FAZ rudert zu Gauland und wirft neue Fragen auf

Was die Redakteure von FAZ und FAS an Erklärungen abgeben, verstärkt den Eindruck, sie wollten unbedingt Punkte gegen die AfD machen, die andere noch nicht schafften. Im Wettbewerb um die AfD-Hatz sind die journalistischen Maßstäbe in Gefahr.

Die FAZ rudert im Interview mit dem Deutschlandfunk, soweit bekannt, zurück und macht dabei einen nur mäßigen Eindruck.

Am Dienstag bestätigt dann der Deutsche Journalistenverband Berlin/Brandenburg die hier vorgelegte Sicht der Dinge ungewohnt medienkritisch. Dass es zum DJV Berlin/Brandenburg so skurille Einträge gibt wie die Frage, ob es ihn überhaupt gibt, ändert nichts an der dargestellten Sache (auf der Homepage des DJV gibt es den LV). Er gibt Gauland Rechtshilfe:

„Man muss jetzt den Journalisten noch nicht einmal Lügen, bösen Willen oder ein schlechtes Gedächtnis unterstellen. Die Gesetzeslage reicht für eine sehr unangenehme Lage der beiden Journalisten und der Zeitung.

Der § 186 StGB wird den FAS-Journalisten das Kreuz brechen. Gauland kann Unterlassung fordern und Strafantrag wegen ‚Übler Nachrede‘ stellen – und es gibt keine Beweise für die Tatsachenbehauptungen; die Notizen sind keine Beweise, sondern Parteivorbringen, also ziemlich wertlos. Würden sie ohne Zustimmung Gaulands eine Tonaufzeichnung vorlegen, wäre diese illegal und dürfte im Prozess nicht verwendet werden. Die Journalisten hätten sich dann auch noch strafbar gemacht. Also ist das erst recht keine Option.“

Sagte da jemand „Lügenpresse“? Der DJV? Es ist eine regionale  Abspaltung; und der  Bundesverband „Deutsche Journalistenverband“ ist unfähig, hier Klarheit herzustellen. Es ist wie bei einem Hütchenspiele – worunter  versteckt sich der Deutsche Journalistenverband? Unter den verschiedene  Kürzel aber einem gemeinsamen Dach-Logo treten DJV, DJVde; DJVBB und DJV_BB auf, gegensätzlich und verfeindet: Seine Stellungnahme wiederum titelte der DJV mit „Keine AfD-Stimmungsmache“ . Was war da gemeint? Gauland oder die FAZ? Welcher Verband? Das Verwirrspiel verrät Einiges über die Kompetenz dieses Verbandes und die verwirrte Lage in vielen Medien: Worum geht es eigentlich? Was ist Qualitätsjournalismus? Wird aus dem Fall Gauland ein Fall FAZ? Und auch die Kanzlerin kommt da nicht gut weg. Denn sie hat sich unkritisch drangehängt.

Aber der Reihe nach: Die FAZ räumt ein, dass nicht Gauland, sondern dass sie, die Redakteure von FAS und FAZ es selber waren, die den Namen und die Person Jerome Boateng in das Hintergrundgespräch eingebracht haben. Eckart Lohse im Deutschlandfunkinterview: „Als wir ihn nach Boateng fragten, war für uns erkennbar: er weiß, wer gemeint ist, und er hat ja auch geantwortet.“

Zu dem Gespräch problematisierten Komplex „Fremd sein in Deutschland und Integration“ fiel den FAZ-Journalisten, man höre und staune, gar beispielhaft die Person Jerome Boateng ein. „Wir haben ihn gefragt bei dem Thema „Fremd sein in Deutschland und Integration“, wie es denn mit Herrn Boateng zum Beispiel sei, und dann hat er die Antwort gegeben, die er gegeben hat und die wir veröffentlicht haben. So banal war der ganze Ablauf.”

Naiv oder boshaft, die Frage ist schwer zu beantworten. Jedenfalls machen die FAZ-Journalisten höchstpersönlich einen ziemlich zweifelhaften Eindruck. Wieso führen sie Boateng, der eine deutsche Mutter hat, in Deutschland geboren wurde und in Deutschland aufwuchs, zur Schule ging und seine Fußballkarriere machte, in den Diskurs als fremd und integrationsfraglich ein? Wegen der Hautfarbe? Scheint da ein gewisser tief und elegant vergrabener Rassismus durch? Was soll die Person Jerome Boateng hergeben? Für was haben die FAZ-Herren Boateng als „Beispiel“ instrumentalisiert?

