Identität braucht Bewusstsein

Kritisches Bewusstsein biete eine viel bessere Prävention als einstudierte moralische Betroffenheit und Schuldgefühl. Handeln sollte auf die Gefahren der Gegenwart bezogen sein.

Wenn es eine Frage gab, die ich mir in den letzten Wochen öfter gestellt habe, dann jene, weshalb wir es in Deutschland nicht fertig bringen, eine ehrliche Debatte über den Islam zu führen und davon ausgehend, die richtigen Schlüsse für unseren Umgang mit ihm ziehen.

Immer gleich ab in die rechte Ecke

Weshalb da immer so noch viel Krampf, so viel Angst davor ist, von einigen Schreiern in die rechte Ecke gestellt zu werden;  und weshalb viele von uns anscheinend gar nicht in der Lage sind, zu erkennen, dass wer den Islam, die Asylpolitik o.Ä. kritisiert, kein Rassist ist. Dass es sich beim Islam in seiner radikalen Ausrichtung und leider in vielen Ausprägungen des politisch aktiven Islam auch um eine Form des Faschismus handelt und man diesen Gruppen deshalb mindestens ebenso kritisch und die freiheitliche Grundwerte verteidigend entgegen treten müsste wie jeglicher Form des urdeutschen Faschismus. Ich glaube, die Ursache liegt in einer seit Jahrzehnten schief laufenden deutschen Geschichts- und Erinnerungskultur. Sie ist es, die nicht nur das Selbstbewusstsein der Deutschen bis zur Selbstverleugnung und zu Selbsthass hat schwinden lassen, sondern auch dafür gesorgt hat, dass viele von uns lediglich imstande dazu sind, auf bestimmte Reizimpulse zu reagieren. Was nur allzu oft fehlt, ist ein wirkliches Geschichtsbewusstsein – sowohl für die Verbrechen wie auch dafür, wie man eine Wiederholung verhindert.

Geschichtskultur, die Art, wie wir Erinnerung an die eigene Geschichte betreiben, konstituiert stets einen elementaren Bestandteil unserer Identität. Sie betrifft vor allem jenen Teil, der das Selbstverständnis über die eigene Zugehörigkeit zu einer Nation, einer bestimmten Gesellschaft etc. umfasst. Es ist nichts Neues, wenn ich sage, dass sich die deutsche Erinnerungskultur hierbei fundamental von jener anderer Länder unterscheidet. Vergleicht man die deutsche Erinnerungskultur, den Umgang mit der eigenen Geschichte mit der anderer Länder, so fällt auf, dass Deutschland als einziges Land seine Identität auf ein kollektives Schuldbewusstsein aufbaut. In den USA feiert man bis heute den heftig umstrittenen Columbus Day, also die Entdeckung Amerikas, die mit der nahezu vollständigen Ausrottung der indigenen Völker des amerikanischen Kontinents einherging. In Spanien feiert man ebenso den Dia de la Hispanidad als Nationalfeiertag inklusive großer Militärparade. Qua Gesetz feiern die Spanier an diesem 12. Oktober die Entdeckung Amerikas und den Ursprung derselben kulturellen Tradition der hispanosprachigen Völker. Wobei Spanien längst nicht das einzige Land ist, indem man Feiertage mit pompösen Militärparaden begegnet. Man stelle sich so etwas einmal in Deutschland vor.

Dabei geht es nicht darum, dass ich für eine Einführung von Militärparaden in Deutschland plädiere oder dass ich es nicht als absolut notwendig erachte, der Geschichte des Nationalsozialismus mit dem nötigen Bewusstsein zu begegnen. Es soll darauf aufmerksam gemacht werden, wo die Unterschiede in der Identitätskonstituierung liegen, die von so fundamentaler Bedeutung für den Umgang der Deutschen mit den Problemen der Gegenwart sind.

Ritual ohne Bewusstsein

Genau genommen zentriert sich die deutsche Erinnerungskultur seit nun mehr 70 Jahren auf die Geschichte des Nationalsozialismus. Deutsche Geschichte ist die Geschichte des Dritten Reiches. 1945 die Stunde Null. Der Moment, an dem die Identität, das deutsche Selbstverständnis am Boden lag und die Frage im Raum stand, auf welche Art und Weise man dieses wieder errichtet. Zumindest hätte man sich diese Frage langfristig stellen sollen. Stattdessen stand – und das zunächst berechtigt – die Schaffung eines Bewusstseins über die Abscheulichkeit dessen, was passiert ist, im Fokus der neuen Erinnerungskultur. Es galt nicht, die deutsche Identität wieder aufzubauen, sondern um die Etablierung eines gesamtgesellschaftlichen Schuldbewusstseins, auf dass etwas wie der Nationalsozialismus nie wieder geschehe.

