Gewalt in Dresden? Fehlanzeige. Stattdessen zwei Demonstrationen für Frieden und eine lebenswerte Zukunft. Die Jungen wollen mit ihren Problemen gehört und nicht weiter kriminalisiert werden. Eine Reportage
„Bitte alle aussteigen“, die Straßenbahn fährt heute nicht bis zum Theaterplatz, sie wird ab dem Postplatz umgeleitet. Ich bin auf dem Weg zu den Schülerprotesten, die hier auf dem Theaterplatz vor der Semperoper in Dresden, nahe der Elbe, ab 14.00 Uhr stattfinden sollen. Auf dem gegenüberliegenden Platz vor dem Schauspielhaus sind Musik, Fahnen und viele Menschen. Es ist eine eigene Friedensdemo, das Durchschnittsalter? Zu alt für Schülerproteste, man sieht viele Fahnen mit der Friedenstaube, einzelne Deutschland- und Sachsenflaggen. Auf einer kleinen Bühne sprechen Redner. 
Die Schülerproteste sind schon weitergezogen, unterwegs kommt ein älteres Ehepaar untergehakt an mir vorbei. Er trägt eine Fahne auf der steht „Schwerter zu Pflugscharen“ mit dem typischen illustrierenden Symbol, das aus dem DDR-Friedenswiderstand stammt. Vor dem Kulturpalast erreiche ich die Demonstration. Polizisten stehen an den Rändern der Veranstaltung, ansonsten wirkt es friedlich.
Die Menschen stehen in kleinen Gruppen, einige haben Plakate oder Fahnen dabei, vermummt ist kaum einer. „Gegen die Kriminalisierung von sozialen Bewegungen“ steht auf einem Banner. Auf einer kleinen Bühne rappt eine junge Frau.

Plakatbeschriftung: „Euer Elend ist nicht mein Problem“ BlackRockFritze



Was treibt die Menschen hierher, was sind ihre Hauptthemen?
Maria und Anna (alle Namen im Bericht durch Redaktion geändert) sind hier um gegen den Wehrdienst zu demonstrieren. „Es geht mir vor allem auch um die sozialen Themen, der Wohnungsmangel und bezahlbare Wohnungen, davon bin auch ich betroffen“, meint Anna. Maria ergänzt: „Meine beiden Brüder sind schon zu alt für den Wehrdienst, die schreiben doch ab Jahrgang 2008 an, oder? Auf jeden Fall hat schon meine ganze Familie Werbung von der Bundeswehr bekommen, so Postkarten zum verschicken. Das finde ich nicht gut.“
Beide sind 18, ihr 19-jähriger Freund Paul: „Es geht vor allem um Antimilitarisierung, auch Klimawandel ist ein Thema, das ist auch ein Klassenkampf.“ Bisher habe er noch keinen Musterungsbrief erhalten – zum Glück, findet er. „Die wollen ihn nicht“, stichelt Maria grinsend und fügt hinzu: „Wir leben doch in einer Demokratie, da sollte man doch so etwas frei entscheiden können und nicht gezwungen werden. Ich will für kein Land kämpfen“.


„Warum seid ihr hier?“, die nächsten drei sind gerade 16 Jahre alt, in der zehnten Klasse. „Gegen die Wehrpflicht, den Rechtsruck und dass das Leben wieder finanzierbar wird. – Politiker, die sich nicht um uns scheren und wir sollen das ausbaden.“ Max möchte auch in Zukunft nicht eingezogen werden.

Mara ist gelernte Elektrikerin für Maschinen und Antriebe, 23 Jahre alt – bereits fünf Jahre Berufserfahrung – und ist aus Freiberg hergekommen. Seit dem Sommer arbeitet sie im Einzelhandel bei Netto. Drei-Schicht-System und sexuelle Belästigung bei ihrer letzten Arbeitsstelle haben ihr die Lust am Elektriker-Dasein genommen. Ihre Motivation hier zu sein? „Die Gesamtsituation ist es. Die Politik in Berlin fabriziert nichts Gutes für die Menschen hier, beispielsweise für die Landwirtschaft. Meine Familie überlegt den Hof zu übergeben, meine Eltern sind jetzt im Rentenalter. Doch wie soll es weitergehen? So ein Hof rechnet sich kaum noch, 38 Cent pro Liter Milch und irgendwelche schlitzen bei uns und unseren Nachbarn die Heuballen auf. Neulich haben sie unseren Milchautomaten geknackt und das Geld aus der Kasse geraubt. – Was ist besser daran, wenn der Weizen zukünftig aus Südafrika kommt? Die Landwirtschaft gibt es schon seit Jahrtausenden, nur die Sicht hat sich geändert.“
Auch KI ist ein Thema, viele ihrer Freunde sind im kreativen Gewerbe Computerspieledesigner oder Illustratoren und „kämpfen derzeit ums Überleben, KI nimmt ihnen die Jobs weg“.


