Der alte Bürgermeister von Limbach ist der neue – obwohl Thorsten Weber nicht mehr wollte. Es gab keine Bewerber um seine Nachfolge, also stellte sich TE-Autor Giovanni Deriu zur Wahl. Er wurde Zweiter, einen Ortsfremden wollte man wohl nicht. Die „Wilde Wahl“ in Limbach war alles – nur keine echte Wahl. Aber irgendwie passend zur närrischen Zeit.
picture alliance / CHROMORANGE | MICHAEL BIHLMAYER
Bei gut 53 Prozent Wahl-Beteiligung am vergangenen Sonntag in Limbach im Neckar-Odenwald-Kreis haben viele Bürger entweder resigniert, kein Interesse mehr oder ganz bewusst ein Zeichen gesetzt. Gegen das Verfahren, gegen die Inszenierung, ganz sicher gegen einen Gemeinderat, oder gar gegen die Verwaltung (?), und einen Bürgermeister, die sich alle ihrer Sache vielleicht zu sicher waren. Der Bürgermeister, Thorsten Weber, ein Verwaltungsfachmann durch und durch, wollte ja eigentlich gar nimmer. Den Hals voll hatte er – zu viele Spannungen, Klagen. Ja, ganz einfach war der Bürgermeisterjob noch nie.
Vor dreieinhalb Wochen auf diese „Wilde Wahl“, da keine Bewerber um Webers Nachfolge da waren, von Bekannten aufmerksam gemacht, warf ich nach kurzer, aber tiefer Analyse meinen Hut in den Ring. Machte mich bekannt, im Amtsblatt, ging von Tür zu Tür, dazwischen eine Veranstaltung, in Balsbach, einem Teilort.
Letztendlich wurde ich als ortsfremder Kandidat Zweiter – hinter Bürgermeister Thorsten Weber. Von rund fünf namentlich bekannten Interessenten und etlichen weiteren, die nie sichtbar oder aktiv wurden. In Limbach und den Teilorten hätte ich deutlich mehr Stimmen holen müssen. Besonders bei den zahlreichen Nichtwählern. Ja, am Ergebnis hätte das tatsächlich nichts Grundsätzliches mehr geändert. Webers Wahlsieg war imposant, die Wahlbeteiligung jedoch mit 53 Prozent dürftig.
Aber es zeigt: Da war mehr drin. Und da war auch mehr da. Klar, nachdem sich der Gemeinderat mit den etablierten Parteien geschlossen hinter Weber stellte – aus Angst, selbst verantwortlich gemacht zu werden für dieses Desaster, nahm der alte und eigentlich ‚abgetretene‘ Thorsten Weber die Wahl auch gönnerhaft an. Einen Großteil der wählenden Bürgerschaft – um 95 Prozent – vereinnahmte der Bürgermeister. Fast ein sozialistisches Ergebnis.
Ungültige Stimmen, mehr als nur ein Detail
Aber auch satte 266 ungültige Stimmen sind kein Detail, sondern ein politisches Statement, selbst die regionalen Medien hoben es hervor, Wahnsinn. Ursache: mitunter das absurde Regelwerk der Wilden Wahl in Baden-Württemberg. Zum Namen der zu wählenden Person hätte noch ein Zusatz gehört – bei mir wie bei Thorsten Weber. Viele Stimmzettel enthielten schlicht nur „Thorsten Weber“ oder bei mir „Giovanni Deriu“. Ungültig. Punkt. Dass es bundesweit genau zwei Giovanni Deriu gibt – meinen Vater und mich – spielte keine Rolle. Beim bundesweit tausendfach vorkommenden „Thorsten Weber“ hingegen schon. Einer wollte sogar aus Frust (?) oder Jux und Dollerei Karl Dall seine Stimme schenken. Tote überleben oft wirklich ganze Generationen. So gingen mir rund 100 weitere Stimmen verloren. Ergebniskosmetik? Vielleicht. Wenn auch eine unnötige. Viele Wähler selbst hatten sich gewundert.
Thorsten Weber macht nun weiter – obwohl er eigentlich nicht wollte. Das hatte Gründe, und die kamen in vielen Gesprächen an den Haustüren zur Sprache. Dass sich jedoch der Gemeinderat mit CDU, SPD, Freie Wähler und Grünen geschlossen mit Großanzeigen hinter ihn stellte und mögliche Bewerber indirekt als Risiko oder unfähig darstellte, kam bei vielen Bürgern sehr schlecht an. Zu Recht. Wo waren denn die Kandidaten aus Verwaltung und Gemeinderat selbst? Eine echte Wahl hätte allen gutgetan.
