Die Zahl der Flüchtlinge, die von einem Schlepperschiff geborgen werden oder mit ihm untergehen, muss inzwischen hoch sein, wenn sie den Medien noch eine Meldung wert sein soll. Das hörten wir gestern in der Münchner Runde des BR. Junge Tunesier, die keine Zukunft für sich sehen, berichtet die NZZ, entscheiden sich entweder für den gefährlichen Weg über das Mittelmeer nach Europa oder ziehen nach Syrien in den Jihad, wo gutes Einkommen und der Status locken, für eine „gerechte Sache“ zu kämpfen. Wann sehen wir Stories über die Schuld der EU am IS-Nachschub?
"Da ist sie, die Großstadtpartei", stand gestern hier. Dass Friedrich Thelen, der dies analysierte, eine positive Grundhaltung zur FDP bescheinigt werden darf, ändert nichts an seiner Beobachtung von einem radikalen Generationenwechsel der FDP auf ihrem Bundesparteitag am vergangenen Wochenende in Berlin. Aber auch im neu gewählten Bundesvorstand der FDP ist ein bemerkenswerter Wechsel der Gesichter festzustellen. Was das verspricht und was es nicht garantiert, dazu ein paar Gedanken.
Auf die Paid-Content-Strategie der New York Times berufen sich gerade auch deutsche Verleger und Chefredakteure gern. Nach dem Motto, geht doch, Inhalte lassen sich sehr wohl verkaufen, wir müssen uns nur trauen und die Gratiskultur beenden. Die schlechte Nachricht: nytnow, die App der New Yorker Zeitungs-Ikone, gibt es ab sofort kostenlos, der Abo-Preis von acht Dollar im Monat für die “wichtigsten und interessantesten Geschichten” aus der NYT und anderen Quellen entfällt.
Ein roter Faden zieht sich durch die politische Landkarte Europas: Viele Establishment-Parteien sind am Abdanken. Ich bediene mich der ältesten Ressource der Welt: hinschauen und zusammenzählen. In ihrem Ursprungsland Schottland gibt es die Labour-Party nicht mehr. In Spanien bringen PP und PSOE, Konservative und Sozialdemokraten, die das Land in indirekten Koalitionen 30 Jahre regierten, zusammen keine 50 Prozent mehr auf die Waage. Wann ist das auch in Deutschland so weit?
Bernd Lucke beschuldigt Konrad Adam, er habe "der Bild-Zeitung mitgeteilt, es gebe handfeste Indizien dafür, dass ich mich entschlossen habe, die AfD zu verlassen." Damit erreicht der Richtungsstreit in der AfD einen wohl nicht mehr zu überbietenden Höhepunkt. Gleichzeitig wird aber auch bemerkenswert transparent, worum es in diesem Konflikt geht. Adam, sagt Lucke, kämpfe "mit falschen Freunden an der falschen Front".
Wenn eine Informationssendung keine oder zu wenig Informationen hat, muss sie ausfallen. Diese simple Erkenntnis geht ARD und ZDF seit langem bei dem Format SPEZIAL ab, gestern aber auch und besonders in der Berichterstattung über die Wahlen in Bremen und Bremerhaven.
Auf den wahrscheinlich weiter amtierenden britischen Premier warten drei Bewährungsproben, von denen jede einzelne schwierig genug für eine Regierungsperiode wäre. Er muss die Bedingungen der EU-Mitgliedschaft neu verhandeln und das Ergebnis Ende 2017 zur Volksabstimmung vorlegen. Den Schotten muss er viel Autonomie geben, wenn sie das Vereinigte Königreich nicht verlassen sollen. Und das staatliche Gesundheitssystem braucht eine Totalreform.
In dieser Woche wird das britische Unterhaus gewählt. Kenner sagen, dass die Tories Schottland und Wales bereits aufgegeben haben. Nach der Wahl könnte es sich sowohl bei Labour wie bei Tories nicht mehr um britische, sondern nur noch englische Parteien handeln. Da scheint möglich, was das britische Mehrheitswahlrecht mit kurzen Unterbrechungen ausschloss, eine Koalitionsregierung: diesmal eine von Tories und Labour, eine wie in Berlin - nicht mehr ganz so - große Koalition.
1983 verkündete Ralf Dahrendorf "das Ende des sozialdemokratischen Zeitalters". Die SPD versteht das bis heute als unheilvolle Prognose für sozialdemokratische Parteien. 1997 widersprach er George Soros, dass nach dem Ende des Kommunismus der Kapitalismus der größte Feind sei.
20 Flüchtlinge rettete der griechische Unteroffizier Antonis Deligiorgis vor dem Ertrinken. Besitzer von Schiffen sind in privaten Initiativen unterwegs, um in Seenot geratene Flüchtlinge zu bergen. Über die Frage, was Europas Regierungen in der Flüchtlingsfrage tun, wird noch lange keine Klarheit herrschen. Spektakuläre Bilder und Berichte werden uns weiter begleiten. Das menschlich dramatische Geschehen und seine politischen Implikationen werden die Länder Europas zwingen zu klären, was Europa jenseits des Brüsseler Richtlinien-Mikromanagements sein soll.
Tausende Ertrinkende im Mittelmeer und versinkende Milliarden in Griechenland haben eines gemeinsam: die Unfähigkeit der EU, mehr zustande zu bringen als politischen Zeitgewinn. Der humanitäre Preis ist ebenso unerträglich und unverantwortlich wie der politisch-gesellschaftliche.
