Die Hamburger Justiz greift nach Recherchematerial der ZEIT, Chefredakteur di Lorenzo warnt vor einem Angriff auf die Pressefreiheit. Zu den skandalösen und klar zu verurteilenden Entwicklungen gehört allerdings auch die unbequeme Frage, wie stark politische Kampagnen und Verflechtungen des Hamburger Medienhauses zur heutigen Kultur staatlicher Eingriffe beigetragen haben.
picture alliance/dpa | Ulrich Perrey
Die ZEIT und ihre bemerkenswerte Vergangenheit
Ausgerechnet die ZEIT hat in ihrer Geschichte ein bemerkenswertes Verhältnis zur Staatsmacht entwickelt. Zeitweise ging das Wohlwollen führender Redakteure so weit, dass sich selbst die Propagandisten der SED-Diktatur ausgesprochen zufrieden mit der Berichterstattung aus Hamburg zeigten. Ein Blick in das eigene Archiv dürfte für die heutigen Chefredakteure aufschlussreich sein.
Bereits 1964 unternahmen Marion Gräfin Dönhoff, Rudolf Walter Leonhardt und Theo Sommer eine ausgedehnte Reise durch die DDR. Ihre Berichte erschienen anschließend unter dem Titel „Reise in ein fernes Land“ als Buch. Die Mauer war erst drei Jahre zuvor errichtet worden, politische Gegner saßen in Gefängnissen, die Staatssicherheit überwachte die Bevölkerung, und an der innerdeutschen Grenze wurde auf Flüchtlinge geschossen. Dönhoff berichtete durchaus kritisch über Zensur und die einseitige Informationspolitik des SED-Staates. In den Reiseberichten zeigte sich allerdings auch jene tiefe Faszination für die angeblichen Errungenschaften der sozialistischen Gesellschaft, die später die DDR-Berichterstattung prominenter ZEIT-Autoren prägen sollte.
Den damaligen Höhepunkt erreichte diese Annäherung 1986. Der damalige ZEIT-Chefredakteur Theo Sommer erhielt im Januar ein ausführliches Interview mit Erich Honecker, der die endgültige Fassung persönlich bearbeitete. Sommer bedankte sich anschließend schriftlich bei Wolfgang Meyer, dem Leiter der Presseabteilung im DDR-Außenministerium, und übermittelte der SED-Führung ein bemerkenswertes Kompliment: Honecker brauche sich im Umgang mit westlichen Journalisten hinter Michail Gorbatschow nicht zu verstecken. Besonders glücklich zeigte sich Sommer über die Erlaubnis zu einer erneuten Reise durch die DDR. Honecker persönlich wies seine Untergebenen an, diese sorgfältig vorzubereiten und die Gäste nach Kräften zu unterstützen.
Vom 24. Mai bis zum 3. Juni 1986 bereisten sechs ZEIT-Redakteure die DDR, Marion Gräfin Dönhoff stieß zeitweilig hinzu. Auf dem Programm standen Industriebetriebe und Gespräche mit Funktionären bis hinauf ins SED-Politbüro. Die damalige ZEIT-Korrespondentin Marlies Menge schrieb später, die Reise sei praktisch wie ein Staatsbesuch organisiert worden. Die SED-Führung hatte beträchtlichen Aufwand betrieben, um den Gästen aus Hamburg die Vorzüge ihres Systems vor Augen zu führen.
In seiner anschließenden Artikelserie entdeckte Sommer einen Staat von erstaunlicher sozialer Leistungsfähigkeit. Das Warenangebot sei erheblich verbessert, der Wohnungsbau komme voran, die Menschen genössen Sicherheit. In der DDR sei ein „soziales System“ entstanden, „das unseres in mancher Hinsicht in den Schatten stellt“. Die Parteifunktionäre erschienen als sachkundige Fachleute und die staatliche Planung als ernstzunehmende wirtschaftliche Alternative. Selbst die allgegenwärtige Mangelwirtschaft verlor ihren Schrecken. Wer vor Geschäften Schlange stand, suchte nach Sommers Darstellung häufig einfach bessere Qualität. So kann man natürlich auch über leere Regale berichten.
