ARD-ZDF-Wahlberichterstattung: Palme der Trostlosigkeit

Wenn eine Informationssendung keine oder zu wenig Informationen hat, muss sie ausfallen. Diese simple Erkenntnis geht ARD und ZDF seit langem bei dem Format SPEZIAL ab, gestern aber auch und besonders in der Berichterstattung über die Wahlen in Bremen und Bremerhaven.




Dass der Stimmzettel in dieser Hansestadt erstmals  komplizierter ist, weil die Wähler nicht mehr nur Parteien ankreuzen können, sollten ARD und ZDF vorher gewusst haben: dass die in Jahrzehnten eingefahrene Routine daher einbrechen muss, auch. Folgt der Prognose auf Grundlage der Exit Polls um 18 Uhr die erste Hochrechnung nicht um 18:30 herum, fällt der Spannungsbogen in sich zusammen. Trotzdem spulten sie das Ritual ab, um prompt in gähnende Leere zu fallen, weil es noch bis spät nach der Runde der Parteien-Generalsekretäre in Berlin keine Hochrechnungen geben konnte.

Die Grundinformation, dass ein vorläufiges amtliches Wahlergebnis nicht vor Mittwoch zu haben sein würde, konnte jeder der Website des Landeswahlleiters entnehmen: ARD und ZDF hielten es nicht für notwendig, diese Basisinformation ihren Zuschauern mitzuteilen. Schlimmer: Sie waren unfähig, daraus den zwingenden Schluss abzuleiten, dass ihr eingefahrener Wahlabendablauf nicht geht. Bei der gegebenen Lage hätte jeder Redaktions-Anfänger entscheiden müssen:

•    Fünf Minuten Prognose, erste Interpretationen und Parteienreaktionen um 18 Uhr.
•    Wiederholung in den folgenden Nachrichtensendungen des Abends.
•    Verzicht auf Parteienrunden am Wahlabend.

Übrigens: Die Ergebnisse der Exit-Polls – Grundlage der Prognose – unterschieden sich deutlich von den Umfragen davor. Das merkten die Öffentlich-Rechtler auch erstaunt an, um gedankenlos mit weiteren Ergebnissen dieser Umfragen die recht abweichenden Prognose-Resultate zu erklären. Wenn die Umfragen die Stimmergebnisse nicht trafen, warum soll dann der Rest präzise sein? Da drängt sich die Frage auf: Halten sie uns Zuschauer für blöd? Sie selbst müssen jedenfalls mindestens betriebsblind sein.

Die Palme der Trostlosigkeit geht an diese Art von Wahlberichterstattung. Lustlosigkeit als zwingende Begleiterscheinung sprach aus Mimik und Körpersprache der armen Frau Schausten und des gequälten Herrn Becker. Vollends platt machte mich ZDF-Chefredakteur Frey. Kommentierte er doch, die SPD habe verloren, weil sie der „jungen Multikulti-Stadt Bremen“ kein Angebot gemacht habe. Wie bitte? Die Masse der früheren SPD-Wähler, die an diesem Wahlsonntag in noch größerer Zahl nicht zur Wahl gingen, sind weder jung noch multikulti.




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