Was ist dran an der Geschichte von der „Fast-Keilerei“?

Die "Rheinische Post" veröffentlichte am 29. Dezember ein Doppelinterview mit den beiden Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages, Wolfgang Kubicki (FDP) und Claudia Roth (Grüne). Insbesondere eine Äußerung von Kubicki wurde von Agenturen aufgegriffen und zahlreiche andere Medien berichteten von einer "Fast-Keilerei" im Bundestag.

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Das hatte Kubicki gesagt: „Ich stelle wie Claudia Roth fest, dass es inzwischen Verhaltensweisen gibt, die mit normalen Umgangsformen im Parlament nichts mehr zu tun haben. Ein Drittel der AfD-Fraktion, das überwiegend in den hinteren Reihen sitzt und vorwiegend aus ostdeutschen Bundesländern kommt, ist nicht nur verbal aggressiv. Einmal stand es im Bundestag sogar kurz vor einer kleinen Keilerei, weil deren Zwischenrufe unerträglich waren.“

Kein Journalist fragt nach

Eigenartigerweise fragte kein Journalist nach, was denn genau geschehen sei. Was genau bedeutet Kubickis Aussage, es habe „kurz vor einer kleinen Keilerei“ gestanden? Das kann nur bedeuten: Eine Keilerei gab es nicht, aber ein Abgeordneter hat einem anderen Schläge angedroht. Gab es diesen Vorfall? Wann hat er sich ereignet und wer war daran beteiligt? Skepsis ist angebracht, denn man muss sich ja fragen: Warum hat kein Medium darüber berichtet? Wurde die Gewaltandrohung, von der Kubicki berichtet, von ihm oder einem anderen Bundestags(vize)präsidenten formell gerügt? Das hätte doch geschehen müssen, sobald eine Gewaltandrohung bekannt wurde.

Und vor allem: Wer hat wem Schläge angedroht? Auch diese Frage stellte weder der Journalist der Rheinischen Post noch jene Journalisten, die den Bericht aufgriffen. Die Berichterstattung in mehreren Medien erzeugt den Eindruck, die Gewaltandrohung sei von der AfD ausgegangen. Aber ist Kubickis Äußerung vielleicht ganz anders zu interpretieren? Er sagte ja, es sei fast zu einer Keilerei gekommen, „weil“ Zwischenrufe von AfD-Abgeordneten „unerträglich“ waren. Dies könnte zu dem Schluss führen, dass der oder diejenige Abgeordnete, dem/der diese Äußerungen aus den Reihen der AfD unerträglich erschienen sind, einem oder mehreren AfD-Abgeordneten Schläge angedroht haben. War das so? Oder ist Kubickis Geschichte am Ende frei erfunden? Warum fragte kein Journalist nach?

Es geht noch weiter: Kubicki nimmt den Vorfall ja als Beleg dafür, dass ein Drittel der AfD-Abgeordneten „nicht nur verbal aggressiv“ sei. Was genau soll dies heißen? Auch hier fragte kein Journalist nach. Wenn jemand „nicht nur verbal aggressiv“ ist, dann heißt dies doch, dass er körperliche Gewalt ausgeübt hat, denn alles andere ist ja verbale Aggressivität. Übt jeder dritte AfD-Abgeordnete im Bundestag Gewalt aus?

Schäuble meldet sich zu Wort

Angesichts dieser Äußerungen sah sich jetzt sogar der Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble veranlasst, öffentlich im Rahmen eines ZDF-Interviews Stellung zu nehmen. DIE WELT berichtete am 30. Dezember unter der Überschrift: „Ich habe bisher keine Schlägereien erlebt. Ich würde das nicht so dramatisieren“: „Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hat in der schärfer gewordenen Auseinandersetzung mit der AfD im Bundestag vor Alarmismus gewarnt. Im ZDF-Winterinterview machte der CDU-Politiker deutlich, dass er keinen allzu rauen Umgangston im Parlament erkennen könne. ‚Ich habe bisher keine Schlägereien erlebt. Ich würde das auch im Vergleich zu anderen Parlamenten nicht so dramatisieren‘, sagte Schäuble.“

Kubickis Gewaltphantasien

In der ZEIT erklärte Kubicki kürzlich: Manchmal treffe er auf Menschen, mit denen er es kaum aushalte, in einem Raum zu sein, da sie ihn aggressiv machten: „Anton Hofreiter von den Grünen. Er könnte mich zu Dingen verleiten, die ich eigentlich nicht will: ihm eine knallen zum Beispiel“, so Kubicki. Hofreiter, so Kubicki, sei „ein Mensch, der meine Aggressionsschwelle drastisch senkt. Da ich das aber nicht will, vermeide ich es, dass wir zusammen in einem Raum sind.“

Schon zuvor hatte Kubicki, wie die ZEIT berichtete, mit Blick auf die angebliche Äußerung eines AfD-Abgeordneten erklärt: „Da war ich fassungslos. Wenn ich mitbekommen hätte, von wem genau die Aussage kam, ich wäre aufgestanden und hätte dem Typen eine geknallt.“ Dass einen rechtsextreme Äußerungen aus den Reihen der AfD empören, ist völlig in Ordnung, das würde mir genauso gehen. Und auch dafür, dass jemand Anton Hofreiter von den Grünen nicht leiden kann, habe ich Verständnis – mir geht es ebenso. Dennoch sollte man fragen, ob es dem Amt eines Bundestagsvizepräsidenten entspricht, mehrfach öffentlich zu bekunden, dass er Abgeordneten gerne „eine knallen würde“. Wenn der gleiche Bundestagsvizepräsident nun von einer angeblichen „Fast-Keilerei“ berichtet und erklärt, ein Drittel der AfD-Abgeordneten sei „nicht nur verbal aggressiv“, dann sollten Journalisten, die ihren Job ordentlich machen, doch nach konkreten Belegen fragen, um den Sachverhalt aufzuklären.