Doch was ist, wenn die Schaffung eines Bewusstseins irgendwann in ritualisiertes Erinnern übergeht? Was, wenn man damit nur noch bestimmte Muster, Impulse im Menschen installiert, auf die er wie abgerichtet regiert, statt ein wirkliches Bewusstsein über die Mechanismen und Strukturen hinter den Geschehnissen, die das Dritte Reich erst möglich gemacht haben, zu schaffen? Und was, wenn im Zuge dessen die nationale Identität so verteufelt wurde, dass sich viele Menschen heutzutage gar nicht mehr trauen, eine zu besitzen? Was, wenn es aber für eine rationale, geschichtsbewusste Politik in der Gegenwart diesen normalen Umgang mit der eigenen Identität braucht? War es nicht u.a. die Demütigung der Deutschen durch den Versailler Vertrag, die Hitler erst groß werden ließ?

Der Sozialpsychologe Harald Welzer analysiert seit Jahren die deutsche Erinnerungskultur und kritisiert dabei auch immer wieder den Umgang mit der Geschichte des Nationalsozialismus. „Vieles an der geschichts- und erinnerungskulturellen Praxis“, so Welzer, „sei schal geworden, petrifiziert (versteinert), inhaltsleer – und zwar exakt wegen ihrer Vergangenheitsfixierung.“

Ich glaube, dass Welzer hier einen wesentlichen Punkt anspricht. So erklärt er weiter: „Schülerinnern und Schüler werden zugleich in mehreren Fächern parallel mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust traktiert, wobei die Praxis, Fakten in einem Atemzug mit der moralischen Botschaft zu vermitteln, seit Jahrzehnten unproblematisiert bleibt.“

Gestörter Umgang mit sich selbst

Vielleicht sollte es zu denken geben, dass diese Aussagen gerade vom jemandem kommen, der sich neben der Erinnerungskultur vor allem mit eher links besetzten Themen befasst. Dass Welzer den gestörten Umgang Deutschlands mit der Erinnerung an die eigene Geschichte benennt wie kein Zweiter.

Was seit jeher in den Schulen und in Deutschland generell passiert, ist die Etablierung einer auf groben Fakten zum Nationalsozialismus basierenden, einstudierten moralischen Betroffenheit und nicht die Schaffung eines Bewusstseins über die Strukturen, die Ideologie und Mechanismen dahinter, die das erst möglich machten. Dieser Fokus begegnet einem allenfalls in der Oberstufe – wenn man Geschichte bis dahin noch nicht abgewählt hat – und gesetzt den Fall, man hat einen guten Geschichtslehrer. Es ist, als hätte man bis heute Angst davor, dass das Wesen der Deutschen im Kern böse und für derlei Ungeheuerlichkeiten besonders empfänglich sei. Dass wirkliches Bewusstsein eine viel bessere Prävention bietet als einstudierte moralische Betroffenheit und Schuldgefühl, bei dem sich alle Generationen, die nach dem Krieg geboren sind, zurecht fragen, weshalb sie diese Schuld überhaupt empfinden sollen, ist jedoch insbesondere in der Berufspolitik bis heute nicht angekommen.

Kritisch bemerkt Welzer, dass man heutzutage insbesondere in Bezug auf die jüngere Generation gar nicht mehr so recht wüsste, wogegen eigentlich anerinnert werde, wo doch alle für das Erinnern und Gedenken seien. Es sei heute schlicht nicht mehr nötig, zu fordern, dass an den Holocaust erinnert wird und der Opfer zu gedenken sei. Daran hätte gesamtgesellschaftlich außer ein paar Neonazis niemand auch nur den geringsten Zweifel und die geringste Kritik.

Das Problem hierbei ist, dass diese Form des „Anerinnerns“ so fest vor allem im linken Spektrum der Gesellschaft verankert ist, dass kaum eine Reflektion der eigenen Erinnerungskultur, des Umgangs mit der eigenen Geschichte stattfindet. So sind es vor allem tendenziell eher linke Kräfte, die an den Schaltstellen von Kultur, Bildung etc. sitzen, die sich diesem Thema widmen. Dabei ist es genau jene Haltung, die sich schlussendlich nicht nur in der Praxis der Erinnerungskultur hierzulande widerspiegelt, sondern auch Einfluss auf die gesamte Politik nimmt. In diesem Zusammenhang müsste man sich vielleicht sogar schützend vor Leute wie Heiko Maas, seine Task-Force-Mitarbeiter, die Antifa und all die anderen stellen, die im Rechtsradikalismus bis heute die größte Bedrohung für dieses Land sehen und dabei nicht mal merken, dass sie sich längst ebenso faschistischer Methoden bedienen. Vermutlich wurden sie alle lediglich in der Schule und durch gesellschaftliche Erinnerungspraktiken zu sehr auf unreflektierte moralische Betroffenheit und Schuldgefühl abgerichtet, als mit wirklichem Bewusstsein und Wissen bekannt gemacht. Vielleicht haben sie in der Schule Geschichte abgewählt oder hatten einfach einen schlechten Geschichtslehrer und so wie sie erzogen wurden, meinen sie nun, auch uns immer wieder auf’s Neue erziehen zu müssen.

