Wibke Bruhns verstorben: Bestsellerautorin und Journalistin

Die Familie von Wibke Bruhns teilte heute mit, dass die bekannte Journalistin und Autorin gestern Abend im Alter von 80 Jahren verstorben ist.

Wibke Bruhns und Gregor Wallasch im Restaurant Rokoko des BTHC am 04. Juli 2018

Wibke Bruhns war die Schwester meines Onkels. Zuletzt trafen wir uns auf dem 90. Geburtstag ihrer Schwägerin im Restaurant des Braunschweiger Tennisclubs und bewunderten noch ihre Energie, ihren würdevollen Auftritt und eine Willenskraft, die es ihr ermöglicht hatten, sich auf den Weg zu machen und den Ehrentag der Frau ihres Bruders mitzufeiern.

Bewunderung deshalb, weil leider schon unübersehbar, dass die Gesundheit angegriffen war. Die als erste Nachrichtensprecherin Deutschlands bekannt gewordene Bruhns hatte viel Gewicht verloren und strahlte dennoch Tapferkeit und Lebensmut aus. Ich erinnere mich gut, dass die Begegnung der beiden Damen damals geprägt war von Herzlichkeit und wohl auch von Dankbarkeit, diesem Leben so viel abgewonnen und das Leben jede auf ihre Weise nicht nur gemeistert, sondern immer wieder auch genossen zu haben.

Wibke Bruhns war in unserer Familie immer ein Thema, schließlich sah man die Schwester meines Onkels Jochen Klamroth öfter im Fernsehen, es war sogar so, dass man sich gegenseitig Bescheid sagte, wenn wieder ein Sendetermin anstand. Hinzu kam wohl auch, dass sich Schwester und Bruder auch von der Physiognomie her ähnlich waren. Wer Jochen gut kannte, der sah Jochen auch in Wibke und umgekehrt. Beide ähnelten dabei ihrem Vater, der als Fotografie im Goldrahmen beim Onkel auf der Kommode stand. Ein Vater, der so viel mehr als in den meisten Familien die Geschicke seiner Kinder prägte.

Hans-Georg Klamroth wurde vom NS-Richter Freisler im Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944, mit dem Attentat auf Adolf Hitler, zum Tode verurteilt und in Plötzensee am Schweinehaken aufgehängt. Ein Mord, eine Tragödie und eine Teilhabe am Weltgeschehen, die zur bestimmenden Größe für meinen Onkel und seine Schwester werden mussten. Für jeden auf seine Weise.

Jochen war damals gerade volljährig und kam in ein Strafbataillon. Sippenhaft. Er verlor nicht nur den Vater, er wurde von den Ereignissen traumatisiert und blieb es bis ins hohe Alter. Die Erinnerungen waren nicht auszulöschen. Jochen war schon in jungen Jahren in einer nationalpolitischen Eliteerziehungsanstalt. Der Vater wollte es so. Angedacht war, ihn in die Elite der Nationalsozialisten zu erziehen. Seine Schwester Wibke war deutlich jünger. Sie verlor den Vater, als sie sechs Jahre alt war. Man kann sich wohl vorstellen, wie das für ein kleines Mädchen gewesen sein muss, so früh den Vater zu verlieren.

Die Karriere der gebürtigen Halberstädterin darf heute einzigartig genannt werden. Darf man Bruhns eine Feministin nennen? Das würde ihr sicher nicht gerecht. Höchstens dann vielleicht, wenn Feminismus das selbstverständliche Recht bedeuten würde, als Frau Karriere zu machen und eine eigene Haltung zu haben, die man unmissverständlich in einem männerdominierten Nachkriegsdeutschland äußert und danach lebt.

Wibke Bruhns war zuerst bei der Bild, wechselte dann zum NDR-Fernsehen und später zum ZDF, dort wurde sie erste Nachrichtensprecherin im bundesdeutschen Fernsehen. Und sie blieb unbequem. Mit einiger Verwunderung erlebte Bruhns auch die Vereinnahmung ihrer Person durch die feministische Bewegung. Man darf annehmen, dass ihr dieses Etikett eher unangenehm war. Nein, Wibke Bruhns war keine Quotenfrau, sie war einfach im richtigen Moment die beste für ihren jeweiligen Job, so auch, als sie später Starreporterin beim Stern und für das Magazin Korrespondentin in Jerusalem und Washington wurde, damals, als der Stern noch seine überragende Bedeutung in der Medienlandschaft hatte.