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Kommentare ( 181 )

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Ich berufe mich auf den Kommentar von Herrn Kemmerling, der vom Gratismut des Herren Kubicki schreibt. Immer feste druff auf die real einzigste Oppositionspartei im Parlament. Wo sind die Nennungen der Reden der holden Walküre. der Abgeordneten Moll, die mit Herrn Gauland unter vier Augen ein Gespräch führen möchte ? Wohlgemerkt vor der Tür. Ein Herr Özdemir, dessen ekelhafte, intellektuel unterm Radar befindliche „Hassrede“ in einer Reihe mit der von „Nord-Korea“ Schulz und dem Stalker Kahrs zu nennen sind. Herr Kubicki ist ein Öffentlichkeitsprofi, er nutzt die Möglichkeit für seine FDP Stimmung zu machen und auf den Zug des Gratismut… Mehr

„Dass einen rechtsextreme Äußerungen aus den Reihen der AfD empören, ist völlig in Ordnung, das würde mir genauso gehen. “

Warum empören sie, lieber herr Zitelmann, eigtl. nur (vermeintliche bzw eingebildete) rechtsextreme äußerungen der afd, alle anderen äußerungen dieser art jedoch nicht?

Danke, Michael_M! Diese Passage zu angeblichen rechtsextremen Äußerungen aus den Reihen der AfD-Bundestagsfraktion ist auch für mich sehr befremdlich. Ich persönlich habe derartige Äußerungen noch nicht wahrgenommen, jedoch, dass permanent einzelne Wörter/Passagen aus dem Gesamtzusammenhang von Äußerungen/Reden herausgerissen und kriminalisiert werden. Denn mittlerweile ist es schon salonfähig, wenn es um die Diffamierung der AfD geht, dass gar nicht mehr entscheidend ist, was jemand gesagt hat, sondern, was bestimmte „Experten“ in das Gesagte hineinlesen. Es wäre hier wohl angebracht, wenn Herr Zitelman zum einen erklären würde, was er denn genau unter einer rechtsextremen Äußerung versteht und welche dieser Art von einem… Mehr
Herr Kubicki hat vollkommen recht, wenn er sagt, dass es Personen gibt, mit denen man besser nicht in einem Raum ist. Ich bin so eine Person, mit der er besser nicht in einem Raum ist, wenn wieder einmal irgendwtwas ihn zu Dingen verleitet, die er angeblich nicht tun will. Ich wäre spontan bereit alles zu tun, damit er nichts tut, was er später bereut. Ich würde das auch nicht bereuen, da ich es unter Lebenshilfe abheften würde. Was ich mit Roth oder Hofreiter machen würde, kann ich hier nicht schreiben, denn es steht zu befürchten, dass Herr Kubicki sich hinterher… Mehr

Dazu passt immer wieder in hervorragender Weise folgender Videoclip: https://www.youtube.com/watch?v=MfbQ8ScrlE0

Hervorragend – 1 A Kommentar !!

Kubicki ist – wie der Rest der unwuerdigen etablierten Parteien-Elite in einer post-faktischen Parallellwelt gelandet: Luegen spielen keine Rolle mehr – Hauptsache Systemerhalt um jeden Preis.

Da sind Millionen an Spermien und ausgerechnet die beiden haben es geschafft.

Milliarden. Mindestens.

Kubicki tut sich in letzter Zeit immer öfter durch merkwürdig weltfremde Äußerungen hervor.

Kubicki hat Recht, wenn er sagt:
Ich stelle wie Claudia Roth fest, dass es inzwischen Verhaltensweisen gibt, die mit normalen Umgangsformen im Parlament nichts mehr zu tun haben. “
Normale Umgangsformen bedingen, dass – nach der GO des Bundestages, jede Fraktion im Präsidium vertreten ist.
Gleiches gilt für andere Gremien.
Der Mann ist in seiner Heuchelei kaum zu ertragen.

Frau Weidel hat nicht umsonst im Bundestag die Frage in Richtung Links/Rot/Grüne Ecke gestellt, „Wollen sie uns jetzt verhauen“

“Kubicki“ ist ein Synonym für Diätenerhöhung. Mit etwas anderem kann ich ihn beim besten Willen nicht in Verbindung bringen. Ein Hofreiter in anderem Gewande. Die Herren haben – wie die meisten ihrer Kollegen aus demselben Grunde – nichts in einem Parlament zu suchen.

„Dass einen rechtsextreme Äußerungen aus den Reihen der AfD empören, ist völlig in Ordnung, das würde mir genauso gehen.“ Ich habe bereits viele Bundestagsdebatten verfolgt. Rechtsextreme Äußerungen, Herr Zitelmann, konnte ich bislang nicht wahrnehmen. Vielmehr konnte ich qualitativ hochwertige und brillant vorgetragene Redebeiträge der AfD-Abgeordneten verfolgen, die ein hohes Maß an Sachkenntnis erkennen ließen. Auffällig waren allenfalls die verbalen Attacken der Abgeordneten der sogenannten Altparteien in Richtung AfD. Ich erinnere hier u. a. an die verbale Entgleisung der SPD-Abgeordneten Claudia Moll während der Debatte um den UN-Migrationspakt (Frau Moll – staatlich examinierte Altenpflegerin – würzte diese bekanntlich auch mit entsprechenden… Mehr