Der Sieg der Angela Merkel ist die Niederlage der CDU

Das Fiasko der CDU ist zugleich das von 16 Jahren Angela Merkel / Kohl über Merkel: „Erst zerstört sie die Partei und dann Deutschland.“

IMAGO / IPA Photo

Der bevorstehende Abgang Angela Merkels von der Spitze der Union, die sie ungeachtet ihres formalen Rücktritts im Jahre 2018 bis heute fest im Griff hat, obliegt wie jedes Ende einer gewissen Tragik. Nicht nur, dass die kalte Frau aus dem Osten, wie so viele andere, an den Injurien der Macht des Amtes mit all ihren Privilegien besonders hängen würde. Es ist vielmehr die innere Sorge, dass es ihr vielleicht doch nicht vollständig gelungen sei, aus einer einst konservativ-christlichen, liberalen Partei eine gesellschaftlich linke Kraft zu machen. Unter diesem Aspekt gesehen, wird sie in die Geschichtsbücher als eine für die Geschicke der Bundesrepublik bedeutsame Kanzlerperson eingehen.

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Obwohl in einem Haus protestantischer Askese und Disziplin mit zugleich sozialistischer Überzeugung aufgewachsen, hat sie niemals besondere Nähe zum Christlichen erkennen lassen. Einen Gottes-Bezug stellte sie in ihren öffentlichen Verlautbarungen niemals her. Es ist auch nicht bekannt, dass sie, wie zuletzt Helmut Kohl, auf Auslandsreisen jemals Momente der Stille in einem Gotteshaus gesucht oder gar, wenn vorhanden, eine nahe Kapelle zur morgendlichen Andacht aufgesucht hätte. Merkel ist ein Kind sozialistischer Erziehung mit der Sehnsucht nach einer Gesellschaft der disziplinierten Selbstbeschränkung in jeder Hinsicht. Nach diesen Kriterien bewertet sie auch ihr Umfeld. So kann es nicht verwundern, dass sie für die meisten Menschen eine stille Verachtung ob deren aus ihrer Sicht sinnentleerten Lebens empfindet. Genau da liegt auch das Geheimnis ihrer für jeden spürbaren Unnahbarkeit. Nur ganz wenigen Menschen gelang es, so etwas wie Wärme in den Beziehungen zu ihr zu entwickeln. Zu hoch ist ihr Maßstab, aber auch ihr Misstrauen. Angela Merkel ist möglicherweise einer der einsamsten Menschen, die es gibt. Nun hat sie dies mit vielen ganz anders gearteten Figuren der Geschichte gemeinsam. Nur waren und sind die wenigsten von ihnen mit einer so ungeheuren Machtfülle und der Verantwortung für die Geschicke eines ganzen Volkes ausgestattet.

Merkel ist auch der erste Kanzler der Bundesrepublik mit einem derart komplexen Charakter. Bis hin zu Helmut Kohl waren ihre Vorgänger geprägt durch Krieg und Nachkriegsgeschichte. Jeder von ihnen fühlte sich nach der großen Tragödie des deutschen Volkes fest der Bewahrung von Freiheit und individueller Entfaltung, gemäß der Philosophie von Humanismus und Aufklärung, verpflichtet. Die Kanzlerschaft Schröders steht für die Besitznahme der Macht durch die 68er-Generation. Aber Visionen hatte der Brioni-Träger keine. Entgegen aller vollmundigen Reden von Solidarität und sozialer Gerechtigkeit stand über allem die möglichst schnelle Verwirklichung eigener materieller Sehnsüchte. Am Ende ging dieser Trieb soweit, dass sich der einstige Kanzler der Deutschen in den Dienst einer fremden Macht stellte. Die Geschichte wird ihr Urteil darüber fällen.

Ein Abgesang
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Erst mit Merkel zog ein missionarischer Geist in die Politik Deutschlands ein. Merkel hat im kleinen Kreis nie einen Hehl aus ihrer Überzeugung gemacht, dass die Bundesrepublik-Alt nicht ihren Vorstellungen von Gesellschaft entspricht. Nie hat sie den Traum von einer besseren DDR aufgegeben. Letztendlich hat sie auch in der Wiedervereinigung, im Gegensatz zur Mehrheit der Deutschen, nie ein bewegendes und hoch-emotionales Gefühl der Freude empfunden. Kurzum, ihr Ziel, und das unterscheidet sie von all ihren Vorgängern, war eine andere Bundesrepublik – so eine Art „DDR-light“. Es ist doch bemerkenswert, dass ihr das Wort Unrechtsstaat als Charakteristik der SED-Diktatur niemals über die Lippen gekommen ist.

