Hochwasserkatastrophe: »Hier passiert was ganz Schlimmes, wir müssen etwas tun!«

Die Einsatzleitung für den Katastropheneinsatz im Ahrtal liegt beim Land Rheinland-Pfalz. Organisiert wird sie von der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) als zuständiger Landesbehörde für den Katastrophenschutz. So hätte es sein sollen, war es aber nicht.

IMAGO
Mehr und mehr stellt sich das katastrophale Versagen der Behörden bei der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal heraus. Vor allem stößt den Betroffenen auf, dass lange Zeit keine Hilfe kam. Erst viele freiwillige Helfer aus dem gesamten Bundesgebiet und vor allem Landwirte und Unternehmer mit schwerem Räumgerät packten ihre Traktoren und Radlader auf ihre Anhänger und fuhren ins Krisengebiet. Sie erwarteten dort, sich bei einer Einsatzzentrale zu melden und eingeteilt zu werden. Doch nichts dergleichen war dort, keine Leitstelle, kein Einsatzleiter mit Überblick und Plan, was zu tun ist.

Eindrucksvoll ein Bericht von Oberst a. D., Maximilian Eder, der ebenfalls helfen wollte und dachte, dass eigentlich die lokalen Behörden einen Einsatzstab sofort initiiert hätten. Als er sah, dass dies nicht geschehen ist, hat er sich sofort ans Werk gemacht. Er hat 38 Jahre in der Bundeswehr gedient, weiß, wie man organisiert, Einsatzstäbe leitet und sich einen Überblick verschafft. Ein eindrucksvoller charismatischer Mann, dem noch klar ist, woher der Begriff »Offizier« kommt, nämlich von Officium, auf deutsch »Pflicht«. Er sah es als seine Pflicht an, sofort zu handeln: »Helfen muss man sofort, und nicht erst, wenn die Toten angeschwemmt kommen!«

Er findet es »ganz schlimm«, was alles nicht geschah: »In Deutschland, einem hoch entwickelten Land, wo wir alles haben, alles an Vorbereitung, alles an Mitteln und Möglichkeiten, dass wir das nicht hinkriegen innerhalb der ersten Tage zu reagieren, dass muss ich ganz ehrlich sagen, kann ich nicht begreifen. Und das ist für mich … unterlassene Hilfeleistung.«

Einen minutiösen Ablauf des Katastrophenabends hat mittlerweile die Koblenzer Rhein-Zeitung in detaillierter Recherche vorgelegt. Sie kann übrigens ihre gedruckten Zeitungen in großen Teilen des Kreises Ahrweiler aufgrund der zerstörten Infrastruktur nicht mehr zustellen.

Danach gab am Dienstag, 13. Juli, die Hochwasservorhersagezentrale für das Ahrgebiet um 13:49 Uhr eine Warnklasse 2 aus, die sie am nächsten Tag, Mittwoch 14. Juli, um 11:17 Uhr in die höchste Warnklasse 4 hochstufte.

Ab 15:26 Uhr wird nach Recherchen der Rhein-Zeitung die Kreisverwaltung Ahrweiler alle drei Stunden automatisch über die aktuelle Hochwasserlage und die vorhergesagten Höchststände informiert. Auf dieser Basis, so Manfred Ruch von der Rhein-Zeitung weiter, könnte der Landrat des Landkreises, Jürgen Pföhler, ebenfalls sofort den Katastrophenalarm auslösen.

Der Pegel der Ahr bei Altenahr zeigt in einer letzten Meldung um 20:36 Uhr 5,75 Meter an, danach wird das Messgerät von der Flut mitgerissen. Um 20:56 Uhr twittert der Krisenstab einen Lagebericht mit dem Wasserstand noch von 5,09 Meter. Doch zu dieser Zeit müssen bereits von Campingplätzen erste Personen aus den Wassermassen gerettet werden, während die Wassermassen rasant weiter ansteigen.

Erst um 23:15 Uhr schreibt der Landrat dann: »Die Lage ist sehr ernst. Es besteht Lebensgefahr!« Zu spät für viele Menschen.

Mangelnde Koordination wirft Guido Orthen (CDU), Bürgermeister der Kreisstadt Bad Neuenahr-Ahrweiler, dem Krisenstab vor.

