Die Physik der Realitätsverweigerung

Spiegel-Kolumnist Christian Stöcker hält Katherina Reiches Warnung vor der Energiewende für eine Nebelkerze. Dabei liefert seine Kritik selbst das Lehrstück: Ideologie ersetzt Rechnung, Moral ersetzt Physik, der Standort zahlt. Von Christoph Canne

IMAGO, Screenprint Spiegel - Collage: TE

Nachdem Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche in der FAZ fundiert dargelegt hat, warum die deutsche Energiewende in ihrer aktuellen Form gegen die Wand fährt, ließen die Reaktionen aus dem politischen und medialen Raum nicht lange auf sich warten. Während die SPD-Abgeordnete Nina Scheer in ihrer Replik versuchte, die ministerielle Position zu kontern, schaltete sich kurz darauf auch der Spiegel-Kolumnist Christian Stöcker in den Diskurs ein.

In gewohnter Manier greift Stöcker zur Feder, um uns die Welt zu erklären. Sein Ziel: Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und Fachbegriffe, vor denen man laut Stöcker dringend „hellhörig“ werden müsse, da sie angeblich nur der Verzerrung der Debatte dienten. In der rhetorischen Analyse seiner Texte fällt regelmäßig ein ausgeprägtes Abwertungs-Vokabular auf und auch diesmal weicht Stöcker nicht von diesem Muster ab. Mit Formulierungen wie ‚unlautere Motivation‘, der Unterstellung einer ‚den fossilen Brennstoffen sehr zugeneigten Wirtschaftsministerin‘ oder der Umdeutung von Fachbegriffen zu ‚Nebelkerzen‘ nutzt er ein moralisierendes Framing, das den sachlichen Kern der Debatte hinter persönlichen Angriffen verbirgt.

Stöckers Botschaft ist simpel: Wer von „Primärenergie“ oder „Systemkosten“ spricht, wolle nur manipulieren. Doch ob diese Botschaft einer Überprüfung an der industriellen Gesamtrealität standhält, zeigt ein Blick auf die Details hinter seinen Argumenten.

Das statistische Hütchenspiel mit den Prozenten

Stöckers zentraler Vorwurf lautet, die Ministerin nutze die Bezugsgröße „Primärenergie“, um den Anteil der Erneuerbaren mit knapp 20 Prozent künstlich kleinzurechnen. Er suggeriert seinen Lesern, dass durch die Elektrifizierung so viele Umwandlungsverluste wegfielen, dass die Lücke wesentlich geringer und leichter zu schließen sei. Doch dieses Argument ist ein gefährliches Hütchenspiel, das an der industriellen Realität scheitert.

Schauen wir auf die nackten Zahlen: Deutschlands Primärenergieverbrauch beträgt ca. 2.900 TWh, der Endenergieverbrauch ca. 2.200 TWh. Die erneuerbare Energieerzeugung liegt bei ca. 600 TWh. In Quoten gerechnet ergibt das einen Anteil von ca. 21 Prozent am Primär- und ca. 27 Prozent am Endenergieverbrauch. Ist das ein Unterschied, der die Lage signifikant verändert? Stöcker vermeidet es, seinen Lesern diese Zahlen gegenüberzustellen.

Stattdessen betreibt er Cherry-Picking par excellence und führt den Wirkungsgradvorteil des Elektromotors gegenüber dem Verbrenner an. Dabei unterschlägt er geflissentlich, mit welchen massiven Systemkosten eine kontinuierliche Stromversorgung verbunden ist, wenn nur noch volatile Quellen zur Verfügung stünden. Der Elefant im Raum – die gesicherte Leistung – bleibt unbeachtet.

Dass Stöcker den Automobilmotor so exponiert, hat Methode: Er nutzt einen reinen Energieumwandlungsprozess, um die Illusion zu vermitteln, die Transformation führe stets zu massiven Einsparungen. Das ist ein physikalisch nicht haltbares Framing.

Stöcker reduziert Energie auf „Kraft“ und unterschlägt, dass unsere Industrie ihre Energie oft als kohlenstoffbasierten Stoffstrom benötigt. Für die Herstellung von Farben, Lacken, Bitumen oder Arzneimitteln reicht die Analogie zum Elektromotor schlicht nicht aus. Hier werden am Ende des Prozesses Moleküle benötigt, die heute aus Kohlenwasserstoffen entstehen. Deren elektrische Erzeugung via Wasserstoff ist physikalisch so verlustreich, dass der Primärenergiebedarf für das gleiche Endprodukt sogar steigen kann.

Die Konsequenz: Die Umstellung der Chemie auf „Grün“ ist oft ein physikalischer Rückschritt. Wir brauchen für das gleiche Ergebnis wesentlich mehr Energie-Input als heute. Wer plant, pharmazeutische Wirkstoffketten künftig unter Verzicht auf die Petrochemie über Carbon Capture, Biomasse oder Power2X Wege herzustellen, wird oft ökonomisch kaum konkurrenzfähige Wege finden – insbesondere gegenüber Ländern, die sich petrochemische Wege nicht verbieten und diese dort fortführen, wo diese ökonomisch Sinn machen. Die Konsequenzen dieser Tatsache sehen wir in Deutschland derzeit überdeutlich als Deindustrialisierung.

Kehren wir zurück zur 21-Prozent-Quote – oder wahlweise zu den von Stöcker präferierten 27 Prozent. Beide Zahlen sind bei Lichte betrachtet statistisch geschönt. Fast die Hälfte der 600 TWh ‚erneuerbarer‘ Energie stammt heute aus Biomasse, primär aus der Verbrennung von Holz oder der Vergärung sogenannter nachwachsender Rohstoffe. Doch genau hier entzieht die neue EU-Richtlinie RED III dem deutschen Zahlenwerk das Fundament: Sie verschärft die Nachhaltigkeitskriterien so massiv, dass die energetische Nutzung von Waldholz oder der Einsatz bestimmter Agrarrohstoffe künftig oft nicht mehr als ‚erneuerbar‘ angerechnet werden können. Zieht man die künftig nicht mehr konforme Biomasse ab, sinkt der Anteil der „echten“ Erneuerbaren weit unter 20 Prozent. Die Angabe der Ministerin ist also eher wohlwollend – Stöckers Insinuierung, wir seien schon viel weiter, zerschellt an der harten Realität der EU-Nachhaltigkeitskriterien.

Die Suggestion, wir seien schon dem Ziel von 100 Prozent erneuerbaren Energien wesentlich näher, ist auch aus einem weiteren Grund unseriös: Mit solchen Vergleichen wird insinuiert, der Restweg sei – als eine einfache Verlängerung des bisherigen Weges – leichter zu schaffen. Doch die letzten Meilen zur 100-Prozent-Utopie erfordern eine zunehmend teure Infrastruktur – eben aufgrund der zunehmenden Kosten, um die Ertragsvolatilität von Wind und Solar zu kompensieren. Wer der EE-Lobby glaubt, wir seien schon weit gekommen, der ruft nach den ersten 5 Kilometern eines Marathons: „Das Ziel ist nah!“ und hat auf dem restlichen Weg den „Mann mit dem Hammer“ bei Kilometer 25 noch gar nicht gesehen.

Systemkosten: Die Rechnung ohne den Wirt

Die Systemkosten der Energiewende spielen in Katherina Reiches Analyse eine zentrale Rolle. Laut einer aktuellen McKinsey-Studie steigen diese auf astronomische 90 Milliarden Euro jährlich bis zum Jahr 2035 an.

Besonders brisant: McKinsey hat drei verschiedene Szenarien durchgerechnet – von der Streichung aller Subventionen bis zur massiven Erzeuger-Förderung. Das Ergebnis bleibt aber nahezu unverändert. Den Naturwissenschaftler wundert das kaum: Intermittierende Quellen mit geringer Energiedichte stoßen an physikalische Grenzen, deren Kompensation durch Backup-Strategien die Kosten zwangsläufig in die Höhe treibt.

Eine seriöse Replik müsste sich mit dieser Zahl auseinandersetzen, sie verifizieren oder falsifizieren – falls letzteres nicht gelingt, dann die Konsequenzen daraus ziehen. Stöcker hingegen weicht der sachlichen Debatte aus, indem er diese Kosten pauschal als „Investitionen“ etikettiert und ihnen ca. 80 Milliarden Euro gegenüberstellt, die Deutschland derzeit jährlich für den Import fossiler Rohstoffe ausgibt.

Dieser Vergleich ist jedoch hochgradig irreführend:

Erstens bezieht sich die von der Ministerin zitierte McKinsey-Zahl rein auf die Systemkosten des Stromsektors (Netze, Backup-Kapazitäten, Redispatch). Die fossilen Importe von 80 Milliarden Euro decken jedoch den gesamten Primärenergiebedarf ab – also auch den Verkehr, die Wärme und die stoffliche Nutzung in der Industrie. Ein Umbau des Stromsystems allein macht diese Importe bei weitem nicht überflüssig.

Zweitens – und das ist der entscheidende Punkt – handelt es sich bei den Systemkosten um eine Nettorechnung. In den Modellrechnungen von McKinsey sind Ersparnisse durch geringere Verbrauchsmengen von Kohle und Gas im Kraftwerkssektor bereits verrechnet. Die 90 Milliarden Euro jährlich sind die Kosten, die wir trotz dieser Einsparungen zusätzlich aufbringen müssen, um ein volatiles System stabil zu halten. Es ist eben kein Eins-zu-eins-Tausch, sondern eine dauerhafte, strukturelle Mehrbelastung, die das Stromsystem nach der Transformation drastisch teurer macht als davor.

