Der gemeinste Witz überhaupt

Der Karneval taugt für Humorlose etwa so gut wie eine Fahrt durch den Bobkanal ohne Untersatz.

Screenprint: Youtube

Kennen sie den Witz: „Wo sehen Frauen am besten aus? Auf alten Fotos.“ Oder diesen: „Schliesse deine Frau und deinen Hund in den Kofferraum ein. Warte 15 Minuten und mach den Kofferraum wieder auf. Wer freut sich?“ Der Brüller. Ich liebe Witze, Comedy, Karnevalsshows, Schnitzelbänke an der Fasnacht (wie sie in der Schweiz heissen), und Frauenwitze finde ich besonders lustig. Manche haben die Veranlagung, bei mir vor lauter Lachen Ganzkörpertourette auszulösen. Gerade jetzt zur Karnevalsszeit erhitzen sich die Gemüter aufgrund politischer Unkorrektheit ja wieder gerne: Wie die Gratiszeitung 20 Minuten berichtet, hat sich in der Schweiz schon eine anonyme Gruppe über Fasnächtler beschwert, die über LGBTQ-Anhänger ulkten.

Von und an der Leine
Interview mit Gender-Beauftragten Hannover (Parodie)
In Deutschland sind die Witz-Beleidigten einen Schritt weiter. Statt inkognito-Kritik gibt’s dort Face-to-Face-Beschwerde an Ort und Stelle. Neulich machte der Komiker Bernd Stelter in einer Karnevalsshow einen mässig lustigen Witz über Doppelnamen. Doppelnamen!! Der Witz hatte Auswirkungen auf das mässig stabile Nervenkostüm einer Dame im Publikum. Sie echauffierte sich derart, dass sie auf die Bühne sprang und Stelter anfuhr: „Männernamen sind immer toll – und Frauennamen sind immer scheisse. Und Doppelnamen sind Doppelscheisse.“ Die Frau musste daraufhin den Saal verlassen; seither findet in Medien und sozialen Medien eine angestrengte Debatte über Doppelnamen und Humor und Politische Korrektheit am Karneval statt. Persönlich bin ich ja für Dreifach-Namen; der Dritte ist der, mit dem man sich identifiziert.

Die Empörung der Zuschauerin über die Ungerechtigkeit stiess auf grosse Zustimmung bei den üblichen Verbündeten aus dem kultivierten Milieu der Humorlosen. Man griff jetzt Stelter für seinen Witz an, wetterte gleich noch über den schlechten Humor beim Karneval ganz allgemein. Melanie Amann, Leiterin Hauptstadtbüro von SPIEGEL, twitterte: „Karneval hin oder her: Als Tochter einer Frau mit Doppelnamen habe ich die Häme satt, die über meine Mutter und Frauen wie Annegret Kramp-Karrenbauer ausgegossen wird – oft von Männern, die nie ihre Namen für die Ehe aufgegeben hätten. Hut ab vor dem Mut dieser Frau.“

Karneval
Der Humor in Zeiten von Dr. Angela Merkel
Einer, der immer wieder für seine derben Witze angegriffen wird, ist der britische Comedian Ricky Gervais. Er schreibt bei Twitter: „Nur weil jemand beleidigt ist, heisst das nicht, dass er im Recht ist.“ Und: „Die Frage, ob man über ein Thema keine Witze machen darf, ist nicht weniger lächerlich als jene, ob man über ein Thema nicht sprechen darf.“ Beleidigung sehe er als Kollateralschaden von Redefreiheit. „Ich hasse den Gedanken, dass die Meinung einer Person abgeändert oder sogar zum Schweigen gebracht wird, weil jemand sie irgendwo vielleicht nicht hören will. Ausserhalb von Gesetz brechen oder jemandem physischen Schaden zufügen, ist ‚Gefühle verletzen‘ fast unmöglich objektiv zu messen.“ Wenn niemand je verletzt werden sollte, dürfte man gar keine Witze mehr machen.

