Die Union im Herbst: Pannen, Spitzen, Untergang

Ob Laschet oder Söder – die Dilettanten an der Spitze der Unionsparteien richten die einst stolzen Volksparteien systematisch zugrunde. Der Wahlkampfauftakt in Berlin war zum Lachen und zum Weinen.

picture alliance/dpa | Michael Kappeler

Der Union beim Untergang zuzusehen, ist wahrlich kein Spaß. Schließlich haben deren Parteien Deutschland geprägt wie sonst keine. Man fasst es einfach nicht, wie Dilettanten die einst stolzen Volksparteien systematisch zugrunde richten. Doch vergnügungssteuerpflichtig ist das Drama dennoch. Soviel Theater war nämlich noch nie. Und die Hauptdarsteller liefern prompt. Täglich, ja stündlich.

Tränen zum Lachen oder zum Weinen, je nach Sichtweise, dafür ist Armin Laschet, ein echter Öcher Jeck, Garant. Noch nicht einmal die wichtigste Rede seines Lebens will ihm gelingen. Wer die Aufführung im Berliner Tempodrom vom Samstag live verfolgt hat, dem blieb im Parkett der Atem stehen: Der fröhliche Kandidat aus der Karnevalshochburg Aachen versuchte sich in Geschichte und erklärte die Entstehung der GSG 9 – weil wichtig für die Rettung der Union aus der Unions-verursachten Kabul-Rettungs-Pleite. Diese Spezialeinheit sei nach dem Olympia-Attentat von München im Jahr 1972 gegründet worden und hätte sich dann 1977 bewährt, als sie „Deutsche aus der entführten Lufthansa-Maschine in Landshut“ befreit habe.

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In Landshut (so hieß die Maschine, Herr Laschet!) — das war kein Versprecher, auch kein Flüchtigkeitsfehler. Sonst hätte die Satzkonstrukltion eine völlig andere sein müssen. Nein, er meinte es so. Landshut, nicht Mogadischu. Wahrscheinlich hatte es ihm einer seiner tollen Berater noch fix als tolles Vernebelungs-Stichwort zugerufen, weil das doch ein tolles Mittel wäre, das Totalversagen seiner tollen Vorgängerin im Parteiamt zu kaschieren.

Im Klartext hieß es jedoch: Das, was unsere großartigen, nicht dilettantischen Vorgänger gegründet haben, konnte nicht bzw. nur zu spät eingesetzt werden, weil „das Annegret“ gerade in Püttlingen Flammkuchen backte und die Weltenkanzlerin im Kino saß. Und ganz nebenbei: Wer zerstört denn gerade genau jene über-lebenswichtigen Spezialkräfte, siehe SEK Frankfurt/Main?!

Doch noch nichtmal dieser Winkelzug, der in seiner frivolen Falschheit 99 Prozent der Journalisten und dem Volk sowieso verborgen geblieben wäre, kam fehlerfrei über seine Lippen. Der Mann hat, um es mit Helmut Kohl zu sagen, einfach keine Fortune. Er tut einem fast schon leid. Denn wer solche Berater hat, braucht keinen Misserfolg mehr.

Nach der peinlichen Weihestunde gings vom Tempodrom nach Kladow, eine der wenigen CDU-Hochburgen Berlins. Selbst dort fehlte Fortune. Herr Wegner, der dort wohnende CDU-Spitzenkandidat für das Amt, das auch die Doppel-Plagiatorin Giffey anstrebt, hatte seine und der anderen Kandidaten Verwandtschaft aufgeboten, um den nicht Gewollten (man war bekanntlich für Söder) jubelnd mit Luftballons zu empfangen. Doch beim Haustür-Wahlkampf gab es gleich die nächste Regiepanne. Eine Frau öffnete, sah die Hausierer in Sachen Regierungschefs und rief in die zahlreichen Kameras und Mikrofone „Oh Gott“ und schlug die Tür wieder zu.

Wahlkampfauftakt
Merkel lobt sich ihrer Taten – und verschweigt die Flüchtlingskrise
Apropos Gott. Und jetzt wird es ernst. Denn nicht Laschet ist das Problem, das sich von selbst erledigt. Der Untergang kommt aus dem Süden. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr. Während selbst die Weltenkanzlerin so tat, als hörte sie ihrem Wahrscheinlich-nicht-Nachfolger zu (Masken können barmherzig sein), spielte „der liebe Markus, mit dem ich mir in fast allem einig bin“ demonstrativ mit seinem Handy. Das ist so, als würde man bei seiner eigenen Trauung während der Zeremonie schon mal die Zigarette für danach auspacken.