Selektiert die FAZ selber seine dunkelhäutigen Menschen in Musterbeispiele der „Integration“ und des Nicht-„Fremd Sein“, die man offenbar nach FAZ-Auffassung gut zu heißen hat und in solche dunkelhäutigen Menschen, die nach FAZ-Auffassung im Umkehrschluss kritisiert oder abgelehnt werden dürften? Wie ist das mit dem Verbot der Verallgemeinerung, des Hochrechnens? Sind alle Menschen einer Gruppe zuzumessen an einem konkreten „Beispiel“? Ist ein konkretes Beispiel Boateng hoch oder runter zu rechnen auf irgendeine von der FAZ imaginierte, aber nicht genauer vorgestellte Gruppe?

Wieso lenkte die FAZ das Gespräch über allgemeine Fremdheit und Integrationsprobleme und Christentum und Religionen auf eine einzige konkrete Person, die mit ihren persönlichen Merkmalen und Daten zum Thema definitiv nicht passt. Und wieso beschwert sich Lohse jetzt umgekehrt, dass Gauland eine „eine einzige Person“ thematisiert hätte, die die FAZ selber verwirrt und undurchdacht als sogenanntes „Beispiel“ das Gespräch selber eingeführt hat?

Lohse: „Es ging sehr konkret in diesem Gespräch um eine einzige Person, nämlich um das Beispiel Jérôme Boateng. Und Herr Gauland hat auch nicht gesagt, ich weiß nicht, wer das ist, oder erklären Sie mal, wer das ist. Er tut ja so, weil er kein Fußballkenner ist, hätte er den gar nicht gekannt. Nein, nein, als wir ihn nach Boateng fragten, war für uns erkennbar, er weiß, wer gemeint ist. Und er hat ja auch geantwortet und ich finde, es macht einen großen Unterschied, ob ich von einer Menschengruppe spreche, oder ob ich von einem einzelnen Menschen spreche, hier einem ganz konkreten Menschen wie von Herrn Boateng.“

Einen Tonbandmitschnitt gibt es, wie wir jetzt spätestens erfahren, nicht. Die erste Frage stellt sich: Hat Gauland das ihm präsentierte „Beispiel“ in Gestalt von Boateng selber aufgegriffen und zu seinem eigenen Beispiel gemacht und sich so dann an der Person Boateng selber verbissen? Oder hat er den Namen nur als Chiffre für Migranten und das dann irrtümlich aufgegriffen? In dubio pro reo?

Wollten die FAZ-Leute Gauland überlisten, in dem sie darauf spekulierten, dass er nicht so genau weiß, dass Boateng als Nicht-Migrant, als Deutscher, in Deutschland geboren und aufgewachsen ist? Eckart Lohse sagt, Gauland hätte genau gewusst, wer Boateng ist, nennt aber die konkreten Anhaltspunkte für seine diesbezügliche Annahme nicht. Sollte Gauland in der FAZ so erscheinen, dass er Menschen nicht nach ihrem Integrationsstand, nach ihrem Nicht-Fremdsein im Land beurteilt, sondern allein nach ihrer Hautfarbe?

Klar, auch Philorassismus ist verboten. Wenn die FAZ Boateng als Glücksfall für „Integration“ und überwundene Fremdheit im Land in ein Integrationsgespräch einbringt, gar als „Beispiel“, wie sie sagt, was ist dann eigentlich die Botschaft, die die FAZ in ihre eigene Frage an Gauland hineingelegt hat?

Wenn die FAZ in so schräger Weise ein untaugliches Beispiel in ein brisantes Gespräch zu einem brisanten Thema einbaut, dann wäre es erste Journalistenpflicht nach allen Regeln der Kunst, auch wenn ein vertrauensvoller Verzicht auf Autorisierung erklärt wurde, den Befragten vor der Veröffentlichung mit dem Zitat zu konfrontieren und ihn zu fragen, ob er sich so zu Boateng äußern wollte.

