Umwelt stört nur noch

Endlich bewegt sich was in der Energiewende. Damit werden auch die ungeheuren Kosten und Belastungen sichtbar.

Nun endlich legt der neue Umweltbundesminister Peter Altmaier Zahlen und Fakten zur Energiewende auf den Tisch: Es müssen 3800 Kilometer Stromautobahnen gebaut werden; mit der Anbindung der Windparks in der Nordsee und regionaler Netze wird ein Betrag von über 60 Milliarden Euro fällig. Gleichzeitig räumt Altmaier auch ein, dass Deutschland um Haaresbreite an katastrophalen Blackouts vorbeigeschrammt ist. Diese Gefahr für den Wirtschafts- und Lebensstandort Deutschland wird sich bis zum kommenden Winter noch verschärfen, weil weitere stabile Kohle- und Gaskraftwerke durch flackernden Solar- und Windstrom ersetzt werden. Energiepolitik wird im Stile eines Illusionstheaters betrieben: Jede Landgemeinde wird bejubelt, die mit Solar- und Windparks so viel Strom erzeugt, wie sie verbraucht – und darüber wird vergessen, dass auch die autarke Landgemeinde wie selbstverständlich auf Atom- und Kohlestrom zurückgreift, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nachts nicht scheinen mag. So wird bejubelt, dass an einem sonnigen Pfingstsonntag die solare Stromerzeugung der rechnerischen Leistung von 20 Kernkraftwerken entspricht. Aber in die Rechnung der Milchmädchen und Milchjungs geht nicht ein, dass dieser Strom nicht nur extrem teuer erzeugt wird, sondern anschließend ebenso teuer vernichtet werden muss oder wir unseren Nachbarn bare Millionenbeträge dafür zahlen, dass sie den Strom ins Land lassen, den an Pfingsten in Deutschland niemand verbrauchen kann. Und wenn auch nur eine dunkle Wolke die solare Rechnung vermasselt, dann springen irgendwo sündhaft teure Gaskraftwerke oder stinkende Kohlefresser an, die als Arbeitstiere übernehmen, was das Luxusspielzeug der gierigen Solar-Rentiers nicht hergibt.

Nun mag man sich darüber aufregen, wie leichtfertig heute Politiker mit der Infrastruktur dieses Landes herumspielen und mit welcher Chuzpe gigantische Kostensteigerungen für Verbraucher und Wirtschaft ausgelöst werden. Das mag in der derzeitigen guten wirtschaftlichen Lage verkraftbar erscheinen, und die wegfallenden Jobs in den energieintensiven Industrien kann man als unvermeidliche Opfer des Strukturwandels zum Guten hinnehmen. Aber zugestehen muss man: Altmaier hat wenigstens ein Mindestmaß an Realitätssinn aufscheinen lassen, und dafür sollte man dankbar sein.

In keiner Bilanz taucht auf, was die neuen Stromtrassen und Windparks für die Umwelt bedeuten: Da werden durch die letzten Wälder Schneisen geschlagen, die 100 Meter breit sind und auf denen dann die 61 Meter hohen Türme der Hochspannungsleitungen stehen oder noch riesigere Windräder. Kaum ein Waldstück bleibt unversehrt. Weit draußen vor dem Nordseestrand werden die früheren Fischfanggründe betoniert, Trassen an der Küste entlang geschlagen, ehe sich die Bulldozer dann durch den Teutoburger Wald, die Niederrheinlandschaften, die Rhön, den Spessart, Harz, den Rennsteig und den Thüringer Wald fressen bis zum Schwarzwald, von dessen Höhen Windräder grüßen. Er will ein ehrlicher Makler zwischen allen Beteiligten sein – doch Altmaier muss die brutalste Zerstörung letzter Naturräume exekutieren: die schnelle Abholzung des Waldes und der Mittelgebirgsrücken. Die Einspruchsfrist der Bürger gegen die Trassen läuft schon am 10. Juli aus, es lebe die Bürgerbeteiligung! Die Umweltverbände schweigen entschieden. Enoch zu Guttenberg, Mitbegründer des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), ist aus Protest aus seiner eigenen Schöpfung ausgetreten: Für Millionen vom ökoindustriellen Komplex hätte sich der BUND den Widerspruch abkaufen lassen – dieselben, die sonst jeden Feldhamster verteidigen, beteiligen sich jetzt mit Vorsatz am bleiernen Landschaftssterben.

Sollte Altmaier sich besser Umweltzerstörminister nennen? Das entspräche der neuen Aufgabenstellung, in der Umwelt nur noch das Grün ist, das im Wege steht.

(Erschienen auf Wiwo.de am 02.06.2012)

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