Bei einer Ordensverleihung für einen Politiker kann nichts Gutes herauskommen. Das gilt immer – und sogar für Karnevalsorden. Das hat Forschungsministerin Dorothee Bär jetzt eindrucksvoll unter Beweis gestellt.
picture alliance / Flashpic | Jens Krick
Es gibt peinliche Politiker. Es gibt peinliche Bundesminister. Und es gibt Dorothee Bär.
Ein breiteres Publikum wurde dieses Umstands spätestens in dem Moment gewahr, als Angela Merkel die ehrgeizige CSU-Frau zur Staatsministerin für Digitalisierung im Bundeskanzleramt machte. In dieser Funktion hielt Frau Bär es für angemessen, beim Deutschen Computerspielpreis 2019 in Berlin die Bundesrepublik Deutschland in einem Latexkleid mit Wonder-Woman-Design zu repräsentieren.
Die Bilder sind unvergessen und werden es wohl ewig bleiben:
Ihre Linie, wenn man das denn so nennen mag, hält die 47-Jährige seitdem eisern durch. Man kann das als beachtliche Beharrlichkeit werten oder als unbelehrbaren Starrsinn oder als hilflose Unflexibilität. So oder so treibt die Methode Bär immer neue Blüten.
Verhütung als Staatsaufgabe
Jüngst hat sich unsere Heldin einem Thema gewidmet, von dem wir bisher gar nicht wussten, dass es die Politik etwas angeht: Verhütung beim Sex. Kein Schreibfehler. Dorothee Bär, unter Bundeskanzler Friedrich Merz inzwischen Forschungsministerin, will dabei nun endlich auch die Männer in die Verantwortung nehmen.
Neue Verhütungsmittel sollen sich nach Bärs Willen unbedingt auch an Männer richten. Damit das passiert, lässt sie ihr Ministerium mehr als zwölf Millionen Euro Steuergeld an insgesamt vier Forschungsvorhaben ausschütten, die sich genau damit befassen: mit Verhütungsmitteln für Männer nämlich – genauer, wie sich der Spermientransport beim Mann einschränken lassen könnte.
Wie gesagt, das ist kein Witz und auch gar nicht lustig gemeint. Aber es schafft einen sozusagen generischen Übergang zum nächsten wichtigen Ereignis mit Bär-Beteiligung: dem Aachener Karneval und der Verleihung des „Ordens wider den tierischen Ernst“.
Die Aachen-Mafia
Seit 1952 verleiht der Aachener Karnevalsverein (AKV) seinen „Orden wider den tierischen Ernst“ jedes Jahr an eine Person, die „mit Menschlichkeit und Humor im Amt den Kampf gegen die seelenlose Bürokratie und das Wiehern des Amtsschimmels aufnahm“.
Klar, im Rheinland und anderen katholischen Landstrichen ist der Karneval eine wichtige Sache. Das soll hier auf keinen Fall irgendwie verächtlich gemacht werden, TE ist ja ausdrücklich und aufrichtig ein Freund von Brauchtum und Tradition.
Bei aller Sympathie sollte einem aber auch ein nüchterner Blick auf die Realitäten nicht ganz verlorengehen.
Und ohne rosarote Brille kann kein Zweifel daran bestehen, dass viele Karnevalsvereine nach außen unverdächtige Gesellschaften sind, in denen hinter verschlossenen Türen in Wahrheit knallharte Geschäfte und auch echte Politik gemacht werden. Man jagt sich gegenseitig die Hasen zu. Kein Wunder also, dass bisher weit überwiegend Politiker, Diplomaten und Juristen den Orden erhielten.
Oder anders: Die Gemeinschaft der Strippenzieher verleiht eine Auszeichnung an einen der Strippenzieher. Zur Aachener Ehrenrettung sei gesagt: Das ist bei allen Orden so.
Als Mitglied des Kabinetts wurde nun also Dorothee Bär geehrt, deren offizieller Titel „Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt“ lautet. Seit 2010 haben nur drei Personen den Preis erhalten, die nicht Berufspolitiker waren. Keine Überraschung also.
Überraschend ist dann allerdings, wie sehr die Preisverleihung öffentlich in die Hose geht.
Das Aachen-Desaster
Das fängt schon weit vor der Preisträgerin an. Das „Erste“ zeigt die vom WDR produzierte Sendung am Sonntag um 22.50 Uhr. Nicht in der sogenannten „Prime Time“ also, sondern zu Beginn der Nachtschiene.
