Papst kritisiert Europas Aufrüstung: „Vergiftung der Vernunft“

Papst Leo XIV. hält die europäische Aufrüstung für einen moralischen Skandal: „Man darf eine Aufrüstung, die Spannungen und Unsicherheit vergrößert, die Investitionen in Bildung und Gesundheit schmälert und Eliten bereichert, nicht ‚Verteidigung‘ nennen.“

picture alliance / SIPA | Grzegorz Galazka

Das Oberhaupt der katholischen Kirche sprach bei einem Besuch an der Sapienza-Universität in Rom vor Studierenden über eine „Welt, die leider von Kriegen und von der Sprache des Krieges entstellt ist“. Leo XIV. sieht laut dpa eine „Vergiftung der Vernunft, die von der geopolitischen Ebene in jede soziale Beziehung eindringt“.

Leo XIV. warnte zudem eindringlich vor dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Kriegsführung. Mit Blick auf die Konflikte in der Ukraine, im Gazastreifen und den palästinensischen Gebieten, im Libanon und im Iran sprach er von einer „unmenschlichen Entwicklung der Beziehung zwischen Krieg und neuen Technologien in einer Spirale der Vernichtung“. Er rief die jungen Zuhörer auf, gemeinsam mit ihm „Gestalter eines echten Friedens“ zu sein.

Die Haltung des Pontifex sorgte bereits vor einigen Tagen für Reaktionen US-Präsident Donald Trumps, der den Papst auf seiner Plattform Truth Social mehrfach persönlich attackierte.

Brüssel setzt auf Aufrüstung

Während der Papst die gesellschaftlichen Folgen der Aufrüstung anprangert, laufen in Brüssel und den europäischen Hauptstädten die Pläne für Milliarden-Einkäufe bei der Rüstungsindustrie auf Hochtouren. Die EU-Kommission unter Ursula von der Leyen hat im März 2025 den „ReArm Europe Plan“ alias „Readiness 2030″ vorgestellt – ein Programm, das bis zu 800 Milliarden Euro für Investitionen in die Armeen mobilisieren soll. Davon sollen 650 Milliarden Euro durch nationale Fiskalspielräume entstehen (durchschnittlich 1,5 Prozent des BIP zusätzlich pro Jahr über vier Jahre), ergänzt um ein neues 150-Milliarden-Euro-Darlehensinstrument (SAFE) für gemeinsame Beschaffung. Das Ziel: „Made in Europe“-Waffen, eine strategische Autonomie und eine Umstellung der Industrie Richtung „Kriegswirtschaft“.

Laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI erreichten die globalen Militärausgaben 2025 mit 2,887 Billionen US-Dollar einen neuen Rekord, es ist der elfte Anstieg in Folge. Europa war der Hauptmotor: Die Ausgaben stiegen um 14 Prozent auf 864 Milliarden Dollar, die höchste Summe seit Ende des Kalten Krieges. Deutschland allein legte um 24 Prozent auf 114 Milliarden Dollar zu und liegt weltweit auf Platz vier. Die EU-Mitgliedstaaten planen für 2025 Verteidigungsausgaben von 381 Milliarden Euro, das ist ein Plus auf 2,1 Prozent des BIP, mit mehr als 130 Milliarden Euro für Investitionen und 100 Milliarden Euro allein für die Beschaffung von Rüstungsgütern.

Der deutsche Konzern Rheinmetall, einer der großen Profiteure des Ukraine-Kriegs, hat seit 2022 Umsatzsteigerungen von bis zu 80 Prozent verzeichnet. Europäische Branchenriesen wie BAE Systems, Leonardo und Thales melden Rekordaufträge und Kursgewinne von mehreren hundert Prozent. Gemeinsame Joint Ventures mit US-Giganten wie Lockheed Martin sichern den europäischen Firmen weitere Milliarden-Einnahmen. Die Industrie lobt die EU-Pläne als „Chance für Wachstum und Jobs“, Kritiker sehen vor allem eine massive Umverteilung öffentlicher Gelder von Sozialem hin zu privaten Aktionären.

Leo XIV. kritisierte nun aktuell diese Bereicherung der Eliten: Statt in Schulen oder Krankenhäuser zu investieren, fließen Milliarden in Panzer, Drohnen und KI-gesteuerte Waffensysteme. Die „Spirale der Vernichtung“, vor der der Pontifex warnt, wird dadurch noch weiter beschleunigt: Mehr Waffen könnten auch mehr Spannungen schaffen, mehr Spannungen wiederum eine erhöhte Nachfrage nach Waffen. Die Rüstungslobby bezeichnet das allerdings als Sicherheitspolitik.

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Kommentare ( 5 )

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Alf
12 Minuten her

Papst Leo XIV. hält die europäische Aufrüstung für einen moralischen Skandal. Nicht nur moralisch. Die Aufrüstung nach herkömmlichen Muster ist sinnlos. Dies zeigt der Krieg in der Ukraine. Was nützen teuere Panzer und Waffensysteme, die nicht eingesetzt werden können, weil „billige“ Drohnen diese in Schach halten? Was nützen teure Waffensystem, wenn wir uns gegen eine Vielzahl vonDrohnen nicht wehren können? Wir brauchen keine störanfälligen Systeme aus USA (F35), keine Raketen, um auf „Spatzen“ zu schießen. Aber es ist wie immer: Milliarden für die Rüstung garantieren bestimmten Leuten große Gewinne. Drohnen, die angeblich von Hausfrauen zusammengebaut werden, zeigen wie wertlos konventionelle… Mehr

Haba Orwell
36 Minuten her

> „Man darf eine Aufrüstung, die Spannungen und Unsicherheit vergrößert, die Investitionen in Bildung und Gesundheit schmälert und Eliten bereichert, nicht ‚Verteidigung‘ nennen.“

Das gerade stimmt – ob darauf gehört wird?

humerd
40 Minuten her

alles richtig, was der Papst sagt. Interessiert halt keinen Politiker.
Die Linken, die SPD, die Grünen reden so gerne von Umverteilung: unkontrollierte Migration, Weltklimarettung und Aufrüstung ist Umverteilung von unten nach oben.

fatherted
48 Minuten her

ups….wenn andere das sagen, gelten sie als Putin- und Russenfreund. Wie ist das jetzt bei Leo?

Kraichgau
1 Stunde her

Der Papst hat völlig Recht mit seiner Ansicht,Waffen sind nie eine wirtschaftlich nachhaltige Investition und brauchen Resourcen auf,die die Staaten viel sinnvoller anders einsetzen könnten.
ABER,unsere „unseredemokratie“-Regierungen brauchen Krieg als Ablenkung ihrer desaströsen Politik gegen die eigenen Bevölkerungen und zugunsten supranationaler Konzerne wie Blackrock,die Mehrheitseigner der grössten Rüstungskonzerne sind

Last edited 1 Stunde her by Kraichgau