Boateng kennen und kennen und kennen sind auch noch ziemlich verschiedene Dinge. Den Namen gehört zu haben, diese oder jene Erwähnung oder Fotos von jemandem gesehen zu haben, ist etwas anderes als Boateng als Fussballfan und Kenner über Jahre in den Medien begleitet zu haben.

„Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ Mit diesem Satz aus einem „Hintergrundgespräch“, das der AfD-Vize Alexander Gauland mit dem FAZ/FAS-Journalisten Eckart Lohse und Markus Wehner vor einer Woche in Potsdam geführt hatte, wurde Gauland gestern in der FAS wörtlich zitiert.

Eine Verurteilungs-, Entrüstungs- und Empörungswelle aus allen Richtungen der Politik und der Medien war die sofortige Folge der Veröffentlichung.

Und jetzt hat sich auch Merkels Regierungssprecher Steffen Seibert in die Reihe der Gauland-Kritiker eingereiht: „Der Satz, der da gefallen ist, ist ein niederträchtiger und ein trauriger Satz“, sagte Seibert am Montag in Berlin.

Gauland hat prompt reagiert und bringt vor, falsch zitiert worden zu sein, Boateng nicht beleidigt haben zu wollen und sagte am Montag gegenüber dpa: „Ich bin natürlich kein Rassist“. Die FAZ und FAS kontern, dass beide Journalisten das Gespräch aufgezeichnet hätten und dass ihre Aufzeichnungen übereinstimmten. Die FAZ: „Beide Kollegen haben die Passage aufgezeichnet, ihre Aufzeichnungen stimmen überein“.

Ein bisschen geht es durcheinander, ob es sich um ein Hintergrundgespräch, ein Interview oder eine Mixtur aus beiden handelte. Gauland hätte den Journalisten vertraut und ausdrücklich auf eine Autorisierung des Gesprächs verzichtet, soviel scheint sicher zu sein. Auch scheint übereinstimmende Darstellung beider Seiten zu sein, dass Gauland aus dem Teil des Gespräches, in dem er sich mit seinen eigenen Parteigenossen auseinandersetzte, nicht zitiert wissen wollte.

Gibt es einen Audiomitschnitt oder handschriftliche Aufzeichnungen?

In der Tat: Der Satz, so wie er jetzt für sich gesehen da steht, schreit förmlich nach mehr, also nach dem Kontext. Wie war der Kontext? Wie war es jetzt? Wer sagt jetzt die Wahrheit? Wer die Unwahrheit? Gauland oder die Journalisten? Wenn zwei Parteien sich in tatsächlicher Hinsicht über einen Satz streiten, dann ist das die typische Situation, die sauber gar nicht anders gelöst werden kann, als dass jetzt beide Seiten einvernehmlich alle Unterlagen vollständig und gegebenenfalls entsprechenden eidestattlichen Versicherungen, testierte Gedächtnisprotokolle der Journalisten und Gaulands usw. schnellstmöglich der Öffentlichkeit vorlegen.

Da die FAS/FAZ nun auftrumpft, nach dem Motto: Ätsch, wir haben aber Aufzeichnungen, ist das, was jetzt zum öffentlichen Eklat geworden ist, wie Merkels Einlassung auch zeigt, geradezu zur Staatsaffäre geworden, die keine offenen Fragen mehr zulässt.

Aufzeichnungen der beiden Journalisten meint üblicherweise einen Audiomitschnitt. Da ist der Zusatz der FAZ, dass beide Aufzeichnungen übereinstimmen, etwas sonderbar. Wenn zwei Tonbandgeräte dasselbe Geräusch aufnehmen, dann ist es eine Selbstverständlichkeit, dass beide Aufzeichnungen der Sache nach identisch sind. Oder handelt es sich nicht um Tonbandaufzeichnungen, sondern um schriftliche Aufzeichnungen, handschriftliche Aufzeichnungen? Jetzt jedenfalls wird der Kontext auf Punkt und Komma genau von entscheidender Bedeutung.

