Kinderhandel im Internet? Gerüchte um Online-Plattform

Der Vorwurf ist massiv: Auf einer beliebten Second-Hand-Plattform sollen reale Kinder zum Verkauf angeboten werden. Influencer springen auf den Gerüchte-Zug auf. TE ist dem Verdacht nachgegangen.

IMAGO / Rüdiger Wölk

„Gute Gesundheit, 1,10 m, 10 Jahre alt, Kinder.“
„Großen hintern mag klein und mag ohrfeigen.“
(Schreibfehler aus dem Original übernommen.)

Wenn ein Kuscheltier oder eine Spielzeugfigur mit so einem Text angeboten wird, dann stutzt man unwillkürlich. Wenn als Mindestpreis für den „Artikel“ dann noch 25.000 Euro aufgerufen werden, liegt ein Verdacht nahe: Geht es hier etwa gar nicht um Kinderspielzeug, sondern um echte Kinder?

Aus rechtlichen Gründen zeigen wir die Screenshots der Anzeigen nicht. Es ist auch nicht klar, ob die Screenshots authentisch sind. Aber auf der sehr beliebten Second-Hand-Plattform „Vinted“ finden sich fraglos Angebote mit Zusatztexten wie „5 Jahre / 110“. Vor allem auf TikTok, aber auch bei anderen Sozialen Medien brodelt seit ein paar Wochen die Gerüchteküche: Die Angebote seien Belege für Kinderhandel.

Was sagt die Polizei?

Das Bundeskriminalamt (BKA) bestätigt auf Anfrage von TE, dass „das beschriebene Phänomen grundsätzlich bekannt sei“. Das BKA habe schon mehrfach Hinweise zu vermeintlichem Kinderhandel über Online-Kleinanzeigenerhalten.

Diese Hinweise hätten sich bisher nicht bestätigt.

Auch das Hessische Landeskriminalamt und die Polizei Berlin kennen die Gerüchte. In der Hauptstadt prüft man weiter, ob es sich wirklich um ernstzunehmende Verdachtsmomente handelt. Bisher gebe es keine belastbaren Hinweise, dass es in den Angeboten tatsächlich um Kinderhandel geht. Eine akute Gefährdung von Kindern sei nach aktuellen Erkenntnissen nicht gegeben.

Die Frankfurter Polizei hat sich dort geäußert, wo auch viele der Gerüchte herkommen – auf Instagram:

Collage: Instagram
Vinted weist Vorwürfe zurück

Die betroffene Plattform weist die Vorwürfe entschieden zurück. „Nach unseren aktuellen Untersuchungen haben wir keinerlei Beweise gefunden, die diese Angebote mit Kinderhandel in Verbindung bringen“, erklärt das Unternehmen.

Altersangaben würden häufig die Zielgruppe eines Spielzeugs oder eines anderen Kinderartikels beschreiben. Ungewöhnlich hohe Preise ließen auf Sammler, Verhandlungstaktik, unseriöse Inserate oder gezieltes Trolling schließen – nicht aber auf Kinderhandel. Sagt Vinted.

Keine Belege

Auch Mimikama hält die Gerüchte für falsch. Der 2011 gegründete, unabhängige Verein hat sich die Aufklärung über Internetmissbrauch, Fake News und Desinformation zur Aufgabe gemacht.

In seinem aktuellen Faktencheck kommt Mimikama zu dem Schluss, dass die Vorwürfe nicht belegt seien. Die grotesk überhöhten Preise, die Angaben zu Alters- und Größenangaben sowie die „merkwürdig formulierten Beschreibungen“ seien „verstörend“ und würden dazu beitragen, dass solche Screenshots schnell viral gehen.

Influencer machen mobil

Trotz fehlender Beweise lassen sich Influencer auf YouTube und Instagram nicht davon abhalten, die völlig unbewiesenen Gerüchte als feststehende Tatsache zu verbreiten.

„Die Influencer wollen damit nur Reichweite generieren.“ Das sagt der Kinderschutz-Aktivist Carsten Stahl. Er kämpft seit mehr als 13 Jahren gegen Mobbing, Kindesmissbrauch und Gewalt an Kindern. Gemeinsam mit anderen Aktivisten gelang es ihm, ein Verbot des „Handbuchs für Pädophile“ in Deutschland durchzusetzen. Influencer würden von der aktuellen Debatte profitieren, weil die Gerüchte zu emotionalen Diskussionen führen und für die entsprechenden Videos zusätzliche Reichweite erzeugen.

In den angeblichen Vinted-Inseraten sieht auch Stahl keinen Beleg für organisierten Kinderhandel. Einen Missbrauch der Plattform will er aber nicht grundsätzlich ausschließen. Auffällig findet er, dass viele der kursierenden Anzeigen nahezu identisch aufgebaut sind.

Das Unternehmen sei trotzdem in der Pflicht. „Vinted trägt die Verantwortung dafür, was auf ihrer Plattform veröffentlicht wird.“ Die Firma müsse verdächtige Anzeigen konsequent löschen, die Accounts dauerhaft sperren und enger mit den Strafverfolgungsbehörden zusammenarbeiten.

Für Stahl geht das eigentliche Problem weit über die aktuellen Vinted-Gerüchte hinaus. Er kritisiert vor allem den Umgang großer Plattformen mit dem Thema Kinderschutz. Nach seiner Beobachtung würden TikTok-Nutzer, die anzügliche Kinderbilder posten, viel Reichweite generieren – manchmal sogar auf verifizierten Accounts.

Frühere Verdachtsfälle

Ähnliche Vorwürfe gab es schon vor Jahren. Damals traf es vor allem die Plattform Wayfair. Über das US-Portal für Möbel sollten 2020 angeblich statt hochpreisiger Schränke in Wahrheit Kinder zum Kauf angeboten worden sein.

Recherchen der Nachrichtenagentur AP sowie des „Polaris Project“, das die nationale US-Hotline gegen Menschenhandel betreibt, fanden dafür jedoch keinerlei Belege. Polaris warnte in der Folge davor, unbewiesene Gerüchte zu verbreiten.

Eine große Zahl von Hinweisen auf vermeintliche Kinder-Kaufangebote hat die Meldestellen damals sehr belastet – und Ressourcen gebunden, die für die Verfolgung von echtem Menschenhandel gebraucht worden wären.

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