Bildung dient der Selbstverwirklichung und Entfaltung des Menschen. Wenn Schüler nicht mehr dazu in der Lage sind, Goethe und Schiller zu lesen, zeigt dies einen Missstand an, der sich fatal auf alle Bereiche des Lebens und der Gesellschaft auswirkt.
picture alliance / dpa | Paul Zinken
Dass das Bildungsniveau in Deutschland am Boden liegt, ist keine Neuigkeit. Hiobsbotschaften zu diesem Thema geistern seit Jahren regelmäßig durch die deutsche Presse, zumeist anlässlich von Studien, die die Misere in Zahlen fassen: Grundschüler können nicht flüssig lesen und schreiben, ein Drittel der Zehntklässler verfehlt die Mindeststandards, um die Mittlere Reife zu erwerben, dreißig bis fünfzig Prozent der eingeschriebenen Studenten sind an der Universität fehl am Platze.
Diese Zustände sind nicht vom Himmel gefallen. Bildung leidet hierzulande unter einer leistungsfeindlichen Haltung, die einhergeht mit dem Irrglauben, Wissenserwerb sei überflüssig, weil man alles jederzeit online nachschlagen kann. Sie leidet auch unter der Illusion, man könne Gleichheit verwirklichen: Wenn alle gleich sein sollen, richtet sich das Niveau naturgemäß am Schwächsten aus. Talentierte, wissbegierige und intelligentere Schüler bleiben auf der Strecke.
Hinzu kommt die geringe Wertschätzung für den Beruf des Lehrers. „Ich studiere auf Lehramt, weil das sicher ist“, war schon vor Jahrzehnten eine gängige und als legitim geltende Begründung, die massenhaft Menschen in Schulen geschwemmt hat, die weder Passion für Wissensvermittlung noch Verantwortungsbewusstsein angesichts ihres Auftrags noch ein Gespür für die Bedürfnisse von Schülern haben. Zugleich werden engagierte Lehrer der Selbstausbeutung preisgegeben und arbeiten bis zur Erschöpfung.
Akademische Kopfgeburten statt tradiertes Wissen
Diese Aspekte werden ergänzt durch ein Problem, das von den Universitäten aus in die Schulen abstrahlt: Der akademische Tunnelblick, der in vielen Disziplinen herrscht, manifestiert sich in der Bildung besonders akut und unmittelbar. Denn was in Bereichen wie den Gender Studies häufig eine Kopfgeburt bleibt oder erst durch vehementen Druck von Lobbyisten nach Jahren und Jahrzehnten in der Realität ankommt, verwirklicht sich in der Bildung schnell. Schulkinder als Versuchskaninchen zeigen sofort an, ob etwas funktioniert oder eben nicht. Nur will sich eine ideologiegesteuerte Wissenschaft keineswegs eines Besseren belehren lassen.
Trotz aller entwicklungspsychologischen Erkenntnisse werden immer wieder Entscheidungen gefällt, die auch lernwillige Kinder zu Unwissenheit und Dummheit verdammen. Schreiben nach Gehör, Abschaffung der Schreibschrift, Verzicht auf Auswendiglernen und andere Lerntechniken, Allergie gegen Faktenwissen, Bildschirme statt Bücher. Die pauschale Verteufelung von Frontalunterricht und Lernen durch – manchmal stupide – Wiederholung benachteiligt ausgerechnet Kinder mit Migrationshintergrund, denen zu viel abverlangt wird, anstatt ihnen mithilfe zuverlässiger und verbindlicher Methoden schnellen Sprach- und Wissenserwerb zu ermöglichen.
Nun hat der Berliner Tagesspiegel herausgefunden, dass selbst an Berliner Gymnasien die Klassiker zunehmend in verkürzten und vereinfachten Fassungen gelesen werden. Goethe in leichter Sprache?
Bach mit weniger Noten?
Mit diesem Behelf setzt sich der Selbstbetrug fort. Goethe gibt es in leichter Sprache ebenso wenig wie Bachs Wohltemperiertes Klavier mit weniger Noten.
Nacherzählungen und Kurzfassungen sind durchaus sinnvoll, etwa um jüngere Kinder an Werke der Weltliteratur heranzuführen. Von der Odyssee übers Nibelungenlied bis zum Faust lässt sich so gut wie alles kindgerecht arrangieren, um Lust an Literatur zu wecken. Kürzere Formen wie Gedichte lassen sich ohnehin früh vermitteln – spielerisch und mit Freude und Spaß verbunden.
