Welche Republik? Unterwerfung, Misstrauen und unbeantwortete Fragen

Bei Interviews und Gesprächsrunden in den Mainstream-Medien bleibt das Gefühl zurück, dass die Teilnehmer mehr oder weniger dieselbe Meinung teilen, sich sozusagen innerlich bei jedem ihrer Beiträge zunicken. Aussagen von "Abweichlern" werden dementsprechend auf oft erstaunlich krude und aggressive Weise geahndet.

© Sascha Schuermann/Getty Images
Der türkische Premierminister Erdogan 2014 in der Lanxess Arena in Köln

Bei  Interviews und Gesprächsrunden aller Art in den Mainstream-Medien bleibt das Gefühl zurück, dass die Teilnehmer mehr oder weniger dieselbe Meinung teilen, sich sozusagen innerlich bei jedem ihrer Beiträge zunicken. Aussagen von „Abweichlern“ werden dementsprechend auf oft erstaunlich krude und aggressive Weise geahndet. Es hat keine Zeit in der BRD gegeben, in der politische Opposition, Presse, Künstlerszene und sogar die sogenannte Satire – heute meist Comedy gerufen – derart regierungskonform gewesen wären. Es scheint nur Zustimmung zu geben und keine bohrenden Fragen mehr. Für jemanden, der die 68er-Phase mitgemacht hat, ein unglaublicher Vorgang. Nehmen wir als Beispiel das gerade besonders gegenwärtige Thema Islam und dessen Weg in die Moderne.

Entwicklung in der Türkei mit Beobachtungen aus meinem Berufsleben

Seit ihrer Gründung im Jahr 1923 ist die Republik Türkei laizistisch geprägt. Der „Vater der Türken“, Mustafa Kemal Atatürk verordnete der türkischen Gesellschaft gegen massive Widerstände tiefgreifende Veränderungen und baute das Land nach westlich-säkularem Vorbild grundlegend um. Die Regelung, dass alle Bürger ungeachtet ihrer Sprache, Religion, Weltanschauung und ihres Geschlechts vor dem Gesetz gleich sind, wurde in der Verfassung von 1924  festgeschrieben. Die heute geltende (dritte) Verfassung von1982 betont noch einmal, dass die Türkei ein „….die Menschenrechte achtender, dem Nationalismus Atatürks verbundener und auf den in der Präambel verkündeten Grundprinzipien beruhender demokratischer, laizistischer und sozialer Rechtsstaat“ ist.

Aus meinen eigenen langjährigen Erfahrungen als Vermittlerin für Deutsch als Fremdsprache kann ich berichten, dass mir eine besondere Prägung der Sprachstudenten aus muslimischen Ländern in den 60er, 70er und 80er Jahren nicht aufgefallen ist. Im Gegenteil: Die Mehrzahl der Studenten aus der Türkei z.B. fielen durch ausgesprochen intelligente und weltoffene Beiträge auf. Zugegeben: Die Kursteilnehmer kamen oft aus akademischen Kreisen, wollten hier studieren und hatten aus diesem Grund schon ein großes Interesse daran, die Sprache zu lernen und die Kultur kennenzulernen. Außerdem bildeten sie nur eine Gruppe unter den Kursteilnehmern aus der ganzen Welt; manchmal bis zu 50 Nationen pro Kurs. Sie fielen einfach nicht auf. In mein Bewusstsein rückte die muslimische Prägung  ganz allmählich erst in den 90er Jahren, als z.B. eine bekopftuchte Dame mir erzählte, sie sei nur nach Deutschland zum Studium gekommen, weil sie sich in der Türkei nicht mit Kopfbedeckung in der Universität bewegen dürfe. Öfter kam es nun auch vor, dass muslimische Kursteilnehmer den Koran – z.B. auf Ausflügen – mit sich führten und am Freitag vorzeitig den Unterricht verließen, um in die Moschee zu gehen –  oder, dass einige wenige mir bei der Zeugnisausgabe nicht die Hand geben wollten. Für die Lösung vieler Probleme, die bei der Zeitungslektüre im Unterricht auftauchten – zum Beispiel der steigende Drogenkonsum,  Kriminalität, Umweltzerstörung – fiel mir auf, dass nun vermehrt eine „islamische Lebensführung“ als Heilmittel vorgeschlagen wurde. Die Indonesierinnen, die ich vorher immer wegen ihrer schönen Haare und ihrer frei flatternden Batik-Kleidung bewundert hatte, erschienen plötzlich mit Stirnband, Kopftuch und bodenlanger geschlossener Kleidung. Aber all dies lief so am Rande und „schleichend“ ab. Es war unter uns Kollegen in Deutschland bis zu meiner Verrentung jedenfalls kein großes Gesprächsthema.

