Hart aber fair: Wem vertrauen die Deutschen im Superwahljahr?

Sprechübungen zu lauschen, wie man "Özdemir" türkisch korrekt ausspricht, ist aufregender, als politische Erkenntnisse über die Wahl in Baden-Württemberg zu gewinnen.

Screenshot ARD / Hart aber Fair

Özde… Ötzde… Ösdemir… [œzˈdɛmiɾ̝]. Bei Hart aber fair geben sich an diesem Abend plötzlich alle Teilnehmer die größte Mühe, den Namen des grünen Spitzenpolitikers Cem Özdemir korrekt auszusprechen; gerne auch mit demonstrativem mehrfachem Neuansetzen. Schließlich hat Özge İnan (türkisch İ, nicht I, nicht i ) die Anwesenden dazu aufgefordert.

Und den möglichen zukünftigen Ministerpräsidenten Baden-Württembergs aus der Ferne ermahnt: Der eilt nämlich nicht oberlehrerhaft durchs Land, um stets die korrekte Aussprache seines Namens einzufordern, die von der Aussprache nach deutscher Lesart abweicht.

Ja, dieses unaufdringliche Verhalten Özdemirs ist ein Verrat an allen Migranten im Land. Dass Inan darauf besteht, dass auch bei Hart aber Fair ihr Name mit Sonderzeichen wiedergegeben wird, von denen kaum ein Zuschauer wissen wird, wie man ihn ausspricht, passt gut dazu. Was Moderator Louis Klamroth motiviert haben könnte, İnan in seine Sendung einzuladen, erschließt sich dem Zuschauer nicht direkt.

Was sich dem Zuschauer durchaus erschließt, ist, warum Mario Voigt eingeladen wurde. Der CDU-Politiker und Nicht-mehr-Doktor ist schließlich Ministerpräsident Thüringens und soll nun die schwierige Lage seines Parteifreundes Manuel Hagel (ohne Sonderzeichen, Aussprache wie gelesen) kommentieren. Er ist in einer blöden Situation. Eigentlich sehen alle Anwesenden im Raum nur Özdemir als den zukünftigen Ministerpräsidenten.

Auch Voigt wagt nur anzudeuten: Warum soll sich Hagel dem Grünen unterordnen und nicht anders herum? Schließlich haben beide die gleiche Zahl an Mandaten im Landtag errungen. Und auch jenseits davon herrscht im Landtag Baden-Württemberg keineswegs eine derartige klare Machtverteilung, wie es derzeit suggeriert wird. Neben dem Gespann CDU/Grüne oder Grüne/CDU gibt es auch mögliche Kombinationen mit der AfD, die sowohl Özdemir als auch Hagel offenstehen. Abwegig? Vielleicht. Unmöglich aber nicht. Auch eine Minderheitsregierung Hagel, die von der AfD nur toleriert wird, wäre möglich. Und sogar ein Ministerpräsident Özdemir von Gnaden der AfD. Wenn auch nicht wahrscheinlich.

Noch eine weitere Schwäche der CDU offenbart sich: Mario Voigt und auch die CDU als Ganzes kämpfen mit Handicap gegen die Grünen. Sie trauen sich nicht, die Grünen so anzugreifen, wie die Grünen sie. Felix Banaszak, Parteivorsitzender der Grünen, breitet mit großem Genuss noch einmal das „Rehaugen-Gate“ von Hagel aus; Voigt und die CDU wagen es nicht, Özdemir ebenso mit seiner Vergangenheit zu konfrontieren. Skandälchen und Entgleisungen gäbe es auch hier genug. Dass Özdemir Gründungsmitglied des Stasi-Wiedergängers Amadeu-Antonio-Stiftung ist, könnte ihn als den linken Ideologen entlarven, der er eigentlich ist. Aber es blieb und bleibt seitens der CDU unerwähnt.

Felix Banaszak bleibt dennoch farblos in dieser Sendung. Er muss seinem Parteifreund Özdemir gratulieren, aber soll ihn gleichzeitig kritisieren. Denn Özdemir arbeitete im Wahlkampf offensiv mit dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer zusammen. Der Boris Palmer, der für die Grüne Jugend und die anderen Ideologen in Banaszaks Partei ein rotes Tuch ist.

Den AfD-Erklärer macht an diesem Abend Zeit-Journalistin Jana Hensel. „Die kleinen Leute“, erklärt sie unter Bemühen einer überheblichen und abgedroschenen Formulierung, wählen AfD, weil … ja warum nochmal? Hartz IV ist schuld und irgendwie Migration. Oder Rassismus. Dass es die Industriearbeiterpartei SPD im Industrieland Baden-Württemberg fast nicht mehr in den Landtag geschafft hat, kann auch sie nicht erklären.

Banaszak meint, er hat erkannt, was die SPD falsch macht. Sie präsentiert einfach ihre Lösungen nicht gut genug. „Ich habe jetzt in Duisburg ein zweites Büro aufgemacht“, präsentiert er seine Lösung, um Wähler von der AfD zurückzuerobern. Geld ist ja da, dank der 22.000 Euro Mitarbeiterpauschale, die er als Bundestagsabgeordneter jeden Monat verteilen darf.

In diesem Jahr wird noch oft gewählt werden. In Rheinland-Pfalz könnte die SPD nach mehr als 30 Jahren an der Macht das Ministerpräsidentenamt an die CDU verlieren, wobei beide Parteien bei kümmerlichen 28 Prozent liegen. In Sachsen-Anhalt ist eine absolute Mehrheit der AfD möglich. In Mecklenburg-Vorpommern wird sich die SPD wohl halbieren, die AfD wenigstens eine Sperrminorität von 38 Prozent erlangen. Und in Berlin werden das Abgeordnetenhaus und der regierende Bürgermeister gewählt. Kai Wegner (CDU) wird wohl aus dem Rathaus fliegen. Wie viele Wahlkreisbüros braucht es, um diese Erschütterung alter Machtstrukturen aufzuhalten?

