Corona darf nicht zu einer Entwertung des Abiturs führen

Die Gewerkschaft GEW und Schleswig-Holsteins Kultusministerin Prien hätten gerne das Abitur in diesem Jahr wegen des Coronavirus ausfallen lassen. Glücklicherweise ist der Vorschlag vom Tisch.

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Das hätte so manchen Leuten, denen eine anspruchsvolle Schulabschlussprüfung immer schon ein Dorn im Auge war, in den Kram gepasst: Das Abitur dem Corona-Virus opfern! Schleswig-Holsteins Kultusministerin Karin Prien (CDU) ist damit vorgeprescht. Die linke Lehrergewerkschaft GEW wollte es so, sie unterstützte Priens Vorstoß als „sinnvolle und vernünftige Entscheidung“, die Vereinigung der Berliner Oberstudiendirektoren ebenfalls. Sogar die Vorsitzende des Gymnasiallehrerverbandes liebäugelte damit vorübergehend. 

Eine Schüler-Online-Petition sammelt Unterschriften für einen Ausfall der Abiturprüfung; am Nachmittag des 25. März hatte man gut 100.000 Unterschriften, was keineswegs einem Drittel der diesjährigen Deutschen 350.000 Abiturienten entspricht, denn bei vergleichbaren Petitionen von Schülern hat sich gezeigt, das die Zahl der Unterschriften oft ein Vielfaches größer ist als die Zahl der Betroffenen. Schließlich können sich hier ja auch Papas, Mamis, Onkel, Tanten, Omis, Opas usw. eintragen. Zugleich stehen Hessen und Rheinland-Pfalz bereits mitten in den Prüfungen. Mehrere andere Bundesländer haben die Prüfungen verschoben, wieder andere halten (noch?) an den Prüfungsterminen fest. Siehe auch hier.

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Jedenfalls darf es nicht so weit kommen, dass die Abiturprüfung 2020 komplett ausfällt. Und es gibt auch keinen Grund, es so weit kommen zu lassen. Immerhin hat die Kultusministerkonferenz am 25. März bei einer Telefonkonferenz festgehalten, dass eine Absage der Abiturprüfung und ein Ersatz der Abiturprüfung durch bereits zuvor erbrachte Leistungen nicht zur Debatte steht. Der populistisch gedachte, gefällige Vorstoß Schleswig-Holstein ist damit vom Tisch.

Ein wenig Nachdenken und abiturpraktische Erfahrung hätten gereicht, um ein Durcheinander erst gar nicht aufkommen zu lassen. Dann hätte man an folgendes denken können:

Erstens: Für den Wegfall der Abiturprüfung gibt es keine zeitliche Not. Der zeitliche Puffer für die Terminierung der Abiturprüfungen reicht nicht nur bis Mai. Gewiss starten einige Bundesländer bereits Mitte Juni in die Sommerferien, und gewiss auch wollen die Hochschulen für die NC-Studiengänge und die Ausbildungsbetriebe die Zeugnisse der Bewerber möglichst rasch sehen. Aber, diese nicht nur rhetorische Frage sei erlaubt: Warum sollen Abiturprüfungen nicht auch zu Beginn des kommenden Schuljahres Ende August oder im September stattfinden können? Die Schulen sind dazu in der Lage; die Hochschulen und die Ausbildungsbetriebe müssten zumal in Corona-Zeiten entsprechend flexibel sein.

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Zweitens: Ein Wegfall der Abiturprüfung entwertet das Abitur. Zwar macht die reine Abiturprüfung nur rund ein Drittel der Abiturgesamtleistung aus. Aber ein Drittel ist ein Drittel, zudem sind die Abiturprüfungen die anspruchsvollsten und am besten vergleichbaren in einer gymnasialen Laufbahn. Ein Wegfall dieser Prüfungen provoziert ein Ansinnen von Hochschulen zu sagen: Wenn die Gymnasien kein anspruchsvolles Abitur mehr zustande bringen, dann wechseln wir zum Aditur-Modus, dann machen wir Zugangsprüfungen. Folge: Dem Gymnasium wäre das Haupt abgeschlagen.

Drittens: Der Wegfall der Abiturprüfung wäre ein Verstoß gegen den verfassungsrechtlichen Grundsatz der Gleichbehandlung vor dem Gesetz. Die Abiturienten des Jahres 2019 schrieben und die Abiturienten des Jahres 2021 schreiben (hoffentlich) das herkömmliche Abitur. Beide Jahrgänge konkurrieren aber bei Numerus-Clausus-Studiengängen mit den Abiturienten des Jahres 2020. Gerecht ist das nicht.

Viertens: Völlig unausgegoren wäre die Praxis, die Leistungen von zwei Schuljahren auf die Abiturprüfung hochzurechnen. Denn welche der erbrachten Leistungen werden dann hochgerechnet? Nur die der eigentlichen vier bzw. fünf Abiturfächer? Oder alle? Auch die Leistungen aus Fächern, in denen man nicht so gut war?