Die göttliche Angela (vor der der Markus laut öffentlicher Tempodrom-Ehrbezeugung sogar „Gnade gefunden hat“), hatte dem Armin zuvor als hervorragendste Eigenschaft „das Ernstnehmen des C, des christlichen Menschenbildes“ gnädig zugesprochen. Das hörte sich in dem Zusammenhang (man erwartete: Verhandlungs- und Führungsgeschick, Regierungserfahrung oder Trittsicherheit bei internationalen Gipfeln und Krisen etc.) allerdings so an, als hätte sie gesagt: „Er kann übrigens auch prima Auto fahren und Rasen mähen.“ Aber immerhin: Es gibt noch das „C“ In der CDU, verkörpert sogar durch richtige Menschen.

Doch Markus? Protestantischer Christ aus Franken, der einst Kreuze aufhängen ließ, bevor er hinter der Regenbogenmaske verschwand in einem Stadion, dessen Verein sich von den größten Juden- und Israel-Hassern der Welt sponsern lässt: Er beendet seine Rede doch tatsächlich mit einem dreifach donnernden „Toi, Toi, Toi!“ Gottes Segen oder Gott mit uns oder God bless you, das war einmal bei der CSU.

Man schmettert im weiß-blauen Freistaat zwar immer noch gern aus voller Brust die Bayernhymne „Gott mit dir, du Land der Bayern!“ (noch gänzlich un-gegendert, noch!) — doch die wichtigste Rede für diesen wichtigsten Wahlkampf beendet der wichtigste Vertreter des einst wichtigsten politischen Garanten für Christliches mit dem Ruf „Toi, Toi, Toi.“ Beim Wahlkampfauftakt zweier C-Parteien.

Mit einem Mal ist alles anders
Merkel ähnelt den abrückenden Besatzern in Kabul: Nach mir die Sintflut. Rette sich wer kann.
Ist Söder damit ehrlich geworden? Denn auch diese Floskel durfte nicht fehlen. Übrigens: die Lieblingsfloskel des Kutschen-Kronprinzen vom Herrenchiemsee überhaupt. Immer wieder zu hören: „Jetzt wollen wir uns mal ehrlich machen“ oder, wie im Tempodrom: „Bei aller Freude, dass wir hier zusammenkommen, und bei aller Selbstvergewisserung — lasst uns auch einen Moment ehrlich sein“ — und sprach dann von den schlechten Umfragen und dass es nun um alles geht.

Ja, man braucht keine Goldwaage für jedes Wort. Da ist schon eine Paletten- oder Lasten-Waage fällig. Man braucht auch kein tiefen-psychologisches Hochschulstudium. Meine Oma, einfache Volksschülerin aus schlichten Verhältnissen, analysierte seinerzeit messerscharf, was dem fehlt, der dauernd seine Ehrlichkeit betonen muss. Dabei hieß sie noch nichtmal Seehofer…..

Aber es ist schon bemerkenswert: In ihrer selbstvergewissernden Wahlkampf-Weihestunde (man höre sich unbedingt mal die Reden an, es lohnt sich!) war die Union „einen Moment ehrlich.“ Wenigstens für einen Moment. Ich fragte einen allseits bekannten Kollegen: „Wenn ich die Reden so höre: Wer hat eigentlich die letzten 16 Jahre regiert?“ Prompte Antwort: „Das muss ich mal googeln.“

Nicht googeln müssen Sie, was Sie wählen wollen, liebe Leser. Das kann man wissen. Die im Blog bei TE (oder auch bei achgut) jetzt immer wieder erhobene Forderung, die hier schreibenden Journalisten (!) sollten sich doch endlich „bekennen“ oder „Wahlempfehlungen abgeben“, erstaunen mich. Ich würde mir das als Leser jedenfalls verbitten. Ich will gut informiert werden, um eine eigene, persönliche und begründete Entscheidung selbst treffen zu können. Alles andere ist genau der Journalismus, der an den Linken zu Recht beklagt wird: Missionsjournalismus und Meinungsmache. Das nötig zu haben, dazu halte ich meine Leser allerdings für zu intelligent.


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Kommentare ( 112 )

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Pragmatiker
25 Tage her

Exzellent legt Peter Hahne der einstigen „C“-Partei offen, die nur noch von Anbiederung in Richtung Links, Ahnungs- und Hilflosigkeit geprägt ist. Die treffende Hahne-Einordnung hätte ich mir im TV auch vom Kommentator gewünscht…

Hugo Treppner
26 Tage her

Als das Trio, bestehend aus einer beleibten älteren Dame, die eine Zitter-Akrobatik bei der Nationalhymne hinlegt, aus einem untersetzten Komiker, der immer im peinlichsten Moment lacht und dabei die Zunge herausstreckt und einem Maskenmann mit Hygienezwangsstörung, der immer in die Hose macht, wenn er Verantwortung tragen muss, als „Superstars“ der Union vorgestellt wurde, war es schon vorbei. Nicht einmal beim Zirkus hätten sie Chancen.

Wolf
26 Tage her

Ich habe die letzten 30 Jahre fast immer CSU gewählt. Seit 2014 nicht mehr – glaube ich – seit 2015 ganz sicher nicht mehr.