Der 10-Punkte-Plan der EU ist eine reine Polizei- und Verwaltungsoperation. Bis es gelingt, Asyl-Verfahren auf afrikanischem Boden in Auffanglagern und die sichere Überfahrt zu organisieren, werden viele Monate vergehen.
Im Juli dieses Jahres werden es 25 Jahre, dass Ralf Dahrendorf sein Buchmanuskript „Betrachtungen über die Revolution in Europa“ abschloss. In jenem Sommer 1990, der extrem heiß war, bereiste ich die meisten Provinzhauptstädte Jugoslawiens. Am Ende der Reise ahnte ich, dass die südslawische Föderation nicht von Dauer sein würde. Dass es Jugoslawiens letzter Sommer sein sollte, wusste wohl niemand. Der deutsche Botschafter versammelte Politiker der neuen Parteien in einem Ausflugslokal am Rande von Belgrad, darunter auch der spätere serbische Ministerpräsident Zoran Đinđić, der bei Dahrendorf in Konstanz studiert hatte. Đinđić wie alle anderen widersprachen meinem Eindruck vom Bröckeln des jugoslawischen Zusammenhalts heftig. Nicht das erste Mal, dass gerade jenen der Blick verstellt ist, die am tiefsten im Gang der Dinge stecken - für etwas, das sich klar abzeichnet.
„Zu Ostern das Lamm“ schrieb Klaus Trebes in seinem Kochbuch. Das Restaurant Gargantua des ehemaligen Hausbesetzers im Frankfurter Westend war lange Stammlokal von 68-Kameraden wie Joschka Fischer. In der Welt der Veganer und Vegetarier hätte nur noch wenig aus dem Repertoire des begnadeten Kochs mit Juraexamen Bestand. Sein Auberginen-Curry ja, aber sein gebratener Chicorée schon nicht, denn da braucht es Butter.
Keine Katastrophe ist zu schrecklich und kein Leid zu unermesslich für den seelenlosen Automaten der großen Öffentlichkeitsmaschinerie. Die Sensation des Flugzeugabsturzes ist das beherrschende Thema, nicht das Leid der Menschen. Beängstigend schnell geben Leid und Trauer der Menschen nur noch den Hintergrund ab für eilfertige Verdächtigung und Vorverurteilung von Schuldigen. Die Lufthansa wird als erste buchstäblich so ins Bild gesetzt.
Schüler, Eltern und Lehrer an der Schule und Bürger in Haltern trauern zusammen. Menschen, die sich kennen, versuchen, denen unter ihnen, die ihre Liebsten verloren haben, zur Seite zu stehen. Freunde und Bekannte der Opfer und Angehörigen in Spanien und Deutschland tun Gleiches. Was wäre natürlicher?
Bei einem Teller Spaghetti Bolognese zeigte das ZDF-MorgenMagazin Christian Lindner und Cherno Jobatey. Mitri Sirin kommentiert das Bild freundlich: Mit wie wenig man Menschen glücklich machen kann. Da blies Dunja Hayali zum Halali: „Ohne Fleisch wäre besser.“ Da war er! Der große Vorwurf.
„Erzwingt Wladimir Putin Europas Einheit?“, fragt Thomas Schmid auf seinem Welt-Blog. Ist Putin die letzte Chance der EU? – möchte ich das zuspitzen. Ja, die Europäische Union ist wie ihre Vorläufer ein Projekt von oben, nicht von unten. Im Moment fällt mir kein staatliches Gebilde ein, wo das anders wäre. Aber natürlich macht es einen gewaltigen Unterschied, ob ein Staat oder wie bei der EU ein noch gar nicht definiertes Gebilde mit und ohne staatliche Eigenschaften von seinen Bürgern und Völkern emotional getragen wird oder nicht.
Die wenigsten Medien halten es auseinander: die antikapitalistischen Gegner von Globalisierung und „Neoliberalismus“, TTIP, Euro, EU, Troika – den “schwarzen Block“ und die neugierigen Mitläufer. Die berechtigte Empörung über die gewalttätigen Ausschreitungen lässt keine nüchterne Betrachtung zu. Erst mit einigem zeitlichen Abstand wird sich herausstellen, ob mit diesem Tag in Frankfurt Blockupy vielleicht schon den Höhepunkt überschritten hat.
Blockupy und Pegida haben im Kern mehr gemeinsam, als ihren Aktivisten bewusst ist. Die Anführer und Organisatoren beider werden meine Interpretation empört zurückweisen. Und natürlich sind ihre politischen Vorstellungen verschieden.
Die Köpfe von Blockupy wollen eine neue, eine andere Ordnung, nicht nur, aber vor allem der Wirtschaft, aktuell eine radikale Regulierung der Finanzwelt. Die Pegida-Anführer wollen die gute, alte Ordnung zurück, eine ohne Ausländer und Nichtchristen. Aber dass die Aktivisten von Blockupy und Pegida Tausende und Zehntausende heute auf die Straße bringen können, hat eine gemeinsame Ursache.
Höchst vereinzelt weisen Journalisten darauf hin, dass eine EU-Armee keine Antwort auf die Defizite der europäischen Sicherheitspolitik ist. Ich habe noch immer die schlichte Erwartung, dass eine freie Presse Forderungen von Würdenträgern nicht einfach verbreitet, sondern kritisch begleitet. Juncker sagt europäische Armee, von der Leyen und andere Politiker finden das gut. Mehr erfahren Leser, Zuschauer und Hörer nicht.
