FDP – die neue Kollektion: Es gibt immer was zu tun

„Da ist sie, die Großstadtpartei“, stand gestern hier. Dass Friedrich Thelen, der dies analysierte, eine positive Grundhaltung zur FDP bescheinigt werden darf, ändert nichts an seiner Beobachtung von einem radikalen Generationenwechsel der FDP auf ihrem Bundesparteitag am vergangenen Wochenende in Berlin. Aber  auch im neu gewählten Bundesvorstand der FDP ist ein bemerkenswerter Wechsel der Gesichter festzustellen. Was das verspricht und was es nicht garantiert, dazu ein paar Gedanken.




Jugend ist bekanntlich die einzige Krankheit, die mit jedem Tag ihrer Genesung entgegenschreitet. Nur weil die Delegierten der FDP nun eher unter 40 sind als über 60, garantiert den Wiederaufstieg nicht. Aber dass sie sich nach einem derart einschneidenden Ereignis wie dem Ausscheiden aus dem Bundestag ohne einen Generationenwechsel nicht erneuern kann, weiß jeder, der die Landschaft der politischen Parteien kennt. Die neue Generation, die die FDP (und jede andere Partei) braucht, ist auch nicht primär nach Lebensalter definiert, sondern nach Lebenseinstellung.

Friedrich Thelen hat gut hingeschaut, wenn er auf den anderen Auftritt der neuen Gesichter abhebt. Das Erkennungszeichen der Traditions-Delegierten, die konservativ blau und gelb quergestreifte Krawatte war nur noch so vereinzelt präsent wie eine vom Aussterben bedrohte Art. Krawattenlose Herren im Jahre 2015 – was für ein langer Weg, den ich mit etlichen Zeitgenossen in der FDP doch schon Anfang der 1970er Jahre beging. Bei den Wahlen zum Bundesvorstand traten jene wenigen Kandidaten, die auch schon in der alten FDP dorthin strebten, überwiegend erst auf den hinteren Plätzen an – auf der sogenannten freien Wildbahn. Ein sprechendes Indiz dafür, dass auch die Landesverbände in ihren Führungspositionen den Generationenwechsel mehr hinter als vor sich haben.

Kurzum: Das Bundesgesicht der FDP sieht heute anders aus als Gestern. Die sichtbarste Ausnahme ist Bundesschatzmeister Otto Solms (74). In einem Interview der Welt haben wohl die meisten eine Antwort von ihm überlesen oder ihre Denkwürdigkeit nicht erkannt: „Darüber hinaus kann ich heute sagen, das ist wieder meine FDP. Wir sind noch lange nicht am Ziel, aber diese Partei steht wieder für liberale Kerninhalte. Wir haben eine erneuerte und endlich harmonische Führung.“ (Hervorhebung von mir). Solms zählt offenkundig nicht zu den Alten. Seine Kollegen in alten FDP-Führungen werden das nicht gerne lesen.

Personen sind nicht alles, aber ohne sie ist alles nichts

Natürlich habe ich nicht alle Berichte über den Parteitag der FDP gelesen, gesehen und gehört. Doch der entscheidende Befund liegt klar zutage:

  • Der Wiederaufstieg der Freien Demokraten wird nicht mehr als unmöglich eingestuft.
  • Und genau deshalb berichten die Medien wieder über die FDP.

BILD (und Springer insgesamt) setzt offensichtlich auf den Erneuerungskurs Christian Lindners. Das ist nach Schröders Formel von „BILD und Glotze“ schon die halbe Miete. Die FAZ findet erstmals wieder Positives an der FDP. Die Süddeutsche schreibt nun eher skeptisch als negativ. Selbst die zuverlässig negative Stimme der Frankfurter Rundschau lässt auch ein bisschen Freundliches neben dem Verdikt „German Mist“ zu. Das Fernsehen hält sich seinem Zustand entsprechend mehr bei Äußerlichkeiten auf als allem anderen. Aber das braucht Lindner und die Seinen nicht zu kümmern. Aufmerksamkeit ist die Bedingung für Alles. Und Aufmerksamkeit hat die Inszenierung, zu der die kreative Agentur Heimat entscheidend beiträgt, wiedergewonnen: bei den Wahlen in Hamburg und Bremen wie auf dem Parteitag in Berlin.

Und die Inhalte?

Programmatische Forderungen, die mich und andere vom Stuhle rissen, sind nicht unter den FDP-Beschlüssen von Berlin. Aber eine strategische Standortbestimmung der Freien Demokraten, die sich in ihrem Logo absichtsvoll nicht mehr „Die Liberalen“ nennen (was bei PHOENIX noch nicht ankam), ist Lindner im Echo der Medien gelungen. Wie auch ein Blick in die Presseschau des Deutschlandfunks bestätigt.

Um den Anspruch einzulösen, den Christian Lindner mit seinem GermanMut-Aufruf zur Erneuerung der deutschen Republik erhoben hat, braucht die FDP als nächstes beeindruckende politische Würfe. Zeit dafür ist genug bis zur Bundestagswahl 2017. Bei den Landtagswahlen davor muss Lindner den Kleingeist besiegen, der sich in dieser und jener FDP-Ecke garantiert regen wird. Jeder Rückfall in alten Gewohnheiten in Inhalt und Auftritt würde indes das Erreichte zunichte machen.

Aber wie heißt es in der sehr erfolgreichen Werbekampagne der Agentur Heimat für den Baumarkt Hornbach? Es gibt immer was zu tun.




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