Er ist ein Rockstar ohne Drogenproblem, ein Präsident der Herzen, der die Grenzen des Machbaren außer Kraft setzen kann, ein Wunderheiler der Wall Street mit unbegrenztem Kredit und einer, der die Machtblöcke der Welt entwaffnet wie einst Michail Gorbatschow. Selbst abgebrühte Berufszyniker wie Hauptstadtkorrespondenten fotografieren gerührt wenigstens seine Air Force One, wenn sie IHN schon nicht zu Gesicht bekommen – das Flugzeug gewandelt zu einer Ikone des Guten, als habe allein Obamas Sitzfleisch das fliegende Hauptquartier von George W. Bush im Krieg gegen die Achse des Bösen in eine Friedenstaube verwandelt. 

VON Roland Tichy | Sa, 25. April 2009

Der Gipfel der 20 Staats- und Regierungschefs ist im dreifachen Sinne rekordverdächtig: Er ist ein sensationeller Erfolg – der in sensationell kurzer Zeit zum sensationellen Misserfolg verfallen könnte. 

VON Roland Tichy | Do, 9. April 2009

Muss ich mich eigentlich bei Norbert Blüm entschuldigen? Jahrelang habe ich den letzten legendären Sozialpolitiker, 16 Jahre lang Bundesarbeitsminister unter Helmut Kohl, publizistisch attackiert, weil die Rente eben nicht so sicher ist, wie er 1986 plakatiert hat. Und jetzt? Hat er nicht doch recht, ist die Sozialrente der letzte Anker unserer materiellen Sicherheit? Denn weltweit geht unter, was die Mittelklasse angespart hat: Das Eigenheim verfällt im Wert ebenso wie Aktien.

VON Roland Tichy | Sa, 4. April 2009

Liebe Schweizer Nachbarn, an dieser Stelle möchte ich mich für die ruppige und beleidigende Sprache unseres Bundesfinanzministers Peer Steinbrück entschuldigen. Europäische Nachbarvölker mit der Peitsche züchtigen und wie die Indianer mit der Kavallerie niederreiten – das ist der Ton des deutschen Herrenreiters. Ich schäme mich für diese rhetorische Untat. 

VON Roland Tichy | Sa, 28. März 2009

Haben Sie heute schon Ihren Anlageberater geohrfeigt? So unkultiviert sollte man sich keinesfalls geben. Noch vor einem Jahr wäre das als Notwehr durchgegangen – an dem Tag, an dem der Ihr sauer erspartes Vermögen halbierte. Mittlerweile kritisiert niemand mehr Bankberater für die größte Geldvernichtung aller Zeiten. Verständnisvoll hören wir unserem leidgeprüften Berater zu, der seinen lieben Kunden so traurige Nachrichten übermitteln muss. Lehman! Was kann man da machen?

VON Roland Tichy | Sa, 21. März 2009

Wie gerne erinnere ich mich an diese Tour, eingeklemmt zwischen Vater (am Steuer) und Mutter (sehr stolz) auf der durchgehenden Sitzbank (Einzelsitze nur als Sonderausstattung erhältlich). Ein paar PS, Drei-Gang-Getriebe, Lenkradschaltung und jedes Mal diese Freude, wenn unser Opel Rekord noch einmal und noch einmal auf singenden Weißwandreifen die ebenso steilen wie engen Spitzkehren der Großglockner-Hochalpenstraße bezwingt, und der Himmel so blau und die Berge so hoch und der Gletscher so kalt und immer näher das Land, wo die Zitronen blüh’n.

Es war einmal.

VON Roland Tichy | Sa, 14. März 2009

Konjunkturpolitik gleicht derzeit einem Buchstabenrätsel – allerdings mit grauenhaften Konsequenzen bei einer fehlerhaften Einschätzung: Liegt vor uns ein V-förmiger Konjunkturverlauf, also ein schneller, scharfer Einbruch, der sich aber schon im kommenden Herbst wieder fängt? Oder müssen wir uns – wie bei einem U – auf eine langanhaltende Wirtschaftsschwäche, ein ausgefurchtes Tal mit hoher Arbeitslosigkeit und niedriger Nachfrage, schrumpfender Produktion und fallenden Kursen einstellen, aus dem es erst nach 24 Monaten wieder aufwärtsgeht? Oder ist das Tal der Depression weit länger als unsere Wirtschafts- und Unternehmenspolitik denkt, jahrzehntelang, eben wie in Japan und so, dass das U zum L umgebogen wird?