Nun mag man sich fragen, warum ein so auf seine Intuition vertrauender politischer Charakter wie Helmut Kohl all dies nicht oder erst, als es schon zu spät war, erkannt hat. Ein Grund dafür ist ihre anscheinende Unscheinbarkeit. Merkel ist im Raum und, wenn sie will, nimmt sie niemand wahr. In der ersten Phase ihres Agierens ist sie äußerst zurückhaltend und beobachtend. Mit einem hohen Grad an Witterung und Aufmerksamkeit analysiert sie in Kürze die bestimmenden Personen und die Verteilung einzelner Machtzentren. Von da an bringt sie sich – immer noch leise und zurückhaltend – in die Abläufe, wohlgemerkt an der richtigen Stelle, ein. Da sie klare und durchdachte Absichten verfolgt, ist sie ihrem jeweiligen Gegenüber gedanklich bereits mehrere Schritte voraus. Wenn diese die Gefahr bemerken, sind sie meist schon erledigt. Auf diese Weise eliminierte sie mehr als ein Dutzend einflussreicher CDU-Politiker und brach auch damit der Union das Rückgrat ihrer politischen Identität. Es wäre müßig, all die Namen hier aufzuzählen. Jeder zeitgeschichtlich Interessierte kennt sie. Schnell begriffen die meisten in der Partei, dass jeder Versuch des Aufbegehrens zum Scheitern verurteilt ist und die Vernichtung bis hin zur materiellen Existenz bedeutet. Dabei geht „Mutti“ mit Zielstrebigkeit und kalter Härte vor. Dass Angst ein disziplinierender Faktor ist, hatte Angela Merkel ja früh begriffen.

Nach dem Wahlkampfauftakt
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Zugleich strahlte sie in ihrer Unnahbarkeit Geborgenheit und Schutz für ihre Untertanen aus – „Mutti“ eben. Immer wieder tauchte sie über Wochen einfach ab. Niemand Anderem hätte das die veröffentlichte Meinung durchgehen lassen. Merkel durfte das. Sie genießt bis zum Schluss den Respekt einer Sphinx, einer geheimnisvollen Elfe, die im Nebel schwebt und dabei alles mit einem Kokon umwickelt. Helmut Kohl sagte einmal in kleiner Runde im Anschluss an eine Buchvorstellung in Bonn über Merkel: „Erst zerstört sie die Partei und dann Deutschland.“ Mit Blick auf die CDU ist ihr dies zweifellos gelungen. Doch wer soll ihre Strategie einer linken Republik zu Ende führen?

Eine zweite Merkel gibt es nicht. Ohne sie wird das Heer der Apologeten und Opportunisten alsbald in alle Winde verstreut sein. Auch die Union, ob sie es zugibt oder nicht, wird den Abgang Merkels als Befreiung empfinden. Das Unheil der Union ist, wie eingangs beschrieben, auch ihr eigenes. Sie konnte keinen Nachfolger finden und bestimmen, weil sie im Sinn des Wortes einzigartig ist. Armin Laschet ist ein Mann mit politischem Anstand. Visionen sind ihm fremd. Die CDU Deutschlands, die große Partei der alten Bundesrepublik und der Wiedervereinigung muss sich nach Merkel ordnen, Orientierung finden und neu aufstellen. Dafür kennt die Demokratie nur einen Platz: die Opposition. So ist das eben manchmal im Leben mit den Siegen. Auch Frau Merkel hat gesiegt, indem sie die Union in die Niederlage führte. Die ganz normalen Bürger haben mehr Gespür für das notwendige, als die machtrunkenen Politiker in ihren Elfenbeintürmen auch nur denken. Wie es freilich mit unserem Land dann weitergeht, vermag niemand zu sagen.

