Daniel Günther will das, was Cem Özdemir nicht erreicht hat: eine bundesweite Zuckersteuer. Sein Vorstoß demonstriert Volksnähe. Eine auf den ersten Blick sinnvolle Maßnahme gegen kindliches Übergewicht ist ein populäres Thema, das von ideologisch getriebenen NGOs bis zu orientierungslosen Eltern Zustimmung findet. Fakten spielen dabei keine Rolle. Von Detlef Brendel
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Politische Initiativen werden oft nicht durch Fachkompetenz oder durch begründetes Sendungsbewusstsein getrieben, sondern durch die Suche nach persönlicher Profilierung. Ein aktuelles Beispiel liefert der Ministerpräsident eines Bundeslandes, der in seiner Region genug zu tun hätte. Aber er sorgt sich um die nationale Ernährung. Er will nicht das traditionelle Fischbrötchen zur Pflichtkost machen, sondern die deutschen Kinder schlanker. Das soll ihm öffentliche Wahrnehmung und Wertschätzung als Kämpfer für eine gute Sache sichern.
Daniel Günther, Ministerpräsident in Schleswig-Holstein, hat für die bundesweite Zuckersteuer eine Initiative im Bundesrat angekündigt. Ein geschickter Schachzug, um das Thema ins Parlament zu bringen, was dem ehemals zuständigen Minister Cem Özdemir mit seiner paternalistischen Politik nicht gelungen ist. Ebenso ein geschickter Schachzug von CDU-Mann Günther, um als Politiker volksnah Handlungsfähigkeit und populistisches Gespür zu demonstrieren. Das erprobte Thema Zucker funktioniert immer. Man muss kein Experte sein und Realität sowie Fakten müssen dabei nicht stören.
Auf dem CDU-Bundesparteitag haben Delegierte einen entsprechenden Antrag abgelehnt. Die SPD dagegen findet Günthers Vorstellungen einer Zuckersteuer zumindest interessant. Eine Partei, die von Wahl zu Wahl schlanker wird, klammert sich auch ans Zuckerrohr mit der Hoffnung, bei einigen Wählern zu punkten. Die Netzwerke der Zucker-Krieger funktionieren. In die Diskussion mischt sich auch die Leopoldina ein. Das hört sich eindrucksvoll an, ist aber im Grunde ein Debattierclub, in dem sich Wissenschaftler organisiert haben. Eigene Forschungen, auch wenn man diesen Eindruck in der Öffentlichkeit erwecken will, gibt es nicht. Es ist eine Institution für die Verlautbarung von Meinungen. So auch in diesem Fall.
Während die EFSA, die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit, in einem umfangreichen wissenschaftlichen Gutachten feststellt, dass ein Grenzwert für Zucker nicht definiert werden kann, haben einige Mitglieder in der Leopoldina ihre eigene Meinung. In ihrem Policy Brief schreiben sie: „Solche auch als ‚Zuckersteuer‘ bekannten Abgaben haben in anderen Ländern wie im Vereinigten Königreich große Wirkung erzielt.“
Das ist Realitätsverleugnung. Es unterstreicht, dass es nicht um Fakten und Forschung, sondern um Meinung geht. Wissenschaftler der Universität Cambridge haben den Effekt der Strafsteuer in England untersucht. Sie konnten keine signifikanten Auswirkungen der Zuckersteuer feststellen. Aus deren durch Fakten begründete Sicht ist die Steuer völlig wirkungslos, weil die Ursachen von Adipositas, so die Forscher der Universität Cambridge, andere sind, die andere Maßnahmen erfordern.
Ein medizinischer Dienst wie DocCheck bringt es in einem Kommentar zur Zuckersteuer auf den Punkt. „Wieder einmal diskutieren Politiker über eine Zuckersteuer. Hauptsache handeln – egal, ob es das Problem trifft oder nicht. Weitblick sucht man vergebens“. DocCheck stellt in einem wissenschaftlich detaillierten Beitrag fest, dass es doch nicht ganz so einfach ist, wie die Politiker es gerne hätten. Es geht um Fakten und nicht um Meinungen wie bei der Leopoldina.