Ich sehe es genauso. Ein Witz ist per se zugespitzt, ja, vielleicht auch zugespitzte Realität, die einige halt nicht hören wollen. Eine Regulierung von Comedy oder Karneval zugunsten von politischer Korrektheit würde in totaler Willkür ausarten. Denn der eine prangert einen Witz an, weil er in seinen Gefühlen verletzt ist. Der nächste findet ihn rassistisch oder sexistisch. Dem anderen passt er aus ideologischen oder politischen Gründen nicht, die nächste hatte einmal ein negatives Erlebnis dazu, ein weiterer findet den Komiker schlecht. Und sowieso: Leute, die sich jetzt beschweren, lachen bei Witzen, die nicht sie selbst betreffen, ansonsten ja ganz gerne mit.

Doppelnamen Alaaf
Karneval 2019 in Köln, eine ernsthafte Angelegenheit
Dass man Leute feiert, die ihre Beleidigung wegen eines Witzes gekränkt sind, ist – auch im Zeitalter von Empörungskultur – eine neue Dimension. Hätte eine Zuschauerin bei einer Karnevalshow im Jahr 2000 wegen eines unliebsamen Witzes die Bühne gestürmt, wäre sich die Restwelt einig gewesen: „Was ist denn mit der los, spinnt die? Ist ja nur ein Witz.“ Im Jahr 2019 vereinnahmt die emotionsgeladene Empfindlichkeit bei vielen den Verstand, wenn sie rufen: „Schlechter Witz! Schlechter Comedian! Mutige Frau! Applaus!“ Ich habe einen Moment lang überlegt, ob ich lachen oder weinen soll. Aus der Pro-Witz-Gruppe meinte immerhin der deutsche Comedian Shahak Shapira bei Twitter: „Du bist kein Held, wenn du eine Comedyshow besuchst und dann entscheidest, von einem Witz beleidigt zu sein, der nichts mit dir zu tun hat. Beleidigt sein ist keine Heldentat und wir sollten aufhören, beleidigte Leute zu feiern, als wären sie mutig oder selbstlos.“

Gruppe eins macht es einem wirklich nicht leicht, sie nicht als die selbstmitleidigen Zeitgenossen zu sehen, die sie nun mal sind, und die in übertriebener Selbstverliebtheit alles auf sich beziehen. Witze über Doppelnamen sollten jetzt als Beispiel für Alltagssexismus dienen? Warum? Weil Frauen heute keine andere Wahl haben, als den Namen des Mannes anzunehmen? Weil uns #MeToo gelehrt hat, dass, wenn wir unter etwas so Schrecklichem wie einem Gag leiden, es dann auch tatsächlich schrecklich ist, egal, wie es gemeint war? Gemäss der Logik wäre dann übrigens auch jener ein Sexist, der mich nach meinem Alter fragt. Mir egal, wie es gemeint ist. Was zählt ist, wie es bei mir ankommt.

Verrannt - überall
Über den "Humor" im deutschen TV 2019
Der Doppelname-Skandal wurde von den Medien einige Tage verlängert, indem sie wie etwa Focus Online eine Umfrage starteten: „Muss sich Bernd Stelter für seinen Doppelnamen-Witz entschuldigen?“ Dass 86 Prozent mit „nein“ antworteten, liegt wahrscheinlich daran, dass nur frauenhassende Drecksäcke abgestimmt haben.

Persönlich beantworte ich die Frage mit „ja“. Ja, Comedians sollten sich bei Personen entschuldigen, die sich durch ihre Witze gekränkt fühlen. Sie sollten die Witze im Vorfeld mit Feministen- und Randgruppenverbänden besprechen. Das Ministerium für Wahrheit in den Kreativprozess miteinbeziehen. Den Zuschauern während der Show einen Sorgenbeauftragten zur Seite stellen. Und gratis Kleenex an alle verteilen.