»Was allerdings die operative Arbeit des Krisenstabes, die Koordination der Hilfsorganisationen und so weiter angeht, haben wir bis heute starken Verbesserungsbedarf«, so Orthen gegenüber der »Rhein-Zeitung«. Es gebe keine Verbindungsperson im Krisenstab: »Doch das Wesentliche, was funktioniert hat, ist eigeninitiativ und unter dem Radar des Krisenstabes geschehen, zum Beispiel die Aufräumarbeiten und der Brückenbau an der Landgrafenstraße in Zusammenarbeit mit dem THW.«

Die Stadtverwaltung könne beispielsweise keine Großküchen für Bewohner und Helfer organisieren. »Das ist eben Sache der Einsatzleitung des Krisenstabs für Tausende Menschen.«

Er bestätigt damit auch die Berichte vieler freiwilliger Helfer, die aus dem gesamten Bundesgebiet in das Ahrtal gekommen waren, allerdings keine zentrale Koordinationsstelle vorfanden und so teilweise auf eigene Initiative handeln mussten – wie eben Oberst a.D. Eder.

Bürgermeister Orthen: »Man hat die Lage in dieser Stadt bis heute nicht verstanden, insbesondere die hohe Anzahl der Betroffenen in der Kreisstadt.« Und deutlich: »Wenn die privaten Helfer und vielen Initiativen nicht wären, hätten Teile der Bevölkerung in den vergangenen Tagen keine warme Mahlzeit bekommen.«

Die Einsatzleitung für den Katastropheneinsatz im Ahrtal liegt beim Land Rheinland-Pfalz. Organisiert wird sie von der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) als zuständiger Landesbehörde für den Katastrophenschutz. Leiter des Krisenstabes ist ADD-Direktor Präsident Thomas Linnertz. Der redet von »sowas haben wir noch nie erlebt« und von »großen Herausforderungen«, während ein Oberst a.D. sofort weiß, was zu tun ist und praktisch handelt. Die ADD wollte gleich mal die freiwilligen Helfer, die aus dem Bundesgebiet an die Ahr gefahren waren, zurückpfeifen und forderte sie zur Abreise aus den Katastrophengebieten auf. Grund seien drohende kommende Niederschläge.

ADD wiederum ist jener Laden mit Hauptsitz Trier, der unmittelbar nach der Katastrophe nichts Besseres zu tun hatte, als Landwirte aufzufordern, ihre weggespülten Flächen aus den Förderanträgen herauszurechnen. Ansonsten würden sie Subventionsbetrug begehen.

Dieses Bürokratiegebilde »Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion« löste im Jahr 2000 als neue zentrale rheinland-pfälzische Verwaltungsbehörde mit knapp 1.000 Mitarbeitern die Bezirksregierungen ab. Die hat auch jetzt zu Zeiten der Hochwasserkatastrophe nicht viel Besseres zu tun, als Bürger abzuwimmeln. Sie veröffentlicht auf ihrer Homepage Hinweise »zu persönlichen Besuchen an allen Standorten der ADD während der ‚CORONAVIRUS-Maßnahmen‘« und teilt mit: »Aufgrund der aktuellen Ereignisse in Bezug auf die Ausbreitung des COVID-19/SARS-Cov-2 möchten wir, auch unter Fürsorgegesichtspunkten, darauf hinweisen und Sie bitten, nur in zwingend notwendigen Fällen nach vorheriger telefonischer Absprache oder nach Terminabstimmung per E-Mail unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter persönlich aufzusuchen.«

Deren Sitz ist das prächtige Kurfürstliche Palais in Trier. In dem hat es sich Kurfürst Thomas Linnertz, ein Jurist ohne Katastrophenerfahrung, vor fünf Jahren wohnlich eingerichtet. Er trat in die SPD ein, dann begann seine Karriere im Mainzer Innenministerium bis hin zum Ministerialdirektor, bevor er dann vor fünf Jahren die bisherige ADD-Chefin ablöste. Die war von der Regierungschefin Marieluise Dreyer in den einstweiligen Ruhestand »befördert« worden.