Den damaligen Staats- und Parteichef betrachtete der ZEIT-Chefredakteur mit besonderer Bewunderung. Die DDR-Bürger brächten Honecker „fast so etwas wie stille Verehrung“ entgegen, schrieb Sommer am 20. Juni 1986. Ausgerechnet dem Mann, dessen Grenzsoldaten Flüchtlinge erschossen und dessen Geheimdienst politische Gegner verfolgte, attestierte einer der einflussreichsten Journalisten der Bundesrepublik eine beinahe zärtliche Zuneigung seiner Untertanen. Für eine solche Beobachtung war ein beträchtlicher Abstand zur Lebenswirklichkeit der Menschen erforderlich.
Noch bemerkenswerter war Sommers politische Prognose. In seinem abschließenden Reisebericht vom 15. August 1986 erklärte er, die DDR werde weiter existieren. Das System werde kaum jemals so schlecht funktionieren, dass sich die Bevölkerung aus Verzweiflung dagegen erhebe. Gut drei Jahre später demonstrierten Hunderttausende gegen die SED-Herrschaft. Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Der von Sommer für dauerhaft gehaltene Staat verschwand von der politischen Landkarte.
In Ostberlin war man zufrieden
Wie erfreulich die Berichterstattung für die Machthaber ausfiel, dokumentieren Unterlagen aus dem DDR-Außenministerium. Der Historiker Gunter Holzweißig wertete die Akten bereits 1995 in seiner Untersuchung über westdeutsche Medien und die Einflussversuche von SED und Staatssicherheit aus. Wolfgang Meyer hatte die Reise der ZEIT-Redakteure dokumentiert und anschließend ihre Artikel analysiert. Am 19. August 1986 legte er dem Politbüromitglied Joachim Herrmann einen Bericht vor, in dem die Artikelserie als Erfolg der DDR-Öffentlichkeitsarbeit gewertet wurde.
Die Texte stellten aus Meyers Sicht die „bisher umfassendste Korrektur des DDR-Bildes“ durch ein bedeutendes bürgerliches Medium der Bundesrepublik dar. Bereits 1992 berichtete die taz über diese Unterlagen. Für die SED-Führung war die ZEIT ein wertvoller Vermittler ihrer eigenen Sicht auf die DDR. Das Lob kam aus einem Machtapparat, der die Medienfreiheit im eigenen Land beseitigt hatte und die Kontrolle öffentlicher Informationen als selbstverständliches Herrschaftsinstrument betrachtete.
Ebenfalls aufschlussreich sind die Kenntnisse des DDR-Außenministeriums über Vorgänge innerhalb der Hamburger Redaktion. Meyer berichtete seinem Politbüro von erheblichen Auseinandersetzungen über die geplante Artikelserie. Es habe Versuche gegeben, die Texte zu kürzen und kritischere Beiträge über die DDR zu platzieren. Sommer habe sich mit seiner Konzeption durchgesetzt. Woher Meyer seine erstaunlich detaillierten Informationen bezog, blieb offen. Holzweißig hielt es für möglich, dass inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit Erkenntnisse aus der Redaktion weitergegeben haben könnten. Ein Beweis für einen konkret identifizierten Informanten ist damit nicht erbracht.
Der damalige ZEIT-Redakteur Michael Sontheimer widersprach später der Darstellung, ausgerechnet konservative Kräfte hätten gegen die Veröffentlichung opponiert. Tatsächlich hätten Redakteure des eher links geprägten Dossiers gegen die Unterbringung der Reiseberichte in ihrem Ressort protestiert. Innerhalb der ZEIT habe es also Widerstand gegen Sommers Kurs gegeben. Die Verantwortung für die veröffentlichte Artikelserie und ihre politische Ausrichtung lag letztlich beim Chefredakteur.
