Eine Kommission hat Vorschläge gemacht, wie der deutsche Sozialstaat reformiert werden kann. Darin finden sich durchaus sinnvolle Ideen wie die Vereinfachung der Verwaltung und finanzielle Anreize zu arbeiten. Nun geht es an die Umsetzung - die ist heikel.
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Die „Sozialstaatskommission“ spielte am Montagnachmittag ihre Ergebnisse regierungsfreundlichen Medien zu. In der Hoffnung, dass diese die Vorschläge entsprechend gutheißen und so den öffentlichen Ton vorgeben. Die Journalisten – etwa vom Deutschlandfunk oder vom Handelsblatt – erledigten ihren Job so, wie sie ihn verstehen: Sie bejubelten die Regierung und freuten sich auf die größte Reform seit den Hartz-Gesetzen.
Nun. Jubelperser tun, was Jubelperser tun. Doch als die zuständige Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) am Dienstagmorgen im MoMa auftrat, erzählte ihre Gesicht etwas anderes. Ihre Worte auch: „Ich will die Euphorie bremsen… Wir brauchen Durchhaltevermögen.“ Anders als die Pflegekommission hat die Sozialstaatskommission wirklich brauchbare Vorschläge geliefert – nur ob die schwarz-rote Regierung diese umsetzen kann, ist fraglich. In nichts prägt sich diese offene Frage so ein wie in das Gesicht von Bärbel Bas.
Zu den Vorschlägen der Verwaltung gehört, dass die Empfänger von Bürgergeld aka Grundsicherung nicht mehr an vielen unterschiedlichen Stellen viele unterschiedliche Anträge stellen müssen. Für sie soll es nur noch zwei zuständige Stellen geben: Wer erwerbsfähig ist, geht zum Jobcenter – wer nicht arbeiten kann, etwa aus gesundheitlichen Gründen, wendet sich ans Sozialamt. Dort bekommt er alle Leistungen aus einer Hand, neben der Grundsicherung etwa das Wohngeld oder Kinderzuschläge. Kindergeld müssen Eltern künftig gar nicht mehr beantragen, sie erhalten es automatisch.
Der zweite Kernvorschlag der Kommission: Der Staat soll mehr Anreize für Empfänger der Grundsicherung schaffen, arbeiten anzunehmen. In der Praxis bedeutet das, dass die schwarz-rote Koalition entweder Steuern und, oder Abgaben senken muss oder sie staatliche Zuzahlungen für arbeitende Grundgesicherte einführen und ausbauen. Bas sagte im MoMa dazu einen bemerkenswerten Satz: „Wir wollen, dass sich Arbeit wieder lohnt.“ Damit räumt die SPD-Vorsitzende ein, dass sich Arbeit in Deutschland allzu oft nicht lohnt. Bisher wollte sie mit Parteifreunden wie Nancy Faeser solche Kritik als Verbreitung von „Fehlinformation“ verbieten. Nun muss sich Bas dem Thema stellen.
Die Umsetzung wird nicht einfach. Bas weiß das, ihr Gesicht verrät es, Das fängt mit dem Schreiben der notwendigen Gesetze. Es ist eine durchaus diffizile Aufgabe, Zuverdienstgrenzen so zu gestalten, dass sie die Aufnahme von Arbeit nicht blockieren, aber gleichzeitig auch nicht unfair für die werden, die ein Gehalt von plus X oberhalb der Zuverdienstgrenzen erhalten. Steht erstmal ein solcher konkreter Entwurf, ist mit Kritikern aus den Reihen der Regierung zu rechnen. Auch und vor allem aus Bas eigener Partei: Sozialdemokraten und Steuersenkungen…
Dann kommt die praktische Seite der Umsetzung. Die Kommission schlägt vor, dass die zuständigen Behörden und Stellen die Daten der Empfänger leichter digital austauschen dürfen. Hoch sinnvoll, höchste Zeit. Aber das bedeutet auch, dass alle Länder und Kommunen bereit sein müssen, mit der gleichen Software zu arbeiten. Bisher ist Finsdorf Ost kaum davon zu überzeugen, mit den gleichen Programmen zu arbeiten wie Finsdorf West.
Bas ist überzeugt davon, dass das klappt. Anders als in der Pflegekommission saßen in der Sozialstaatskommission vor allem Vertreter der Praxis statt Wissenschaftler. Die zuständigen Ministerien waren vertreten, die Bundesländer und die Spitzenverbände der Kommunen. Die Führung hatte Bas Leiterin der Grundsatzabteilung, Nermin Fazlic. Die Daten sollen über eine zentrale Plattform ausgetauscht werden, sagt die Ministerin. Die soll bis nächstes Jahr stehen. Sich die gleiche Software zu teilen, würden die Kommunen schon deshalb bereit seien, weil sie in der Kommission vertreten waren. Das sagt der Mund von Bärbel Bas – ihr Gesicht sagt etwas anderes.
