Merkel und Prantl und überhaupt

Ein Bericht und ein Kommentar aus Süddeutsche online regten zu Fragen und Antworten an.

John MacDougall/AFP/Getty Images

Die Zusammenfassung eines öffentlichen Interviews von Frau Merkel mit der Augsburger Allgemeinen auf Süddeutsche online gestern um 21 Uhr 24 lautet so:

  • Angela Merkel weist bei einer Veranstaltung in Augsburg die Sicht zurück, sie sei ihrem politischen Ende nahe.
  • Die Forderung der Opposition nach einer Vertrauensfrage lehnt die Kanzlerin ab.
  • Trotz der Niederlage werde sie zudem im Dezember erneut für den Parteivorsitz kandidieren.
  • Eine deutliche Absage erteilt sie Koalitionen mit der AfD. Wenn der sächsische CDU-Chef diese weiterhin nicht ausschließe, müsse sie mit ihm ein persönliches Gespräch führen.

Aus dem Kommentar von Heribert Prantl »Das Ende der Ära Merkel« am Donnerstag abends um 18 Uhr 50 zitiere ich den letzten Absatz:

»Die Nach-Merkel Kandidaten sind bekannt: Jens Spahn, 38; Daniel Günther, 45. Annegret Kramp-Karrenbauer, 56. Armin Laschet, 57. Peter Altmaier, 60. Im Hintergrund gibt es noch Thomas de Maizière, 64; Ursula von der Leyen, 59. Als CDU-Chef oder -Chefin kann man sich einen der Jüngeren gut vorstellen. Aber als Kanzler? Mag man sich vorstellen, dass ein Spahn mit Trump verhandelt? Schöner ist diese Vorstellung: Die CDU hat ein neues junges Gesicht; und das Land hat einen klugen alten Kopf. CDU-Chef war Schäuble schon einmal, die Zeit dafür ist vorbei. Aber das Land als Kanzler in einer Zeit des Übergangs zu stabilisieren, das könnte sein letzter Dienst sein. Die CDU bekommt derweil einen Chef oder eine Chefin, der oder die zeigt, was er oder sie kann. Ob Merkel das mit sich machen lässt? Vielleicht steuert sie es selbst so. Sie ist eine ungewöhnliche Frau.«

Abgesehen davon, dass ich Prantl ungewöhnlicher finde als Merkel, laden die zwei Beiträge auf der Süddeutschen online im Abstand von gut 24 Stunden zu Fragen ein.

Ist Frau Merkel wirklich so abgebrüht, wie sie sich darstellt? Nein. Wer nur ein paar Blicke auf ihre Gesichts- und Körpersprache werfen konnte nach dem Kauder-Niederschlag, sah, der Treffer zeigte schwere Wirkung. Aber ihr Wille, am Amt festzuhalten, ist bei ihr so identisch mit dem nackten Überlebenswillen, dass sie ziemlich schnell alle verbliebene Kraft mobilisiert, um wieder in den Ring zu steigen und zu demonstrieren, hier bin ich in alter Bestform, auf geht’s.

Ist die Ankündigung der Kandidatur zum CDU-Vorsitz feste Absicht oder Taktik? Bei Frau Merkel ist alles Taktik, aber die Absicht, im Kanzleramt zu bleiben, ist immer feste Absicht. Taktisch war ihre sogenannte Entschuldigung, mit der sie in Wahrheit nichts anderes wollte, als Luft aus der Abstimmung über Kauder in der Fraktion zu lassen, ein großer Fehler: Die Fake-Entschuldigung wirkte als das, was sie war, als Zeichen von Schwäche. Vor den Landtagswahlen kann sie sich kein weiteres Schwächzeichen leisten, der Verzicht auf die Kandidatur am Nikolaus-Parteitag der CDU am 6. Dezember in Hamburg wäre ein solches. Ob sie nach den Wahlen tatsächlich kandidiert, hängt davon ab, wie sie diese Frage dann in der Wirkung auf ihr Verbleiben im Kanzleramt einschätzt.

Was bewirkt die Ankündigung von Frau Merkel, wenn der sächsische Fraktions-Chef eine Koalition mit der AfD »weiterhin nicht ausschließe, müsse sie mit ihm ein persönliches Gespräch führen«? In der CDU nichts. Sie bestärkt ihre innerparteilichen Gegner und Anhänger gleichermaßen. Objektiv ist diese Aussage ein weiterer taktischer Fehler. So ein Gespräch führt man, das gewünschte Ergebnis lässt man den Gesprächspartner selbst beiläufig öffentlich machen. Es als Alpha-Frau anzukündigen, bedeutet, im vorhinein das gewünschte Ergebnis zu desavouieren. Bleibt der Sachse Hartmann unnachgiebig, wird der Fehler von Frau Merkel öffentlich als groß eingestuft. Gibt er nach, ist es Wasser auf die Mühlen der innerparteilichen Merkel-Gegner. So oder so: im Angelsächsischen eine klassische „lose-lose situation”, eine von Frau Merkel selbst geschaffene.

Wie lange kann Frau Merkel sich im Kanzleramt noch halten? Maximal bis zur Probe-Bundestagswahl, die Europawahl genannt wird, obwohl es sich nur um nationale Wahlen zum EU-Parlament handelt, das keine Parlamentsrechte hat.

Hätte Herr Prantl seinen Kommentar auch nach dem Bericht über das Interview so geschrieben wie vorher? Er hätte es jedenfalls ruhig tun können, denn er baute  ja bei seinen Nach-Merkel-Erwägungen den Hinterausgang ein: »Vielleicht steuert sie es selbst so. Sie ist eine ungewöhnliche Frau.«

Ich bleibe dabei, Prantl ist ungewöhnlicher als Merkel. Journalistisch überlebt er sie als Politikerin.

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Kommentare ( 185 )

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horrex
2 Jahre her

Ich frage mich – mit einem Funken Hoffnung in der Seele – was Brinkmann (der neue Fraktionschef) im Hintergrund tun wird, tun kann? – Was all die „Abweichler“ bei der Wahl des Fraktionschefs vor und beim Nikolaus-Parteitag und nach dem Wahlergebnis in Bayern und Hessen im Hintergrund tun werden. Nur still halten??? – Merkel als neue/alte Parteichefin mit desaströsen 52% NUR durchwinken? – Ich stelle mir das als mein „Nikolausi“ mal vor. – Man wird ja mal träumen dürfen … !!! 😉 Ja, sie W I R D kämpfen. Z. B. KK vorschicken oder, oder oder … Er wird quälend… Mehr

2 Jahre her

Prantel und Merkel sind sie tatsächlich der Meinung über beide noch irgend welche Gedanken zu verschwenden? Merkels Überlebenschancen im Hinblick auf das kommende Weihnachtsfest 2018 halte ich im Promillebereich von unter einem Prozent. Die ständigen Koalitionsstreitigkeiten werden bald beendet sein, denn, den nächsten halbweg größeren Streit übersteht Merkel nicht. Da in der nächsten Zeit durchaus Entscheidungen anstehen und die Koalition keine Lösungen bietet ist das Ende Merkels ohnehin nur eine Frage der Zeit. Viel wichtiger ist jedoch die Frage was kommt nach Merkel. Die Koalition von Schwarz/Grün, oder Jamaika oder vielleicht Schwarz mit AFD oder Rot/ Rot Grün ? Das… Mehr

Wolfgang M
2 Jahre her
Antworten an  [email protected]

Was kommt nach Merkel? Ohne Neuwahlen bleibt weiterhin nur die GroKo oder Jamaika. Immerhin hatte Lindner mal gesagt, dass er ohne Merkel noch einmal in Sondierungsgespräche ginge. Nach einer Neuwahl weiß niemand, wie die ausgeht. Niemand weiß, wie sich die Parteien vor der Wahl positionieren. Niemand weiß, was bis dahin passiert. Ein neuer Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt könnte alles ändern.

KfzMeister
2 Jahre her

Sobald Mutti mal gegangen wurde, wird AKK auch schnell gegangen werden. Das Problem ist jedoch diese Nibelungentreue in Deutschland. Treue mit dem eigenen Schädiger.

Wuidara
2 Jahre her

Welche Verschwendung von Steuermitteln, diesen Herrn P mal zum Richter ausgebildet zu haben! Aber besser so, dass er sich als sogenannter Journalist versucht als weiter Urteile „im Namen des Volkes“ zu sprechen! So spricht er nur für eine untergehende Zeitung und richtet somit sicher weniger „Schaden“ an.

ReMigration
2 Jahre her
Antworten an  Wuidara

Den „Untergang“ kann ich bestätigen. Bis vor der „Flüchtlingskrise“ aka Invasion habe ich regelmäßig die Süddeutsche gelesen, inzwischen nicht mehr. Das Blatt meide ich wie der Teufel das Weihwasser…

Karl Napf
2 Jahre her

Dummheit kann man Prantl nicht vorwerfen. Bleibt Ignoranz und Mutwille. Ebenfalls nicht gut.

Michael M.
2 Jahre her
Antworten an  Karl Napf

Massivste Ideologie würde ich schon unter Dummheit verorten wollen.

H. Priess
2 Jahre her

Was den Prantl angeht wäre ich mal gespannt was er zu den neuesten „geistigen Ergüssen“ der Merkel zu sagen hat. Die wirbt um Verständnis […] dass die deutsche Einheit noch nicht bei allen Ostdeutschen angekommen ist. Zitat ende. Was für eine Frechheit, was für eine Verlogenheit, was für eine Demütigung, was für eine Unterstellung der Blödheit derder Bürger in Mitteldeutschland. Ich hoffe, jedem in Mitteldeutschland wird es vor Augen gehalten, dass dieses Etwas uns als zu doof bezeichnet die deutsche Einheit, die wir erkämpft haben, und all das was damit zusammenhängt, zu begreifen. Sie bezeichnet das Land als „ein Stück… Mehr

T. Pohl
2 Jahre her

„Wahlen zum EU-Parlament handelt, das keine Parlamentsrechte hat“

Widerspruch. Das EU-Parlaent hat m.E. im Einzelfall noch viel weitergehende Rechte, weil sich die EU immer weitere Entscheidungsbefugnisse (für unangenehme Dinge, die Regierungen nicht entscheiden wollen) nimmt (m.E. untrechtmässig; ohne Widerspruch/stand der nationalen Parlamente) und sozusagen „upstream“ den Entscheidungsfreiraum (die Königsrechte) der nationalen Parlamente „einengt“ oder ganz entfernt, je nachdem wie die Brüsseler Regelungen gestrickt sind.

Fritz Goergen
2 Jahre her
Antworten an  T. Pohl

Mit Parlamentsrechte meine ich die klassischen zur Kontrolle der Regierung. Was Sie nennen, ist die Laienverwaltung, für die es meiner Meinung nach keine demokratische wie rechtliche Legitimation gibt.

Wolfsohn
2 Jahre her

Ich fände es passend, wenn man den Begriff „Mutti“ für Merkel endlich sein lässt.
Er stellt meines Erachtens nach eine Beleidigung für alle Mütter dar, die sich um das Wohl ihrer Familie und insbesondere ihrer Kinder sorgen. Von alledem ist Merkel meilenweit entfernt!

Helmut Kogelberger
2 Jahre her
Antworten an  Wolfsohn

„Mutti“ paßt schon, nur halt „Mutti aller Gläubigen“.

Uwe Jacobs
2 Jahre her
Antworten an  Wolfsohn

Sie haben recht, Herr „Wolfssohn“. Und darüber hinaus bin ich der Meinung, dass Herr „Muttersohn“ das jetzt flapsig meint und unsere Mütter nicht beleidigen wollte.

