Wir erleben eine existenzielle Krise Europas, es wird noch viel mehr Geld verbrannt werden – und doch gibt es zu einer vertieften Integration keine wirkliche Alternative.

VON Roland Tichy | Sa, 8. Mai 2010

Mit innovativer Wirtschaftspolitik versuchte Wilhelm V., Herzog von Bayern, 1589 dem drohenden Staatsbankrott zu begegnen. Er gründete das staatliche Hofbräuhaus, um seinen Hofstaat vom teuren Importbier aus Einbeck in Niedersachsen unabhängig zu machen. Den Bankrott konnte er so nicht vermeiden, wohl aber sein Sohn Maximilian I., der mit einem Weißbiermonopol die Bürger zur Kasse bat und damit tumultartige Zustände auslöste.

VON Roland Tichy | Fr, 30. April 2010

Manchmal hört man ja noch Dorthe Kollos Erfolgssong von 1968 „Wärst du doch in Düsseldorf geblieben, schöner Playboy, Du wirst nie ein Cowboy sein…“.

VON Roland Tichy | Sa, 24. April 2010

Ach, was waren das noch für einfache Zeiten, als Bertha Benz sich über den in Selbstzweifeln verfangenen Herrn Gemahl ärgerte, der der eigenen Erfindung nicht traute: Bertha packte die Kinder auf die komische Kutsche ohne Pferde und los ging’s zur Probefahrt in die Epoche des Verbrennungsmotors. Das Auto verdanken wir einer Frau, die das Werk eines grüblerischen Ingenieurs resolut durch das Hoftor schob.

VON Roland Tichy | Sa, 17. April 2010

Irgendwie verfliegt die Zeit immer schneller, jedenfalls politisch. Kaum haben wir den Bundestag gewählt und gewöhnen uns gerade an die Gespreiztheit des Gefieders unseres Bundesaußengockels, da werden schon wieder die Ausgangspositionen für die nächste Bundestagswahl bezogen. Es geht um Steuersenkungen, das Haupt- und Lieblingsthema der FDP, für viele der Grund, bei der letzten Wahl erstmals bei den Liberalen das Kreuzchen zu machen. Dabei geht es nicht nur um niedrigere Steuern, mehr noch um gerechtere und einfachere.

VON Roland Tichy | Sa, 27. März 2010

Bundeskanzler treten mit einem politischen Programm an. Aber das reicht nicht für einen Eintrag ins Buch der Geschichte. Seit Konrad Adenauer, dem kühlen Gründer des halben Deutschlands, der das Ganze nicht kriegen konnte, suchen sich die Probleme ihre Kanzler. Von Helmut Schmidt bleibt nicht die Ökonomievorlesung – sondern sein Einstehen für den Nachrüstungsbeschluss gegen die eigene Partei. Helmut Kohl ist der Kanzler der Wiedervereinigung. Gerhard Schröder hat die Agenda 2010 gegen den Widerstand der Populisten gehalten.

VON Roland Tichy | Sa, 20. März 2010

Wir verdanken ja den Griechen viel, etwa die Erfindung der Demokratie. Wenn Griechenland darauf eine Lizenzgebühr erheben und bei jeder Wahl einkassieren würde, dann wären seine Schulden schnell gedeckt, hat die US-Außenministerin Hillary Clinton dem griechischen Ministerpräsidenten Giorgos Papandreou vorgeschlagen, als dieser auf seiner globalen Betteltour in Washington Station machte.

VON Roland Tichy | Sa, 13. März 2010

Was war das doch für eine Zeit, in der Taxifahrer an der Wall Street spekulierten, Hausfrauen ihre Königinnen-Illustrierte gegen Börsenjournale tauschten und Rentner ihr Ruhegeld mit Optionsscheinen hebelten: „Neuer Markt“, so hieß das Zauberwort, mit dem sich die Panzertüren zum Reichtum auch für Kleinanleger öffneten. Immerhin ein Noch-Staatsunternehmen, die Deutsche Telekom, heizte mit einer 300-Millionen-Euro-Kampagne das Börsenfieber und die Gier so richtig an, mit der vermutlich teuersten Werbekampagne in der Geschichte Deutschlands.

