Ein Flugzeug und 239 Menschen bleiben spurlos verschwunden. Bis heute. Jetzt startet die letzte große, technologisch hochgerüstete Suchmission nach MH370.
picture alliance / dpa | Fazry Ismail
Das spurlose Verschwinden von Malaysia Airlines Flug 370 (MH370) am 8. März 2014 ist bis heute das wohl größte Mysterium der modernen zivilen Luftfahrt. Seit über einem Jahrzehnt fehlen Flugzeug, Flugschreiber und die Überreste der 239 Menschen an Bord. Sämtliche Suchaktionen mit Suchflugzeugen und Tauchrobotern schlugen fehl – so aufwendig sie auch waren.
Doch nun ist eine neue, technologisch hochgerüstete Suchmission angelaufen, die vielleicht weitere Aufschlüsse bringen könnte. Die neue Suche nach Malaysia-Airlines-Flug MH370 ist kein Akt der Hoffnung, sondern ein Härtetest moderner Tiefseerobotik. Früher suchten Menschen mit Maschinen. Heute suchen Maschinen fast ohne Menschen.
Als die Boeing 777 am 8. März 2014 kurz nach Mitternacht in Kuala Lumpur startete, ahnte niemand, dass dieser Flug zum größten Rätsel der modernen Luftfahrt werden würde. 239 Menschen an Bord, Ziel Peking. Um 01:19 Uhr meldete sich der Pilot mit den letzten bekannten Worten: „Good night Malaysian three seven zero.“ Zwei Minuten später verschwand das Flugzeug von den zivilen Radarschirmen – der Transponder war abgeschaltet.
Was wir sicher wissen: Die Maschine wurde aktiv gesteuert. Militärische Radarsysteme zeichneten eine scharfe Linkskurve auf, zurück über die malaysische Halbinsel, vorbei an Penang, weiter in Richtung Andamanensee. Um 02:22 Uhr verlor auch das Militär den Kontakt – nördlich von Sumatra. Danach blieb nur noch ein technischer Restkontakt: stündliche automatische Satelliten-Pings mit einem Inmarsat-Satelliten.
Diese sogenannten Handshakes wurden später zum Schlüssel. Ingenieure analysierten minimale Frequenzverschiebungen – den Doppler-Effekt – und rekonstruierten daraus eine Flugroute. Das Ergebnis: MH370 flog noch fast sechs Stunden weiter, schnurgerade nach Süden, hinein in den leeren Indischen Ozean. Der Treibstoff ging vermutlich um 08:19 Uhr aus. Der Absturzort liegt irgendwo entlang des sogenannten „siebten Bogens“.
Zwischen 2014 und 2017 folgte eine der größten Suchaktionen der Geschichte. Unter australischer Führung wurden bis zu 120.000 Quadratkilometer Meeresboden abgesucht – größer als Griechenland. Mit Flugzeugen, Schiffen, geschleppten Sonaren und ersten autonomen Tauchrobotern. Ergebnis: nichts.
2018 versuchte es erstmals ein privates Unternehmen: Ocean Infinity. Drei Monate lang suchte man weiter nördlich, auf „No find, no fee“-Basis. Wieder kein Fund. Zurück blieben nur rund 20 Trümmerteile, angespült an den Küsten Ostafrikas. Das wichtigste: ein Flaperon, eine Flügelklappe, gefunden auf La Réunion. Der Beweis: MH370 ist abgestürzt. Doch wo?
Zehn Jahre lang blieb das Wrack verborgen. Jetzt, seit dem 30. Dezember 2025, läuft eine neue Suche – und sie unterscheidet sich grundlegend von allem, was zuvor versucht wurde.
Diesmal setzt Ocean Infinity auf einen radikal anderen Ansatz. Keine klassischen Forschungsschiffe mehr, sondern sogenannte Armada-Plattformen: hochautomatisierte Spezialschiffe, deren Zweck der Betrieb autonomer Roboter ist. Kleine Crews, große Decks, Moonpools im Schiffsboden, Start und Bergung auch bei rauer See. Das Ziel: maximale Einsatzzeit der Maschinen.
Gesucht wird mit modernen autonomen Unterwasserfahrzeugen der 6.000-Meter-Klasse, häufig als HUGIN-6000-Typ bezeichnet. Diese Roboter werden programmiert, tauchen ab und arbeiten völlig selbstständig. Keine Funkverbindung, keine Livebilder. Alles hängt von Software, Navigation und Sensorik ab.
Und genau dort liegt der Fortschritt. Statt einfacher Sonarbilder nutzen die Fahrzeuge Synthetic Aperture Sonar, das aus vielen Einzelmessungen hochauflösende, fast fotografische Bilder erzeugt. Multibeam-Echolote liefern dreidimensionale Karten des Meeresbodens. Magnetometer spüren Metall auch dort auf, wo Sonar versagt. Kameras und Laser helfen, verdächtige Objekte zu klassi-fizieren.
Der entscheidende Unterschied: Es arbeitet nicht mehr ein Roboter nach dem anderen. Ocean Infinity setzt mehrere AUVs gleichzeitig ein – Schwarmbetrieb in der Tiefsee. Das vervielfacht die täglich abdeckbare Fläche und erlaubt es, kurze Wetterfenster effizient zu nutzen. Fällt ein Fahrzeug aus, arbeiten die anderen weiter.
