten wird.

OJ
1 Monat her

Ein normaler Bundestagsabgeordneter (auch der, der nie eine Ausbildung gemacht hat) genießt nach 26 (Abgeordneter) Jahren einen Rentenanspruch von 7.691,76 Euro brutto pro Monat.
Ein Arbeitnehmer kann das durch die Beitragsbemessungsgrenze nie erreichen.
Nach 45 Jahren erhält der durchschnittliche Arbeitnehmer 1.543 Euro (2024).
Einem Abgeordneten geht es ausschließlich um Geld und Macht ❗

Klaus D
1 Monat her
Antworten an  OJ

Interessant ist ja das da ALLE politiker voll abgreifen – egal ob rechts links oder mitte.

Alefanz
1 Monat her

Merz hat seine Wähler letztes Jahr nach Strich und Faden verarscht. Der erwartet doch wohl nicht im Ernst, dass ihm jetzt noch jemand glaubt oder vertraut. Das betrifft übrigens noch einige Andere seiner Entourage (Spahn, et al.)

Bernhardino
1 Monat her

Churchill als Vorbild zu nennen, ist die Folge der Umerziehung nach 1945, die wiederum eine der Ursachen für deutschen Selbsthass und Selbstaufgabe ist.

Last edited 1 Monat her by Bernhardino