VON Roland Tichy | Sa, 6. März 2010

Purdah nennt man in Pakistan die Verschleierung der Frau bis auf einen schmalen Augenschlitz. Im Slang der Notenbanken, die für die Stabilität unseres Geldes verantwortlich sind, gibt es eine „Purdah-Periode“ – die Schweigephase vor der Sitzung des Rats der Europäischen Zentralbank (EZB). Die 22 Mitglieder tagen das nächste Mal am kommenden Donnerstag, und es ist kein Geheimnis, dass es gewaltig rumpelt hinter dem Schleier.

VON Roland Tichy | Sa, 27. Februar 2010

Wie schön wird Einkaufen, wenn erst das Anstehen an der Kasse wegfällt – weil die Funkchips an den Bierflaschen in meinem Wagen der Kasse längst zugeflüstert haben, was und wie viel ich zu zahlen habe. Wie angenehm finde ich es, wenn ich an einer Hotline per Namen begrüßt werde und der Berater schon auf dem Schirm hat, was ich dort wann gekauft habe. Wie schön, wenn das Ticket bei der Bahn entlang meiner Fahrtstrecke automatisch gelöst und abgebucht wird, statt dass ich immer am Automaten in der Geldbörse herumfummeln muss. Und wenn meine Hemden und Socken erst Funkchips tragen, die selbst an der Waschmaschine die richtige Temperatur einstellen – das ist wahrer Fortschritt.

VON Roland Tichy | Sa, 20. Februar 2010

In diesen Tagen machen die Investmentbanken wieder fette Beute. Sie verdienen glänzend am Geschäft mit der weltweit wachsenden Staatsverschuldung. So hilft Goldman Sachs Griechenland, neue Geldgeber zu finden. Das Geschäft läuft umso glänzender, je lauter die Zweifel an der Zahlungsfähigkeit der Hellenen werden. Und nicht nur um Griechenland geht’s, sondern auch um Spanien, Portugal und Irland, gelegentlich wird auch noch Italien mitgenannt. Diese Länder sind nicht Opfer der Bankenkrise – sie haben nur schlicht über ihre Verhältnisse gelebt.

VON Roland Tichy | Fr, 12. Februar 2010

Wir sind ein Volk von missgelaunten, neidischen und betrogenen Betrügern. Die da oben schleppen ihre Geldsäcke in die Schweiz. Die da unten liegen faul in der Hängematte Marke Hartz; und wenn sie mal aufstehen, dann nur, um ihren Fallmanager im Sozialamt zu betrügen. Die da in der Mitte schummeln kleinklein bei der Steuererklärung und fühlen sich doppelt betrogen: von denen, die im großen Stil Steuern hinterziehen, und von jenen, die sich auf ihre Kosten den faulen Lenz machen. Dieser Eindruck wenigstens drängt sich auf, wenn man die Debatten um Hartz-IV-Reformen und Steuerhinterzieher-CD verfolgt.

VON Roland Tichy | Sa, 6. Februar 2010

Das Ansehen der Banken ist noch schlechter als das der Zigarettenhersteller; die Berufs‧be‧zeichnung Banker hat jeden Glamour verloren und gilt als Schimpfwort. „Trust Meltdown“, „Kernschmelze des Vertrauens“, heißt eine Studie über das zerrüttete Ansehen der Finanzindustrie.

VON Roland Tichy | Sa, 30. Januar 2010

Es wird einem fast schwindelig, wenn man den schnellen Absturz in Ansehen und Vertrauen beobachtet, den der 44. US-Präsident Barack Obama erleidet: Es mag ihm nichts gelingen.

Das Folterlager Guantanamo weiter in Betrieb, die Staatsfinanzen zerrüttet, die Wirtschaft lahm, die Kriege im Irak und Afghanistan immer blutiger. Die erste Nachwahl verloren, die Gesundheitsreform stockt, seine Friedensinitiativen stoßen auf die kalte Ignoranz in Moskau und Teheran.