Bei uns zu Hause kamen Briefe aus aller Welt für Onkel Jochen an, der ein paar Häuser weiter wohnte. Briefe, aus denen bisweilen ein paar Zeilen vorgelesen wurden – Nachrichten aus aller Welt aus erster Hand von einer Frau, die man öfter auch im Fernsehen bewundern konnte. Aufregend und prominent.

Nun war die Aufarbeitung des Mordes an meinem Großonkel durch die Nazis und was das mit meinem Onkel gemacht hat, immer ein bestimmendes Element, wenn man mit dem Onkel Umgang hatte – sei es bei Feierlichkeiten oder gemeinsamen Spaziergängen. Immer wieder erzählte Jochen von den Ereignissen rund um das missglückte Attentat auf Hitler, dem nicht nur sein Vater, sondern auch sein Schwager zum Opfer fiel. Wibke muss es in ihrer Familie – zumindest in einer bestimmten Lebensphase – nicht anders ergangen sein.

Ihre Beschäftigung mit dem Leben und Sterben ihres Vaters traf auf das schriftstellerische und journalistische Ausnahmetalent der Wibke Bruhns und mündete 2004 in „Meines Vaters Land“, einem in viele Sprachen übersetzten Bestseller, der etwas später auch inklusive Originalfilmmaterial verfilmt wurde. Dort sah ich in einer Schwarz-weiß-Aufnahme meinen Onkel als Jungen wieder.

Wibke Bruhns hat mit ihrem Wirken und mit ihrer herausragenden Arbeit die Bundesrepublik mitgeprägt. Das ist viel. Aber mit ihrem Buch „Meines Vaters Land“ hat Wibke Bruhns ihre Familiengeschichte – die auch die Familiengeschichte meines Onkels und dadurch auch ein wenig meine Familiengeschichte wurde – mit der Geschichte dieses Landes verwoben. Sicher werden noch in Jahrzehnten Schulklassen die Familiengeschichte der Klamroths (Geburtsname von Wibke Bruhns) lesen, wenn sie deutsche Geschichte aus der Perspektive der Menschen verstehen wollen, die unter dieser Geschichte litten, die sie aber auch mitbestimmt haben.

Auf dem 90. Geburtstag meiner Tante haben wir uns irgendwann bei strahlendem Sonnenschein verabschiedet. Wibke Bruhns nahm ein Taxi zum Bahnhof. Eine große Journalistin, Bestsellerautorin und die Schwester meines Onkels. Beide mögen nun in Frieden ruhen.

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Kommentare ( 13 )

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Johann Thiel
1 Jahr her

Wunderbarer Nachruf. Wibke Bruhns war immer von einer außergewöhnlichen Souveränität und Klarheit, wie man sie selbst unter den großen Journalisten früherer Zeiten nur selten fand. Ein besonderer Mensch ist von uns gegangen, von denen wir heute mehr denn je welche brauchen.

Jo_01
1 Jahr her

Ich habe vor 10 Jahren das Buch gelesen und ich kann es nur empfehlen.
Wiebke Bruhns war eine Persönlichkeit- mit eigenem Kopf und Charakter.
Interessant wäre zu erfahren, wie diese Frau die Entwicklungen der letzten Jahre in Deutschland beurteilt hat.

NoName
1 Jahr her

Eine schöne Würdigung. Doch eine Frage beantwortet sich für mich nicht. Wenn Wiebke Bruhns die Schwester Ihres Onkels war, werter Herr Wallasch, dann ist sie doch ihre Tante, oder? Es sei denn hier ist von einem Patenonkel die Rede.

Noschi0210
1 Jahr her
Antworten an  NoName

Wenn meine Tante verheiratet ist, ist dieser Mann mein Onkel. Dieser Onkel kann eine Schwester haben, die ist dann aber nicht meine Tante, sondern die Schwester meines Onkels oder die Schwägerin meiner Tante (die wiederum die Schwester meiner Mutter oder meines Vaters sein muss).

NoName
1 Jahr her
Antworten an  Noschi0210

Danke, war schon spät und bin kein Fachmann in Abstammungsfragen. In meiner Familie wäre sie einfach „Tante“ gewesen.