Ein bislang wenig beachtetes Detail betrifft den 25. Jahrestag des Mauerbaus im August 1986. Die SED-Führung befürchtete kritische Berichte westdeutscher Medien und verfolgte offenbar auch entsprechende Diskussionen innerhalb der ZEIT. Meyer behauptete, Sommer habe auf die Berichterstattung Einfluss genommen, sodass anstelle eines kritischen Beitrags zum Mauerbau ein Text über den Umgang mit der Asylantenfrage erschien. Diese Darstellung stammt aus dem Bericht eines interessengeleiteten DDR-Funktionärs und lässt sich daraus allein nicht abschließend bestätigen.
Roland Tichy erinnerte bereits am 8. November 2014 in seinem Beitrag „Warum ich den Fall der Berliner Mauer verpennt habe“ an diese Episode. Er beschrieb, wie er Jahre später einen Bericht aus dem Umfeld der ZEIT-Redaktion über die Reise gelesen habe. Besonders die Begeisterung für vermeintliche soziale Fortschritte und die zuvorkommende Behandlung der westdeutschen Gäste waren ihm stark in Erinnerung geblieben. Tichy nahm sich von der Kritik am damaligen Medienbetrieb ausdrücklich nicht aus. Auch er habe den Bestand der DDR für weitgehend selbstverständlich gehalten und Warnungen vor einem bevorstehenden Zusammenbruch unterschätzt.
Ein Jahr später, zum 25. Jahrestag der Wiedervereinigung, griff Hugo Müller-Vogg das Thema bei Tichys Einblick erneut auf. Unter der Überschrift „Wiedervereinigung: Wie ‚Die Zeit‘ die DDR verherrlichte“ stellte er die damaligen Aussagen Sommers zusammen. Seine Kritik galt insbesondere dem Wohlwollen gegenüber der angeblichen sozialen Geborgenheit und staatlichen Fürsorge. Dabei war Sommer selbst durchaus bewusst gewesen, welche Vorzüge die Bundesrepublik bot. Er hatte ausdrücklich erklärt, dass er und seine Kollegen nicht in der DDR leben wollten.



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Die totalitären Tendenzen des Staates sind leider allenthalben zu spüren. Was aber dieser Tage noch besorgniserregender ist, ist die Tatsache, dass es dagegen kaum gesellschaftlichen Widerstand gibt, vielmehr scheint der Etatismus der Deutschen wieder neue Höhen zu erklimmen. CDU und FDP liegen auf dem Sterbebett, jene wenigen liberalen Kräfte in SPD und Grüne, die früher noch sowas wie eine freiheitliche Gesinnung hatten (ja, die gab es), wurden aussortiert, auch in der AfD gibt es mittlerweile eine starke soziale Strömung und inwiefern sie die staatlichen Repressionsmittel für ihre eigenen politischen Zwecke nutzen würde, ist eh noch die Büchse der Pandora. Kollektivismus… Mehr
Beschluss lag vor…..es durfte also durchsucht werden….Anwalt wird wohl vor Ort gewesen sein und alles beobachtet haben. Jetzt kann man ja als ZEIT klagen….wo ist das Problem? Warum soll es Di Lorenzo besser ergehen als jedem anderen Bürger der mal ein lustiges Meme ins Netz stellt?
„Chefredakteur di Lorenzo warnt vor einem Angriff auf die Pressefreiheit. „
so ist das halt in der Bourgeoisie: es kann auch mal die Höflinge treffen.
Schade, dass sich die Haltungsmedien einen Dreck darum scheren wenn von EU und Bundesregierung die freie Meinungsäußerung z.B. auf sozialen Medien zunehmend beschnitten wird.
Berichterstattung gab’s gar nicht oder sie war unkritisch.
Wenn die Presse laut Angriffe auf Pressefreiheit beklagt, nicht aber die weiter reichenden Angriffe auf die freie Meinungsäußerung oder alternative Medien, dann ist sie nur noch Anwalt in eigener Sache.
„den skandalösen und klar zu verurteilenden Entwicklungen“
Glauben Sie, die Zeit würde sowas schreiben wenn TE betroffen wäre?