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Kommentare ( 221 )

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moorwald
11 Monate her

Alle Pläne zu einer „Großen Transformation“, „Kulturrevolution“… scheitern regelmäßig an der Komplexität wirschaftlicher und gesellschaftlicher (im Fall der Klimarettung oder Energiewend auch physikalischer) Gegebenheiten.
Es tritt dann an die Stelle von Wissen die „Anmaßung von Wissen“ (v. Hayek).
Das einzig Sichere sind stets gewaltige Opfer: an Menschen, Freiheit, Wohlstand…
„Ja mach nur einen Plan…“

elly
11 Monate her

„Wie es freilich mit unserem Land dann weitergeht, vermag niemand zu sagen.“ Offensichtlich tritt die Wirkung ein “ GFK-UMFRAGE : Inflation und Corona trüben das Konsumklima Angesichts der Niedrigzinsen „empfinden die privaten Haushalte die Inflationsraten als noch bedrohlicher für ihre Kaufkraft“, auch wenn ein großer Teil ein Einmal-Effekt nach der befristeten Senkung der Mehrwertsteuer 2020 sei. Dazu kommen wieder zunehmende Corona-Infektionen und Diskussionen über den Umgang mit Ungeimpften. Das habe „die Konsumenten spürbar verunsichert“, sagte Bürkl: „Sie befürchten, dass Beschränkungen sogar wieder verschärft werden könnten. Dies drückt derzeit offenbar auf die Konsumstimmung.“ Ein ungetrübtes Einkaufserlebnis sei mit Maskenpflicht und Abstandsregeln ohnehin… Mehr

Meykel
11 Monate her

Eben aus sicherer Quelle in Berlin erfahren! In den Endverhandlungen, als es um die Wiedervereinigung ging, haben Dr. Helmut Kohl, Michael Gorbatschow und Erich Honnecker in einem „Gästehaus am Wannsee“ zusammen gesessen. Und Honnecker hat gesagt: „Ich kann der Wiedervereinigung nur zustimmen, wenn spätestens im Jahr 2005, meine verdiente Genossin Frau Dr. Angela Merkel, Bundeskanzlerin wird.“ Und weiter sagte er: „Es muss sichergestellt werden – weder Ochs noch Esel in ihrem Lauf, halten den Sozialismus in Deutschland auf!“ Oder so ähnlich. Alle haben betreten gekuckt, und dann hat Herr Dr. Helmut Kohl gesagt: „Na ja, dann bin ich 75 und… Mehr

Eberhard
11 Monate her

Wie es freilich mit unserem Land dann weitergeht, vermag niemand zu sagen? Niemand kann die Zukunft sicher voraussagen. Aber aus den Erfahrungen der Vergangenheit kann man zumindest für die nahe Zukunft Schlüsse ziehen und da sind meine nicht gerade rosig. Kaputtmachen geht oft sehr schnell. Aber heilen, wenn überhaupt möglich, ist meistens ein sehr langer Prozess. Außer dem sehe ich keine wirklichen Heiler und es scheint auch in Deutschland keinen politischen Willen zum Heilen zu geben. Ob Armin Laschet ein Mann, mit politischem Anstand, scheint nach allem wie er sich zur Kanzlerschaft verhält doch sehr fragwürdig? Merkel hat ganze Arbeit… Mehr

CG
11 Monate her

Was mir aufgefallen ist: Sie zitiert niemals aus der Literatur. Ich schließe daraus, dass sie jenseits der DDR-Schule keine klassische Bildung besitzt. Macchiavelli scheint sie mal quergelesen zu haben, aber sonst wortwörtlich nichts. Nur die sozialistische Schulung saß fest im Kopf. Und diese Handschrift zieht sich über all die 16 Jahre.

StefanSch
11 Monate her

Unsinn! Merkel war einfach immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Als Frau nahm sie den Zeitgeist der Medien auf und nutzte ihre Chancen eiskalt aus. Das lag vorallem daran, dass man sie als unscheinbare Frau schonte. Ein Mann wäre nicht so einfach durchgekommen. Sie war die erste Kanzlerin und erfüllte grünlinke Träume. Sie passte perfekt zum Zeitgeist. Merke. Es gibt den Betrüger und denjenigen, der sich gerne betrügen lässt.

nachgefragt
11 Monate her
Antworten an  StefanSch

Alles auch richtig, aber Merkel hatte einen Vorteil: Ihre Stasi-Akte ist nie aufgetaucht. Das war das Damokles-Schwert über ihr und wäre ihr Sargnagel gewesen. Das erklärt auch ihr schwieriges Verhältnis zu Putin. Von den USA hatte sie nie etwas zu befürchten, sollten die Erkenntnisse haben. Aber bei Putin lag die Sache anders. Wären in Russland Erkenntnisse über ihre Stasi-Akte aufgetaucht und veröffentlicht, hätte sie keinen Hebel dagegen gehabt. Von daher ist auch interessant, dass Schröder so eine Nähe zu Putin hatte und hat. Putin hätte Merkel in der Hand gehabt.