Dass die Jubelperser in den Regierungsmedien die Vorschläge begrüßen, ist keine Nachricht – so verstehen sie halt ihren Job. Doch auch aus der Wirtschaft kommt Lob, wie es die Regierung Friedrich Merz (CDU) nicht gewohnt ist: „Die Empfehlungen zeigen einen Weg auf, wie der Sozialstaat einfacher, effizienter und leistungsfreundlicher organisiert werden kann – ohne das soziale Schutzniveau zu gefährden“, teilen etwas die „Jungen Unternehmer“ mit. Doch ihr Vorsitzender Thomas Hoppe warnt auch: „Der Bericht der Kommission zur Sozialstaatsreform ist kein Diskussionspapier für die Schublade, sondern ein klarer Arbeitsauftrag.“ Bas weiß das. Ihr Gesicht sagt aber eindeutig, wie schwer ihr dieser Arbeitsauftrag fallen wird.

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Eine echte Steuerreform die die vielfältigen (auch: Voraus-) Abschöpfungen konsolidiert und gesundschrumpft wäre ein echter Fortschritt. Das wäre vielleicht ohne großartige Blockade der ehemaligen Arbeiter- und heutigen Ausländer- und Faulenzerpartei zu bewerkstelligen, die eigentlich nur das Wohl ihrer neuen (vermeintlichen) Wählerschicht (turboeingebürgerte Sozialmigranten) im Blick hat. Noch ist nicht sehr viel von den Vorschlägen bekannt, zum Teil widersprechen sich die Berichte bzw. sind eben lückenhaft, was heraussticht ist der leichte Zugang zu nicht gekürzten Sozialleistungen (= alles aus einer Hand / in einer „App“). Na bravo! Dafür wird Bullshit-Bärbel sicher einen „Verdienst“-Orden von Frank dem Spalter abgreifen. Hinter den Schröderschen… Mehr
aber gleichzeitig auch nicht unfair für die werden, die ein Gehalt von plus X oberhalb der Zuverdienstgrenzen erhalten….das ist ein typisch deutsches denken. Die mit gehalt X zahlen doch eh und wenn jetzt mehr arbeiten weil es sich lohnt könnte man diese ja im gegenzug auch entlasten (steuern senken) denn der staat spart ja geld ein wenn die arbeiten die jetzt nicht arbeiten weil es sich nicht lohnt.
Bullshit-Bas wird nur labern und alles vermasseln … Rücktritt längst überfällig … in Japan würde man rituelles Harakiri fordern (Satire) …
Reichelt hat das einzig Richtige dazu gesagt: Reformen, die es Empfängern erleichtern an Geld zu kommen.
Es ist ambitioniert, den offenkundigen sozialstaatlichen Widerspruch in dem erodierenden Noch-Staat Bundesrepublik Deutschland prägnanter beschreiben, als durch besagten Satz der gelernten Bürogehilfin Bärbel Bas, die als SPD-Vorsitzende das Schicksal dieses zunehmend dysfunktionalen Staates bestimmt.
Auch durch die Negativauslese der politischen Klasse wird der demokratische Staat kollabieren.
Dafür wurde 1918 wir die Monarchie abgeschafft.
Kann man glauben, muß man aber nicht, habe leider immer wieder andere Erfahrungen gemacht und aus Erfahrung wird man klug und wählt blau!
Danke, SPD, Grüne und nicht zuletzt die CDU, daß Ihr dafür gesorgt habt, daß sich Arbeit nicht mehr lohnt! Ihr seid so ungefähr das Letzte, was wir gerade brauchen. Ihr seid diejenigen, die die Probleme überhaupt erst schaffen, die Ihr zu lösen vorgebt.
Soweit ich das bisher sehe, ist dies „Riesenreform“ nicht mehr als das Aufräumen eines versifften und unübersichtlichen Schreibtischs. Solange vorsätzlich Inhalt mit Form verwechselt wird, wird sich in der Sache nichts ändern. Chef zur Sekretärein: „Natürlich können die alten Akten alle weg, Frau Müller. Aber vorher machen Sie von allem eine Kopie.“ Der Sozi-Vereinigung DGB wetzt schon das nächste Messer: ein gewisser Kevin Kühnert (SPD) und eine gewisse Ricarda Lang (Grüne) sollen eine Rentenreform ausarbeiten. Damit konnte der DGB zwei der kompetentesten Politiker für diese Aufgabe gewinnen – keine abgeschlossene Ausbildung. Wer hat denn tatsächlich geglaubt, dass mit dem gleichen… Mehr
Nun, derlei Parolen hören wir – besonders in vor Wahlen – immer wieder. Nur wurde nicht nur nichts daraus, sondern hat sich im Gegenteil Arbeit dank der Politik, die ja „nur besser erklärt werden müsse“ tatsächlich immer weniger gelohnt.
Nicht zuletzt auch wegen der sogen. Kalten Progression, die uns ebenfalls gerne vor Wahlen anzuschaffen versprochen wurde – um dann zu erfahren, dass „dafür keine Spielräume existieren“.
Merkwürdig nur immer wieder zu sehen, für wen und wofür es sich offensichtlich lohnt, dass (unser!) Geld wie nichts vom Himmel strömt.
Ein Bericht über das Gesicht von Bas. Super. Genau so brauchbar wie das worüber das Gesicht von Bas rezipierte.
(„rezipieren“ aus dem Lateinischen „recipere“ bedeutet, dass Informationen aufgenommen, interpretiert oder fremdes Kulturgut übernommen wurde (Arbeit soll sich wieder lohnen)).