Auf einen milden Winter hoffen, lautet die Aussicht des IEA-Chefs Fatih Birol für Europa. Öl und Gas bleiben knapp. Er fordert, möglichst viel Strom zu erzeugen. Ohne Atomausstieg wäre das einfacher. Warum Deutschland funktionierende Meiler abschaltet und auf Wasserstoff aus Namibia setzt, hab er nie verstanden.
picture alliance / AP Photo/Teresa Suarez | Teresa Suarez
Für Europas Energieversorgung hat der Chef der Internationalen Energieagentur (IAE) eine wenig beruhigende Botschaft: Es wird auch auf das Wetter ankommen. „Wir können nur hoffen, dass es kein allzu strenger Winter wird“, sagte Fatih Birol der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ob die Europäer sicher durch den Winter kommen? „Ich bin mir nicht sicher“, antwortete er.
Die globale Öl- und Gasversorgung dürfte nach Einschätzung der IEA infolge des Irankriegs noch monatelang kritisch bleiben. Auf eine baldige Entspannung sollten sich Verbraucher und Unternehmen deshalb nicht verlassen. „Ich sehe keinen plausiblen Weg für eine Normalisierung der Energiemärkte bis 2027“, sagte Birol.
Für Europa kommen mehrere Probleme zusammen. Der Gasimport aus den Golfstaaten bleibt unterbrochen, zugleich sind die Gasspeicherstände niedrig. Dass sich Europa von russischem Öl und Gas lösen will, macht die Versorgungslage nach Birols Einschätzung zusätzlich schwierig. Auf dem Weltmarkt müssen sich die Europäer auf entsprechend harte Konkurrenz einstellen. „Daher wird es auf den Märkten für Flüssigerdgas zu einem starken Wettbewerb zwischen asiatischen Abnehmern wie Japan, Korea und China sowie den europäischen Abnehmern kommen; dieser Wettbewerb wird die Preise in die Höhe treiben“, sagte der IEA-Chef.
Die Beschränkungen für russische Gasimporte würde Birol dennoch nicht lockern. Europa sollte sich seiner Ansicht nach nicht erneut in die Abhängigkeit von Russland begeben. Kurzfristig hält er stattdessen auch eine möglichst hohe eigene Öl- und Gasförderung für wichtig.
Kernkraftwerke abgeschaltet – dafür Wasserstoff aus Namibia?
Sein wichtigster Rat lautet: „So viel Strom wie möglich erzeugen“. Für Deutschland steckt darin eine besonders unangenehme Botschaft. Denn ohne den Atomausstieg wäre das einfacher, wie Birol deutlich machte. „Ich habe nie verstanden, wie das Land von Immanuel Kant perfekt funktionierende Kernkraftwerke stilllegen und zur Kompensation versuchen kann, grünen Wasserstoff aus Namibia zu beziehen“, sagte der IEA-Chef.
Das weltweit wachsende Interesse an der Kernenergie begrüßt Birol ausdrücklich. „Ich habe schon vor drei Jahren gesagt, dass die Kernenergie ein Comeback erleben wird, und das geschieht nun.“
Allerdings beschränkt sich sein Gegenentwurf nicht auf Kernkraft und zusätzliche fossile Förderung. Auch das enorme Wachstum erneuerbarer Energien, von Elektroautos und Batterien bewertet der IEA-Chef positiv. „Zum ersten Mal seit Jahren sehe ich, dass die Maßnahmen zur Absicherung der Energieversorgung eng mit dem Kampf gegen den Klimawandel verzahnt sind“, sagte Birol. Die Kombination aus erneuerbaren Energien, Elektrofahrzeugen, Batterien und Kernenergie sei die richtige Antwort auf die hohen Öl- und Gaspreise.
Kernenergie gehört für den IEA-Chef also ausdrücklich zur Lösung. Deutschland hat seine funktionierenden Anlagen abgeschaltet. Für den bevorstehenden Winter bleibt unterdessen selbst dem Chef der Internationalen Energieagentur nur die Hoffnung, dass er nicht zu streng wird.
Im „Land von Immanuel Kant“ erklärt der Physiker Hagen Lesch unterdessen in einem Interview: „Niemand, der bei Verstand ist, baut heute noch Kernkraftwerke.“ Kernkraft sei veraltet. Physik in Deutschland contra Physik im Rest der Welt.




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