Festnahmen, verbarrikadierte Geschäfte: Deutschland rüstet sich für Gen-Z-Proteste

Am Tag der bundesweiten Gen-Z-Proteste haben Händler ihre Geschäfte in zahlreichen Innenstädten hinter dicken Holzplatten verschanzt. Mehrere Geschäfte bleiben geschlossen, die Polizei rückt mit Großaufgeboten an. In Nordrhein-Westfalen gab es bereits vier Festnahmen. Alles ganz normal, war schon immer so.

picture alliance / Panama Pictures | Christoph Hardt

In Düsseldorf und Neuss hat die Polizei vier Männer vorläufig festgenommen, die für den heutigen Samstag gewalttätige Aktionen gegen Menschen und Dinge geplant haben sollen. Der Staatsschutz ermittelt, bei zwei Durchsuchungen am Freitagmorgen wurden Beweismittel sichergestellt.

Nach Informationen der Bild sollen die Verdächtigen im Internet damit gedroht haben, Molotowcocktails herzustellen und zu den Protesten mitzubringen. Ob die Männer tatsächlich Verbindungen zur Protestbewegung „Gen Z regelt“ haben, ist Gegenstand der Ermittlungen.

Unterdessen bietet sich in deutschen Innenstädten ein Bild, wie man es bislang vor allem aus Ländern mit schwersten sozialen Unruhen kannte: Geschäftsleute lassen ihre Schaufenster mit massiven Holzplatten verrammeln. Andere schließen vorsorglich ganz. Für den heutigen Samstag sind bundesweit Demonstrationen in mehr als 30 Städten angekündigt. Völlig unnormale, inakzeptable Zustände.

Besonders drastisch sind die Vorkehrungen in Hamburg. Am Neuen Wall, einer der teuersten Einkaufsstraßen Deutschlands, verschwinden die Schaufenster weltbekannter Luxusmarken hinter Sperrholzplatten. Yves Saint Laurent und Hugo Boss haben ihre Geschäfte ebenso sichern lassen wie die Uhrenhersteller Breitling und Patek Philippe. Ganze Paletten mit Holzplatten und Dachlatten wurden vor den Geschäften angeliefert. Aus der vornehmen Einkaufsmeile wird für einen Tag eine Straße mit verbarrikadierten Fassaden. Die Demonstration beginnt am Nachmittag am Jungfernstieg. Die Hamburger Polizei hat ein Großaufgebot angekündigt, rechnet nach eigener Aussage allerdings mit einem überwiegend friedlichen Verlauf.

Am Berliner Kurfürstendamm sind die Schutzmaßnahmen ebenfalls längst getroffen worden. Tiffany & Co. und Chopard gehören zu den Geschäften, deren Schaufenster mit Holzplatten abgesichert wurden. Auch der Rolex-Händler hat Vorkehrungen getroffen. Starbucks, das besonders gerne von Israelhassern in Regress genommen wird. Für die Hauptstadt sind rund 1.500 Polizeibeamte im Einsatz, am Brandenburger Tor wird ab 14 Uhr eine Kundgebung mit etwa 10.000 Teilnehmern erwartet. Angesichts der besonderen Lage stehen auch Wasserwerfer bereit.

In Köln haben unter anderem Bulgari, Wempe und Christ ihre Auslagen durch Holzverschläge schützen lassen. Selbst Starbucks lässt seine Fenster sichern. Die Polizei erwartet dort eine der größten Demonstrationen des Tages, zu der online mehr als 14.000 Teilnehmer angekündigt sind. In Frankfurt am Main wurden Geschäfte von Burberry, Tod’s und Versace mit Schutzvorrichtungen versehen. Auf der Einkaufsmeile Zeil hat auch der Einzelhandel reagiert. Das Schuhgeschäft Snipes verstärkte seine private Bewachung um sechs Sicherheitskräfte. Die Polizei rechnet in Frankfurt zudem mit der möglichen Anreise von rund 80 gewaltbereiten Linksextremisten.

Auch andernorts bleibt der Einzelhandel auf der Hut. In Stuttgart will die Kosmetikkette Sephora ihr bereits verbarrikadiertes Geschäft am Samstag nur bis 15 Uhr öffnen. In der Stiftsstraße hatten sich bis Donnerstag schon sechs Geschäfte entschieden, ihre Türen am Demonstrationstag geschlossen zu halten. In Nürnberg bleibt der Juwelier Bucherer wegen besonderer Sicherheitsvorkehrungen ganztägig zu. Selbst in München, wo die Polizei bislang keine konkreten Hinweise auf geplante Gewalttaten sieht, haben Luxusgeschäfte wie Prada besondere Schutzmaßnahmen getroffen.

