Schleswig-Holsteins Ministerpräsident sagt etwas. Dann bestreitet er, es gesagt zu haben. Jetzt rechtfertigt er, das gesagt zu haben, wovon er bestreitet, es gesagt zu haben. Wir sind im Stadium der metaphysischen Politik.
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„Alles, was ich in der Sendung gesagt habe, hat sich aus meiner Sicht in den vergangenen anderthalb Wochen eins zu eins bestätigt.“
So kernig will Daniel Günther bei einer Veranstaltung in Neumünster zeigen, dass er doch völlig recht hatte mit dem, was er vor knapp zwei Wochen bei Markus Lanz in dessen ZDF-Talkshow von sich gegeben hat.
Es ist nicht ungewöhnlich, dass Politiker auf einer Position beharren, auch wenn sie sich damit erkennbar schwer verlaufen haben. Ungewöhnlich am Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein ist allerdings, dass CDU-Mann und Merkel-Zögling Günther gerade eben noch vehement dementiert hatte, jemals die Position gehabt zu haben, auf der er jetzt beharrt.
Man kennt sich echt nicht mehr aus.
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Am 14. Januar 2025 war Daniel Günther zu Gast bei Markus Lanz. Dort brachte der Landesvater aus dem hohen Norden zunächst ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige ins Spiel.
Dann kommt der Christdemokrat von sich aus – Lanz hatte nie danach gefragt – auf ihm missliebige konservative Nachrichtenportale zu sprechen, und zwar am Beispiel der Debatte um Frauke Brosius-Gersdorf, der gescheiterten Kandidatin für das Bundesverfassungsgericht:
Günther:
„Wer hat denn dagegen geschossen? NIUS und solche Portale. Und es gibt Abgeordnete in meiner Union, die solche Portale lesen, die sowas teilweise auch weiterschicken, die sowas in WhatsApp-Gruppen verteilen. Und ich glaube, wir müssen viel, viel mehr aufwachen, dass das unsere Gegner und die Feinde der Demokratie sind. (…) Und dann würden wir halt auch nicht diesen Medien Steilvorlagen geben, indem wir uns über irgendwelche Kleinigkeiten miteinander streiten. Und ich glaube, nur das ist am Ende der Weg, um am Ende Extremisten kleinzukriegen und eine Stabilität in Deutschland hinzubekommen.“
Lanz:
„Also, was Sie jetzt gerade sagen, ist im Grunde: Wir müssen das regulieren, wir müssen das notfalls zensieren und im Extremfall sogar verbieten?“
Günther:
„Ja.“
So war es, so kann man es nachlesen oder besser: sich anschauen.
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Nun hat sich in unserem Medienbetrieb die Unsitte eingebürgert, Interviews nachträglich „autorisieren“ zu lassen. Die Abschrift eines Gesprächs wird dem Gesprächspartner – genauer: dessen Medien-Taliban – vorgelegt.
Ursprünglich diente das dem Zweck, Missverständnisse oder erkennbar unabsichtliche Fehler zu korrigieren – etwa, wenn ein semantischer Bezug unklar war oder bei einer Zahl versehentlich eine Null vergessen wurde. So etwas kann ja tatsächlich immer mal passieren.
Heute jedoch wird die Autorisierung von den PR-Heerscharen der Polit-Profis dazu genutzt, Interviews manchmal komplett umzuschreiben. Es ist schon vorgekommen, dass die Büchsenspanner der Politiker nicht nur deren Antworten, sondern sogar die Fragen der Journalisten gleich mitkorrigieren.
Die „Tageszeitung“ beklagte dankenswerterweise schon vor mehr als 20 Jahren, keine journalistische Form sei so „verludert“ wie das Interview. Was mittlerweile passiere, sei „Betrug am Leser“. Der Berliner „Tagesspiegel“ berichtete, dass Michel Friedman mal ein gesamtes Interview gestrichen habe – nicht etwa, weil seine Aussagen falsch wiedergegeben wurden, sondern weil sie ihm „plötzlich nicht mehr opportun erschienen“.
Die Autorisierung ist eine Ausgeburt des deutschen Untertanengeistes im Journalismus. In Großbritannien und in den USA ist die Praxis unbekannt, dort würde das kein Journalist mit sich machen lassen.
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Bei uns hat sich die politische Kaste über die Jahre so an die Möglichkeit gewöhnt, alles Gesagte nachträglich noch ändern zu können, dass Daniel Günther das jetzt auch versuchte. Allerdings hat er wohl vergessen, dass sein ausgestrahltes TV-Interview halt schon von vielen Menschen gesehen worden war.
Trotzdem boten Günther und sein Umfeld alles auf, um so zu tun, als habe der Mann das gar nicht gesagt, was er nun einmal gesagt hatte. Und sie bekamen Hilfe von vielen Seiten. Sogar Markus Lanz selbst (!) behauptete plötzlich, es sei „totaler Quatsch“, dass Günther von Zensur missliebiger Medienprotale gesprochen haben soll.
Hat er aber.
Auch Alev Dogan, Vize-Chefin von Axel Springers „The Pioneer“, sprang Günther bei: Es sei doch um ein Social-Media-Verbot für Jugendliche gegangen. Steif und fest beharrte sie darauf, Günther habe ausdrücklich nicht von Medienzensur gesprochen. Wer das Gegenteil behaupte, befinde sich „im Herzen des Falschverstehens“.
Es passiert gar Erstaunliches: Ein Ministerpräsident sagt etwas. Dann sagt er, er habe das nicht gesagt. Dann sagen andere, er habe es nicht gesagt. Und am Ende rügt sogar der Bundestagsvizepräsident Bodo Ramelow von der „Linken“ einen AfD-Abgeordneten, weil der korrekt zitiert, was Günther gesagt hatte – mit der Begründung: „Das hat er nicht gesagt.“
Man mag es nicht glauben.
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Wer nun gedacht hatte, abstruser gehe es nicht mehr, den müssen wir an dieser Stelle leider daran erinnern: Wir sind in Deutschland. Es geht noch abstruser.
Denn nachdem knappe zwei Wochen lang die gesamte Leitmedien-Maschinerie sich große Mühe gegeben hat, die Wahrheit zu verbiegen und dem Publikum einzureden, dass gar nicht gesagt wurde, was gesagt worden war – nach diesen knapp zwei Wochen kommt nun Daniel Günther um die Ecke und verkündet frohgemut:
„Alles, was ich in der Sendung gesagt habe, hat sich aus meiner Sicht in den vergangenen anderthalb Wochen eins zu eins bestätigt.“
Der Mann sagt jetzt also selbst, dass er genau das gesagt hatte, was er gesagt hatte – wovon er danach aber steif und fest behauptet hat, er habe es nicht gesagt.
Günther hat also in gewisser Weise eine Aussage gemacht und gleichzeitig nicht gemacht. Das ist ein Zustand, auf den indische Yogis jahrzehntelang hinmeditieren.
Oder anders: Es ist Schrödingers Talkshow. Willkommen im besten Deutschland aller Zeiten.



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