Viel Spass Ihnen allen!


Der Beitrag erschien zuerst in der Weltwoche.

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Kommentare ( 33 )

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„Frauen sind wie Löschpapier“ – „Warum?“ – „Sie nehmen alles auf und geben es verkehrt wieder …“

Ich habe gerade Post aus dem Ungarland bekommen. Eine Dame von einem Wasserverband steht als Szabó, Józsefné als Kontaktperson im Kopfbogen. Nachdem sie Josef geheiratet hat, ist sie Josef seine. Das né ist ein besitzanzeigendes Anhängsel. Andererseits verzichtet die Sprache darauf er, sie und es zu unterscheiden. Da ist man wiederum tief im Genderlatein. Man muß immer aus dem Zusammenhang heraus raten, wer gemeint ist. Der Google Übersetzer macht es zu 90 % falsch. Ich denke man sollte alle Sprachen so lassen wie sie sind und nicht dran rumklempnern. Wir haben das zu Hause ganz einfach gemacht. Wir haben seit… Mehr

Schlußfolgerung aus dem (…sehr zutreffend!) oben geschriebenen:

Was haben Islamisten mit der „modernen Frau“ gemeinsam?
Beide sind tiefempört und -beleidigt, wenn man Witze über sie macht…

Mindestens für die Frauen hätte ich die Lösung, sich ein Kopftuch überzustülpen, um „ein Zeichen gegen empörende Witze zu setzen.
Und ich glaube, die witzelnde Männerwelt würde es auch nicht so besonders stören, wenn diese Art Frau unter‘m Kopftuch verschwände…

Tja, Schneeflöckchen und Safe Spaces läuten gerade ein neues Biedermeier ein.

Ach Frau Wernli, jeder versteht den Witz anders – als Rheinländer ist es der erste ‚Teil des Namens „Kramp“ auf Hochdeutsch „Krampf“ und da fügen Sie noch den ihres Mannes Karrenbauer hinzu. Dazu kommt, der Namen ist ein Zungenbrecher – es gibt einfachere Doppelnamen – es war sicher kein Witz über Doppelnamen sondern die Singularität von AKK.

„Schatz, wollen wir ein schönes Wochende verbringen?“
„Ja, liebend gerne!“
„Gut, dann sehen wir uns Montag wieder!“

Das Lachen (gut thematisiert in Umberto Ecos Name der Rose) ist der spirituelle Nachweis von Wahrheit, funktioniert auch nach 2.000 Jahren, siehe „Das Leben des Brain“. Daß Frau Amann nicht umsonst beim Speigel arbeitet und mit dieser unbestechlichen Wahrheit Probleme hat, wundert jetzt wen? Der Speigel nervt jeden Tag, aber man muß ihn alleine deswegen lesend ertragen, um zu wissen, was den Schicki-Micki-Debilen im politischen Berlin in der nächsten Wahn-Attacke so einfällt.

„Brian, a boy called Brian!“
https://www.youtube.com/watch?v=YkWjf9DhlnA
Das wäre auch mein Therapievorschlag für alle Spaßbremsen: Monty Python anschauen und gut ist’s!

ist nun das Beleidigtsein dieser Frau tatsächlich einen Artikel wert?

Die Witze, gerade im Fasching sind meist derart platt, dass ich darüber tatsächlich nicht lachen kann. Aber bitte, jedem was er mag. Wer zur Karnevalsveranstaltung geht sollte wissen was ihn/sie erwartet.

Der arme, arme Fips Asmussen! Er wird jetzt Polizeischutz brauchen und seine Elbsegler-Mütze gegen einen kugelsicheren Helm tauschen. Sozusagen ein Humordissident mit Privatarmee.
Only in Germany!

Eine Folge „Little Britain“ anschauen und man weis wie spassbefreit der deutsche Humor ist. Aber Vorsicht:
„diese Sendung ist für Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet“