Grünen-Anhänger regen sich häufiger über andere Meinungen auf

Kaum ein politisches Lager, das sich nicht für Meinungsfreiheit ausspricht. Doch ein genauerer Blick auf die Daten einer aktuellen Allensbach-Umfrage zeigt: Anspruch und Realität klaffen oft weit auseinander. Vor allem bei denen, die sich für besonders tolerant halten.

picture alliance / ZB | Jens Kalaene

Laut einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach geben Grünen-Wähler unter den Anhängern aller Bundestagsparteien am häufigsten zu, aufgebracht über Meinungen zu sein, die von ihrer eigenen abweichen. Das berichtet die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“.

Auf die Frage „Wenn Sie mit jemandem zu tun haben, der ganz andere Meinungen vertritt als Sie selbst: Regt Sie das oft auf, oder haben Sie damit meist kein Problem?“ gaben demnach 28 Prozent der Grünen-Wähler an, sie regten sich darüber auf. Es folgen die AfD-Wähler mit 24 Prozent, unter den Unionswählern sind es 19 Prozent, unter den SPD-Wählern 18 Prozent. Der Bevölkerungsdurchschnitt liegt demnach bei 21 Prozent.

Bereits frühere Erhebungen der Allensbacher zeigten, Toleranz abweichenden Meinungen gegenüber in Deutschland ist begrenzt. Die aktuellen Umfrageergebnisse des Instituts bestätigen das nun: „Nicht wenige, die vehement Meinungsfreiheit einfordern, meinen damit letztlich nur die Freiheit für ihre eigene Meinung“, so die FAZ.

Zwar geben 61 Prozent der Befragten an, sie hätten „meist kein Problem“ mit Andersdenkenden. Doch immerhin jeder Fünfte (21 Prozent) räumt offen ein, dass ihn gegenteilige Meinungen aufregen. Laut FAZ kann man „getrost annehmen, dass der Anteil … noch deutlich höher ist“, wenn man die Antworten zu den Fragen nach der Fähigkeit zuzuhören berücksichtigt. Demnach bezeichneten mehr als zwei Drittel (69 Prozent) sich selbst als gute Zuhörer. Nur 39 Prozent meinten, es falle ihnen in persönlichen Gesprächen manchmal schwer, geduldig zuzuhören und sich zurückzuhalten. 17 Prozent gaben an, andere öfter zu unterbrechen, wenn sie etwas sagen möchten.

Besonders aufschlussreich wird es bei der Differenzierung nach Bevökerungsruppen. Ausgerechnet höher gebildete Befragte reagieren weniger tolerant als jene mit einfacher oder mittlerer Schulbildung. Ein Befund, der dem verbreiteten Selbstbild der akademisch geprägten Milieus widerspricht – wenn auch nicht zum ersten Mal.

Noch brisanter ist der Blick auf die Parteianhänger: Hier fallen insbesondere die Anhänger der Grünen auf. Mit 28 Prozent liegt ihr Anteil an Personen, die sich über abweichende Meinungen ärgern, deutlich über dem Durchschnitt. Nur AfD-Anhänger folgen mit 24 Prozent – ein Umstand, der oft betont wird. Dass jedoch gerade das politisch-moralisch besonders anspruchsvolle grüne Milieu ebenfalls Spitzenwerte erreicht, bleibt in vielen Debatten unerwähnt.

Im privaten Umfeld zeigt sich die wachsende Distanz zwischen unterschiedlichen politischen Positionen sehr ausgeprägt. 57 Prozent der Befragten geben an, in ihrem Freundes- oder Familienkreis gebe es welche, mit denen politische Gespräche keinen Sinn mehr hätten, weil die Meinungen zu weit auseinander liegen. Nur noch 30 Prozent erleben ihr privates Umfeld als offen für Debatten.

Auf den ersten Blick scheint dies ein Zeichen großer gesellschaftlicher Spaltung zu sein. Doch die FAZ deutet es eher gegenteilig: Trotz Meinungsunterschieden blieben viele Beziehungen bestehen. Man gehe sich in politischen Fragen aus dem Weg, breche aber nicht vollständig miteinander. Die eigentliche Gefahr beginne dort, wo Differenzen nicht mehr ausgehalten werden und Kontakte abbrechen. „Problematisch wird es erst, wenn politische Differenzen zum Kontaktabbruch führen.“

Es sei auffällig, dass in der aktuellen Umfrage Personen, die behaupten, sie könnten gut zuhören, praktisch nicht seltener als andere Befragte angaben, in ihrem Umkreis gebe es jemanden, mit dem man nicht diskutieren könne.