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Kommentare ( 60 )

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RUEDI
1 Monat her

Die Blaupause : Einen großen Schaukampf zwischen zwei Parteien inszenieren und dann gemeinsam ins Bett kriechen, dabei werden die anderen Blockparteien marginalisiert oder wenn nötig, beliebig als Reserve benutzt, um die einzige Alternative als Opposition auszuschalten. Die Posten sind schon aufgeteilt, sie haben wieder 5 Jahre Überlebens-Zeit für sich gewonnen. Möglichst 2/3 Mehrheiten zur Anpassung von GO – und Verfassungsänderungen missbrauchen um die Macht zu zementieren. Die Institutionen auf Linie bringen, genau wie die Judikative und den VS, bis zum Endstadium DDR, die sich srelbst Sozialistische Demokratie nannte, deren Führung durch die SED in der Verfassung verankert wurde. Im übrigen… Mehr

RUEDI
1 Monat her

5 Minuten haben mir gereicht: Sprechblasen – Voigt. Wir wollen, wir werden. wir müssen, zuhören ! Wielange denn noch – ganz ohne Hörgerät und verstopftem Gehirn, nach der Gehirnwäsche. Hensel, die Erklärbärin für Ostdeutsche, in Angststarre vor dem bösen Ossi, vulgo AFD- Wähler, gefangen. Dazu noch eine Giftschlange im Tarnanzug. Unterirdisch ! Nicht zum aushalten ! Abschalten !.
AFD immer dabei – aber nicht am Tisch. Ostdeutsche wehrt euch – ihr habt es in der Hand ein SICHTBARES Zeichen zu setzen.

Klaus D
1 Monat her

Wem vertrauen die Deutschen im Superwahljahr?….von der logik her kann man keinem politiker (partei) vertrauen. Da alle politiker/parteien interessenvertreter sind können sie gar nicht eine politik für alle machen ego wird es immer welche geben die man links liegen lässt – egal ob links rechts oder mitte.

rainer erich
1 Monat her

Zum Thema “ Rehaugen“ empfehle ich wieder einmal einen Blick über TE hinaus, wegen des “ umfassenderen Eindrucks“. Z.B. las ich auf Insta, vermittelt diesen Eindruck ganz ordentlich, die Kommentare über eine Sendung von Frau Atalay, in der sich Precht und der grüne Lümmel B. über die Aktion der Grünen im „Wahlkampf“ unterhielten, seitens Precht durchaus kritisch nachfragend. Abgesehen von den “ interessanten“ Versuchen des Herrn B. geht es um die Kommentare, die einen nicht unwichtigen Ausschnitt der “ deutschen“ Wirklichkeit abbilden. Selbstredend traten vor allem Damen empört, über Hagel und Precht, in Erscheinung, wegen angeblicher „Täter/ Opfer – Umkehr“,… Mehr

Freigeistiger
1 Monat her

Das Auffälligste an solchen Talks ist, dass niemand da ist, der die AfD vertritt. Man zieht es vor, unter sich zu bleiben und den Bürgern weiszumachen, dass es nur „unsere Demokratie“ gibt. Aber in der DDR war es ja auch nicht anders – bis das System dann zusammenbrach.

Siggi
1 Monat her

Fakt ist, dass die AfD bei jeder Wahl die größten Zuwächse zu verzeichnen hat und somit die Parteienfinanzierung zum Problem der Altparteien macht.

Lizzard04
1 Monat her

Muss eine inhaltlich noch dünnere Veranstaltung gewesen sein, als sonst schon üblich. Aber eine Bestätigung konnte ich entnehmen, die Schreiberlinge bei der Zeit sind noch weiter von der Realität entfernt, als grüne Ideologie zu welchem Thema auch immer. Fragt man sich, wer mit gesundem Menschenverstand liest sowas noch?

yeager
1 Monat her

Wer ein Problem damit hat, dass die Landessprache in Deutschland Deutsch ist, der kann gern das Land verlassen. Im Wesentlichen geht es bei solchen Diskussionen ja darum, mal wieder bestimmte Ethnien als Opfer darzustellen, die von den Deutschen so furchtbar behandelt werden, und wer das so empfindet sollte sich wirklich nicht damit quälen sich weiter in diesem so furchtbaren Land aufhalten zu müssen.
Man sollte diese billige Masche als das entlarven was sie ist; Einnehmen einer Opferrolle um so in der links-woken Opferhierarchie Privilegien zu gewinnen.

Klaus D
1 Monat her
Antworten an  yeager

Stimme zu bis auf links-woke….in BW ist es ja rechts-woke siehe CDU und Grüne.

November Man
1 Monat her

Wem können die Deutschen in Deutschland noch trauen? Außer der liberal-demokratischen AfD kann man in diesem Land niemand mehr trauen. Den Lügenmedien schon gar nicht. Nicht den Gewerkschaften, dem Verfassungsschutz, Gerichten und Staatsanwaltschaften, Behörden, den Kirchen, den linken NGOs, nicht den linken Parteien und gleich zweimal nicht den linksextremistischen, totalitären Grünen.

Hieronymus Bosch
1 Monat her

Ein Witzfiguren-Kabinett hat wieder einmal seinen Auftritt im deutschen Fernsehen! Die Zwangsgebühreneintreiber brauen ja eine öffentliche Legitimation für ihr schamoses Treiben!