Fred und seine Freunde sind hier gegen den Rechtsruck und die soziale Ungleichheit. An ihrer Schule wurde die Schulsozialarbeit gekürzt. „Immer weniger Rente, immer länger arbeiten? Das ist nicht fair. Meine Freunde wollten neulich auf eine Party und wurden von Rechten verprügelt, nur weil sie links aussahen. Die Männer waren zwischen 30 und 40 und sind auf einem Oktoberfest auf sie los.“ Und Wehrpflicht? Auch das sei ein Thema.
„Eine Zukunft, gemeinsam für Frieden und Freiheit – für unsere Zukunft gehen wir auf die Straße“
Michael vom Organisationsteam ist 24 Jahre: „Meinen 18.Geburtstag habe ich in Quarantäne verbracht. Die letzten Jahre lief viel nicht gut für unsere Generation.“ Die heutige Veranstaltung richte sich nicht an eine politische Richtung: „Die Themen betreffen doch alle, Wehrpflicht, soziale Ungleichheit, Bildungskürzungen, weniger Psychotherapie und eine zunehmende Überwachung“. Er wünscht sich Austausch mit verschiedenen politischen Strömungen – auch mit Rechten – und nicht zu spalten, denn: „wir sitzen alle im gleichen Boot“.
Der Zug hat sich in Bewegung gesetzt, es geht in einem Bogen Richtung Elbe. Ein Freund kommt hinzu und ergänzt: „Hauptanliegen heute ist die Wehrpflichtsverweigerung. Die Bundeswehr-Werbung an Schulen nimmt zu und sie versuchen sogar 15 und 16-Jährige anzuwerben“. Auch in der linken Szene gäbe es Streitigkeiten und Propaganda, aber gerade diese Themen sind zu wichtig, sie nicht gemeinsam lagerübergreifend anzugehen. Die Solidarität mit Frankreich zielt nicht auf die Ladenplünderungen und angezündeten Autos ab, stattdessen auf die Grundwerte des Protests „Brüderlichkeit, Freiheit, Gleichheit“. Michael wirkt klug, besonnen und interessiert.

„Gen Z regelt“ sei die Dachorganisation, erzählt das Organisationsteam, die hiesige Veranstaltung bekennt sich zu den Werten, ist aber von einem Bündnis in Dresden organisiert. Die Teilnehmerzahlen auf der Website sind etwas irreführend, berichten sie. Die Teilnehmer können online zusagen, man kann das aber auch mehrfach anklicken.
Die Veranstaltung hat Sam angemeldet, er ist schätzungsweise 18 Jahre und bespricht sich gerade mit der Polizei, als ich hinzukomme und verweist mich an ihren Pressesprecher: Anton ist 18 Jahre alt, laut ihm waren um die 4.000 Menschen zwischendurch bei der Demonstration – dpa-Reporter berichten von 3.000. Die Veranstaltung habe ein loses Bündnis aus Mitgliedern von Studis gegen Rechts, Azubis gegen Rechts, Sozialistischer Deutscher Studentenbund (SDS), Schwarze Rose und dem Dresdner Stadtschülerrat organisiert. „Unsere Zukunft wird gerade verspielt und wir sind Menschen, die was ändern wollen.“ Es sei nicht schön in „Angst vor Krieg oder dass es im Winter 30 Grad draußen sind – etwas übertrieben – zu leben.“ Er ist gut gelaunt und gibt mit freudig Auskunft. Seine Forderungen: Überreiche enteignen, die Agenda 2030 sei kompletter Müll, kein Geld für Waffen, und Bildung für alle. Er hofft, dass die Demonstrationen in der Berichterstattung nicht auf die Gewaltdebatte reduziert werden, wie in der vergangenen Woche geschehen.






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