Der Abholzer: Neuer Chef bei Bayerischen Staatsforsten ist Energiemanager

Bayerns Staatswälder werden abgeholzt, um Platz für Windräder zu schaffen. Unter Hubert Aiwanger rückt die Windindustrie vor. Ein fachfremder Chef soll den Umbau jetzt beschleunigen. Was geschützt werden sollte, wird geopfert. Von Georg Etscheit

picture alliance/dpa | Peter Kneffel

Die Bayerischen Staatsforsten sind mit gut 800 000 Hektar bewirtschafteter Fläche und aktuell rund einer halben Milliarde Euro Jahresumsatz das größte Forstunternehmen Deutschlands. Lange Zeit galt der Betrieb in punkto nachhaltiger Waldwirtschaft als vorbildlich.

Seine Ursprünge liegen in einem Reformprojekt des bayerischen Kurfürsten Max III. Joseph, der 1752 eine eigene Forstbehörde gründen ließ, um der damals stark fortschreitenden Zerstörung der Wälder entgegenzuwirken, die in großem Stil abgeholzt wurden, unter anderem um Brennstoff für die Salzsiederei und die Glasherstellung zu gewinnen.

Bis 2005 waren die Staatsforsten mit 128 Forstämtern und rund 5000 Beschäftigten ein Teil der Landesverwaltung. 2003 beschloss die bayerische Staatsregierung unter dem damaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber (CSU) eine weitreichende Forstverwaltungsreform. Kern des Vorhabens war die Schaffung eines nach privatwirtschaftlichen Grundsätzen geführten Unternehmens, das die bayerischen Holzbestände mit deutlich weniger Personal effizienter und vor allem profitabler ausbeuten sollte.

Die Reform entsprach dem damaligen, auf „mehr Markt“ ausgerichteten Zeitgeist und mündete in der Gründung einer öffentlich-rechtlichen Anstalt namens „Bayerische Staatsforsten“ (BaySF) mit Sitz in Regensburg. Ein vor allem von Umweltverbänden initiiertes Volksbegehren gegen die Forstreform, die die Umwandlung der landeseigenen Wälder in eine bloße „Holzfabrik“ an die Wand malten, scheiterte knapp.

Heute herrscht ein anderer Zeitgeist, aber auch er hinterlässt Spuren in der Forstverwaltung und im Wald selbst. Und zwar in Form von immer mehr Windrädern, die auf Flächen im Staatsforst errichtet werden, die die BaySF freundlicherweise zur Verfügung stellt. Derzeit drehen sich, wenn der Wind weht, in bayerischen Staatswäldern 104 Windkraftwerke (Stand Juni 2025) und es sollen noch weitaus mehr werden, wenn es nach dem Willen des bayerischen Wirtschaftsministers Hubert Aiwanger (Freie Wähler) geht, dem die Forsten unterstehen und der sich mit Billigung seines Chefs Markus Söder als einer der aggressivsten Lobbyisten der Windindustrie geriert.

Jetzt hat Aiwanger einen neuen Vorstandsvorsitzenden für die Bayerischen Staatsforsten berufen, der offenbar ganz nach seinem Geschmack ist und die Umwandlung der staatlichen Wälder in Windindustriegebiete noch einmal deutlich voranbringen soll. Es handelt sich um den zurzeit in Bonn bei den dortigen Stadtwerken beschäftigten Manager Olaf Hermes, der zuvor unter anderem für die RWE Group in Essen tätig war.

Hermes ist der erste fachfremde Chef der Bayerischen Staatsforsten, die gewissermaßen das grüne Tafelsilber des Freistaates verwalten. Der erste Vorstandsvorsitzende des Unternehmens war Rudolf Freidhager, der von den österreichischen Bundesforsten nach Bayern geholt wurde. Er wurde 2015 abgelöst von Martin Neumayer, einem seinerzeit engen Mitarbeiter von Stoiber, der dann als Amtschef ins Agrarministerium wechselte. Ein Karrierebeamter, aber immerhin mit forstlichen Fragen vertraut.

Wenn Aiwanger laut Pressemitteilung sagt, dass Waldneuling Hermes dem Forstunternehmen „von außen neue Impulse“ einbringen soll, meint er damit natürlich ihre immer rücksichtslosere Nutzung zur Bereitstellung sogenannter „erneuerbarer Energien“.

Davon steht allerdings nichts im bayerischen Waldgesetz, dafür umso mehr vom Aufbau stabiler Mischwälder, der Bereitstellung des nachwachsenden Rohstoffes Holz, dem Schutz der Biodiversität und der Sicherung des Waldes als Erholungsraum für die Bevölkerung – Ziele, die der Abholzung von immer größeren Waldstücken für Windräder und der Zerstörung ganzer Waldlandschaften wie des Bayerischen Waldes diametral entgegenstehen.