Falk Kuebler
1 Jahr her
Antworten an  NoName

„Doch eine Frage beantwortet sich für mich nicht.“

Ich hatte mich genau das Gleiche gefragt. Aber der letzte Absatz bringt die Lösung:

„Auf dem 90. Geburtstag meiner Tante haben wir uns irgendwann bei strahlendem Sonnenschein verabschiedet. Wibke Bruhns nahm ein Taxi zum Bahnhof.“

Herr Wallasch wollte vermutlich aus einer gewissen journalistischen Distanz über seine Tante schreiben.

Sabsezander
1 Jahr her

Habe das Buch gelesen und fand es sehr beeindruckend. Das Verwandtschaftsverhältnis hat mich überrascht – aber passt ja irgendwie… Scheint in der Familie zu liegen, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und sich nicht verbiegen zu lassen. Danke, Herr Wallasch!

Wittgenstein
1 Jahr her

Lieber Herr Wallasch, eine schöne Erinnerung an eine bemerkenswerte Frau und Journalistin. Eine Feministin war Sie für mich, der sie nur aus den Sendungen des Fernsehens kannte, vor allem durch die selbstverständliche und auch von den Kollegen akzeptierte journalistische Kompetenz… basierend auf Wissen und Erfahrung! Ich habe das Buch „Meines Vater Land“ damals nicht gelesen, aber Ihre Beschreibung erinnnert mich an den Roman „Wer wir sind“ von Sabine Friedrich, der die Familiengeschichte einiger für das Attentat verantwortlicher Widerständler, Unterstützer und Symphatisanten nachzeichnet. Schön, das das Buch von Wibke Bruns so viele Leser gefunden hat, denn eigentlich ist heute niemand mehr… Mehr

Ali
1 Jahr her

**

Die Dame nahm kein Blatt vor den Mund, das hat mir sehr imponiert. Gerade heute stünde es uns gut zu Gesicht, wir hätten noch mehr Menschen Ihres Formates. Ich darf mich anschließen, möge sie in Frieden ruhen.

schmida
1 Jahr her

Vielen Dank Herr Wallasch für diesen würdevollen Nachruf auf Wibke Bruhns.

Babylon
1 Jahr her

Infolge meiner Beschäftigung mit dem Widerstand gegen das Nazi-Regime aus den Reihen von Millitärs weiß ich, dass Hans Georg Klamroth, der Vater von Jochen Klamroth, der im ersten Weltkrieg als Offizier mit dem eiserenen Kreuz ausgezeichnet wurde, später Anhänger der NSDAP geworden ist und der SS beitrat, deshalb auch die Erziehung seines Sohnes Jochen in einer NAPOLA-Schule. Seine Hinrichtung/Ermordung als brutaler Akt von Vergeltung, weil er als Mitwisser des Attentats vom 20. Juli 1944 keine Meldung gemacht hat gehört zur Geschichte des Widerstandes gegen ein Regime, das je länger es dauerte, umsomehr seine teuflische Fratze enthüllte. Wie die meisten Offiziere… Mehr

egal1966
1 Jahr her
Antworten an  Babylon

Entschuldigung, aber diese „Entschuldigung“ würde ich für HG so nicht gelten lassen. HG trat schon 1933 der NSDAP bei, seine Frau ein paar Jahre spaeter, beide wußten bzw. haetten aufgrund ihrer Taetigkeit wissen müssen, wie die „Lage ist, HG als Offizier der Wehrmacht und spaeter bei der Abwehr, seine Frau als Ortsgruppenleiterin. Auch als „nur“ Mitwisser hat er es anscheinend nicht fertig gebracht, sich aktiv im Widerstand zu betaetigen. İch kann dieses zwar sehr gut verstehen, aber man sollte jedoch nicht jeden zum „Widerstandskaempfer“ und „Held“ machen, der es nicht verdient hat. Trotzdem vielen Dank für dem Nachruf auf eine… Mehr

Babylon
1 Jahr her
Antworten an  egal1966

Sein Ende am Schweinehaken in Plötzensee wiegt vieles wenn nicht alles auf in der Gesamtbilanz seines Lebens. Ein aktiver Widerstandskämpfer war er nicht aber auch kein Verräter seiner Kameraden, die diesen Widerstand trugen und unterstützten.