Geschichtsbewusstsein statt Betroffenheits-Habitus

Was auch hier fehlt, ist ein wirkliches Geschichtsbewusstsein anstelle eines ritualisierten Betroffenheits-Habitus. Dann würde man erkennen, dass die größte Gefahr längst nicht mehr vom „biodeutschen“ Faschisten ausgeht, der augenblicklich dazu imstande wäre, das ganze Land wieder in den Abgrund des Nationalsozialismus zu reißen, sondern vom islamischen Faschismus, der mehr als jede andere Ideologie die freie Welt im 21. Jahrhundert bedroht. Dann würde man die falsche Toleranz als das enttarnen, was sie ist: nämlich falsch. Und dass ihr Fundament lediglich in der ausgeprägten eigenen Rechtsklatsche und nicht im rationalen Denken begründet liegt. Dass diese Rechtsklatsche ferner nichts mit einem Bewusstsein über den Nationalsozialismus zu tun hat, welches es möglich machen würde, auch die anderen Formen und Strukturen von Faschismus und schlicht die Mechanismen zu erkennen, nach denen der Mensch funktioniert und die Anreize, für die er immer empfänglich sein wird. Und das wirkliche Betroffenheit überhaupt erst durch Bewusstsein möglich wird.

Stattdessen fährt man Großrazzien gegen rechte Hetzer im Netz und veranstaltet die Mahnwache gegen Rechts auch dann, wenn man längst weiß, dass der Brandstifter im Asylbewerberheim kein Rechter, sondern ein syrischer Flüchtling war. Dann zündet man im Falle der Antifa auch Autos von reichen Bonzen an, die kein Asylbewerberheim in ihrem Viertel haben wollen und stellt Menschen, die sich auch nur annähernd kritisch gegenüber dem Islam oder der Asylpolitik äußern, an den virtuellen Pranger. Man ist betroffen, wenn Erdogan Jan Böhmermann anzeigt, aber nicht, wenn Jan Böhmermann und seine Kollegen über Monate andere Meinungen öffentlich als nicht akzeptierbar deklarieren. Und wenn junge Männer sich zu Tausenden verabreden, um Frauen in der Silvesternacht zu begrabschen, dann kann auch hier nur die Konsequenz in mehr Zensur liegen. Dann müssen wir uns unter dem Deckmantel der Sexismusprävention auf Werbeplakaten verhüllen.

Was man anhand all dieser Geschehnisse beobachten kann, ist eine vollkommene Blindheit gegenüber der stetig wachsenden Gefahr durch den Islam und im übrigen auch des Linksfaschismus. Im Bestreben, das Einstudierte aufrecht zu erhalten, das Vergangene nicht noch einmal geschehen zu lassen, lässt man genau das in neuer Gestalt geschehen. Längst haben wir mit der islamischen Ideologie und den linken Tugendwächtern einen neuen Faschismus im Land, der unsere Freiheit maßgeblich einschränkt, dem wir mit Selbstzensur begegnen und der jene Minderheit im Land bedroht, die es aufgrund unserer historischen Verantwortung vor allem zu schützen gilt.

Normalität gefragt

Zeitgleich wächst der Unmut in dem Teil der Bevölkerung, dessen Geschichtsbewusstsein nicht vollkommen vom kollektiv antrainierten Schuldbewusstsein untergebuttert wurde. Der Teil, der lange vor Böhmermann zu spüren bekommen hat, was es hierzulande bedeutet, sich kritisch zu bestimmten Themen zu äußern. Der die faschistoiden Strukturen des Islam erkannt hat und die freiheitliche Gesellschaft dadurch bedroht sieht und der sich trotzdem immer noch  fürchten muss, für diese Meinung an den öffentlichen Pranger gestellt zu werden.

Dieser Teil wächst stetig. Man hat es satt, der verlachte deutsche Dumm-Michel zu sein, der sich aus Angst, in die rechte Ecke gestellt zu werden, alles von Migranten gefallen lässt. Im Bestreben bloß nie wieder eine starke nationale Identität aufzubauen, schuf man eine Identität kollektiven Schuldbewusstseins und vergaß dabei, dass es jedoch eben dieser bedarf, um die Stabilität eines Landes zu gewährleisten und vor allem die Integration so vieler Menschen aus anderen Kulturkreisen möglich zu machen. Stattdessen haut man immer noch pseudo-moralisch erhaben auf die eigene Bevölkerung drauf, wenn sie es wagt, kritisch oder zumindest „besorgt“ zu sein. Eine kollektive Demütigung mit fatalen Folgen. Zum einen, weil Integration so noch unmöglicher wird, und zum anderen, weil Demütigung sich noch nie als guter Ratgeber erwiesen hat, wenn man nicht wollte, dass ein Land an die extremen Ränder abdriftet.

Deutschland braucht sicher keine Militärparaden, aber es braucht einen gesunden Patriotismus. Ein normales Verhältnis zu sich selbst und seiner Geschichte, die nicht erst mit dem Nationalsozialismus begonnen hat. Ein Selbstverständnis, das aus Bewusstsein und damit Lehre über die Vergangenheit besteht, aber auch der Erlaubnis, wie jedes andere Land auch so etwas wie stolz ob der eigenen Herkunft und Werte empfinden zu dürfen.

Dieses Selbstverständnis ist konstitutiv für die weitere Stabilität dieses Landes. Sie wird über die künftige Entwicklungen entscheiden.

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