Die Nervosität der Händler hat einen konkreten Hintergrund. Seit Tagen kursieren in sozialen Netzwerken Aufrufe, die Proteste zum Plündern von Geschäften zu nutzen. In einschlägigen Chatgruppen werden Wunschlisten verbreitet, auf denen die begehrten Marken bereits feststehen. Videos zeigen vermummte Personen vor Luxusgeschäften, die ankündigen, sich am 31. Oktober teure Uhren zu beschaffen. Als mögliche Ziele werden unter anderem die Düsseldorfer Königsallee und die Kölner Innenstadt genannt. Die französischen Krawalle der vergangenen Tage dienen den Verfassern solcher Aufrufe offensichtlich als Vorbild.

Die Bilder aus Frankreich haben gezeigt, wie schnell sich Demonstrationen in komplett eskalierende Ausschreitungen, Zerstörungswut und Plünderungszüge verwandeln. Dort wurden bei den jüngsten Jugendprotesten Geschäfte wie ganze Straßenzüge verwüstet, Gebäude in Brand gesetzt, zahllose Geschäfte geplündert, Kleinunternehmer um ihre berufliche Existenz gebracht. Die Ausschreitungen haben auch die deutschen Sicherheitsbehörden alarmiert, die eine Beteiligung gewaltbereiter Linksextremisten und Migrantengruppen an den hiesigen Veranstaltungen befürchten.

Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) hat ein konsequentes Einschreiten angekündigt und schließt für den Ernstfall auch den Einsatz von Wasserwerfern und Spezialeinheiten nicht aus. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) verspricht ebenfalls ein hartes Vorgehen gegen Gewalttäter. Die Polizei soll verhindern, dass radikale Gruppen die Proteste für Ausschreitungen missbrauchen. Freilich wird sich erst am Abend zeigen, wie viel die markigen Ankündigungen wert sind.

Die Organisatoren von „Gen Z regelt“ betonen ausdrücklich, friedlich demonstrieren zu wollen. Ihre Forderungen betreffen bessere Bildung, bezahlbares Wohnen sowie die Ablehnung einer möglichen Wiedereinführung der Wehrpflicht. In Teilen der publizistischen Linken werden Gewalt und Plünderungen allerdings schon seit Tagen mit einer ideologischen Rechtfertigung versehen. In der taz erklärte Amira Klute die Distanzierung von Sachbeschädigungen zum politischen Fehler, weil die Ablehnung von Gewalt bestehende Herrschaftsverhältnisse stabilisiere. Der österreichische Publizist Robert Misik verspottete bei ZackZack die Angst vor gewalttätigen Demonstranten als „Eliten-Panik“ und erklärte kurzerhand die Reichen zu den „wahren Plünderern“. So wird aus der Verwüstung fremden Eigentums ein Akt gesellschaftlicher Gerechtigkeit und aus den Geschädigten werden die eigentlichen Schuldigen. Die linksintellektuelle Legitimierung für Gewalt und Diebstahl ist damit bereits geschrieben.

Nach eigenen Angaben haben sich bundesweit mehr als 160.000 Menschen für die Proteste angekündigt. Dabei handelt es sich um digitale Teilnahmebekundungen, deren Zahl noch nichts über die tatsächliche Beteiligung aussagt. Die Bundesschülerkonferenz hat sich wegen mangelnder Transparenz der Organisatoren von den Aufrufen distanziert und für den 20. November eine eigene Demonstration angekündigt.

Für die Einzelhändler dürften solche Differenzierungen kaum beruhigend sein. Schon die Vorstellung, dass unter dem Schutz einer großen Demonstration vermummte Gewalttäter in ihre Geschäfte eindringen könnten, genügt, um erhebliche Summen für Sicherheitsvorkehrungen auszugeben. Zu den Kosten für das Verbarrikadieren der Ladenfronten kommen zusätzliches Wachpersonal und mögliche Umsatzausfälle. Wer heute vorsorglich schließt, verliert Einnahmen. Die Kosten der Angst tragen damit jene, die ihrer Arbeit nachgehen wollen.

Wie weit die Verunsicherung mittlerweile reicht, zeigt die Situation in Düsseldorf. Dort hat die Polizei eine eigene Hotline für besorgte Gewerbetreibende eingerichtet. Geschäftsinhaber erkundigen sich bei den Beamten, ob sie ihre Schaufenster vorsorglich vernageln lassen sollten. Auf der Königsallee erwägen Händler, teure Waren aus den Auslagen zu entfernen und zusätzliches Sicherheitspersonal zu beschäftigen.

Deutschlands Innenstädte präsentieren sich am heutigen Samstag stellenweise wie vor einer Belagerung. Dabei sollten Händler eigentlich darauf vertrauen können, dass sie ihre Geschäfte während einer angemeldeten Demonstration geöffnet halten können. Eigentlich.

Die Polizei hat nun die Aufgabe, die friedlichen Demonstranten zu schützen und diejenigen aus dem Verkehr zu ziehen, die das Demonstrationsrecht als Gelegenheit für Gewalt und Diebstahl betrachten. In Frankreich musste sich die Polizei immer wieder zurückziehen.

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