Baden-Württemberg: Wir können alles – außer wählen

Cem Özdemir wird Ministerpräsident im Südwesten. Er schlägt den CDU-Kandidaten Hagel und damit quasi eine jüngere Ausgabe des Bundeskanzlers. Das ist eine schlechte Nachricht für Friedrich Merz – aber auch für die Grünen.

picture alliance / Flashpic | R4964
Cem Özdemir, der künftige Ministerpräsident in Baden-Württemberg, betritt nach den Ergebnissen die Bühne, Stuttgart, 08.03.2026

Mit schwierigen Partnerschaften kennt man sich im Südwesten aus.

Das Bundesland Baden-Württemberg selbst ist ja eine arrangierte Ehe: Die Alliierten wollten es so, die Badener und die Württemberger wollten es im Prinzip nicht, haben sich letztlich aber in das Unvermeidliche gefügt.

Die Regierung von Grünen und CDU ist jetzt auch keine Liebesheirat – anders als zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen und in Schleswig-Holstein, wo beide Parteien wohl komplett geräuschlos einfach fusionieren könnten, ohne dass es so richtig auffiele.

Aber sie werden miteinander weitermachen. Das ist nach den Hochrechnungen um kurz nach 20.00 Uhr klar:

Grüne 30,4 %
CDU 29,4 %
AfD 18,6 %
SPD 5,6 %
FDP 4,4 %
„Linke“ 4,3 %
Sonstige 7,0 %

Mit anderen Worten:

  • Die Grünen werden die neue CDU.
  • Die CDU wird die neue SPD.
  • Die AfD wird die neue CDU.
Die CDU

Manuel Hagel wirkt wie der Musterschüler von Klassenlehrer Friedrich Merz.

Im Wahlkampf hat er seinen Ziehvater weitgehend kopiert: Voller Fokus auf die Wirtschaft – ansonsten hat er auf irgendwie auffällige oder gar spektakuläre politische Botschaften verzichtet. Das machte ihn blass. Auch da hat er sich an Merz orientiert.

Auch bei der Bundestagswahl hat die CDU letztlich schlechter abgeschnitten, als die Prognosen es vorhergesagt hatten – und, als der Parteivorsitzende es versprach. Es stellt sich schon die Frage: Kann die Union mit Friedrich Merz knappe Wahlen gewinnen? Ist der Bundeskanzler für seine Partei ein Zugpferd – oder eher ein Klotz am Bein?

Die Grünen

Cem Özdemir wirkt immer noch wie ein großer Junge. Aber der Mann ist mittlerweile 60 Jahre alt. Und er bemüht sich nach Kräften, nahtlos die Melodie weiterzuspielen, die Winfried Kretschmann 15 Jahre lang säuselte: Das Land ist wichtiger als die Partei – und viele lobende Worte für den Koalitionspartner CDU.

Die Grünen-Vorsitzende Franziska Brantner inszeniert in den Interviews eine geradezu überschwängliche Freude. Aber man merkt ihr an, dass die nicht vollumfänglich ernst gemeint ist. Das ergibt auch durchaus Sinn. Denn Özdemirs Erfolg verschiebt die Kräfteverhältnisse bei den Grünen – und beschert ihnen absehbar inhaltliche Debatten, auf die die derzeitige Partei- und Fraktionsführung sehr sicher sehr gerne verzichtet hätte.

Vor allem: Mit welchem Kurs gewinnt man Wahlen?

Eher liberal-konservativ-ökologisch – wie Özdemir. Oder eher woke-links-sozialistisch – wie die Partei sich derzeit vor allem in größeren Städten präsentiert? Natürlich kann man Baden-Württemberg und, sagen wir, Berlin nicht eins zu eins vergleichen. Der Südwesten ist ein strukturell konservatives Bundesland mit viel Mittelstand, der wichtigen Auto-Industrie und den vielen entsprechenden Zulieferern.

Berlin ist viel heterogener, hat eine jüngere Bevölkerung und keinen relevanten Mittelstand. Aber in aktuellen Umfragen kommen die Grünen auch in der Bundeshauptstadt nicht richtig vom Fleck.