VON Roland Tichy | Sa, 23. Januar 2010

Das Undenkbare wird geplant: Wie kann ein Land aus dem erlauchten Kreis der Euro-Währungsunion ausgeschlossen werden? Wer darf oder muss die Europäische Union verlassen, was passiert, wenn ein kleines, zwei mittlere und ein großes europäisches Land den Staatsbankrott erklären? In Brüssel und den europäischen Hauptstädten werden Rechtsgutachten erstellt, und es wird über milliardenschwere Hilfspakete nachgedacht. Im Jahre zwölf ihres Bestehens droht die gemeinsame Währung, der Euro, zu platzen, und dabei geht es nicht nur um ein bequemes Zahlungsmittel, das Touristen den mühseligen Geldumtausch beim Städtetrip nach Athen erspart: Schon bloßes Gerede über eine Währungskrise zerstört das Vertrauen, vernichtet Arbeitsplätze und führt zu politischen Spannungen.

VON Roland Tichy | Sa, 16. Januar 2010

Stell dir vor, alle kriegen mehr Geld – und keiner will es. Sie halten so viel Bescheidenheit für unwahrscheinlich? Die aktuelle politische Debatte zeigt genau das. Da werden Steuern gesenkt – und ein Aufschrei des Protestes geht durch das Land. Sogar führende Mitglieder der Regierungsparteien verurteilen die eigene Reform.

VON Roland Tichy | Sa, 9. Januar 2010

Eine Art Buchstabenrätsel stand vor einem Jahr an dieser Stelle: Entwickelt sich die Wirtschaft wie ein V, U oder L – also schneller Abriss und ebenso schnelle Erholung in Form eines V; lange Rezession oder gar jahrzehntelange Depression?

Seit Sommer wächst die Wirtschaft wieder. Aber aus dem Keller fährt kein Aufzug ans Licht, das V wirkt zittrig – schwungvoll geht anders. Der Export ist die Wachstumslokomotive – aber die Lok ist zu schwach, um Bau und Investitionen mitzuziehen. Die Angst vor Arbeitslosigkeit wächst – und deshalb sind die Einkaufspassagen voller Schaulustiger, aber die Einkaufstüten im Weihnachtsgeschäft so auffallend schlank.

VON Roland Tichy | Sa, 19. Dezember 2009

Wir lieben Griechenland als Wiege der europäischen Kultur – aber müssen wir deshalb Athens ungeheuerliche Schlamper-Schulden bezahlen? Wie lange ertragen wir Trittbrettfahrer, die allerdings nicht draußen am Zug hängen, sondern im Führerstand fummeln. Wie lange überlassen wir Europa denen, die sich aus den tiefen Taschen bedienen und wie Rumänien und Bulgarien damit doch nur die Korruption befeuern? Wieso gewähren wir Großbritannien Jahr für Jahr fünf Milliarden Euro Beitragsrabatt und nehmen hin, dass London jede Vertiefung der Vereinigung torpediert, weil sein Ziel nur eine kontinentaleuropäische Freihandelszone ist, die für die Raubzüge seiner Boni-Banker offenstehen soll.

VON Roland Tichy | Sa, 12. Dezember 2009

Nun platzt also die Dubai-Blase, wird der Traum von 1001 Nacht zur abgewrackten Shoppingmall. Scheich Mohammed bin Raschid al Maktum hat sein Emirat verzockt, und mit ihm bangen nun Banken und Investoren um ihre Milliarden. Eigentlich hätte man es ja gleich wissen können – die Arabische Halbinsel ist einer der lebensfeindlichsten Orte der Welt, und die hochgejubelten künstlichen Inseln aus Sand und Schlick haben den Charme von Sträflingskolonien. Angepriesen wurde das als Urlaubsparadies im XXL-Format, bombastisch-fantastisch.

VON Roland Tichy | Sa, 5. Dezember 2009

Es ist schon eine verkehrte Welt: Jeder, mit dem man spricht, erwartet massive Inflation. Die Statistiken sprechen eine andere Sprache – je nachdem, welche Statistik man zum Lügen bringt, signalisieren sie das Gegenteil: Es drohen Deflation und sinkende Preise. Regierung und Notenbank in Japan warnen vor einer Beschleunigung der Preis-Abwärtsspirale. Inflation und Deflation sind ein Gegensatzpaar, erfordern konträre Verhaltensweisen, haben jeweils andere Gewinner und Verlierer: Bei Deflation gewinnen die Konsumenten.

VON Roland Tichy | Sa, 28. November 2009