Interessant ist zudem ein verbreiteter Irrtum über die Rolle des Internets. Häufig wird angenommen, soziale Netzwerke würden Menschen in abgeschottete Meinungsblasen treiben, wo sich die Nutzer gegenseitig bestätigten. Die Daten zeichnen ein differenzierteres Bild: Tatsächlich sind die persönlichen, „analogen Freundeskreise“ politisch homogener als die digitalen. Im Internet begegnen viele Nutzer häufiger Andersdenkenden als im direkten sozialen Umfeld. „Es zeigt sich, dass die Annahme, wonach sich die Menschen im Netz weitgehend in ihre eigene Meinungsblase zurückziehen, auf weite Teile der Bevölkerung so nicht zutrifft.“

Dennoch bleibt die Wirkung sozialer Medien ambivalent. Besonders intensive Nutzer berichten überdurchschnittlich häufig von Problemen im zwischenmenschlichen Austausch: Ungeduld, häufiges Unterbrechen und Schwierigkeiten beim Zuhören nehmen zu. Es könne an dieser Stelle nicht geklärt werden, was die Ursache hierfür ist – der Zusammenhang zwischen intensive Nutzung sozialer Netzwerke und Probleme in der persönlichen Kommunikation ist jedoch vorhanden.

Die viel beschworene Offenheit für andere Meinungen ist weniger ausgeprägt, als es öffentliche Bekenntnisse vermuten lassen. Gerade in Milieus, die sich selbst als besonders aufgeklärt und tolerant verstehen, zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die Herausforderung besteht daher nicht nur darin, Meinungsfreiheit zu fordern, sondern sie auch im Alltag auszuhalten – gerade dann, wenn es unbequem wird.

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Kommentare ( 45 )

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maru
5 Tage her

Nein, wirklich? Das kommt jetzt aber völlig überraschend. Diese Nachricht hat mich kalt erwischt 😆🤣😄

Werner Geiselhart
5 Tage her

Ich muss gestehen, dass ich mich bei Äußerungen von Personen mit grünlinks geprägten Gehirnstrukturen schon sehr zurückhalten muss, um nicht in Schreikrämpfe oder ähnliche Reaktionen auf ideologischen Dünnsch… zu verfallen. Beispielsweise: Schuld an den Energiepreisen sind Putin und Trump, die Energiewende läuft super, „Erneuerbare“ müssen noch rasanter in die Landschaften gepflanzt werden, die Massenmigration rettet unsere Finanzen und muss ungehindert fortgesetzt werden, ebenso das Verteilen von Wohltaten an alle, die da kommen, die Biologie spielt keine Rolle bei der Geschlechterzuweisung, Leute, denen auch das Wohl der eigenen Landsleute am Herzen liegt, werden als Nazis bezeichnet, wir bestimmen, was als richtige… Mehr

DDRforever
5 Tage her
Antworten an  Werner Geiselhart

Nein, aber die Energie besser auf das Verlassen dieses entsetzlichen Landes konzentrieren. Game over, Germany!

Ohanse
5 Tage her

Wenn die „Grünen“ ihre Empörung nicht hätten, hätten sie gar nichts.

Klaus Kabel
5 Tage her

Die Grünen sind eine faschistoide Partei. Es gibt nur zwei Meinungen: Die Grüne und die Falsche.

Sterling Heights
5 Tage her
Antworten an  Klaus Kabel

Teile der SPD und die Linken sind genauso faschistoid. Den Kandidaten fuer den Vorsitz der Bundeslinken Luigi Pantisano kenne ich noch als Stadtrat in der failed City Stuttgart. 🤮🏳️‍🌈

Jerry
5 Tage her

„Nur AfD-Anhänger folgen mit 24 Prozent“
Aber bedeutet das dann nicht im Umkehrschluss, dass AfD-Anhänger einen höheren Bildungsabschluss haben? Weil sonst höre ich eigentlich immer, dass die alle doof wären. Aber dann scheint es ja eher anders herum zu sein?

J. Braun
5 Tage her

Diese Umfrage ist doch völliger Mumpitz. Natürlich sind sowohl Grünen-Anhänger wie AfD-Anhänger fest in ihrer Meinung. Das ist doch nichts Schlimmes. Und warum sollte sich die eine Seite mit der anderen austauschen — so was ist doch höherer Blödsinn. Ich persönlich diskutiere natürlich nicht mit einem Kommunisten. Das würde ja bedeuten, daß man ihn ernst nimmt und keineswegs verachtet! Ich gehe ja auch nicht ins Gefängnis und rede mit einem Massenmörder. Man kann seine Zeit angenehmer verschwenden. Und natürlich sind die CDU- und Sozenfreunde in ihrer Meinung nicht gefestigt, wären sie das, würden sie doch diese Parteien, die sie ständig… Mehr

Ulric Viebahn
5 Tage her
Antworten an  J. Braun

Mumpitz, Mumpitz, Mumpitz: Weil das Ergebnis einem im ‚Umgang‘ mit diesen Leuten nicht weiterhilft.