VON Roland Tichy | Di, 10. März 2009

Die Industriegewerkschaft Metall ist sehr stolz, weil es ihr gelungen ist, Tausende von Opel-Demonstranten auf die Straße zu bringen – und das, obwohl alle in Urlaub waren, sagt ein Gewerkschaftssprecher. Das muss man sich mal vorstellen – die Revolution fällt aus, weil das Proletariat am Ballermann feiert. In Berlin debattiert die Koalition darüber, ob die Abwrackprämie auch Hartz-IV-Empfängern ausgezahlt werden soll. Im Konjunkturprogramm sollten schon mal ein paar Milliarden für die Erweiterung der Parkzonen vor den Arbeitsämtern reserviert werden – für die vielen schnieken Neuwagen der Stütze-Kundschaft.

VON Roland Tichy | Sa, 7. März 2009

In Sonntagsreden wird derzeit gerne die Europäische Währungsunion als Insel der Stabilität im tosenden Meer der Finanzkrise gefeiert. Leider ist zurzeit so selten Sonntag. Und werktags sieht es nicht gut aus für unser Euro-Geld.

VON Roland Tichy | Sa, 28. Februar 2009

Darf eigentlich ein Unternehmen Arbeitsplätze abbauen und trotzdem seinen Aktionären eine Dividende ausschütten? Ja, selbstverständlich. Damit könnte diese Kolumne schon beendet sein. Aber genau dieses Thema erregt heute Politiker, die Talkshow-Sitzer, viele Menschen. Der Tenor ist, dass ganz selbstverständlich die Aktionäre verzichten sollten, um unrentable Arbeitsplätze zu halten. Schon allein die Tatsache, dass diese Frage jetzt führende Politiker wie Bundesfinanzminister Peer Steinbrück zu- lasten der Aktionäre beantworten, zeigt, auf welch schiefe Bahn Deutschland im Zuge der Finanzkrise geraten ist: Irgendwie ist die Information darüber verloren gegangen, dass man Arbeit und Kapital braucht, um etwas unternehmen zu können. 

VON Roland Tichy | Fr, 20. Februar 2009

Das Kreuz mit der Atomenergie in Deutschland ist, dass nicht mehr diskutiert oder verhandelt, sondern sofort abgeblockt wird – von beiden Seiten. Wer Atom sagt, ist Feind. Wer Kern sagt, ist Freund der Nukleartechnik. Bis in sprachliche Feinheiten hat sich das Lagerdenken in die Gehirne eingegraben. Aber was kümmert die Welt jene Feindbilder, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren vor Brockdorf, Wackersdorf oder Gorleben in das Bewusstsein einer Generation geprügelt wurden?

VON Roland Tichy | Sa, 14. Februar 2009

Konjunkturprognosen sind eine gewagte Angelegenheit. Unterschiedlichste Kurven, die wirtschaftliche Aktivitäten widerspiegeln, verlaufen nicht gebündelt wie in einem ordentlichen Kabelbaum, sondern kreuz und quer – eher wie eine satte Portion Spaghetti. Dann noch ordentlich Soße obendrauf; das macht die Sache zwar appetitlicher, aber nicht transparenter. Derzeit wird das Essen ziemlich kalt. Denn in diesen Wochen schlagen die Folgen der Finanzkrise auf den Arbeitsmarkt durch: Entlassungen, Kurzarbeit, Werkschließungen, Insolvenzverfahren. 

VON Roland Tichy | Sa, 7. Februar 2009

Im Jahre 1813 appellierte Prinzessin Marianne an alle Frauen Preußens. Um den Krieg gegen Napoleon zu finanzieren, sollten sie die Eheringe aus Gold gegen solche aus Eisen eintauschen – mit der Aufschrift „Gold gab ich für Eisen“.

1914 tauschten unter diesem Motto unsere Urgroßeltern schon nicht mehr so ganz freiwillig Geld und Gold gegen Staatsanleihen – die zu Asche zerfielen. Es folgte eine Hyperinflation, die Papiergeld so wertlos machte wie die Zeitung von gestern, eine Weltwirtschaftskrise, in der Aktiengesellschaften fallierten wie Faulobst, eine brutalste Diktatur, der Holocaust und noch ein Weltkrieg, diesmal ein totaler. Die Erinnerung an den Wertverlust durch Krieg, Staatsbankrott und Inflation taucht derzeit im kollektiven Gedächtnis wieder auf – die WirtschaftsWoche untersucht und bewertet den langfristigen Werterhalt unterschiedlicher Anlageformen über die unterschiedlichen Krisen hinweg.

