Vom Nutzen des Genderns für die gesellschaftliche Spaltung

Was haben die Antifaschistische Aktion (Antifa) und der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) gemeinsam? Beide gendern: Die Antifa seit ihren Anfängen in den 1990er Jahren, der KDFB erst seit Ende 2019.

IMAGO / U. J. Alexander

„Sprache wandelt sich“, heißt es. Das stimmt, aber dieser Wandel tritt mit sehr verschiedener Geschwindigkeit auf: Neue Wörter – man denke an den aktuellen Corona-Wortschatz – verbreiten sich schnell, grammatische Strukturen hingegen bleiben für Muttersprachler im Wesentlichen lebenslang konstant. Die Grammatik des Deutschen bei Goethe unterscheidet sich nur in Details von der heutigen.

Beim Gendern handelt es sich um ein – seit den 1980er Jahren diskutiertes – grammatisches Problem, das sich hauptsächlich bei der Bezeichnung gemischtgeschlechtlicher Personengruppen stellt. Hier zu erwarten, man könne im allgemeinen Sprachgebrauch das im grammatischen System der deutschen Sprache seit Jahrhunderten verankerte generische Maskulinum (die Lehrer) systematisch durch andere Formen ersetzen – Lehrer und Lehrerinnen (Paarform) oder graphische Neuerungen wie LehrerInnen, Lehrer_innen, Lehrer*innen, Lehrer:innen – ist eine Illusion.

Deshalb hat sich auch in den letzten vier Jahrzehnten die Funktion des Genderns verändert: Stand es zunächst im Dienste des Sprachfeminismus, wurde es nach dessen Scheitern zur „Frage der Moral“ erklärt und dient heute als politisches Gesinnungsymbol, vor allem im „Kampf gegen Rechts“.

Männersprache Deutsch

In der Anfangszeit der Genderdiskussion ging es darum, „Deutsch als Männersprache“ – so der Titel eines 1984 erschienenen Buches von Luise F. Pusch (geb. 1944) – zu entlarven und frauengerecht umzugestalten. Pusch – im Rückblick „die Päpstin der feministischen Sprachkritik“ (Emma 2/2021, S. 78) – fand allerdings damals wissenschaftlich keine Zustimmung: Ihre These, die deutsche Grammatik, konkret: das Genussystem, benachteilige die Frauen – aktuelle Fassung: „Unsere Grammatik widerspricht dem Grundgesetz“ (SZ-Magazin 52/2020) –, galt als „abwegig“, und Pusch konnte nach ihrer Habilitation keine akademische Karriere machen. In ihrer Habilitationsschrift Kontrastive Untersuchungen zum italienischen ‚gerundio‘ (Tübingen 1980) benutzte sie übrigens das „männersprachliche“ generische Maskulinum noch ganz selbstverständlich, und zwar nicht nur für gemischtgeschlechtliche Personengruppen wie „italienische, englische und dänische Deutschlehrer“, sondern auch in Bezug auf sich: selbst „[meine] eigene Erfahrung als Deutschlehrer“ (S. 90).

Der Sprachfeminismus breitete sich bis zur Jahrtausendwende als Gruppensprache aus und hatte eine Anhängerschaft, die öffentlich, vor allem im Bildungs- und Kulturbereich, eine gewisse Präsenz zeigte. Der kommunikative Durchbruch gelang aber nicht: Die Masse der rund 100 Millionen deutschen Muttersprachler hatte mit dem „Gendern“ – das Wort kommt Anfang der 2000er Jahre in Gebrauch – nichts im Sinn, wusste nicht einmal, was das ist.

Moralisches Deutsch

Der feministische Ansatz erwies sich als zu eng, um das Gendern zu begründen, zumal nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vom 17. Oktober 2017, das die binäre Geschlechtszuordnung aufhob und zur standesamtlichen Einführung eines dritten Geschlechts („divers“) führte. Einen breiteren Argumentationsrahmen für das Gendern bot die „Moral“: 2018 veröffentlichte der Anglist Anatol Stefanowitsch (geb. 1970) eine Streitschrift mit dem Titel Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen.

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Unter „politisch korrekt“ versteht er, abwertende Bezeichnungen für Personen(gruppen) zu vermeiden, und dazu gehören auch die Frauen, die durch das generische Maskulinum „systematisch verdeckt“ würden und „die Bürde [haben], ständig darüber nachzudenken, ob sie im konkreten Fall mitgemeint sind oder nicht“ (S. 36).