Auch das ist angesichts der Darbietungen noch mehrere Stunden zu früh.
Das Ganze hat ein Setting wie eine Samstagabend-Show in den 1970er-Jahren. Rudi Carrell oder so, die Älteren erinnern sich. Im Hintergrund stehen Funkenmariechen in Hotpants zwischen ernst und verkniffen dreinblickenden älteren Herren in Karnevalsuniformen. Derweil macht das nervtötend unlustige Moderatoren-Duo vorne flache Späßchen. Es ist wie eine TV-Sendung aus den Zeiten, als das dünnste Buch der Welt „Deutscher Humor“ hieß.
Mit einem Wort: provinziell.
Wie gesagt, dafür kann Dorothee Bär nichts. Aber für das, was dann kommt, kann sie sehr wohl etwas. Das fängt – wie könnte es anders sein – beim Outfit an. Frau Ministerin läuft allen Ernstes im silbernen Kleid mit ESA-Logos auf. ESA, das ist die Abkürzung für „European Space Agency“ – die Europäische Weltraumorganisation, das Möchtegern-Gegenstück der EU zur US-Raumfahrtbehörde NASA.
Frau Bär inszeniert sich gerne als Speerspitze bei der deutschen Eroberung des Weltalls.
Als sei sie eben frisch aus dem Astronauten-Schulungszentrum ins Studio gehuscht, trägt Doro Bär über dem Silberkleidchen eine Bomberjacke der ESA mit ihrem Namensschild. Dazu hat sie Glitzer unter die Augen geschminkt. Viel davon. Wahrscheinlich Sternenstaub oder so.
Es ist eine galaktische Ansammlung von Stilbrüchen.
Es wird noch besser. Ihre Dankesrede trägt sie in Reimform vor. Ihr Mann habe ihr davon abgeraten, sagt sie vorher. Und während ihres, nun ja, Gedichts denkt man sich: Er wusste, warum.
Da ist kein sprachlicher Rhythmus, kein dramaturgischer Spannungsbogen, keine erzählte Geschichte. Keine Vortragskunst, null. Zwischendurch kichert die Preisträgerin immer wieder selbstverliebt über die eigenen Scherze, obwohl die nun wirklich gar unlustig sind.
Die Reime haben durchweg dieses Niveau: „Andreas Maurer, ein moderner Held mit ’ner Aura.“ Aua-aua-aua. Man fragt sich unwillkürlich: Wer hat eigentlich ihre Redenschreiber eingestellt? Und was machen die beruflich?
Die wirklich einzige gelungene Zeile geht dann ausgerechnet auf Kosten des CDU-Generalsekretärs: „Carsten Linnemann, so fühlt sich kosmische Stille an.“ Das ist tatsächlich mal ein Treffer.
Aber es bleibt der einzige.
Nach exakt einer Viertelstunde hat das Elend ein Ende. Der AKV-Elferrat lässt sich mit der Einschätzung zitieren, Ordensritterin Bär „hat frischen Wind in ihre Partei und in die Politik gebracht (…) und trägt ihre digitalen Visionen mit Herz und Haltung in die Realität“.
Es sind durchweg Textbausteine aus der PR-Hölle.
Aachen als Spiegel der Politik
Dorothee Gisela Renate Maria Bär, genannt Doro, ist ein typisches Kind unserer Zeit. Sie hat eine lupenreine Parteikarriere gemacht und hat eine ausschließliche Polit-Biografie.
Frau Bär hat mit einem Stipendium der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung Politologie studiert. Noch vor Abschluss des Studiums zog sie für die CSU in den Bundestag ein. Schon ihr Vater war Berufspolitiker. Im Bundestag hat sie dann einen ihrer angestellten Assistenten geheiratet. Er ist inzwischen ebenfalls Berufspolitiker.
Doro Bär hat keine eigene Existenz außerhalb der Parteipolitik.
Damit steht sie für alles, was bei der Elitenbildung unseres Landes falsch läuft. Ein Leben in der Politik und von der Politik, eine reine Parteisoldatin. Ihr Parteivorsitzender, der bayerische Ministerpräsident Markus Söder, hat sie vor nicht allzu langer Zeit auf einem CSU-Parteitag mit der Randbemerkung abgekanzelt: „Wir erwarten nicht viel von dir.“
Was immer man von Markus Söder halten mag: Wo er recht hat, hat er recht.

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