VON Roland Tichy | Sa, 31. Januar 2009

Allmählich beginnt man ja, sich mit den Folgen der Finanzkrise abzufinden und einzurichten – und sieht mit einem Mal die Konturen einer neuen Landschaft aus dem Nebel auftauchen. Wir hatten geglaubt, dass niemand mehr den Siegeslauf der Linken aufhalten könnte. Und siehe da – plötzlich ist die betont marktwirtschaftliche FDP der triumphale Wahlsieger in Hessen. Das ist kein rein lokales Ereignis, sondern es hat den Anschein, als ob der beklemmende Zuwachs an staatlicher Macht, den die Finanzkrise mit sich gebracht hat, über Nacht gewissermaßen wieder eingefangen werden soll.

VON Roland Tichy | Sa, 24. Januar 2009

Dass die Commerzbank mit der Dresdner Bank zu einer Art Sparkasse von Berliner Gnaden schrumpft, ist keine Gottesstrafe, sondern auch Folge unfassbaren Missmanagements, das in der Krise nur jeder Tarnung beraubt wird. Und dass die einstmals stolze Deutsche Bank eben doch indirekt mit Staatsknete gepäppelt werden muss, macht Josef Ackermann zur tragischen Figur, die Richtiges wollte und nur Falsches konnte – das kommt davon, wenn man mit der Wahrheit umgeht wie der Metzger mit feinster Salami: nur hauchdünne Scheiben von der dicken Schuldenwurst absäbelt und jedes Quartal ein paar mehr Milliardärchen zugeben muss, in treuherzig gespielter Unschuld und garniert mit viel Schönrednerei. Da schmilzt die Glaubwürdigkeit, das eigentliche Kernkapital des Bankiers.

VON Roland Tichy | Sa, 17. Januar 2009

Nein, es war alles kein schlechter Traum. Hinterm Weihnachtsbaum und Kerzenschein taucht nun das Gesicht der Krise wieder auf. Nichts mehr mit Durchatmen und der Illusion, dass alles nicht so schlimm kommen möge. Politik und Unternehmen können nichts auf die lange Bank schieben. Jetzt ist die Stunde der Krisenmanager, jetzt wird sich zeigen, wer Mut, Weitblick, Entscheidungs- und Führungsfähigkeit hat.

VON Roland Tichy | Sa, 3. Januar 2009

Das Jahr 2008 wird als das Jahr der vielen Nullen in die Geschichte eingehen: Mit 200 Milliarden Dollar für die US-Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac hat die Finanzkrise angefangen, teuer zu werden; für 480 Milliarden Euro hat die Bundesregierung den Bankenschirm aufgespannt; 1,4 Billionen an Bankgarantien wurden dann in New York fällig – ob Dollar oder Euro spielt bei so viel Nullen keine Rolle; in Brüssel flossen 200 Milliarden in ein europäisches Konjunkturprogramm, wobei schon jetzt klar ist: Das war nur die erste Rate.

VON Roland Tichy | Fr, 19. Dezember 2008

Die globale Ökonomie kommt mir zurzeit vor wie ein gigantischer Luftballon, aus dem die Luft entweicht – pffffffffffffftt.

Schrumpelig wird die Welt, und sie schrumpft. Besonders schnell verfällt ein an sich kleines Land, nämlich Deutschland – schon allein deshalb, weil es sich zunächst selbst aufgebläht hat, indem es fast die Hälfte seiner Produkte exportiert. Jetzt also – pfffffffffffft – fährt unser Wohlstand dahin, weil die weltweite Nachfrage nach Maschinen und Autos verfällt.

VON Roland Tichy | Sa, 13. Dezember 2008

Ein Opel fährt vor, aus dem die Herren von Daimler und BMW klettern und artig um Schirme bitten wie Cabriofahrer im Schneesturm. Schon fordern die energieintensiven Branchen der Chemie-, Metall-, Stahl-, Glas-, Baustoff- und Papierindustrie Schutzschirme gegen Milliardenbelastungen der europäischen Umweltpolitik. Noch jemand ohne? Anstellen zur Schirmausgabe vor dem Kanzleramt, nicht drängeln! Kaum je war der Staat so mächtig, die Bundeskanzlerin als Schirmherrin so umworben, die Wirtschaft so kleinlaut. Marktwirtschaft war gestern.

VON Roland Tichy | Sa, 6. Dezember 2008

Geiz ist ja schon eine ganze Weile geil in Deutschland; jetzt droht die Geizgeilheit zum Dauerzustand zu werden. Alles wird heute billiger und morgen noch billiger. Was Marketingstrategen bisher in immer neue Werbeslogans fassen mussten, geht jetzt fast automatisch, quasi naturgesetzlich vonstatten: Alles muss raus, alles wird billiger. Deflation nennen Ökonomen so einen Preisverfall quer durch den Warenkorb.

VON Roland Tichy | Sa, 29. November 2008