Terrorprozess ohne Terror

Drei Jahre U-Haft ohne Urteil, Terrorparagraf statt Tat, Überwachung statt Beweis. Der Prozess gegen Prinz Reuß zeigt, wie der Rechtsstaat im Namen der Sicherheit seine eigenen Grundsätze opfert, und am Ende beides verspielt.

picture alliance/dpa/dpa POOL | Boris Roessler

Drei Jahre ist es her, dass Heinrich Prinz Reuss von schwer bewaffneten Polizisten festgenommen und vom Haftrichter ins Gefängnis gesteckt wurde. Zweimal in der Woche wird er aus der Untersuchungshaft in das festungsartig gesicherte Gerichtsgebäude transportiert, das eigens zu diesem Zweck am Rande der Stadt errichtet worden ist. Inzwischen ist mehr als hundert Mal gegen ihn und seine Mitangeklagten verhandelt worden; und wenn es so weitergeht, spricht einiges dafür, dass es noch einmal so lange dauern wird, bis ein Urteil gesprochen werden kann.

Die Angeklagten würden dann über vier, vielleicht sogar an die fünf Jahre ihres Leben hinter Gittern verbracht haben – nicht als Strafgefangene, sondern in Untersuchungshaft. Was danach fragen lässt, wieweit eine U-Haft von so extremer Dauer die Strafe – und damit eben auch das Urteil! – schon vorwegnimmt; was die landauf landab zitierte Unschuldsvermutung, ein Fundament des Rechtsstaates, eigentlich noch wert ist; ob das Gericht nicht Erwartungen weckt, die zu erfüllen es sich gedrängt fühlen könnte, nicht weil das Gesetz, sondern weil die Öffentlichkeit das so will. Denn die Öffentlichkeit ist eine Macht, und diese Macht erwartet, ja verlangt, dass die Justiz in einem Verfahren, das ihr als größter Terrorprozesses der Nachkriegszeit angekündigt worden war, auch liefert: lauter Fragen, die sich im Prozess gegen den Prinzen Reuss und andere aufdrängen, aber nicht beantwortet werden.

Die Anklage stützt sich auf den berüchtigten Paragraphen 129a des Strafgesetzbuches, der von der Bildung terroristischen Vereinigungen und der Absicht auf Mord und Totschlag handelt. Also nicht die Tat, sondern den Gedanken, die Vorbereitung zur Tat für strafbar hält. Geschaffen wurde er im Kampf gegen links, gegen die Mordtaten der Baader-Meinhof-Bande; geschaffen, wie gesagt, nicht angewandt. Denn Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, die drei Häftlinge in Stuttgart-Stammheim, genossen Vorzugsbehandlung. Sie hatten ihre eigenen Bücher, ihre eigenen Plattenspieler, am Ende sogar ihre eigenen Pistolen, mit denen sie sich töteten, nachdem ein letzter Versuch, sie freizupressen, gescheitert war.

Einer ihrer Anwälte, gedeckt durch die Privilegien seines Berufsstandes, soll ihnen die Waffen besorgt haben. Seither gelten in Strafverfahren nach Paragraph 129a StGB nun auch die Anwälte als suspekt. Sie müssen sich abtasten lassen, dürfen nur getrennt durch eine Panzerglasscheibe mit ihren Mandanten konferieren, ihr Schriftverkehr wird von einem Dritten, dem sogenannten Leserichter, überwacht – alles im Dienst der vorbeugenden Gefahrenabwehr, der Prävention. Die erlaubt vieles, inzwischen fast alles. Endlos werden in Frankfurt die Telefongespräche verlesen, die mitgeschnitten, die Nachrichten kolportiert, die aufgezeichnet, die Konferenzen rekonstruiert, die abgehört worden sind. Um Sicherheit zu gewährleisten, haben sich Verfassungsschutz, Bundeskriminalamt und Militärischer Abschirmdienst so weit vorgewagt, dass niemand mehr ihren Lauschern sicher ist. Der Rechtsstaat hat sich in einen Überwachungsstaat verwandelt.

Handfestes zu Tage gefördert hat der Prozess bisher nicht. Die Angeklagten scheinen leidenschaftlich geredet, dilettantisch agiert und wenig oder nichts getan zu haben, „nicht einmal eine Fensterscheibe eingeworfen“, wie eine Beobachterin festgestellt hat. Ein Hauptpunkt, der sogenannte Sturm auf den Bundestag, zerfließt im Nebel, der Prinz hält die Idee für „ziemlich idiotisch“, kann auch nicht glauben, dass andere so etwas hätten machen wollen. Da hat er nicht gut zugehört, denn einen Aufruf, die Parlamente zu stürmen, hat es ja gegeben. Nur eben nicht vom Prinzen oder seinen Reichsbürgern, sondern von der Theologin Annette Behnken, verkündet im Radio als “Wort zum Sonntag“. Man hat die Frau nicht ganz ernst genommen, sicherlich zu Recht; aber warum begegnet man den Reichsbürgern nicht mit ebenso viel Nachsicht wie einer evangelischen Pastorin?