Die Wissenschaftler argumentieren in Doc Check, dass der Zucker durch Süßstoffe bzw. durch Zuckeraustauschstoffe ersetzt wird. Die Frage, ob das besser und auch sicher ist, kann nicht vernachlässigt werden. Die World Health Organization hat 2023 eine Leitlinie zum Thema veröffentlicht. Sie rät klar davon ab, Süßstoffe als Strategie zur Gewichtskontrolle einzusetzen. Begründet wird das mit einer schwachen Evidenz für langfristige Vorteile und mit Hinweisen auf mögliche unerwünschte Effekte.
Korrekt verweisen die seriösen Wissenschaftler auf die nachhaltige Lösung der Adipositas-Thematik durch mehr Wissen und mehr Bildung. Das wäre eine verantwortungsbewusste Herausforderung, um die Gesundheit zu fördern. Die Chancen dafür sehen die Mediziner sehr realistisch und wenig optimistisch. Ihre Meinung dazu: „Politisch ist eine Zuckersteuer jedoch attraktiv, weil sie innerhalb einer Legislaturperiode vermeintlich Probleme löst – sprich in kurzer Zeit. Wen interessiert es schon großartig, womit sich spätere Regierungen rumzuschlagen haben? Dabei ist eigentlich klar, wie wichtig es wäre, Kompetenzen aufzubauen. Kinder sollten lernen, wie gesunde Ernährung funktioniert.“
Ein Fels in der Brandung unqualifizierter Initiativen zur fiskalischen Disziplinierung der Verbraucher ist bislang der für Ernährung zuständige Minister. Auch die Vernunft in der Regierungspartei CDU und deren Abneigung gegenüber Strafsteuern zur Volkserziehung sollte man nicht unterschätzen. Der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein sollte sich darauf konzentrieren, im Interesse der heimischen Wirtschaft das Fischbrötchen zum nationalen Exportschlager zu machen.
Detlef Brendel ist Wirtschaftspublizist.




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Die Umwidmung der Branntweinsteuer, die dann gefälligst in das Krankenkassensystem umgeleitet werden sollte, und zwar zu 100%, wäre sinnvoller. Denn Alkohol, führt zu Krankheiten und Sucht. Sollen diejenigen, die ihre Gesundheit damit schädigen, auch dafür zahlen.
Bei Grundnahrungsmitteln (Zucker, Fett etc.) sieht das völlig anders aus. Hier kann keine eindeutige Korrelation und schon gar keine Kausalität definiert werden.
Aber da Steuern keiner Zweckbindung unterliegen, wird eine solche Steuer auf Zucker etc. mit Sicherheit nicht da Wirkung entfalten, wo sie nach Begründung durch die Steuereintreiber eigentlich landen müsste. Eher wohl in die Alimentation von noch mehr „Flüchtlingen“.
Eine Alkoholabgabe zur Betankung der Krankenversicherungen ist eine gute Idee, die auch ich seit Jahren intern vertrete. Alkohol führt zu schweren und schwersten Gesundheitsschäden und sozialen Schäden, die sich auch durch die Generationen fortsetzen. Papi Alkoholiker, Mutti Alkoholikerin, Tochter und Sohn auch. Die Tochter wurde dann auch 3 mal wegen Körperverletzung im Suff strafrechtlich auffällig. Die Bewährungsauflagen hat sie nicht eingehalten und musste deshalb in den Knast. Der Sohn kam wegen Totschlag in den Knast. Beide Eltern sind früh verstorben. Papi Ende 40 Mutti Mitte 50. Bei Zuckersüchtigen passiert sowas eher nicht. Im Übrigen: wenn die Menschheit nicht nur vernunftbegabt,… Mehr
Anstelle einer Zuckersteuer zum Wohle der Kinder (und Erwachsene) würde ich
begrüßen wenn mehr Sportlehrer eingestellt würden und mehr Sportunterricht an unseren Schulen stattfinden würde.