Stefanowitsch war nicht immer so mitfühlend: Ein Jahrzehnt vorher hatte er in einem wissenschaftlichen Aufsatz Forscherinnen ganz einfach zu den „Forschern“ gezählt: „[Bei] der eklektischen Sammlung von Daten, bei der der [Sprach]Forscher sich passend erscheinende Daten einzeln aus Texten zusammensucht, gibt es keine Garantie, dass der Forscher auf die relevanten Daten stößt.“

Nun sind moralische Fragen wissenschaftlich nicht entscheidbar. Moralische Regeln gelten auch unabhängig davon, ob sie befolgt werden: Dass die Masse der Deutschsprecher beim Gendern nicht mitmacht, muss dessen Aktivisten also nicht stören, im Gegenteil: Gendern wird zum politischen Gesinnungssymbol, um zu signalisieren, dass er oder sie „dabei“ ist..

Genderdeutsch als Politikum

Die Genderdiskussion hatte von Anfang an auch eine politische Ausrichtung: Es ging darum, das staatlich kontrollierbare Sprachhandeln (Stellenanzeigen, Verordnungen, behördliche Mitteilungen u. Ä.) „geschlechtergerecht“ umzuformulieren und so ein Vorbild für den allgemeinen Sprachgebrauch zu schaffen. Ersteres ist in gewissem Umfang gelungen, letzteres gescheitert, weil das Behördendeutsch als „Sondersprache“ gilt und keineswegs als Modell für „guten“ Sprachgebrauch.

„Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.“
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Richtig „politisch“ wird das Gendern erst, wenn es zur Unterscheidung von „Freund“ und „Feind“ dient. Eine Anleitung hierzu lieferte vor kurzem Henning Lobin in seinem Buch Sprachkampf. Wie die neue Rechte die deutsche Sprache instrumentalisiert (Berlin 2021). Lobin, Direktor des Instituts für Deutsche Sprache, der weltweit größten germanistischen Forschungseinrichtung (Jahresetat: ca. 15 Millionen €), gibt eine einfache Botschaft:

Wer gegen Gendern ist, gehört zur Neuen Rechten (AfD u. Ä.). Gendern bildet also ein sprachpolitisches Bollwerk gegen Rechts – und dieser gemeinsame Feind kann auch Antifa und katholische Frauen verbinden. Ehrlicherweise erkennt Lobin allerdings an, dass ansonsten das Gendern nutzlos ist: „Es ist sehr wahrscheinlich, dass die sprachliche Differenzierung von Frauen und Männern kaum direkte Auswirkungen auf Gleichstellungsbemühungen in konkreten Bereichen, etwa im Beruf, besitzt.“ (S. 142)

… die moralische Wirkung ist eine ungeheure

Das Gendern verfehlt also sein ursprüngliches Ziel, nämlich die soziale Gleichstellung der Frauen (zum Beispiel bei der Rente) zu fördern. Trotzdem wurde und wird weiter gegendert, ganz nach dem Motto der altösterreichischen Feldartillerie: „Triffts, is guad; triffts ned, dann ist die moralische Wirkung eine ungeheure“.

Diese „moralische“ Wirkung des Genderns hat sich seit Anfang 2020, mit der Corona-Zeit, enorm verstärkt; im September schrieb der Genderist Stefanowitsch erstaunt: „Dass es die gesprochene Version des Gendersternchens […] in Talkshows und Nachrichtensendungen schaffen würde, hätte vor einem Jahr niemand vermutet“.

Mittelerde
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Vor Corona genderten außerhalb des Milieus der Gläubigen nur die öffentliche Verwaltung, Hochschulen und staatlich subventionierte Kultureinrichtungen. Nun sind es auch Lufthansa, Deutsche Bahn, der Rechtschreib-DUDEN (28. Aufl., 2020), überregionale Zeitungen und der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der das Gendern sogar hörbar macht: durch eine kurze Pause vor der Endung –innen, die aber im Sprechfluss vieler Moderatoren verloren geht, so dass gegendertes Lehrer-ínnen (= männliche + weibliche + diverse Lehrer) genauso klingt wie Léhrerinnen (= weibliche Lehrer).

Aber was soll’s? Es geht hier um moralische „Haltung“, nicht um kommunikative Klarheit. Deshalb wird in den meisten Medien auch nicht systematisch gegendert (das wäre sprachlich zu kompliziert) und das generische Maskulinum durchaus weiter verwendet. Es genügt schon, ab und zu eine gegenderte Formulierung einfließen zu lassen, um seinen guten Willen zu zeigen.

Wer dieses „Heil Gender!“ in der öffentlichen Kommunikation verweigert, muss heutzutage – ähnlich wie die Süddeutsche Zeitung (5. 8. 2021) für Corona-Ungeimpfte ankündigt – „mit Härten rechnen“. Gendern lohnt sich also – nicht nur für einige tausend hauptamtliche Frauen-/Gleichstellungs-/Gender- und Diversitätsbeauftragte, sondern auch für die viel größere Anzahl der „Mitläufer“.