Im Rückblick denke ich, dass der Islam (nach Atatürks Worten “Diese absurde Gotteslehre eines unmoralischen Beduinen ist ein verwesender Kadaver, der unser Leben vergiftet“) sich damals schon wieder auf den Weg zu seinem angestammten Platz gemacht hat, den er im Osmanischen Reich Jahrhunderte lang eingenommen hatte und auf dem besten Wege ist, das Land erneut zu unterwerfen.

Der Präsident des türkischen Parlaments Ismail Kahraman hat nun auch schon die Abschaffung des Säkularismus in der Verfassung gefordert: „Wir sind ein muslimisches Land. Als Konsequenz müssen wir eine religiöse Verfassung haben.“ Die natürlich auch ein sehr nützliches Machtinstrument ist. Staatspräsident Erdogan plant bereits seit Längerem eine Verfassungsänderung, hat aber bisher noch nicht die dafür notwendige Mehrheit. Hier sind wir am entscheidenden Punkt angelangt: Islam und Scharia sind ein und dasselbe. Der Parlamentspräsident sagt es, und man kann es nicht oft genug wiederholen: „Wir sind ein muslimisches Land. Als Konsequenz müssen wir eine religiöse Verfassung haben.“ Und gerade in dieser für die türkischen Bürger so kritischen Phase wertet  Bundeskanzlerin Merkel den Staatpräsidenten Erdogan derart auf.

Islam in Deutschland

Über die Jahre haben wir beobachten können, wie geduldig und hartnäckig der Islam – langsam und fast unmerklich aus dem Schatten tretend – an die Türen klopft.  Ist erst mal der Fuß in ein liberales demokratischen System gesetzt, lässt er sich nicht mehr aus der Tür entfernen, fordert immer dringlicher Einlass, je größer die Gemeinde wird, die sich hinter ihm versammelt und immer mehr Druck macht, je weniger Gegendruck entsteht, je mehr das Fördern über das Fordern gestellt wird. Aldi nahm 2015 die Flüssigseife „Ombia – 1001 Nacht“ aus den Regalen, weil darauf eine Moschee abgebildet war, die nicht auf einen Gebrauchsgegenstand passe, der auch noch in Toilettennähe stehen könnte. Kürzlich wurden im Rathaus Köpenick zwei Aktbilder einer Fotoausstellung abgehängt. Begründung: Täglich gingen Menschen mit Migrationshintergrund über die Flure zu den Amtsstuben und könnten daran Anstoß nehmen. Anfang des Jahres hatte man schon anlässlich des Besuchs des iranischen Präsidenten Ruhani im Vatikan nackte Statuen – also  Kunstschätze ! –  potthäßlich eingekastelt. Salopp drückt es ein Rechtsanwalt bei seinem Rat für Türkei-Touristen aus: „Einfach mal die Klappe halten.“ An weiteren Beispielen dieser Art besteht kein Mangel.

Realitäten – unter den Teppich gekehrt

Das Vertrauen in die etablierten Parteien ist besonders seit Beginn der Flüchtlingskrise deutlich geschwunden. Die Kirchen verzeichnen Austritte. Viele Bürger sind besser informiert denn je zuvor und durchschauen die ewig gleichen floskelhaften Versprechen der Politik: Die Versprechen, dass wir unseren Facharbeitermangel beheben, unsere Überalterung lindern und unsere Renten sichern könnten. Bei der Kritik geht es nicht um das Asylrecht, das die Mehrheit der Bürger nicht in Zweifel zieht. Es geht um die Vermischung der Begriffe Asylant, Flüchtling und Einwanderer. Diese Unterscheidung wird nämlich vermieden. Man benutzt die Begriffe synonym; in letzter Zeit sind es zunehmend nur noch „Einwanderer“, die kommen.