Vielleicht war ich manchen auch zu suspekt: Italoschwabe, Pädagoge und Fachlehrer, Globetrotter, Verwaltungspraktiker. Einigen Bürgermeistern habe ich zwar über Jahre eng zugearbeitet, aber dann auch noch als freier Autor für Tichys Einblick, meist über Italien berichtend? An den Türen, oder im Cafè jedenfalls, wurde ich sehr oft wohlwollend auf das Interview beim TE-Morgenwecker mit Holger Douglas angesprochen. Und viele betonten, Tichys Einblick gehöre zu ihrer täglichen Informationsquelle.
Ganz sicher war der Wahlkampf auch zu kurz. Drei Wochen, quasi allein geführt, mit etwas Material-Unterstützung eines Freundes – sportlich, sagen wir so. Aber es waren intensive, ehrliche Wochen. Ich habe viele offene, kritische, aber stets faire Menschen getroffen. In Limbach und in allen Teilorten. Und ich habe zuhören dürfen. Viel Kritik, viele Themen, viel Stoff.
Allein, was viele Bürger am neuen Rathausbau, dem ‚Würfel‘, auszusetzen hatten. Vom Preis bis hin zum Bau. Dann natürlich die schiefe Haushaltslage, zwar nicht ganz so schlimm wie andernorts, aber die Pro-Kopf-Verschuldung ist auch hier gehörig angestiegen (von über 850 auf fast 1.700 Euro). Und ohne einen neuen Kredit von bis zu 4 Millionen Euro könnte man den laufenden Betrieb und die Verwaltung, samt aller nötigen Ausgaben, kaum abdecken.
Provinz ist nie langweilig
Etliche Bürger sagten, der Gemeinderat selbst habe Angst vor neuen Besen und einer internen Überprüfung. Aber wozu so verzagt? Meine Leitplanken, das Finanzielle von fähigen Köpfen analysiert, waren konservativ gepaart mit machbaren Ideen:
- Erst fertig machen, dann Neues anfangen.
- Haushalt stabilisieren – ohne Steuererhöhungen.
- Ehrlich reden, nichts versprechen, was nicht geht.
- Entwicklung statt Stillstand – besonders im Handel und Tourismus wäre Potential da.
Geht nicht? Gibt’s nicht. Oder auf gut Deutsch: „Nicht schwätze – mache.“ Mit einem guten Team Verantwortung übernehmen, täte Limbach mit den Teilorten recht gut.
Wäre ich noch Lokalreporter – mamma mia. Die Geschichten liegen hier auf der Straße. Provinz ist alles andere als langweilig.
Am Ende habe ich Thorsten Weber natürlich gratuliert. Acht weitere Jahre sind eine lange Zeit, meinte ich lakonisch, aber ehrlich. Sein skeptischer Blick sprach Bände. Sein Lächeln wirkte gequält. Die Geschichte ist nicht zu Ende, Ruhe kehrt so schnell nicht ein.
Was mich bei den Reden und Wortbeiträgen von Landrat und Städtetagvertreter am Wahlabend gestört hat, war dieser ‚larmoyante‘ Ton, warum sich keine Bürgermeister fänden und Amtierende die Lust verlören, Bürger oft Ton und Stil missen ließen? Entschuldigung, ein Politiker und Bürgermeister ist und bleibt immer privilegiert. Die Bürger dürfen – ja müssen – ihre Meinung äußern (dürfen). Sachlich, konstruktiv, aber auch emotional. Aber eines sollte immer klar sein: Politik macht man für die Bürger. Man dient ihnen. Nicht umgekehrt. Und wer die Hitze nicht aushält, sollte nicht Koch werden. Ich verstehe das Amt des Bürgermeisters als Dienstleister.
Ich habe Limbach und seine Teilorte wirklich sehr zu schätzen gewusst. Ich werde wiederkommen. Nicht nur wegen der Muttergottes-Statuette an der St. Valentin-Kirche, oder der grandiosen Linzer Schnitte bei Bäcker Schmitt. Sondern besonders wegen Land und Leuten, den Schaffern, fleißige Menschen und Unternehmer darunter. Sie haben Eindruck hinterlassen. In einer schönen ländlichen Umgebung, wo viele eben leider keinen Reiz verspüren, einen Bürgermeisterposten zu bekleiden. Das sollte sich gerade ein Gemeinderat mal vor Augen führen. Limbachs gibt es bundesweit viele.
Die Wahl ist zwar vorbei. Das Gespräch aber noch lange nicht …

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