Wer die Sicherheit auf Kosten der Freiheit bewahren wolle, werde am Ende beide verlieren, hatte Thomas Jefferson vorausgesagt. Die Zustände im Deutschland des Jahres 2025 geben ihm recht. Wer wissen will, wie es um die Sicherheit bestellt ist, sollte einen der Weihnachtsmärkte besuchen, die neuerdings Messerverbotszonen heißen und mit Betonquadern, den Merkel-Pollern, gegen Angriffe strenggläubiger Muslims gesichert werden. Dort könnte er auf Polizisten treffen, die ältere Damen ersuchen, ihre Handtaschen zu öffnen, um ihnen gefährliche Gegenstände wie Nagelfeilen zu entnehmen. Und wie es um die Freiheit steht, erfährt er als Besucher einer der drei Prozesse, die gegenwärtig in Frankfurt, Stuttgart und München gegen den Prinzen Reuss und andere geführt werden. Dort wird er Zeuge, wie die Freiheit geopfert wird, um der Sicherheit zu dienen. Am Ende ist man dann beide los.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 75 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

75 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
Frank G.aus D.
1 Monat her

Für mich ist das ganz klar Freiheitsberaubung im Amt. Ich sehe da, auch wenn die Vorwürfe halbwegs stimmen sollten, wofür es anscheinend keine Beweise gibt,keine Verhältnismäßigkeit. Für mich sitzen die Verbrecher auf der Anklägerbank und sollten zu gegebener Zeit zur Verantwortung gezogen werden. Das ist nur noch ein Justizskandal und kein Prozess. Wenn unser „Rechtsstaat“ sich solche Schauprozesse leistet, ist mMn die Rechtsstaatlichkeit tot.Wie schon von anderen Kommentatoren geschrieben, gibt es wirkliches Gefährdungspotential in Deutschland,das von der Justiz ignoriert wird ,warum auch immer. Damit ist der Grundgedanke der Justiz ad absurdum geführt. Jeder mit gesundem Menschenverstand müßte das auch so… Mehr

brummibaer_hh
1 Monat her

Echt genial. Weil die Gruppe um den Prinzen noch gar nicht mit einem bewaffneten Aufstand begonnen hatte, findet Tichys Einblick sie völlig ungefährlich. Dabei hatten sie schon Waffen, die auch gefunden wurden – wofür eigentlich? Um den Wolf zu bejagen braucht man keine autommatischen Gewehre und Sprengstoff. Wie würde man hier kreischen, wenn ausländische Geheimdienste auf von Islamistengruppen geplante Attentate hinweisen, die aber noch gar nicht stattgefunden haben.All die vrsorglichen Verhaftungen der letzten Jahre wären ja dann auch nicht nötig gewesen – denn die haben ja noch gar nichts getan. Nachweislich zwar geplant etwas zu tun, aber nicht ausgeführt. Wie… Mehr

Edwin Rosenstiel
1 Monat her
Antworten an  brummibaer_hh

„Autommatische“ Gewehre: erklären Sie mal, was das ist, und bitte auch, wo und wieviel Sprengstoff gefunden wurde. In den Presseberichten, von Schmierblättern wie taz, natürlich hetzerisch aufgebauscht, auch in anderen, kann ich nichts zu Sprengstoff finden. Wenn Sie also gerichtsfeste Informationen haben, her damit! Sprengstoff wurde übrigens im August 2025 im Haus eines AfD Politikers gefunden. „Wie viele Waffen und Sprengstoff genau sichergestellt wurden, hat die Polizei nicht mitgeteilt. “ Da kann jeder tolle Fantasien entwickeln, umso besser, wenn man entsprechend veranlagt ist. Und natürlich werden bestimmte Kreise nicht müde, belegen zu wollen, um was für gefährliche Täter es sich da… Mehr

Last edited 1 Monat her by Edwin Rosenstiel
Harry Hirsch
1 Monat her
Antworten an  brummibaer_hh

Sie scheinen Insider zu sein oder woher kommt Ihre Erkenntnis, dass irgendwo Sprengstoff gefunden wurde? (und damit meine ich jetzt nicht die restlichen Silvesterböller, die noch vom Vorjahr im Keller lagen). Desweiteren soll es sich bei den gefundenen Waffen laut dem, was ich in den Medien gelesen habe, um legale Waffen (weil Waffenschein vorhanden bzw. gar nicht waffenscheinpflichtig) gehandelt haben. Aber auch da können Sie gern Genaueres über Ihre Quellen ausplaudern. Ich bin immer gern dankbar dafür, wenn man dazulernen kann.