Wer eine weiterführende Schule besucht, muss jedoch dazu in der Lage sein, deutsche Werke im Original zu rezipieren. Kann der Schüler dies nicht, liegt das in der Regel nicht an mangelnden kognitiven Fähigkeiten seinerseits, sondern an der Dummheit von Erwachsenen, die versäumt haben, ihm die dazu notwendigen Grundlagen zu vermitteln. Erwachsene sind es, die Kinder jeweils über- oder unterfordern, anstatt auf altbewährtes Wissen über Lernprozesse zurückzugreifen.
Entfaltung erlauben
Bietet man Kindern früh Zugang zu komplexen Inhalten und fördert man Neugier und Wissensdrang, anstatt beides möglichst früh mit digitalen Inhalten zu betäuben, sollten Goethe und Schiller ab der Mittelstufe kein größeres Problem darstellen, insbesondere nicht für Schüler, die über akademisches Talent verfügen und auf dem Gymnasium tatsächlich gut aufgehoben sind.
Doch anstatt gegenzusteuern, wird der Wissens- und Bildungsverfall übertüncht, indem man Ansprüche und Anforderungen in allen Fächern herunterschraubt.
Der Schaden, der dadurch angerichtet wird, ist nicht zu beziffern und zeigt sich auf allen Ebenen: Wer nie gelernt hat, einen Text sinnerfassend zu lesen, einzuordnen und zu interpretieren, kann zum Beispiel Information nicht von Desinformation unterscheiden. Ein Problem, das unter anderem darin deutlich wird, dass selbst viele Erwachsene den Sinn und die Anwendung eines Konjunktivs nicht mehr verstehen. Wer die grammatische Form nicht mehr beherrscht, begreift bald aber auch das Konzept nicht mehr, dass nicht alles, was wiedergegeben wird, auch der Realität entspricht.
Die Mehrdimensionalität, die sich in der Spannung zwischen Erfahrung, Empfindung und Sein abspielt, wird eingeebnet. Angesichts der nun platt, stumpf und dumpf erscheinenden Wirklichkeit bieten sich gefälligerweise digitale Scheinwelten als Zufluchtsorte an, die irgendwann realer und komplexer wirken als die Realität.
Bildungskollaps und gesellschaftlicher Verfall
Der geistige Verfall hat Auswirkungen auf das politische Leben, dem mehr und mehr Bürger nicht mehr gewachsen sind – und das, obwohl ihre Verständigkeit eine tragende Säule der Demokratie ist: Bildung ist Voraussetzung für den mündigen und eigenständig denkenden Bürger. Der aber wiederum ist einer politischen Kaste, die keine Rechenschaft über ihr Treiben ablegen will, lästig. Kein Wunder, dass der Staat nicht in die Urteilskraft seiner Bürger investiert, sondern sie in ihrer Denkfaulheit bestärkt: Wie hilfsbereit er doch einspringt, um mangelnde Differenzierungsfähigkeit durch Kontrolle und Vorauswahl der verkraftbaren Inhalte zu ersetzen.
Der Bildungskollaps beeinflusst aber auch das gesellschaftliche und individuelle Miteinander. Gerade Literatur eröffnet dem Leser Welten, die er nicht aus eigenem Erleben kennt. Sie vermittelt Werte und Emotionen, mit denen man nicht oder noch nicht in Berührung gekommen ist. Sowohl Empathie als auch die Fähigkeit, das eigene Erleben zu verstehen und in Worte zu fassen, verkümmern, wenn wir uns den Werken vergangener Zeiten nicht aussetzen.
Die Annahme, „große Kunst“, gleich ob Musik, Literatur, bildende Kunst oder andere Formen, sei zu „schwierig“, ist ein Fehlschluss: Sie bietet vielmehr den Anreiz, zu wachsen, und der zu werden, der man sein könnte. Man ist niemals zu ungebildet, um nicht etwas daraus und daran lernen zu können – zumal viele Hemmschwellen und Hürden lediglich eingebildet sind. Sie dienen lediglich dem Dünkel einer – tatsächlichen oder angeblichen – Bildungselite, die sich gern anderen überlegen fühlt und daher natürlich so tut, als sei das, womit man sich beschäftigt, nichts für den einfachen Pöbel.
Es ist auch nicht so, dass Hochkultur mit der Lebenswelt der Menschen nichts zu tun hätte. Sie ist keine Bürde, die man dem Menschen auferlegt, sondern erschließt einen Lebensraum, in dem sich der Mensch entfaltet. Kultur ist kein Zusatz, sondern dem Menschen essenziell. Sie ihm vorzuenthalten, bedeutet eine Verarmung des Menschseins.