J. Braun
5 Tage her
Antworten an  Ulric Viebahn

Warum sollte ich mit Grünen umgehen? Narren meidet man, mit denen diskutiert man doch nicht!

Fieselschweif
5 Tage her

Die Frage ist doch wie die 24% Aufgeregten bei AfD-Wählern zustande kommen.
Ist es die Darstellung absurder Realitäten und die vehemente Ablehnung der Meinung der AfD-Wähler unter Verwendung von Diffamierungen, die man ablehnt oder lehnt man generell den Diskurs mit Linken&Günen ab?

Wenn man mir realitätsfernen Schwachsinn um die Ohren haut und mich dann auch noch als Natsi bezeichnet, der ob seiner toxischen Männlichkeit im Allgemeinen und als alter weißer Mann aus der Kolonialzeit im Besonderen kein Recht auf Meinungsäußerung hat, würde ich auch Puls bekommen. In solchen Fällen sind 24% richtig wenig.

Last edited 5 Tage her by Fieselschweif
thinkSelf
5 Tage her

Surprise, surprise. Die Milieus bei denen höhere kognitive Funktionen genetisch bedingt fehlen verhalten sich so wie Personen denen höhere kognitive Funktionen fehlen. Wäre ich nicht drauf gekommen.

ThomasP1965
5 Tage her

Völlig falsche Schlüsse gezogen…Herr Autor. Sie interpretieren hier ganz schön die Aussage zurecht, damit sie in ihr Weltbild passt. Das man sich über andere Meinungen aufregt zeigt nicht anderes als waches Interesse, das Gegenteil von Indolenz und Apathie. Das man überzeugen möchte hat nichts mit der Einschränkung von Meinungsfreiheit zu tun. Den eigenen Standpunkt gegenüber zu stellen ist keine Einschränkung von Meinungsfreiheit. Auch ich rege mich über Klimawandelleugner oder andere Realitätsleugner auf, lasse aber deren Meinung nicht unkommentiert stehen. Aber die Meinung äußern dürfen sie. Jederzeit. Ich wäre auch jederzeit dafür zu kämpfen, dass sie es dürfen. Sie müssen aber… Mehr

Jerry
5 Tage her
Antworten an  ThomasP1965

Also mich regt schon der Begriff „Klimawandelleugner“ auf. Kaum jemand leugnet, dass sich das Klima ändert. Es wird lediglich in Frage gestellt, ob er a) „menschengemacht“ ist und b) ob wir tatsächlich in der Lage wären, diesen Klimawandel in irgendeiner Form zu beeinflussen.

Michaelis
5 Tage her
Antworten an  ThomasP1965

Sie sind ja ein ganz Kluger – und Toleranter. Wissen offenbar ganz genau, was „Fake News“ sind und was nicht. Die Grenze ist nicht die des Strafrechts, sondern die zwischen Wahrheit und Falschheit. Und die ist nicht immer oder eher in den seltensten Fällen eindeutig (manchmal gibt es die sogar nicht einmal). „Meinungen“ hangeln sich an diesen Grenzen entlang, und „unterstellen“ implizit immer, wahr zu sein. Also: es geht grundsätzlich um Wahrheiten, und nicht um seichtes Gequatsche und belangloses „Meinen“.

Last edited 5 Tage her by Michaelis
Michael M.
4 Tage her
Antworten an  ThomasP1965

Sie haben nun wirklich überhaupt gar nichts kapiert und wer das Leugner-Wort verwendet ist einfach nur denkoriginell und als Diskutant komplett inakzeptabel.
Gute Besserung, allerdings ist es definitiv hoffnungslos 🤦‍♂️🫣🤯.

Michael M.
4 Tage her
Antworten an  ThomasP1965

Mit 61 ganz offensichtlich immer noch nicht in der Lage selber zu Denken, schlimm … 🤡.

Konservativer2
4 Tage her
Antworten an  ThomasP1965

Ich würde Ihnen zustimmen, wenn meine Meinung in den Medien nicht 24/7 als Nazi-Kartoffel-Alterweißermann-ignorant-Kolonialist-Kulturaneigner-homophob-undichweißnichtwasnochalles-Dünnsch… dargestellt würde.

Alles ein wenig, äh, …, einseitig?!

Peter Gramm
5 Tage her

Insbesondere die Bärbock’schen, Habeck’schen und KGE’schen Ausstülpungen hinsichtlich ihrer Expertisen lassen jeden mit Schulbildung vor Ehrfurcht zur Salzsäule erstarren. Da gibt es keinen Widerspruch, nur neidlose Anerkennung vor so viel Chuzpe. Anderterseits muß man anerkennen – so etwas geht nur im Politiketrieb. Im Wirtschaftsleben würde so etwas niemals entlohnt werden. Der Finanzier solcher Existenzen hat diesbezüglich ja keine Wahl. Er muß so etwas ja finanzieren. Ob er will oder auch nicht.