Juergen Schmidt
1 Monat her

Das Berliner Parteienregime hält sich politische Gefangene, wer hätte damit nur gerechnet. Und natürlich haben sie auch hier ihren geliebten Mao gründlich studiert und verinnerlicht: Bestrafe einen, erziehe hundert!
Denn diese unerhörten Vorgänge sind eine radikale Drohung gegen den deutschen Adel und sonstige echte Eliten: Wehe ihr kommt uns hier in die Quere, dann holen wir euch und sperren euch einfach weg!
Damit diese echten Eliten auch zukünftig nicht daran erinnern, dass die BRD lediglich eine Besatzer-Verwaltung ist, damit sie ja nicht die Initiative in Deutschland ergreifen, und weiterhin die Füße still und den Mund geschlossen halten.

Prodigy
1 Monat her

Was dem Ganzen die Krone aufsetzt ist das sich hier ca. 3.000 Gefährder die jeder Zeit bereit sind einen Anschlag zu verüben wie auch immer aus dem islamischen Kulturkreis frei bewegen dürfen angeblich unter Beobachtung. Warum ging das mit der Rolatorgang nicht? Einem TE Leser muss ich das nicht erklären. Stichwort Long Tagesschau nur so eine Idee von mir.

spindoctor
1 Monat her

Das „neue Gerichtsgebäude“ könnte man ja auch als Investition in die Zukunft sehen?

MfS-HN-182366
1 Monat her
Antworten an  spindoctor

Zu klein für die vielen Hochverräter. Dazu müsste noch Moabit und Stammheim kommen. Vielleicht „reanimiert“ Donals Alcatraz und verleiht es für 100 Jahre an Nürnberg II?

greenman
1 Monat her

Deutschland..
Gestern : Rechtsstaat
Heute: Linksstaat
Morgen: Staatsbankrott

a.stricker
1 Monat her

Allmählich wird es wirklich gefährlich, weil sich zeigt, dass auch große Teile der Justiz von linken Ideologen unterwandert ist, denen das Recht als Mittel zum Zweck dient und die die Gleichheit vor dem Gesetz mit Füßen treten, Während Vergewaltiger mit dem entsprechenden Hintergrund freigelassen werden, werden diese „Gedankenverbrecher“, die mit ihren Jagdwaffen gewiss einen Schaden anrichten könnten (man achte auf den Konjunktiv), mit einer Riesenaktion von der Verhaftung bis zum Prozess praktisch über Jahre weggesperrt, um die „rechte Gefahr“ an die Wand zu malen, die sicher auch noch das Verbot des politischen Gegners zur Folge haben soll. Gleichzeitig breitet sich… Mehr

Willi4
1 Monat her

Wer sind denn diese Richter, die sich vor den ideologisierten Staatskarren spannen lassen? Freisler lässt grüßen. Wie von „unseren Demokraten“ müssten sie auch von „unserem Rechtsstaat“ reden.

Juergen P. Schneider
1 Monat her

Unser wehrhafter Staat wehrt sich nur gegen diejenigen, die sich selbst nicht mehr wehren können. Bei Demonstrationen für die Grundrechte während der Corona-Panik-Pandemie haben die uniformierten Büttel wahllos auf ältere Menschen eingeprügelt. Bei unseren juvenilen Eroberern aus dem Vorderen Orient ist man da schon wesentlich behutsamer, denn die könnten ja vielleicht zurückschlagen. Jeder kann sich selbst ein Urteil darüber bilden, ob dieser Staat noch ein freiheitlich-demokratischer Rechtsstaat ist. Meiner Meinung nach gibt es begründete Zweifel daran.

Mausi
1 Monat her

D verspielt alles. Hier der Fortschritt an unserenSchulen: https://www.news4teachers.de/2025/12/bildungsreform-warum-grundschueler-kuenftig-kein-schriftliches-dividieren-mehr-lernen/
Tatsächlich ausgeübte Gewalt: Täter kommt frei, da keine Fluchtgefahr, ist psychisch krank oder bekommt milde Strafe, die er bei guter Führung nicht mal absitzen muß.
Kinderschänder: s. Gewalt. Hauptsache, jeder wird überwacht.
Entzug des passiven Wahlrechts? „Friedliche“ Demos selbst gegen die Ausübung von Grundrechten? Antifa? Lächerlich. Gehört alles zu unsererDemokratie.

Last edited 1 Monat her by Mausi