Der wurzellose Mensch
Abgesehen davon verlieren wir unser historisches und kulturelles Gedächtnis und unsere Wurzeln. Wir können uns nicht mehr rückbinden an die Erfahrungen unserer Vorfahren und tappen heimat- und verständnislos durch die Zeit, überfordert von Eindrücken, die wir nicht verstehen, und irgendwann nicht einmal mehr bewusst wahrnehmen.
Dann aber kann man auch seinem Nächsten nicht mehr gerecht werden. Denn auch dessen Gedanken, Erfahrungen und Bedürfnisse sind nicht mehr nachvollziehbar: So fremd der geistlose Mensch sich selbst ist, so fremd ist ihm der Mitmensch. Jede Transferleistung unterbleibt; Kommunikation – und damit die Beziehungsfähigkeit – verkümmert.
Dass all dies auch wirtschaftliche Folgen hat, muss nicht weiter erörtert werden. Ohne Kommunikations-, Lern- und Abstraktionsfähigkeit; ohne Vision, die Innovation erst ermöglicht, ist eine moderne leistungsfähige Wirtschaft nicht aufrechtzuerhalten.
Da hilft auch keine KI, denn auch die ist immer nur so schlau wie die Menschen, die sie entwickeln und anwenden. Zudem setzt die sinnvolle Verwendung von Künstlicher Intelligenz Kapazitäten frei, um die natürliche Intelligenz zu nutzen. Jetzt wäre es an der Zeit, wiederzuentdecken, zu welchen Leistungen nur der menschliche Verstand fähig ist, und sich auf diese Fähigkeiten zu konzentrieren.
Der Geist des Menschen wird immer unersetzbar sein. Er steht aber gerade jetzt Herausforderungen gegenüber, angesichts derer wir uns eine verblödete Gesellschaft schlicht nicht leisten können.




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Nun, aber genau das will doch die Politik: „Dumme“ Menschen lassen sich leichter manipulieren und damit auch regieren. Wer hingegen ein gewisses Potential an Wissen mitbringt, wird die Politik hinterfragen und auch kritisieren, was nicht gewollt ist. Ich denke daher, dass der eingeschlagene Weg, den die Politik im Bildungssektor betreibt, mit voller Absicht so gestaltet wird.
Es gibt jede Menge Dipl MINT Fächern, die Hunderte von Bewerbungen schreiben und billig Jobs annehmen müssen,… Und es gibt Studienabbrecher aus Bla Bla Fächern, die top Politiker:innen bei SPD und Grüne werden 🙉🙊🙈
Sie haben das Problem auf den Punkt gebracht. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Leider wird sich die geistige Verarmung weiter fortsetzen, auch und vielleicht gerade bei den akademischen Eliten. Da muss man doch nur in die Universitäten schauen. Der Kampf gegen Rechts, Klimakollaps und der Genderwahn übertünchen doch die eigentliche Wissenschaft, die aktuell offenbar nicht mehr Wissen schafft.
Das erinnert mich an die Einführungsvorlesung zu Beginn meines Studiums noch zu tiefsten DDR-Zeiten (1979). Da hieß es, Studienobjekt Nr. 1 ist der Marxismus-Leninismus. Das musste ich erst mal verdauen. Ich kaue heute noch daran herum, weil mein Studienziel ein anderes war.
„…. benachteiligt ausgerechnet Kinder mit Migrationshintergrund …“ Denen wird zu viel abverlangt ? Entschuldigen Sie, Frau Diof, es bringt überhaupt nichts noch mehr Zuwendung, noch mehr Hilfen, noch mehr Geld,…. In den Familien wird KEIN Deutsch gesprochen, die wollen hier nichts lernen, die sind gekommen, um vom (dummen) Steuerzahler ein arbeitsbefreites Leben finanziert zu bekommen + ihre Sitten und Gebräuche auszuleben. Gewalttäter kriegen lächerliche Strafen. Deutsch interessiert niemanden. Es werden Unsummen für Förderung ausgegeben, Ergebnis = null. Man lacht über die Dummheit der Deutschen, warum und wozu sollten sich Migrationskinder integrieren wollen? „Papa Ali, Mohammed, Reza“ sagt den Kindern ganz… Mehr
Wie sollen sie denn Goethe und Schiller lesen wenn sie bei der Einschulung nicht mals die deutsche Sprache sprechen (sie wissen wen ich meine)❓
Oberstufenschülern im Grundkurs Deutsch wird ohnehin leistungsmässig keine Bearbeitung von Faust … abverlangt. Was genau an den ca. 3150 Gymnasien in Deutschland wie unterrichtet wird, hängt vom Bundesland, von einzelnen Gymnasien und der Wahl der Schüler ab.