Für bundesweite Erregung sorgte sein Lachen und hilfloses Gestammel bei einer Pressekonferenz am 29. Juli 2021. Er hatte auf die Frage der Redakteurin der Rhein-Zeitung, Gisela Kirschstein, zur Entschädigung und Bezahlung der professionellen, aber unbezahlten Helfer lediglich gnädig zugesagt, die Unternehmer könnten entstandene Schäden an Geräten einreichen, sofern vor Ort Aufträge für die Hilfsmaßnahmen erteilt worden seien.

»Wer erteilt denn solche Aufträge?« schimpft Landwirt Christian Lohmeyer auf seinem Kanal auf Facebook, »Herr Linnertz, wäre das nicht genau Ihre Aufgabe gewesen, diese Aufträge zu verteilen, zu koordinieren? Was machen Sie denn eigentlich? Vom ersten Tag wollte sich Herr Wipperfürth ( ein Lohnunternehmer, der sofort mit seinem schweren Räumgerät in das Krisengebiet angefahren kam, Anm.d.Red) nur einteilen lassen von Leuten wie Ihnen, die normalerweise den Hut auf haben sollten!«

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Kommentare ( 104 )

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egal1966
1 Monat her

Auch an diesen Artikel sieht man wieder sehr eindrucksvoll, dass die deutsche Verwaltungsstruktur von Bund bis hinunter zu den Kreisen zum größten Teil von „Versagern“ besetzt sind, die diese Posten größtenteils nur aufgrund parteipolitischer Kungelei erhalten haben, aber von „Tuten und Blasen“ keine Ahnung haben. Somit ist es auch sehr schnell erklärbar, warum in diesen Lande nur noch die Eintreibung von Steuern und Abgaben sehr gut funktioniert, aber in Notfallsituationen das blanke „Versagen“ herrscht. Ehrlich gesagt, dieses mag nun hart und unmenschlich klingen, hätte ich in Bezug auf Hilfsleistungen keinen Finger gekrümmt. Denn erstens werden sie dann noch ggf. von… Mehr

Last edited 1 Monat her by egal1966
Kassandra
1 Monat her

Die Ausgabe der warmen Mahlzeiten durch das Land wurde eingestellt – auch duschen können Helfer und Anwohner momentan wohl eher nicht mehr: https://www.rhein-zeitung.de/region/aus-den-lokalredaktionen/kreis-ahrweiler_artikel,-kein-warmes-essen-mehr-in-der-regenbogenschule-flutopfer-sind-empoert-_arid,2291903.html
Aber eine funktionierende Hilfsinfrastruktur, die hätte ausgebaut werden können, vom Platz schicken. Wie dummdreist kann man sein?

Mausi
1 Monat her

Mich würden auch mal die privaten Spenden interessieren. Wie hoch waren sie, wie werden sie verwendet. Könnten Sie nicht mal nachfragen angefangen beim DRK bis hin zum ARD Spendenaufruf? Sie bekommen vielleicht Antwort.

Th. Nehrenheim
1 Monat her

Ich befürchte, dass auch hier sehr teure externe Berater gewirkt hatten, um die Organisation des Katastrophenschutzes zu „optimieren“. Das sind junge Universitätsabsolventen, die das Projekt umsetzen, und der Chef setzt dann seine Unterschrift darunter. Die Bundeswehr ist ja auch entsprechend kaputtorganisiert worden. Wir können nur beten, dass die nicht mehr gebraucht wird. Aber noch einmal: Die Bürger sind allerdings selbst schuld! Es gibt immer weniger Leute, die Kriegssituationen wenigstens noch aus erster Hand kennengelernt haben. Es gibt mittlerweile endlich genug Zeitzeugenberichte, die man nur lesen muss, um zu verstehen, was geschehen ist, welches Leid herrschte und auf was es tatsächlich… Mehr

Britsch
1 Monat her
Antworten an  Th. Nehrenheim

Ich glaube nicht daß sich das viele „Junge“ tatsächliech vorstellen können wie das wirklich real war. Dazu ist die Wohlstandsgesellschaft und „Sozialversorgung“ zu selbstverständlich geworden

