Flüchtlingskrise? Welche Flüchtlingskrise?

Detlef Scheele (SPD), der Neue im BAMF-Vorstand jongliert mit Zahlen: Innerhalb einer guten Woche haben sich die Aussichten für Migranten immerhin insoweit verbessert, dass schon nach zwölf, dreizehn Jahren 75 Prozent in Lohn und Brot sind und nicht nur 70 Prozent nach 15 Jahren.

Man kann es mit Martin Luther halten: „Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz.“ Oder mit Henry Ford: „Es gibt mehr Menschen, die kapitulieren, als solche, die scheitern.“ In jedem Fall ist es besser, mit einem gewissen Optimismus ans Werk zu gehen, als den Misserfolg geradezu herbeizureden. Das gilt auch und gerade bei der Frage, wie „wir“ es schaffen, die ins Land strömenden Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Die Bundesagentur für Arbeit, eine dem Arbeitsministerium unterstellte Bundesbehörde, betrachtet es nicht nur als ihre Aufgabe, Flüchtlinge zu schulen und zu registrieren, wie sich der Arbeitsmarkt durch die Neuankömmlinge verändert. Die Nürnberger Anstalt hat zudem eine zusätzliche Rolle übernommen: die des amtlichen Mutmachers. Wann immer sich ihr Vorstandsvorsitzender Frank-Jürgen Weise zu Wort meldet, liefert er zur Kanzlerin-Parole „Wir schaffen das“ sozusagen das Kleingedruckte: „Die Flüchtlinge, die da sind, können wir definitiv schultern.“ Jetzt hat Weise einen weiteren Öffentlichkeitsarbeiter im eigenen Haus: Detlef Scheele (SPD), sein neuer Vorstandskollege und ehemaliger Hamburger Sozialsenator von der SPD.

Dieser Tage verkündete der neue Mann in Nürnberg kühn: „350.000 Flüchtlinge jährlich sind für den deutschen Arbeitsmarkt rein quantitativ derzeit kein Problem, denn jährlich entstehen rund 700.000 Arbeitsplätze neu.“ Das klingt irgendwie beruhigend. Wenn es da nicht ein kleines Problem gäbe: Niemand weiß, ob es unter den Flüchtlingen auch ausreichend Männer und Frauen gibt, die die erforderliche Qualifikation für die neuen Arbeitsplätze mitbringen, auch die Bundesagentur nicht. Da wird Scheele dann, wie „Die Welt“ berichtet, ziemlich kleinlaut: „Wir stehen noch ganz am Anfang der Kompetenzerfassung und arbeiten gemeinsam mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge intensiv am Aufbau eines Berufsentwicklungssystems.“ Und: „Wir müssen in der Lage sein, die Qualifikationen von Flüchtlingen schnell mit unseren Anforderungen am deutschen Arbeitsmarkt abzugleichen.“ Heißt also: Wir wissen nichts über die Qualifikation dieser Menschen, aber der Arbeitsmarkt wird sie schon aufnehmen.

Fassen wir also zusammen: 350.000 Menschen mit Bleiberecht am Arbeitsmarkt unterzubringen ist theoretisch kein Problem. Nur in der Praxis könnte es nicht so einfach sein. Deshalb gibt es vom Optimisten Scheele auch andere Töne. Vor einer Woche sagte er in einem Interview mit der „Süddeutschen“: „Wenn es gut läuft, werden im ersten Jahr nach der Einreise vielleicht zehn Prozent eine Arbeit haben, nach fünf Jahren ist es die Hälfte, nach 15 Jahren 70 Prozent.“ Das ergibt dann eine ganz andere Rechnung: Von den 350.000, die in diesem Jahr Arbeit suchen, kommen also ganze 35.000 unter und nach 15 Jahren sind immer noch 30 Prozent arbeitslos.

Aber auch diese Zahlen müssen niemanden entmutigen. Denn Scheele hat vor ein paar Tagen auf einer Veranstaltung in Hamburg eine neue positivere Prognose gewagt: „Wir gehen davon aus, dass zehn Prozent der Flüchtlinge nach einem Jahr eine Arbeit finden können, 50 Prozent nach fünf Jahren und 75 nach zwölf bis 13 Jahren.“ Das ist doch wieder mal was Positives: Innerhalb einer guten Woche haben sich die Aussichten für Flüchtlinge immerhin insoweit verbessert, dass schon nach zwölf, dreizehn Jahren 75 Prozent in Lohn und Brot sind und nicht nur 70 Prozent nach 15 Jahren.

Warten wir also ab, welche Prognose Scheele im nächsten Interview wagt: 20 Prozent nach einem Jahr? 60 Prozent nach fünf Jahren? 80 Prozent nach zehn Jahren? Da kommt einem Karl Valentins Definition des Optimisten in den Sinn: „ein Mensch, der die Dinge nicht so tragisch nimmt, wie sie sind.“

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