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Kommentare ( 35 )

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Peter Silie
1 Monat her

Gendern ist wie die Maske ist wie die Regenbogenflagge ist wie das Niederknien ist wie das Hüpfen: das Erkennungsmerkmal der Guten. Aller anderen sind die Bösen, nämlich die Rechten. Der Tag wird kommen, an dem dieser Umerziehungsirrsinn zusammenbrechen wird, da bin ich mir sicher, weil Übles eben Übles ist und deswegen nicht dauerhaft Bestand haben wird. Wichtig dabei wird allerdings sein, daß man mit den Protagonisten abrechnet. Und zwar so, daß die Nation wenigstens ein paar Jahrzehnte von den Irrläufern verschont bleibt. Also nicht etwa so, wie es mit den Protagonisten der DDR passiert ist. Die sind nämlich wieder voll… Mehr

klaus riedel
1 Monat her

Der Unfug durchdringt das Staatsfernsehen auf ganzer Breite, nicht nur die Nachrichtenshows auch mit wissenschaftlichem Anspruch daherkommende Sendungen. So heißt es denn in Sendungen zu wissenschaftlichen Erkenntnissen z. B. „Forscher_#~*innen“.
Diese Sprechpausen – das Ohr mit ihrer Abweichung von korrekter Silbentrennung zusätzlich quälend – ergeben dann „Forscher innen“, was bei Sendungen über archäologische Grabungen besonders unsinnig ist. Ausgrabungen finden meist an frischer Luft statt, also draußen. Merke: Forscher innen forschen außen.

Iso
1 Monat her

Meine Empfehlung ist: Hören Sie einfach nicht hin!

greenout
1 Monat her

Münchner*innenstadt
Artikel über Alfons Schuhbeck im Merkur am 22.7.2021

Rolf M
1 Monat her

Was ja i.d.R. nicht erforscht wird, ist ja was der „Volksmund“ aus z.B. dem (m/w/d) in Stellenanzeigen als Auswuchs des Genderismus macht. Die heftigste Umdeutung ergab männlich, weiß, deutsch. Ob damit dann wirklich Erfolge erzielt werden können, ist fraglich. Aber ich glaube, dass zu jederzeit ideologische Vorgaben und insbesondere deren Abkürzungen verhohnepipelt werden/wurden und damit dem eigentlichen Ziel entgegenliefen. Warum Unternehmen gendern (insbesondere Bahn und Lufthansa) dürfte auf der Hand liegen. Bahn immer noch in der Hand des Bundes und Lufthansa 9 Mrd. (?) Coronahilfen. Bei letzterem Unternehmen dürfte das Versprechen zu gendern ggf. wichtiger gewesen sein, als die Frage… Mehr

StefanB
1 Monat her

„Beim Gendern handelt es sich um ein – seit den 1980er Jahren diskutiertes – grammatisches Problem,…“

Ich würde sagen, es handelt sich um ein pathologisches Problem.

Hueckfried69
1 Monat her

Der politisch korrekte Mensch steckt in einem Dilemma: Einerseits ist das Gendern -bzw. PC im Allgemeinen-das Instrument der Abgrenzung, v.a. gegenüber dem „Proll“, andererseits steckt in den meisten Linken auch das Bedürfnis nach einer Zwangsbeglückung der Massen. Es ergibt sich daher für sie die Notwendigkeit, zwecks Aufrechterhaltung der eigenen moralischen Überlegenheit immer noch ein und noch ein Brikett nachzulegen. Das heißt: Entweder schieben wir dieser Entwicklung j e z t einen Riegel vor, oder wir haben demnächst mit einer weiteren Fuhre diesbezüglicher „Innovationen“ zu rechnen.

Last edited 1 Monat her by Hueckfried69
HGV
1 Monat her

“Heil Gender“, hat mich etwas belustigt, liefert es doch die Verknüpfung zum Faschismus der „Heil …“ oder „Führer wir folgen Dir“ zu „Führer wir tragen die Folgen“. Immer noch ist der Bürger auf der Seite der Mehrheit Gendern abzulehnen, aber nicht nur Annalena ist der Meinung, man müsste den Deutschen umerziehen. In chinesische Umerziehungslager mit Gehirnwäsche, das wäre den grünen Maoisten und ihren Gefolgsleuten am liebsten – 1984! Das da irgendeine Katholische Vereinigung dem folgt oder auch irgendeine kirchlicher Verband meint, im Gendern läge die Weisheit, sie lösen sich vom Glauben und ihrer Historie. Die Elite ist auf dem Tripp,… Mehr

Dieter Rose
1 Monat her

Panzer segnen,
Sprache gendern:
die Kirche ist immer vorne dabei.
Kann weg!
(ist die grüne Doppelspitze
eigentlich dabei: wäre doch
das 2. Großprojekt zum Unterwandern)

roxy
1 Monat her

Gendern ist ein Selektionsinstrument.

Entweder Du genderst, oder Du bist raus.

Gilt jetzt schon an Universitäten, Parteien und für die höhere Laufbahn im öffentlichen Dienst.