Stöckers Framing, diese Kosten seien ‚Investitionen‘, ist wenig hilfreich – oder um in seiner Sprache zu bleiben: eine echte Nebelkerze. Denn selbst dort, wo tatsächlich investiert wird – etwa in neue wasserstofffähige Gaskraftwerke –, rechtfertigt der Begriff nicht automatisch die Sinnhaftigkeit der Ausgabe. Stöcker unterliegt hier der ‚Broken Window Fallacy‘ (der Parabel vom eingeschlagenen Fenster) von Frédéric Bastiat: Nach dieser volkswirtschaftlichen Logik wäre es ein Konjunkturprogramm, Fensterscheiben einzuschlagen, da deren Ersatz ja ‚Investitionen‘ auslöse. Doch Bastiat lehrte uns bereits: Das Geld, das in die Reparatur fließen muss, fehlt an anderer Stelle für echte Innovationen. Die Parallele zur Abschaltung funktionierender Kernkraftwerke und dem anschließenden Neubau von Gaskraftwerken drängt sich hier geradezu auf: Man zerstört mutwillig funktionierende Werte, nur um sie für Milliarden Euro durch neue Kapazitäten zu ersetzen, die am Ende denselben Zweck erfüllen – nur zu einem weitaus höheren Preis.

Stöcker agiert an dieser Stelle wie ein Bauherr, der prunkvolle Marmorböden bestellt, während die Bank bereits kritisch die Kreditlinie prüft. Seiner Partnerin erklärt er, die Böden seien eine „Investition in die Zukunft“ und weicht der Frage aus, ob sich das Haus nicht günstiger und solider bauen ließe. Genauso agieren die Verteidiger der aktuellen Energiepolitik: Sie erklären den Weg zu 100 Prozent Erneuerbaren für alternativlos und damit auch jede damit verbundene Ausgabe. Ein Vergleich mit anderen ökonomischen Strategien der Stromversorgung wird gar nicht erst angestellt – trotz des Alleinstellungsmerkmals, das Deutschland mit seiner Strategie einnimmt. Auch die Frage, ob eine Volkswirtschaft, die sich aufgrund der massiv steigenden Energiekosten bereits in der Talfahrt befindet, diese Summen künftig überhaupt noch aufbringen kann, wird schlicht ignoriert.

Fazit: Zeit für den Kassensturz der Vernunft

Am Ende ist Christian Stöckers Beitrag – ebenso wie die vorangegangene Replik von Nina Scheer – vor allem eines: vollkommen unbefriedigend. Eine Debattenkultur, die notwendige Fachbegriffe dämonisiert und ökonomische Warnungen pauschal als Manipulation abtut, ist schlicht indiskutabel. Sie hilft uns in der aktuellen Krise des Standorts Deutschland kein Stück weiter.

Was wir stattdessen brauchen, ist eine neue Kultur der Rationalität. Wir müssen uns endlich ehrlich machen, anstatt existenzielle Probleme hinter moralisierenden Nebelkerzen zu verstecken. Nur durch unvoreingenommene Faktenerkenntnis und den Mut, sich den physikalischen und wirtschaftlichen Realitäten ungeschminkt zu stellen, lässt sich am Ende des Tages eine vernünftige Energiepolitik gestalten. Es ist Zeit, die Ideologie beiseitezuschieben und die Energiepolitik wieder auf das Fundament der Wahrheit zu stellen.

Andernfalls werden wir weiter erleben, wie die Deindustrialisierung unseres Landes ihren Weg bahnt – mit der unvermeidlichen Folge, dass letztlich auch der soziale Friede in Deutschland zerstört wird.

Es fehlt uns wahrlich nicht an Erkenntnissen. Es fehlt am Mut, sie anzuerkennen.

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Kommentare ( 2 )

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Wilhelm Roepke
1 Stunde her

Die, die im Gymnasium in Mathe und Physik die guten Noten hatten, wurden Ingenieure, Ärzte, Naturwissenschaftler und Informatiker.
Die, die in Mathe und Physik mittelprächtige Noten hatten, studierten Fächer wie Lehramt, Wirtschaft oder Jura.
Die, die in Mathe und Physik unterirdische Noten hatten, studierten Politologie, Sozialpädagogik, Theaterwissenschaften oder eben leider: Journalismus.
Und das merkt man dann halt den meisten Medien auch an.

Neuheide
23 Minuten her
Antworten an  Wilhelm Roepke

Sorry,aber ich muss das kopieren,da absolut genial.

Da es in der Idiotokratie völligst aus der Spur läuft.
Der Bildungsnotstand in Deutschland ist Real,da eine Bildungsart in Deutschland immer grösser wird.😰
Die „gebildeten“kaum mehr Existent
Die „ungebildeten“=Minusleiter samt Nahostfacharbeitern..stark anwachsend..
Und dazu die „fehlgebildeten“=Antileister, in einem System aufgewachsen,
das ihnen mit Quasseldiplom ausgestattet,die Fähigkeit erteilt,den Bürgern zu erklären,was sie zu machen haben..🤪🙃😵‍💫