Während die Kanzlerin am Wochenende in Auschwitz redete, fand in Berlin eine Anti-Israel-Konferenz statt, die angeblich niemand verhindern konnte. Das Doppeldenk in Deutschland funktioniert ausgezeichnet.
Beata Zawrzel/NurPhoto via Getty Images
Am Wochenende reiste Angela Merkel nach Polen zu ihrem ersten Besuch in der Gedenkstätte Auschwitz. In ihrer Rede sagte sie, an diesem Ort müsse man „eigentlich verstummen“. Das wäre tatsächlich eine Möglichkeit. Ein deutscher Regierungschef, eine Regierungschefin könnte stattdessen auch etwas sagen, das in seiner Substanz über den Moment eines politischen Protokolltermins hinausreicht. Die Bundeskanzlerin entschied sich dafür, weder das eine noch das andere zu tun. Zwei Sätze bildeten allerdings den Kern ihres Referats, nicht, weil sie sich vom intellektuellen Zuschnitt der restlichen Rede abgehoben hätten, sondern weil sie beispielhaft für die Kunst Merkels stehen, das Entscheidende auszulassen. Es ist die Kunst, Konflikte durch demonstrative Nichterwähnung stumm zu schalten. Ihre beiden Sätze lauteten: „Wir dulden keinen Antisemitismus. Alle Menschen müssen sich in Deutschland sicher und zuhause fühlen.“
Berlins Innensenator Andreas Geisel meinte, er fände die Konferenz natürlich schlimm, könnte aber wenig dagegen tun. Schließlich sei die Hamas in Deutschland nicht verboten.
Warum eigentlich nicht? Wenn es ein Land gibt, in dem historische Gründe für dieses Verbot sprechen, dann Deutschland.
Anders, als Merkel in Auschwitz behauptete, duldet Deutschland – ganz konkret: der deutsche Staat, der von ihr geprägte Staat – Antisemitismus. Er fördert ihn sogar, indem er immer wieder Visa an notorische Judenhasser ausgibt, damit sie in Deutschland Propagandaveranstaltungen politisches Gewicht geben. Ein liberaler Rechtsstaat könnte das ohne Schwierigkeiten verhindern. Es gibt kein Recht auf Einreisevisa für Leute, die in Deutschland erklärtermaßen gegen Israel und Juden agitieren wollen. Das Grundgesetz sieht übrigens das Demonstrationsrecht auch nicht für jeden vor, sondern ausdrücklich nur für deutsche Staatsbürger. Ihre Regierung könnte also anders.
Merkels zweiter Satz führt zum Kern ihres Denkens: „Alle Menschen müssen sich in Deutschland sicher und zuhause fühlen.“
Routiniert schaltet Merkel auch schon seit Jahren die Frage stumm, welche Folgen ihre Migrationspolitik für die Juden in Deutschland hat. Es gibt einen urdeutschen Antisemitismus. Aber der bekommt seit 2015 die kräftigste Verstärkung, seit es die Bundesrepublik gibt. Der Mann, der kürzlich mit einem Messer in der Hand auf das Sicherheitspersonal vor der Synagoge in der Oranienburger Straße losstürmte, war ein syrischer Asylbewerber. Der Jugendliche, der auf einer Berliner Straße auf einen Jungen mit dem Gürtel einschlug, weil der eine Kippa trug, kam ebenfalls im großen arabischen Strom nach Deutschland.
Am heutigen Frankreich, aus dem jedes Jahr tausende Juden ausreisen, und in dem kaum noch eine jüdische Familie seine Kinder auf staatliche Schulen bringt, lässt sich vielleicht ablesen, wohin die Entwicklung auch in Deutschland geht.
Wenn Merkel das nicht erwähnen, sondern aussparen möchte: dann sollte sie am besten ganz schweigen.




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