Giago
1 Monat her

Wer wissen möchte wie Behörden- und Politikerversagen aussieht, sollte sich mit freiwilligen Helfern und Anwohnern unterhalten. Ich habe in den letzten 2,5 Wochen an verschiedenen Orten geholfen und ich bin in der ersten Zeit wütend gewesen über die fehlende Hilfe der Behörden und war fassungslos wenn ich die Kommentare der Politiker gelesen habe, die medienwirksam an Katas-trophenorten aufgetreten sind und unbürokratische Hilfe versprochen habe. Ohne die vielen Landwirte und Firmen die mit schwerem Gerät angerückt sind oder dies zur Verfügung gestellt haben und ohne die vielen Helfer die mit Klein- maschinen angerückt sind oder nur ihre Muskelkraft zur Verfügung gestellt… Mehr

Kassandra
1 Monat her
Antworten an  Giago

Umso schlimmer, wenn so ein Depp ohne Rückgrat eine funktionierende Hilfsinfrastruktur wie die in der Aloisiusschule unter Mithilfe bzw. Anstiftung von THW, Politik und Medien zerstören lässt.
Das hätte sich, Dank der vorhandenen manpower, schnell weiter ausbauen lassen.
Irgendwer wird auch dafür gerade stehen müssen, wo dort vorhandenes gespendetes Gut, Gerät und Hilfsmittel hingekommen sind.

Caro
1 Monat her

mach meinem „Wissen “ haftet das Land/Staat , wenn der Landrat rechtzeitig den Katastrophen Alarm auslöst.
und ich behaupte , exakt aus diesem Grund , hat der Landrat etc. sich tot gestellt , frei nach dem Motto : dann haftet eben die Versicherungen .
das sollte man mal überprüfen .

Kassandra
1 Monat her

Paul Brusselmans schreibt heute auf TE: „…die Bundesregierung hat offensichtlich immer noch nicht die Solidaritätsklausel aufgerufen und Fluthilfe mit Helfern und technischem Gerät angefragt. Von der Laien war übrigens im wallonischen Flutgebiet und hat europäische Hilfe angeboten. Die100 km weiter nach Deutschland hat sie wohl nicht geschafft…“
https://www.tichyseinblick.de/daili-es-sentials/kanzler-peilen-die-gruenen-ministersessel-an/#comment-1498452

Betty Boop
1 Monat her

Wir sind schon eine Bananenrepublik!
Der Mann hat nur Recht, nicht nur was den Zustand der BRD betrifft, sondern auch bzgl. seiner Erfahrung und (Weit-)Sicht bzgl. der sozialen und politischen Umstände in Ländern wie z. B. in Afghanistan. Am Ende können sich die Menschen dort nur selbst rettten – wenn sie wollen.
Selbst aus einer Landwirts- und Soldatenfamilie stammend, kann ich nicht mehr aufhören zu weinen, wenn ich sehe, was aus diesem Land geworden ist.

Manfred_Hbg
1 Monat her

Zitat: „während ein Oberst a.D. sofort weiß, was zu tun ist und praktisch handelt“ > Mit Blick auf den Artikel und „Oberst a.D. Maximilian Eder“ fiel mir wieder die hier in Hamburg gewesene Sturmflut von 1962 und der Hauptmann der Reserve Helmuth Schmidt ein der nicht ohne Grund sehr oft auch als der „Macher“ oder Krisenmanager bezeichnet wurde. SOLCHE wahren Kerle von Menschen finden wir heute doch bestenfalls nur noch im normalen Volk und in der Nachbarschaft vor. Doch bei unserer übersättigten und vollgefressenen „Altparteielite“ und in den vor allem oberen Etagen unserer Behörden gibt es heute solche echten Kerle… Mehr

Betreutes Denken
1 Monat her
Antworten an  Manfred_Hbg

Ich weiß nicht, was Sie wollen, die betreffende Politelite weiß dafür aber ganz genau, wie man gendert und wo man / frau / divers das Sternchen*innen zu setzen hat.

jorgos48
1 Monat her

Zu diesem Versagen fallen mir nur 2 Bilder ein. Ein Politiker wie Helmut Schmidt (SPD) der die Macht an sich zog und in der Flutkatastrophe handelte. Und ein Helge Lindt (SPD MdB) der mit weißen, sauberen Turnschuhen im Hochwassergebiet steht und ein Sandsäckchen in den Armen hält.