Günther dreht schon länger am grün-roten Rad und hat längst die Orientierung auf seinem konsequent linken ideologischen Pfad verloren. Erstaunlich nur wie die Bevölkerung in Schleswig-Holstein diesem Irrlicht hinterherläuft. Da scheint auch etwas komplett schief zu laufen!
Die Befürworter dieser Maßnahmen sind offenbar zu doof, um zu begreifen, daß es nur ein weiterer Griff in die Taschen des Bürgers ist. Es ist der Unterschied zwischen den realen Zielen und den wohlmeinend intonierten vorgeblichen. Mit Konderporno setzt man Internetzensur durch, mit der Abwehr „virtueller Vergewaltigung“ will man die Trommel für die Klarnamenspflicht rühren und den politischen Gegner mundtot machen.
Wenn man das ernst meint, müsste man Zucker verbieten oder Grenzwerte einführen. Eine Steuer auf Zucker, generiert nur mehr Steuereinnahmen, sonst nix.
Wenn die Welt so ist, wie sich das der Daniel und Genossen wahrscheinlich erträumen, war der Gulag ein Paradies.
Zucker ist halt ein einfach zu gewinnendes Naturprodukt. Eine Zuckersteuer zockt die Verbraucher ab, schadet der Landwirtschaft und heimischen Zuckerindustrie und lässt die Kassen bei der künstlichen Zuckerersatzindustrie klingeln. Ist das nicht mittlerweile die Hauptaufgabe von NGOs und Politikern?
Jede Art weiterer Steuerforderung aus Politik, Lobbyverbänden oder grün-linken NGOs, egal unter welchem Vorwand, sollte unbedingt bei jedem Klardenkenden eine sofortige Abwehrhaltung generieren. Am Ende geht es doch stets nur darum, die Bürger weiter zu Gunsten der Staatseinnahmen abzuzocken! Und ist eine Steuer erst einmal in Kraft, wird sie auch von keiner Regierung mehr zurückgenommen (siehe Sektsteuer)! Und was der Günther von demokratischen Verfahren und Meinungsfreiheit hält, hat er ja bei Lanz jedem klar gemacht: nämlich gar nichts!
„orientierungslosen Eltern „ das ist schlichtweg falsch, die Eltern sind nicht orientierungslos, sie sind einfach nur noch unfähig und auch unwillig selbst zu erziehen, sich mit ihren Kindern selbst zu beschäftigen. Deshalb plärren sie permanent nach dem Staat, den Schulen, Verboten oder wie hier nach einer zusätzlichen Steuer und dann jammern sie wieder laut … Ich lebe in einem kleine bayerischen Ort. Hier gehen die Eltern mit ihren Kindern noch auf den Berg vor der Türe, fahren mit ihnen MTB, gehen mit ihnen zum Fußball, musizieren mit ihren Kindern usw.. Der große Spielplatz im Ort wird überwiegend von Migranten besucht. Die… Mehr
Komisches Land dieses Schleswig-Holstein. Komische Politikdarsteller, Günther, Stegner, Habeck etc. und komische Menschen die die wählen. ZUviel Wind um die Ohren macht wohl orientierungslos.!
Na, na, wer wird denn gleich…? Ich stamme zwar nicht aus Schleswig-Holstein, lebe aber schon lange hier und fühle mich sehr wohl hier. Mit den „einfachen“ Menschen kommt man sehr gut aus. An geeignetem Politikernachwuchs fehlt es ja nicht nur in diesem Bundesland. Allerdings könnten Sie in einem Punkt recht haben. Wenn man ständig im Land herumreist, wie Daniel Günther, und sich permanent dem scharfen Wind am Deich aussetzt, könnte dieser den Kopf nicht nur frei, sondern bei Überdosis eventuell sogar hohl blasen. 😉