nachgefragt
11 Monate her
Antworten an  StefanSch

Das Kuriosum des Verhältnisses Merkels zu Putin möchte ich noch kurz untermauern. Zu China hatte sie kein so angespanntes Verhältnis. Im Gegenteil. Es war keine Frage des politischen Systems, keine Frage der Person, obwohl Putin natürlich demonstrativ ein Freund Schröders war. Das waren andere aber auch. Aber Merkel hatte mindestens einen Auslandsaufenthalt in Moskau in jüngeren Jahren. Das legt nahe, dass sie auch beim KGB aktenkundig war. Sie wusste oder war der Meinung, dass Putin ihr noch gefährlich werden konnte und die Konkurrenz davon profitiert. Wenn man dies als Basis rückblickend nimmt, erklären sich so einige linke Entscheidungen Merkels. Schröder… Mehr

solaris21
11 Monate her
Antworten an  StefanSch

Merkel war einfach immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

… und ihre Steigbügelhalter Schnur, Eppelmann und de Maizière waren es auch – alles reiner Zufall.

J. Werner
11 Monate her
Antworten an  solaris21

Angela Merkel war nur durchsetzbar mit Hilfe eines riesigen Netzwerk von Geheimdienstmitarbeitern, dem die Rettung gigantischer Finanzmittel bei der „Wende“ gelungen war. Dieses Netzwerk wurde – wie jetzt das der Taliban – nie zerschlagen, ständig erneuert, erweitert und transformiert. Merkels Rolle dabei war entscheidend und die ihr gesetzten Ziele dürfte sie alle überfüllt haben. Deutschland ist jetzt unumkehrbar auf dem Weg in den Ruin und wird wie eine überreife Frucht vom Baum fallen und verrotten. Gut gemacht, Genossin!

CG
11 Monate her

Die Alte hat sich bekanntlich ein Porträt von Katharina der Großen ins Büro gehängt. Das sagt etwas über sie. Es hätte genauso Louis XIV. sein können. L‘etat c‘est moi! Sie hat sich einen Hofstaat gehalten, keine Ministerriege oder einen Bundestag, dem sie ohnehin nur selten und ungern Rechenschaft ablegte. Ihre Rede von heute beweist das wieder mal. Die Ministerpräsidentenkonferenz als eine Art Kronrat. Alle ihre übers Knie gebrochenen Entscheidungen haben eine Gemeinsamkeit: allesamt linksgrün. Unter dem Jubel der Opposition hat sie ihre eigene Partei kannibalisiert. Und die schafft es nicht mal auf den letzten Metern, sich gegen die böse Alte… Mehr

EndemitdemWahnsinn
11 Monate her

Da gabs ja auch mal ein Foto von ihr und ihrem Mann irgendwo im Urlaub beim Wandern in den Bergen. Darauf sieht sie auch aus wie die Lumpensammlung, wie eine Pennerin. Da passt das mit den Löchern in den Socken ganz gut dazu. Jogginganzug, wenn man zuhause privat unter sich ist, warum nicht, wenn er nicht auch gerade Löcher hat und total ausgeleiert ist. Das ist eine ganz primitive Person ohne materielle und finanzielle Ansprüche. Das einzige, was sie interessiert ist die Macht um jeden Preis, auch wenn sie über Leichen gehen muss.Dadurch will sie sich selbst immer wieder beweisen,… Mehr

Thorsten
11 Monate her

Kohl wollte Quote machen:

  1. „Frau“
  2. „aus dem Osten“
  3. möglichst harmlos und leicht austauschbar

Da hat er sich aber verschätzt …

NordChatte
11 Monate her

Der Frank-Walter Steinmeier muss es aber nicht so ernst gemeint haben. Sonst hätte ihn Frau Merkel nicht später zum Bundespräsidenten gemacht. Er muss es auch nicht ernst gemeint haben, das Gesagte. Denn die „Dame“ ist sehr nachtragend. Da beide aber – Frau M. und Herr St. – den gleichen Stallgeruch Sozialismus an sich haften haben, wird dann doch wieder ein Schuh daraus.