Fünftens: Völlig übersehen wird, dass sich das Gros der Schüler in der Abiturprüfung gegenüber den Vorleistungen verbessert. Meist um ein bis drei Zehntel in der Gesamtnote. Warum? Weil sich die Prüflinge dann auf einige wenige Fächer konzentrieren können, weil sie sich auf die Abiturprüfungen gezielter vorbereiten, weil bis zu 40 Prozent der Abiturfächer mündliche Prüfungsfächer sind und mündliche Prüfungen bei den allermeisten Prüflingen besser ausfallen als Klausurleistungen.

Alles in allem: Es geht um ein anspruchsvolles, aussagekräftiges Abitur, das nicht nur Studierberechtigung, sondern Studierbefähigung attestiert. Dass diesbezüglich bereits über Jahre hinweg gesündigt wurde, ist bekannt. Denn die Leistungen sind immer schwächer und die Noten immer besser geworden. Die Folge ist unter anderem, dass immer mehr Hochschulen Nachhilfekurse für Studienanfänger einrichten mussten.

„Corona“ darf hier nicht zu einem Einfallstor für noch mehr Weichmacherei der Abiturpolitik werden.

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Kommentare ( 30 )

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30 Kommentare auf "Corona darf nicht zu einer Entwertung des Abiturs führen"

Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung

Herr Kraus natürlich, Autokorrektur ist hinterlistig…

Gut gesprochen, Herr Krause. Die Linken versuchen derzeit an allen Stellen, das Virus zur Abschaffung mühseliger Dinge zu nutzen. Nein, nicht mühselig für die Schüler, sondern für die prüfenden Lehrer, die das Ganze organisieren und vor allem korrigieren müssen. Das war nämlich die Motivation hinter dem Versuch …

Vor beinahe zehn Jahren war mir schleierhaft, wohin man das Niveau der allgemeinen Hochschulreife noch durchreichen möchte: gibt es sowas wie Negativzinsen auch in der Bildungspolitik? — Hadmut Danisch hat vor einigen Tagen die Meldung kommentiert, dass — in Zeiten von Corona — der WDR für ausfallenden Schulunterricht einzuspringen gewillt sei und, unter anderem — die „Sendung mit der Maus“ nun täglich ausstrahlen werde! Das Beispiel könnte durchaus Schule machen; und außerdem: warum sollten die Studienanfänger von heute klüger werden, als es die Studienabbrecher von damals auch heute noch sind?

Die Lehrer haben nur Angst um ihre Sommerferien, die – das beteuern die Lehrer immer wieder – für sie keine arbeitsfreie Zeit sei.

Neidisch? Arbeiten Sie doch auch als Lehrer in Sachsen. Die nehmen jetzt wirklich JEDEN.

Sorry, Herr Kraus, aber für dast Thema „Abitur in SH“ habe ich nach den heutigen Ereignissen nur noch ein müdes Achselzucken über. Und wer braucht im vollumfänglichen Sozialismus noch andere Urkunden als das Haltungs-Zeugnis?

Davon abgesehen: Geht Abwertung des Abiturs in D, speziell in SH überhaupt noch…?

Spielzeugabitur für alle …

Wie wichtig ein (normal-anspruchvolles) Abitur ist, zeigt sich gerade in diesen Tagen.Tagtäglich veröffentlicht die SZ Zahlen an Corona-Infizierten samt Angabe „Tage bis zur Verdoppelung“. Dabei wird exponentielles Wachstum unterstellt. Die (evtl. Abi-)Aufgabe lautet: Wieviele Tage braucht es bis die Zahl der Corona-Infizierten doppelt so groß ist, sprich bestimme t aus : b hoch t= 2 wobei b =Anzahl der aktuell Infizierten/Anzahl der Infizierten vor 24 Stunden. Die dargestellten Tabellen sind eine wahre (mathematische) Katastrophe. Anfangs haben ein paar Werte wunderbar gestimmt, aber mittlerweile kann man die allermeisten vergessen. An alle Abiturienten: Vergleicht die Zahlen u. beobachtet die Berechnungen! Dass die… Mehr

Herr Kraus, ich habe so gewartet, dass Sie etwas dazu schreiben! Nun ist der Artikel da – schön! Und volle Zustimmung.
Sie können gleich schon für die nächste mehr oder weniger geplante Maßnahme in die Tasten hauen: Zwangssitzenbleiben für alle ist auch schon im Gespräch! Was das Sitzenbleiben für alle für die Lernmotivation, gerade auch für leistungsstarke Schüler, bedeutet, muss ich hier nicht schreiben. Es wäre ein fatales Signal!

Also ich finde, Noten müssen „solidarisch und menschlich“ vergeben werden – wir sind doch alle „gleich“… Oder etwa nicht?

Schauen wir uns regelmäßig die Ergebnisse von Pisa an, und schauen auf die Aussagen eines wohl schon lange Zeit ergrauten (Ober-?)Lehrers in Baden-Württemberg, dass deutsch nicht mehr so wichtig sei, weil man ja überall auf Rechtschreibprogramme zurückgreifen könne, dann ist die Bildung und damit auch das Abitur in Deutschland doch schon entwertet. Oder?