Es muss misstrauisch machen, wie viel vor uns verborgen wird, wie wenig wir z.B. über die Zustände in den Flüchtlingsheimen aufgeklärt werden, sondern auf gelegentliche Aussagen von Gewerkschaftsvertretern der Polizei, auf Internetvideos, unter der Hand weiter gegebene Berichte von Heimleitern, Sicherheitskräften, Ehrenamtlichen u. ä. angewiesen sind. Selten wird über die Verfolgung von Christen in den Unterkünften berichtet. Der Berliner Pfarrer Gottfried Martens schickt Hilferufe an Heimleiter und bittet um Schutz seiner christlichen Mitglieder. („Die Welt“). „Fast alle haben große Probleme in ihren Heimen“, sagt Martens. „Streng gläubige Muslime vermitteln dort die Ansicht: Wo wir sind, herrscht die Scharia, herrscht unser Gesetz.“ In der Küche dürfen Christen ihre Speisen nicht zubereiten. Wer nicht fünfmal am Tag in Richtung Mekka betet, wird gemobbt.“ Den Pfarrer beschäftigt die Frage, ob sich diese Flüchtlinge in Zukunft in diesem Land verstecken müssen. Ein mutiger Christ, denn die großen Kirchen machen das Versteckspiel mit und wollen solche Vorkommnisse um Himmels willen nicht an die große Glocke gehängt haben.

Kritik nicht erwünscht

Dabei hat man natürlich nicht das Gefühl, dass uns inzwischen mehr und detaillierte Kenntnisse über den Islam vermittelt werden,  dass eine wirkliche Auseinandersetzung stattfindet. Über Inhalte wird nicht gesprochen. Die „Methode“ war  wunderbar auf Phoenix bei „Unter den Linden“ (2. Mai: „Die gespaltene Nation“) zu sehen: Thilo Sarrazin konnte mal ausreden und brachte eine ganze Menge Argumente, Untersuchungen und Zahlen. Da hätte die Debatte losgehen können, wenn dem anfangs für seine Verhältnisse erstaunlich abgeturnten Jakob Augstein etwas mehr eingefallen wäre als Allgemeinplätze, Vorwürfe, „Unsinn!“-Sagen, Relativierungen und Grimassen ziehen. Auf Fragen zu den Gefahren (Frauenrechte, Homosexuelle usw.) kam wieder das Abgedroschene: „Den Islam gibt es nicht. Wir haben kein Problem mit dem Islam, sondern mit bestimmten Glaubensrichtungen.“ Wenn’s dann richtig ans Eingemachte geht, wird Augstein plötzlich ganz mobil, quatscht ständig dazwischen und macht den Gesprächspartner lächerlich.

Kritische Stimmen zur Rolle der Islamverbände

Bei der derzeitigen AfD-„Debatte“ steht erneut der allgegenwärtige Aiman Mazyek  in den Kulissen bereit und bringt gleich zu Anfang mal wieder den beliebten Nazi-Vergleich. Herr Mazyek? Ja, das war der, der als einer der wenigen Vertreter der Islamverbände Seite an Seite mit Angela Merkel, Joachim Gauck, Sigmar Gabriel und Christian Wulff bei der Mahnwache für Charlie Hebdo in Berlin auf dem Pariser Platz auftrat und „Wir alle sind Deutschland“ sagte. Mazyek ist Vorsitzender des  Zentralrats der Muslime in Deutschland e.V. und vertritt ca. 20 Organisationen mit etwa 20.000 Mitgliedern, was etwa ein bis zwei Prozent der hier lebenden und zehn Prozent der organisierten Muslime entspricht.

Die Medien lassen zwar andere (kritische) Stimmen nicht ganz beiseite, aber im Falle der Islam-Debatte hört und sieht man hauptsächlich die Vertreter der Islamverbände, die meist jede Kritik abwehren und sich als Opfer der Gesellschaft und der AfD gerieren, nur zu bereitwillig assistiert vom Mainstream. Dabei muss man bedenken, dass es Institutionen wie unsere Kirchen im Islam nicht gibt. Es gibt keine Taufe als Eingliederung in die Religionsgemeinschaft. Es gibt nicht die freiwillige Bestätigung des Eintritts durch die Kommunion bzw. Konfirmation. Man wird als Muslim geboren und stirbt als Muslim, wenn man nicht im Höllenfeuer braten will. Wer will da noch diskutieren?