Was hat Gauland objektiv gesagt? Was hat er tatsächlich oder mutmaßlich gemeint? Was muss er sich zurechnen lassen? Hat er den Namen Jerome Boateng in das Gespräch eingeführt und ihn bejahendenfalls ganz konkret gemeint oder beispielhaft? Oder haben die Journalisten den Namen Boateng zuerst eingebracht? Hat Gauland den Namen ausgesprochen, was er bestritten hat, oder woran er sich nicht mehr erinnert, oder nicht mehr erinnern will? Angesicht des Gewichts des Inhalts der Veröffentlichung wäre es von beiden Seiten, also von Gauland und der FAS/FAZ, ein schwerwiegendes Versagen, wenn sie nicht gemeinsam einer uneingeschränkten Veröffentlichung der Aufzeichnungen zustimmten und diese Veröffentlichung dann auch entsprechend vornähmen.

Wenn es sich um handschriftliche Aufzeichnungen handelt sollte, dann gilt exakt das Nämliche. Auch wenn es sich um Gedächtnisprotokolle handeln sollte. Jetzt gilt nach allen Regeln der journalistischen Kunst und der fairen öffentlichen Auseinandersetzung: Her mit dem genauen „Tathergang“! Her mit den Aufzeichnungen!

Zwei Journalisten, ein Gesprächspartner, keine Autorisierung – das spricht für ein Gespräch auf Augenhöhe, auf Vertrauensbasis. Dass ein Politprofi rassistisch austickt, wie es die öffentliche Mehrheitsmeinung bewertet, ist verwunderlich. Daran ändert auch seine Einlassung nichts, er habe nur eine von ihm wahrgenommene Befindlichkeit Anderer wiedergeben wollen und konkret Boateng nicht herabsetzen wollen. Andere von der FAS/FAZ kolportierte Aussagen Gaulands lassen sich soweit bekannt nicht mit der Person Boateng in Verbindung bringen, erläutern aber ein bisschen den Kontext, in den Gesprächsverlauf. So hat Gauland offenbar die auch schon bekannte Linie verfolgt, dass es ihm nicht um eine religiöse Verteidigung des Christentums ginge, sondern dass das Wort Christentum für ihn nur ein Synonym für Abendland und Aufklärung wäre und er sich gegen ein irgendwie offenbar drohendes muslimisches Übergewicht in der Gesellschaft zur Wehr setzte: “Die Wähler der AfD wollten aber, dass man für „ihr So-Sein“ kämpfe, für alles, „was man von den Vätern ererbt“ habe. „Das Christentum ist dafür dann eine Metapher.“ Die große Zahl der Fremden sei das eigentliche Problem, so Gauland.“

Falls es um Integrationsprobleme in dem Gespräch gegangen sein sollte, um die laut Merkel fehlgeschlagene Multikulti-Idee, stellt sich die Frage, warum es in dem Gespräch angesichts der vielen Millionen Migranten und inzwischen auch vielen Millionen Einwanderern in Europa, explizit um Boateng gegangen ist, der eine deutsche Mutter und einen ghanaischen Vater hat und zu keinem Zeitpunkt überhaupt einen wirklichen Integrationsfall darstellt, geschweige denn einen Fall, in dem erst eine Integrationshürde hätte überwunden werden müssen.

Nur weil Boateng ein erfolgreicher Fußballer ist, ist er zwar medial interessant, aber eigentlich kein prädestinierter Fall für die schräge oder gerade Diskussion zwischen FAZ und Gauland. Es würde jedenfalls erstaunen, dass irgendjemand so mir nichts, dir nichts mit dem bekloppten Satz auftrumpfen würde, dass Niemand neben Jerome Boateng wohnen wollte. Das möchte man schon wissen.

Zunächst schadet der Vorgang der AfD und Gauland. Aber wenn die FAZ die Zweifel der Unkorrektheit nicht ausräumen kann wird es auch für sie gefährlich:

Hintergrundgespräche leben von der Vertraulichkeit; wer sie nicht wahrt, wird keine mehr führen können – ganz egal, mit welcher Parteimitgliedschaft. Das ist sich die FAZ selbst schuldig – immerhin das anerkannte Qualitätsblatt des Landes, und die beiden Kollegen sind für ihre Arbeit ebenfalls anerkannt und geschätzt. Da darf kein Zweifel bleiben.

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