Peer Steinbrücks Geschäftsmodell: „Parasitäre Publizität“

Um in die Zeitung zu kommen, darf man die eigene Partei nicht loben, sondern muss über sie lästern. Jungsozialisten und Jungunionisten lernen das schon im politischen Kindesalter. Wann Peer Steinbrück das gelernt hat, ist nicht bekannt. Aber er beherrscht die Kunst der „parasitären Publizität“. Die beruht darauf, dass man sich auf Kosten des eigenen Vereins profiliert. Zwei bekannte Vorgänger hat er: Oskar Lafotaine hielt sich nach seinem unrühmlichen Abgang als SPD-Chef mit Attacken auf die Genossen in den Schlagzeilen. Ex-CDU-Generalsekretär besorgt sich durch Kritik an der Union immer wieder und immer noch Einladungen in Talkshows.




Der gescheiterte Kanzlerkandidat Steinbrück ist gleichwohl ein etwas anderer Fall. Auf Kosten der eigenen Partei, insbesondere des linken Funktionärskaders zu punkten, war schon sein Geschäftsmodell, als er zwischen 2005 und 2009 in der Großen Koalition den über den parteipolitischen Niederungen stehenden Finanz-Zampano gab. Über parteiinterne Kritiker, die damals vom Juniorpartner SPD mehr Profil forderten lästerte er 2007: „Den Leuten kommen wir im Moment wie eine Heulsuse vor: Wir ziehen eine Flunsch wegen der Popularität der Kanzlerin. Wir gucken verkniffen auf das Phänomen der Linkspartei. Wir klagen darüber, dass die Globalisierung uns erwischt, obwohl Deutschland davon profitiert. Wir heulen, weil wir Reformpolitik machen müssen. Wir heulen ein bisschen über Hartz IV und über die Agenda 2010“.

Auch wenn Steinbrück „wir“ sagte, meinte er, der fehlerfreie Überflieger, natürlich die anderen. In den Oppositionsjahren von 2009 an wurde das sein Thema: das Versagen der Rest-SPD, den früheren Außenminister Frank-Walter Steinmeier mal ausgenommen. Ätzende SPD-Schelte aus dem Mund eines Sozialdemokraten funktionierte bestens. Für seine Auftritte bei Banken, Versicherungen und anderen Institutionen des „Kapitals“ kassierte Steinbrück stattliche Honorare. Sie waren nicht unverdient: Mit seiner Kombination aus finanzpolitischer Analyse und hämischen Kommentaren über das mittelmäßige, eigene Parteivolk hatte er auf dem Redner-Markt ein Alleinstellungsmerkmal.

Vom Herbst 2012 an war dann alles anders: Jetzt wollte Steinbrück Kanzler werden. Plötzlich machte er sich die Forderungen des Funktionärskorps, dem er bisher jeden ökonomischen Sachverstand abgesprochen hatte, zu Eigen: Mindestlohn, Rente mit 63, massive Steuererhöhungen bei Einkommen und Erbschaften, obendrein noch eine Vermögenssteuer. Auch nach der Wahlniederlage kämpfte Steinbrück bei den Koalitionsverhandlungen für das, was er wirtschaftspolitisch eigentlich für Unsinn hielt – wider besseres Wissen, aber solidarisch. Folglich stimmte er im Bundestag für die Rente mit 63 wie für die Mütterrente.

Der brave Parteisoldat Steinbrück war aber nur eine Episode, von der Ausrufung zum Kanzlerkandidaten im Herbst 2012 bis vor einer Woche. Mit seinem neuen Buch „Vertagte Zukunft“ ist der Ex-Kandidat wieder in sein ursprüngliches Metier zurückgekehrt: Er macht Geld, indem er über die SPD herzieht. Seine aktuellen Interviews und seine Buchpräsentationen zeigen den neuen, alten Steinbrück. Er macht sich über „Genossen in tiefroten Parteizirkeln“ ebenso lustig wie über „lupenreine Sozialdemokraten“, beklagte erstarrte politische Rituale und wirft den Parteien vor, sie „klüngeln zentrale Entscheidungen in exklusiven Zirkeln unter undurchsichtigen Bedingungen aus“. Er muss es wissen: Genau auf diese undurchsichtige Weise stieg er selber zum Kanzlerkandidaten auf.

Im Buch und ums Buch herum verdient sich Steinbrück zudem das Etikett Heulsuse. Dass er nicht Kanzler wurde, haben in erster Linie andere zu verantworten: Die Partei, die ihm das falsche Programm aufgezwungen hat, die Medien, die ihn angeblich verfolgt haben, die Wähler, die sich von der Kanzlerin einlullen ließen. Sie alle haben nicht erkannt, dass ein Kanzler Steinbrück ein Segen für Deutschland gewesen wäre. Sein einziger Fehler, wenn’s denn einer war: dass er sich zum Kandidaten hat ausrufen lassen – von den anderen.

So werden wir Peer Steinbrück in den nächsten Monaten da erleben, wo er sich wohler fühlt als auf den hinteren Bänken des Bundestags: als Weltenerklärer bei Vorträgen und in Talkshows. Dass er Kasse machen wird, davon darf man ausgehen. Sein Glück: Dass der Fiskus unter einer Kanzlerin Merkel seine üppigen Honorare nicht so gnadenlos besteuert, wie das unter einem Kanzler Steinbrück der Fall gewesen wäre. Es sei ihm gegönnt.




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