DELO
26 Tage her

Unsere Freunde der CDU merken es nicht mehr. 16 Jahre politische Verblödung hat ihre Spuren hinterlassen. Eine bedeutungslose Null-Nummer und ein Gernegroß streben ins Kanzleramt. Politische Aussagen, geschweige denn Ausrichtungen gleich Null. „Nehmen Sie Programm 47 und wenn es Ihnen nicht passt, können Sie es ja umtauschen“ lautet ein uralter Kalauer aus irgendeinem Sketch. Trifft für die CDU/CSU der Gegenwart den Nagel auf den Kopf.
Sehr guter Artikel übrigens, Herr Hahne! Aber der einsame Rufer in der Wüste…

Nibelung
26 Tage her

Das sehe ich anders um den Schwarzen noch nachzuweinen, denn die müssen untergehen oder sich in die zweite Reihe eingliedern, weil sie mit ihrer sozialdemokratischen Politik schon seit vielen Jahren den Weg der Tugend verlassen haben und sie schon lange keine rechtsstaatliche und viel beschworene Partei der Mitte mehr sind, sondern billige Kopien der Roten und Grünen und das rächt sich nun, was mehr als logisch ist. Die haben mit ihrer Schauckelpolitik die ganze Republik aus den Angeln gehoben und sogar noch ihre Wähler verprellt, die die Beweglichen noch in ihrer Not zu den Blauen getrieben hat, andere sind zu… Mehr

Sonny
26 Tage her

Die Menschen sind nicht politikmüde.
Sie sind Politiker-müde.
Und „Oh Gott“ war noch eine sehr höfliche Beschreibung dafür, was diese Frau wahrscheinlich empfand.
Ich hätte zwei Zeigefinger zu einem Kreuz geformt, um die Teufel abzuwehren.

Bummi
26 Tage her

Ich habe meine Wahlunterlagen für die Briefwahl schon beantragt. Die Union oder eine andere Partei des sozialistischen Einheitsblocks wähle ich bestimmt nicht. Parteien die das Land so systematisch ruinieren, korrupt sich mit Maskengeschäften bevorteilen bedarf es nicht. Und wer mich einsperrt, schickaniert und drangsaliert mit seiner wahnhaften dümmlichen Coronapoltik den wähle ich nicht mehr nicht nur bei dieser Wahl, sondern für alle Zukunft. Selbst in der DDR waren die Schickanen geringer und das Klima im Land besser. Ich hoffe solche aufgeblasenen Selbstdarsteller wie Söder oder Lauterbach verschwinden endlich in der Versenkung.

Eberhard
26 Tage her

Da ist keiner mehr da in der CDU, der wirklich das Format hat die Partei zu alter Größe neu zu formieren. Merkel hat ganze Sache gemacht und alles was ihr nicht hörig gnadenlos ausgemerzt. Was ist da heute noch übrig von einer Volkspartei? Wenn die AfD mutiger und ihre Querelen untereinander endlich in einem Angriff auf alles immer mehr zu tage tretendes Versagen der Merkelschen rotgrünen Politik umwandeln würde und sich mit einem Dauerfeuer von guten und fundierten Alternativen zur Politik der angeblich so demokratischen anderen Parteien absetzen würde, hätte sie das Zeug zur neuen Volkspartei. Aber dann muss sie… Mehr

Wilhelm Roepke
26 Tage her

Richtig so, ein Journalist muss keine Wahlempfehlungen abgeben; das wäre das Niveau früherer „Hirtenbriefe“ der Kirche mit dem Aufruf, „christlich“ zu wählen. Ein mündiger Bürger braucht so etwas nicht. Ausserdem bietet sich auch keine einzelne Partei an, sondern höchstens einzelne Politiker. Es gibt auf Tichys Einblick vermutlich selbst Grünenwähler – wenn es Tübinger sind. Von FDP, Union, AFD, LKR, Die Basis oder den Freien Wählern bei einzelnen Personen nicht zu reden und selbst Sarah Wagenknecht dürfte hier ihre Anhänger haben. Nur die 3 offiziellen Kanzlerkandidaten dürften in diesem Medium einen schlechten Stand haben. Nichts entbindet aber einen echten Bürger von… Mehr

Dieter Rose
27 Tage her

Was mir so durch den Kopf geht:
natürlich werden zuerst die Minister
für das Versagen bei bestimmten Vorgängen
verantwortlich gemacht. Genauso bedenklich
finde ich, dass offensichtlich die in den
Ministerien tätigen Ministerialbeamten nicht
in der Lage sind, Situationen einzuschätzen
und den Minister in die Lage zu versetzen/ihn zu drängen,
richtig und entschieden zu handeln.
(Dass dem Geheimdienst die Krallen geschnitten
worden sind, muss wohl auch berücksichtigt werden.)