Die Presseabteilung der Staatsforsten, von Tichys Einblick angefragt, ist um größtmögliche Relativierung der Konfliktlage bemüht. Die aktuell 104 Windräder erbrächten nur eine „dauerhaft waldfreie Fläche“ von zusammen rund 50 ha. Das entspricht 0,00006 % der Gesamtfläche der Bayerischen Staatsforsten. „Die Flächen werden mit Naturschutzmaßnahmen bestmöglich aufgewertet. Es werden zum Beispiel besondere Blühmischungen für Insekten gesät oder Strukturen für Reptilien geschaffen, zugeschnitten auf die jeweilige Situation.“

Zudem dauere es nur ein bis drei Monate, bis das davor in den gerodeten Bäume gespeicherte CO2 wieder „eingespart“ sei. Keine Rede davon, wie viele Vögel und Fledermäuse von den Windmonstern geschreddert werden, wie sich die Versiegelung und Zerstückelung auf die Waldökologie auswirkt, von der Industrialisierung der Landschaftsbilder ganz zu schweigen.

Auch bislang gab es von Seiten der Staatsforsten nur geringen Widerstand gegen die Ausbeutung der Wälder durch die Windindustrie. Wer sich als Förster, dem eigentlich das Wohl des Waldes und seiner Geschöpfe am Herzen liegen sollte, gegen Windkraft im Wald ausspricht, muss mit Sanktionen rechnen. „Unter den Mitarbeitern der Staatsforsten herrscht ein Klima der Angst, niemand traut sich, den Mund aufzumachen“, sagt ein Insider.

Mit Hermes an der Spitze dürfte der Druck noch zunehmen. Und überall im mancherorts (noch) so schönen Freistaat werden gerade neue Windkraftvorrangzonen ausgewiesen. Ein großer Teil davon in Staatswäldern, wo man keine Gegenwehr manch renitenter Privatwaldbesitzer fürchten muss, die trotz lukrativer Pachten lieber Bäume bewirtschaften als Windgiganten.


Georg Etscheit studierte Journalistik, Politik und Geschichte Osteuropas in München, Frankfurt und Moskau. Er war Redakteur und Korrespondent der dpa in Hamburg und Dresden. Seit 2000 freier Autor.


 

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Kommentare ( 6 )

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karmaesk
42 Minuten her

Der Rest der Welt ist NEIDISCH auf die deutschen Wälder, weil die meisten Ländern KEINE Wälder haben… Was macht dieses Land? Holzt sie ab für geistesgestörte „Energiewenden“.. diese Dummheit ist nur noch ekelhaft- Verbrechen gegen Natur und Menschheit ! Wenn eine Besatzungsmacht einmarschiert, um die Wälder zu schützen, wäre ich nicht traurig, sondern dankbar !

Tee Al
50 Minuten her

Im Nachhinein hat die Abschmetterung der Flugblattaffaere auch ihre Schattenseiten.
Woran wird man in Zukunft die Grenze zwischen Bayern und der Tschechei erkennen? An den Bäumen

Klaus D
54 Minuten her

Ausbeutung der Wälder durch die Windindustrie…..diese bösen kapitalisten aber auch. Mal abgesehen von der idologischen seite scheinen viele nicht zu verstehen das windräder ein riesen geschäft für das kapital ist. Am besten sieht man das daran was für pachten gezahlt werden. Ein top platz bringt dir für 1 windrad 100.000-150.000 euro im jahr ein und jetzt stell dir vor du hast 1-2 hektar wald an der richtigen stelle. Die verträge laufen zwischen 20-30 jahre macht dann nimmt man die mitte 125.000 mal 25 = 3.125.000 euro vor steuern. Und he du musst nix dafür tun und das für ein paar… Mehr

Judith Panther
1 Stunde her

Sehe ich das richtig:
Die Bayern überweisen jede Menge Bimbes nach Berlin und sägen ihre eigenen Bäume ab, während die Berliner mit dem Bimbes aus Bayern neue Bäume pflanzen?
Was um alles in der Welt kippen die Berliner den Bayern ins Bier?

Teiresias
1 Stunde her

Mit jedem zusätzlichen Flatterstromerzeuger steigt der Bedarf an regelbarem Atom-Gas-oder Kohlestrom, um die Netzfrequenz aufrechtzuerhalten.
Mit jedem gesprengten Atom-und Kohlekraftwerk in Deutschland steigt die Abhängigkeit/Erpressbarkeit durch französische und polnische Nachbarn, die uns den regelbaren Grundlaststrom verkaufen sollen – natürlich zum Sonderpreis.

Bardella als vermutlich nächster Premierminister Frankreichs fordert bereits den Bailout für Frankreich a la Griechenland.
Polen bekräftigt regelmässig seine billionenschweren Reparationsforderungen gegen Deutschland.
Und „unsere“ Regierung steigert unsere Erpressbarkeit.

Ich hätte hier abhauen sollen, als ich dafür noch jung genug war.

Laurenz
1 Stunde her

Aiwanger wird wohl dafür bezahlt, seine Wähler in die Wüste zu schicken.