Und so darf sich die politische Konkurrenz schon jetzt darauf freuen, wie der strahlende Sieger Özdemir – die absehbar einzige Lichtfigur der gesamten Partei – künftig den absolut blassen Figuren in der Partei- und Fraktionsführung im Bund genussvoll in die inhaltliche Suppe spucken wird.

Die AfD

„Auch in Baden-Württemberg ist die Alternative für Deutschland jetzt eine Volkspartei.“

Tino Chrupalla, der Co-Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, hat da einen validen Punkt. Seine Partei hat ihr Ergebnis mehr als verdoppelt und vermutlich das bisher beste Ergebnis in einem westlichen Bundesland erzielt. Aber die als Ziel selbst ausgerufenen und angepeilten „20 Prozent plus“ wurden verfehlt.

Die AfD wird die größte Oppositionsfraktion in Baden-Württemberg sein – also das, was sie in mittlerweile fast allen anderen Landesparlamenten auch ist. Ihre Perspektive für Stuttgart hat sich nicht geändert.

Auch anderswo ändert sich die Perspektive für die Partei schon längere Zeit nicht. Überall wird sie bei Wahlen stärker und stärker. Aber nirgendwo kommt sie in die Nähe einer Regierungsbeteiligung. Dazu ist sie zum einen noch nirgendwo stark genug, zum anderen verhindert das die Brandmauer.

Und so wird sich auch die AfD irgendwann die Frage stellen müssen, wie lange sie ihre strategisch starre Lage beibehalten kann – oder besser: wie lange ihre Anhänger das mitmachen.

Die SPD

„Unsere Themen waren richtig.“

Das hat Generalsekretär Tim Klüssendorf zum peinlichen Desaster seiner Sozialdemokraten in Baden-Württemberg gesagt. Im Ernst. Ironiefrei. Ohne rot zu werden – also, jetzt äußerlich gemeint.

Die SPD, das wird mit jedem Tag deutlicher, will ums Verrecken nicht darüber nachdenken, ob es nicht gerade ihre politischen Inhalte sind, mit denen sie die Wähler vertreibt. Es ist eine Partei ohne jegliche politische Lernkurve.

Dadurch ist sie verdientermaßen auf dem Weg zu einer Splitterpartei. Jetzt sind es schon vier Bundesländer, in denen sie nicht nur nicht die Zehn-Prozent-Hürde überspringt – sondern in denen sie ganz knapp davor steht, aus den Parlamenten zu fliegen: Baden-Württemberg, Bayern, Sachsen und Thüringen.

Dafür strahlt die Partei ganz viel menschliche Wärme aus. Zwinker-Smiley. Das Netteste, was Generalsekretär Klüssendorf über Andreas Stoch zu sagen wusste (den SPD-Spitzenkandidaten in Stuttgart), war: Er sei ein „verdienter Genosse“.

Das kann man wahlweise als vergiftetes Lob auffassen oder auch als maximale Distanzierung. Kurz danach ist Stoch von allen Ämtern zurückgetreten.

So geht das bei den solidarischen Genossen.

Die FDP

„Das ist bitter.“

Selbst für seinen Kommentar zur existenziell bedeutendsten Niederlage im Stammland des deutschen Liberalismus fiel Parteichef Christian Dürr nur die platteste aller Plattitüden ein.

Auch inhaltlich war von ihm keine Silbe Selbstkritik zu vernehmen. Stattdessen jammerte er über die „Zuspitzung“ im Wahlkampf zwischen CDU und Grünen.

Sagen wir es, wie es ist: Der FDP-Bundesvorsitzende hat ungewollt, aber eindrucksvoll gezeigt, weshalb seine Partei völlig zu recht von der politischen Landkarte der Bundesrepublik Deutschland verschwindet.

Adé, FDP. Der Abschied tut nicht weh.

Die Folgen

Eine Landtagswahl im Südwesten ist immer auch eine kleine Bundestagswahl.

Baden-Württemberg ist das drittgrößte Bundesland sowohl nach Einwohnern als auch nach Fläche als auch nach Wirtschaftskraft. BaWü hat die höchste Dichte an industriellen Weltmarktführern (und übrigens auch an Sterne-Köchen, aber das nur nebenbei).

In allen Parteien wird man sich deshalb viele Fragen stellen. Was könnte im Bund genauso gut oder schlecht laufen wie jetzt in BaWü? Wo gibt es politische Besonderheiten im Land, und wo lassen sich Dinge auf die ganze Republik übertragen?

In der CDU werden die Zweifel an der Methode Merz nicht kleiner. Den Grünen stehen neue Richtungskämpfe ins Haus. Die AfD sucht nach Bewegungsfreiheit. Die SPD muss sich zwischen politischem Überleben und Starrsinn entscheiden. Die FDP ist endgültig weg.

Im kommenden Jahr feiern Baden und Württemberg Diamantene Hochzeit. Dann gibt es das Bundesland 75 Jahre. Die Zwangsehe hat lange gehalten. Wie lange das grün-schwarze Bündnis hält, wird sich zeigen.

Das Zitat dieses Wahlabends stammt dann eindeutig von Phoenix-Reporterin Jeanette Klag. Sie verhedderte sich komplett im eigenen Sprachraum mit der überaus originellen Wortneuschöpfung:

„Länder-Chefs und Länderinnen-Chefs“.

Zumindest auf den woken öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist Verlass.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 118 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

118 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Soder
1 Monat her

„Das Bundesland Baden-Württemberg selbst ist ja eine arrangierte Ehe: Die Alliierten wollten es so, die Badener und die Württemberger wollten es im Prinzip nicht, haben sich letztlich aber in das Unvermeidliche gefügt.“ Anmerkung: Die Württemberger wollten sehr wohl diese künstliche Vereinigung; ganz zu ihrem Vorteil. Bundestag-Zweites Gesetz über die Neugliederung in den Ländern Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern vom 4. Mai 1951. Die Durchführung der Volksabstimmung 9. Dez. 1951 Volksabstimmung; Abstimmungsverfahren nach Stuttgarter Wünschen! Bundesverfassungsgericht 30. Mai 1956 Verfahren über die Beschwerde des Heimatbundes Badenerland e.V. in Karlsruhe, vertreten durch den Vorstand, gegen die Nichtzulassung eines Volksbegehrens im Gebiet des früheren Freistaates… Mehr

Calculon
1 Monat her

Es ist immer das gleiche in (West-)Deutschland: die Wähler lernen nicht oder viel zu langsam. Die Leute lernen erst, wenn sie die Folgen selbst direkt spüren. Das ist nichts Neues und auch wenig überraschend. Wer das anders sieht muss handeln und sollte nicht darauf vertrauen, dass die Mehrheit auf einmal zu Einsichten kommt.

Delegro
1 Monat her

Na den. Wenn der anatolische Dampfplauderer die einzige Lichtgestalt der Grünen ist, dann besteht ja doch noch Hoffnung. Hoffnung auf eine Explosion der Grünen in der Politik. Puff und weg. Linke gleich mit. SPD und FDP sind bereits tot. Die CDU geht für 6 Monate bei Wasser und Brot und täglichem Lesen unseres Grundgesetzes in den Kerker. Wenn wir ihnen dann den links/grünen Teufel ausgetrieben haben, dürfen Sie wieder mitmachen. Als Juniorpartner des AfD. Kaffee kochen werden die doch wohl können, oder?

Peter Gramm
1 Monat her

Alles an Özdemir, Gestik, Mimik wirkt sehr angelernt und einstudiert. Wenig überzeugend.

Kraichgau
1 Monat her

für unseren Wahlkreis kann ich sagen,das die „Briefwähler“ und die unter-18jährigen die Wahl zu Grün gedreht haben,in den offenen Wahllokalen lag die AFD vielerorts klar vorn

Lennart Schulz
1 Monat her

Da die CDU in Grunde nur noch eine Satellitenpartei der Grünen ist, kann man wohl behaupten, dass die Grünen in BaWü knapp 60 % geholt haben.
Im Sinne der Demokratie wünsche ich den lieben BaWülern eine schöne Zeit in ihrem autofreien, energiefreien und arbeitslosen Paradies.

Delegro
1 Monat her
Antworten an  Lennart Schulz

Da werden die links/grün verstrahlten Jungwähler aber demnächst ordentlich in die Röhre schauen. Kühlschrank leer, Wohnung kalt, Urlaubsreisen gibt es nicht mehr, Studium der Laberwissenschaften muss abgebrochen werden da keine Kohl mehr da ist u.s.w. Warum? Weil den Eltern die Arbeitsplätze gekündigt wurden. Danke mein Junge, hast Du toll gemacht.

Hannibal ante portas
1 Monat her

„Das Bundesland Baden-Württemberg selbst ist ja eine arrangierte Ehe: Die Alliierten wollten es so, die Badener und die Württemberger wollten es im Prinzip nicht, haben sich letztlich aber in das Unvermeidliche gefügt.“ Das ist nicht ganz richtig, eher falsch: es gab vier Wahlbezirke (Nordbaden/ Südbaden/Nordwürttemberg und Südwürttemberg-Hohenzollern) beim Referendum zur Südweststaatsgründung und sobald mindestens drei dieser Wahlbezirke mit einfacher Mehrheit zustimmen würden, war die Voraussetzung gegeben. Beide Württembergs stimmten dafür und auch Nordbaden (wohl aus Angst von der amerikanischen in die französische Besatzungszone „wechseln“ zu müssen). Nur Südbaden, dessen Staatpräsident sich als Sachwalter altbadischer Staatlichkeit verstand, stimmte mit großer Mehrheit… Mehr

Autour
1 Monat her
Antworten an  Hannibal ante portas

Das ist im Prinzip vollkommen irrelevant!
Auch die Gründung von Staadstaaten ist vollkommener Schwachsinn und das Saarland nicht mehr als ein schlechter Witz! Selbst im Osten hätten 3 Bundesländer gereicht! Und jetzt wollen sie hier noch Baden und Württemberg trennen??
Sorry

Hannibal ante portas
1 Monat her
Antworten an  Autour

Ich lege hier nur die relevanten Fakten dar. Wie Sie diese zu interpretieren gedenken, bleibt selbstverständlich Ihnen überlassen.

Soder
1 Monat her
Antworten an  Hannibal ante portas

Die Badener wurden über den Tisch gezogen. Erst 1951 beim Zuschnitt der Abstimmungsbezirken, und dann nach dem BVG-Urteil Mai 1956 bzw. der Verschleppung des Termins für das vom BVG- Urteil bestätigte Recht auf ein erneutes Volksbegehren auf den 7. Juni 1970!

Siggi
1 Monat her

Özi. kann den Ministerpräsi spielen. Politik werden die CDU und die AfD machen

andreas
1 Monat her

Trotz der üblichen Betrügereien in den Großstädten bei der Briefwahl – wie sonst soll man diese Differenzen rational erklären – kommt die AFD auf knapp 19. Gegen die versammelte Lügenpropaganda. Das ist verdammt gut. Die CDU liegt faktisch gleichauf mit den grünen und will trotzdem den muslimischen Ökotürken zum MP machen ? Weil er die Haare schön hat oder weil er ein wenig bei Bedarf schwäbelt ? Bis auf drei oder vier größere Städte (siehe oben) sind die Ergebnisse durchwegs rechtskonservativ. Haben die den Hagel aufgestellt weil die anderen noch unterirdischen sind ?

Boris G
1 Monat her

Ich habe mir das Trielle im SWR der Spitzenkandidaten angeschaut. In unserer medialen Demokratie ist Telegenität wichtig, kann den entscheidenen Prozentpunkt für das höchste Amt im Land ausmachen. Cem Özdemir kam vor laufenden Kameras am besten weg: Groß, schlank, betont schwäbischer Dialekt und immer unaufgeregt konziliant. Mit 60 Jahren genau im richtigen Alter, um als „Landesvater“ durchzugehen (dass er sich von seiner Ehefrau, mit der er zwei gemeinsame Kinder hat, trennte und kürzlich eine 20 Jahre jüngere Journalistin aus fernen Landen heiratete – linke Wähler verzeihen so etwas). Manuel Hagel sieht zwar gut aus,ist ebenfalls groß, wirkt ein bisschen zu… Mehr

Dieter Rose
1 Monat her
Antworten an  Boris G

…und das hätte vernünftige Wähler stutzig machen müssen. Auf den Inhalt kommt es an, nicht auf die Verpackung!!!