Hinzu kommt die Datenanalyse. Jeder Tauchgang erzeugt Terabytes an Informationen. Früher sichteten Spezialisten tagelang Sonarbilder. Heute helfen Algorithmen, Felsen auszusortieren, Trümmerformen zu erkennen und Suchziele zu priorisieren. Entscheidungen fallen in Stunden, nicht in Tagen.
Auch strategisch ist die Suche neu. Statt riesiger Flächen konzentriert man sich auf rund 15.000 Quadratkilometer. Grundlage sind verfeinerte Satellitendaten, neue Driftmodelle – und umstrittene neue Ansätze wie die WSPR-Analyse des britischen Ingenieurs Richard Godfrey, der behauptet, den Flugpfad über Funkstörungen rekonstruieren zu können. Kritiker zweifeln, doch die Methode liefert zumindest eines: ein konkretes Zielgebiet.
Warum jetzt eine neue aufwendige Suche? Der Druck der Angehörigen war enorm; sie wollen wissen, wo ihre Angehörigen geblieben sind. Und Ocean Infinity hat neue Schiffe und Systeme, die ihre Leistungsfähigkeit beweisen sollen. Der PR-Wert eines Fundes wäre unbezahlbar.
Was als wahrscheinlich gilt: Das Verschwinden war kein Unfall. Das Abschalten der Systeme, die komplexe Flugroute – das alles spricht für absichtliches Handeln im Cockpit. Die meisten unabhängigen Ermittler halten einen Suizid des Piloten für die plausibelste Erklärung. Doch endgültig beweisen lässt sich das nur mit dem Wrack.
Die Familie von Kapitän Zaharie Ahmad Shah bestreitet vehement die Suizid-Theorie aus naheliegenden Gründen, die malaysische Regierung und offizielle Ermittlungsstellen halten sich zurück. Im Abschlussbericht der Regierung heißt es: „The real cause of the disappearance cannot be determined.“
Vielleicht findet man die Blackboxen. Die akustischen Sender sind längst verstummt, doch die Datenspeicher könnten – wenn das Gehäuse intakt blieb – noch lesbar sein. Vielleicht zeigen Klappenstellungen und Trümmerfeld, ob es ein kontrolliertes Ende gab oder einen unkontrollierten Absturz.
Die aktuelle MH370-Suche ist kein nostalgischer Akt, sondern ein Testfall moderner Tiefseerobotik. Sie bündelt Entwicklungen aus Offshore-Industrie, militärischer Aufklärung, Meeresforschung und künstlicher Intelligenz. Die Suche, die am 30. Dezember 2025 angelaufen ist, gilt als die „letzte große Chance“. Ob das Wrack gefunden wird, ist offen. Wenn nicht, bleibt MH370 wohl für immer in der Dunkelheit der Tiefsee.


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Die Suche nach der Titanic dauerte sieben Jahre, obwohl doch ziemlich genau der Punkt des Unglücksfalls bestimmt werden konnte. Robert Ballard hatte eine aufwendige Suche betrieben, mehrfach. Insofern sind zehn Jahre keine große Zeitspanne, wenn man berücksichtigt, dass der Ort des Absturzes der MH 370 wesentlich undefinierter ist als bei der Titanic. Verstehen kann ich die Hinterbliebenen sehr wohl – auch wenn klar ist, dass alle Flugzeuginsassen bei dem Absturz ums Leben kamen. Ob es sich dabei allerdings um einen Anschlag handelte, darf bezweifelt werden. Ein Suizid des Piloten ist sehr plausibel (und kein Einzelfall). Nebenbei wird bei dieser Suche… Mehr
„gilt als die „letzte große Chance“
…
Wenn nicht, bleibt MH370 wohl für immer in der Dunkelheit der Tiefsee.“
Ziemlich kühn, heute Annahmen über die Ewigkeit zu treffen.
Aber nicht nur das. Auch dann, wenn man das Wrack finden würde, käme wohl keiner ernsthaft auf die Idee, dieses, besser das was davon noch übrig ist, aus der Dunkelheit der Tiefsee zu heben.
Zitat 1: „Doch endgültig beweisen lässt sich das nur mit dem Wrack.“ > Mhh, welches Wrack? Wenn die 777 dann sehr wahrscheinlich aufgrund Benzinmangel aus 10 bis 20 Km Höhe wie ein Stein nach unten und aufs Wasser aufgeprallt ist, hier wird dann wohl von „Wrack“ nix zu sehen und finden sein. Zumindest kein „Wrack“ im eigentlichen Sinne. Und das die 777 aufgrund Benzinmangel wie ein Segelflugzeug runtergebracht und dann vorsichtig zu „wassern“ versucht wurde, erscheint doch auch völlig unlogisch. Nun ja, dieser Flugzeugabsturz ist tatsächlich schon sehr mysteriös und es wäre sicher interessant wenn sie die Absturzstelle und vielleicht… Mehr
Sie schreiben: „Kritiker zweifeln, doch die Methode liefert zumindest eines: ein konkretes Zielgebiet.“ Woher wissen Sie das so sicher? Wenn alles so sicher wäre wie Ihre Behauptung, wäre MH 370 längst gefunden worden. Vielleicht ist genau diese Selbstgefälligkeit der Grund, weshalb MH 370 weiter verborgen bleibt.