Die echten, differenzierten und hoch engagierten Kritiker des Islams sind  nach wie vor diejenigen, die mit dem Islam aufgewachsen sind, unter ihm schwer gelitten haben und sich zum Teil nur noch unter Polizeischutz in der Öffentlichkeit bewegen können. Sie stehen mit ihrem Leben dafür ein, ihre Meinung frei äußern zu dürfen. Warum sind die Politiker taub für deren Erklärungen und Ratschläge? Warum sind ihre Stimmen in der Öffentlichkeit kaum existent?  Hamed Abdel Samad hat 3 Jahre lang im Rahmen der „Islamkonferenz“ versucht, den Innenminister und seinen Stab davon zu überzeugen, dass die konservativen Islamverbände sich hier nicht institutionalisieren dürfen, dass sie nicht noch mehr Macht, mehr Einfluss und mehr Zugang zu Steuergeldern bekommen und mit der Religion Politik machen. Seiner Meinung nach führt das zu Parallelgesellschaften und besonders auch zu einer Vereinnahmung der meist moderaten Muslime, die einfach nur ihr Leben führen und nicht gegängelt werden wollen. Seit Erdogan die Meinungsfreiheit immer mehr einschränkt und soeben 970 Imame  von der türkischen Religionsbehörde nach Deutschland (Dachverband DITIP) geschickt wurden, die natürlich auch Transporteure seiner politischen Ziele sind, ist man hellhöriger geworden, hält aber an den Verbänden fest. War es nicht schon ungeheuerlich, dass Erdogan hier seine großen Wahlreden halten konnte?

Fragen  über Fragen

Es wird immer wieder von oben herab behauptet, die Menschen wollten „einfache Antworten“. Womit man die „besorgten Bürger“ einfach mal für doof erklärt. Ich bin weder besorgt, noch – hoffentlich – doof. Ich habe auch keine Angst – wie mir als Bürger immer wieder unterstellt wird. Aber ich habe viele Fragen und behaupte, dass ich auf meine Fragen von der Politik gar keine Antworten bekomme. Hier nur einige meiner zahlreichen Fragen: Warum haben sich gerade im Herbst 2015 Hunderttausende auf den Weg nach Europa gemacht? Warum waren die Flüchtlingslager in Syrien und in anderen Ländern seit längerem drastisch unterfinanziert? Was für ein Deutschland will Merkel, wenn sie sich ein anderes Deutschland wünscht? Wie soll dieses „andere Deutschland“ aussehen, wenn das jetzige anscheinend nicht mehr das ihrige ist. Was für Interessen stecken hinter der augenscheinlichen Einseitigkeit und Lückenhaftigkeit von Politik und Mainstream-Medien, die uns mit immer wieder denselben Floskeln nerven?  Wie kann es sein, dass man die Aufteilung der Welt in Gläubige und Ungläubige, die Polygamie, die Todesstrafe für Apostaten und Homosexuelle, die Körperstrafen, die Frauenrechte nicht zur Debatte stellen will? Warum werden diese Fragen nicht dringlicher in der Öffentlichkeit gestellt? Sie müssen gestellt werden!

Wenn Merkel „vom Ende her“ denkt, wie man manchmal hört, dann würde ich doch gerne wissen: An welches Ende denkt sie? Vom Ende her denken heißt doch, dass man das Ergebnis kennt oder eine Vorstellung davon hat und die Schritte dorthin planen muss, was sie mit dem Adjektiv „alternativlos“ ja auch immer wieder genau  beschrieben hat.

„Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ (B. Brecht,“ Der gute Mensch von Sezuan“, Epilog,  Suhrkamp Verlag, 1997)

Ingrid Ansari war Dozentin am Goethe-Institut.

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Das Individuum ist nur bedeutungslose Masse und Mittel zum Zweck, die wirkliche Gefahr dahinter ist die Ideologie des Politischen Islams die täglich mit Täuschung, Forderung und Opferrollengehabe beharrlich ihr Ziel im Auge behält: „Die Weltherrschaft“. Den politischen und fundamentalistischen Islam kann man am besten mit der Krebskrankheit vergleichen, weil er sich genau so verhält. Wird er nicht im Anfangsstadium wirksam bekämpft, erfordert es sehr drastische und harte Maßnahmen ihn noch unter Kontrolle bringen zu wollen. Zuerst bildete er Metastasen (Parallelgesellschaften) die sich immer schneller ausbreiten und immer aggressiver und herausfordernder auftreten, bis sie ein Stadium erreicht haben, den ganzen Organismus… Mehr