Mozartin
2 Jahre her
Antworten an  Wolfsohn

Deswegen ist er ja so wichtig, weil sie keine hat. Alle die hier leben als ihre Kinder.
Das verbitte ich mir allerdings.
Wir können froh sein, dass ihr keine Kinder zum Küssen gereicht werden, sieht man doch in den USA.
Mutti trifft es dann doch, aus ihrer Sicht, maternalistisch?
Aber ich verstehe natürlich, was Sie meinen.
***

KfzMeister
2 Jahre her
Antworten an  Wolfsohn

„Mutter aller Wanderungsbewegungen“, um mit Chemical Ali zu sprechen.

karel
2 Jahre her
Antworten an  Wolfsohn

Der Begriff „Mutti“, einst ein abwertendes Wort linker Kampf-Medien. Blöd daran ist nur, daß daraus so etwas wie ein „Gütesiegel“ wurde.

Wie einst „Made in Germany“.

Übrigens, die Abwertung der Mütter, eher ein linkes Meisterwerk. Erkennbar daran, daß die Begriffe wir Kinder, Küche, Kirche der Verachtung preisgegeben wurden.
Das linke Kampfwort „Herdprämie“, an Zynismus kaum zu überbieten

Schamlosigkeiten dieser Art waren dagegen von der Kanzlerin nie zu hören.

andreas donath
2 Jahre her
Antworten an  karel

„Schamlosigkeiten dieser Art waren dagegen von der Kanzlerin nie zu hören.“

Aus dem Mund dieses ** waren genügend andere Schamlosigkeiten, Dummheiten und Dreistigkeiten zu hören.

Hugo Treppner
2 Jahre her

Wenn das Amt des Fraktionsvorsitzenden an den mutmaßlichen Steuerberater von Merkels Busenfreundin und Bertelsmannerbin Liz Mohn geht, ist das eine kalkulierte Aktion zum Machterhalt von Merkel. Kauder musste den Sündenbock machen. Wenn die öffentlich rechtlichen Medien Brinkhaus als Mann “ ohne Netzwerk“ bezeichnen, kann man sicher sein, dieser Mann ist bestens vernetzt. Er ist Fachmann für internationales Steuerrecht, seine Kanzlei sitzt in Gütersloh, dem Sitz des 20 Milliarden Konzerns und er ist auch noch im selben Kaff geboren, wie die Herrscherin der Bertelsmann Stiftung, der Propagandabteilung der Merkelpolitik, Liz Mohn. Keine Personalentscheidung läuft dort ohne die ehemalige Zahnarzthelferin. Von den… Mehr

Enrico Stiller
2 Jahre her

Dass Merkel bei einer der EU-Verhandlungen über die Griechen-Rettung in Tränen ausbrach, ist verbürgt. Sie ist nicht die eiskalte Nur-Taktikerin, die man in ihr sehen will. Sie ist eher wie ein trotziges, raffiniertes, verwöhntes Kind, das wütend mit dem Fuss aufstampft, wenn man ihr im Weg steht, und alle Hebel in Bewegung setzt, um ihren Willen zu bekommen. Auch ich halte es für einen schweren taktischen Fehler, „ein Gespräch“ mit dem Sachsen Hartmann führen zu wollen. Das ist eine unverhohlene Drohung. Aber auf die Länder hat der deutsche Bundeskanzler traditionell wenig bis keinen Einfluss, wenn er nicht persönliche Macht-Netzwerke dort… Mehr

Uwe Jacobs
2 Jahre her
Antworten an  Enrico Stiller

Danke, Herr Stiller. So sehe ich das auch.

KfzMeister
2 Jahre her
Antworten an  Enrico Stiller

Die etablierten Politiker in Deutschland haben ein System der „Bestrafung“ von Abweichlern aufgebaut. Das wird auch gegen die CDU Spitzenleute in Sachsen genutzt werden.

Für die deutsche Elite ist Merkel auf der Seite des großen Geldes, und mehr glauben sie nicht wissen zu müssen.