Fake News: Suche nach der objektiven Wahrheit

Die Zahl der Verschwörungstheoretiker sinkt in dem Maße, wie die Presse ihrer eigentlichen Aufgabe gerecht wird und durch unterschiedliche Sichtweisen ausgewogen berichtet.

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Mit der Wahrheit ist das so eine Sache. Gibt es überhaupt eine objektive Wahrheit oder nur subjektive Empfindungen? Feststeht, dass wir in den letzten eineinhalb Jahren viel über Wahrheit in Deutschland diskutiert haben und immer noch diskutieren. Vor allem seit Silvester 2015/16 stellt sich auch der Normalbürger abseits von der leicht verschrobenen „Lügenpresse“-Fraktion die Frage, was wahr ist und was falsch oder wie viel Wahrheit man uns Bürgern in Zeiten der Flüchtlingskrise überhaupt noch zumutet.

Selbst Studien können diese Frage nicht abschließend klären, weil sie sich gegenseitig widersprechen und damit selbst das Dilemma im Kampf um die Wahrheit offenbaren. So stimmen gemäß einer aktuellen Studie von Kommunikationsforschern der Universität Mainz 40 Prozent der Deutschen der Aussage zu, dass man den Medien in wichtigen Fragen eher voll und ganz vertrauen kann. 40% – das klingt nicht viel, wenn man bedenkt, dass damit mehr als die Hälfte der Bürger den Medien in wichtigen Fragen nicht gänzlich vertraut. Und dennoch sei die Zahl seit 2008 gestiegen, so die Forscher. Damals stimmte der Aussage nämlich nur jeder Dritte zu. Für die Forscher ein Indiz dafür, dass das Vertrauen in die Medien wieder steige, auch wenn sie früheren Studien nicht gänzlich widersprechen. Demnach gäbe es zwar wieder mehr Menschen, die den Medien eher voll und ganz vertrauen, aber auch mehr, die ihnen gar nicht mehr vertrauen würden. Abgenommen hätte hingegen die Zahl derer, die den Medien nur teils vertrauen. Auch hier kristallisieren sich also immer stärker zwei Pole heraus. Der Mittelweg verschwindet. Die Fronten verhärten sich, auch in der Frage der Wahrheitsfindung und wem man noch vertrauen kann und wem nicht.

Dementsprechend düster fällt die Auswertung einer anderen Studie aus dem Sommer des vergangenen Jahres aus. Zwar kommt man auch hier auf 40 Prozent, die den Medien „sehr großes“ oder „großes“ Vertrauen gegenüberbringen, betont jedoch stärker die Zahl derer, die es nicht tun. 53 Prozent geben hier an, nur wenig Vertrauen in die Medien zu haben. Sieben Prozent sogar, dass sie gar keines mehr besitzen und etwa ein Viertel, dass das eigene Vertrauen in die Berichterstattung der Medien in den vergangenen Jahren gesunken sei. 27 Prozent der insgesamt 60 Prozent, die angaben, den Medien zu misstrauen, geben als Kritikpunkt bewusste Fehlinformation und Manipulation an. Um Einseitigkeit ging es 20 Prozent von ihnen. Handwerkliche Fehlleistungen und schlechte Recherche bemängelten 15 Prozent und rund jeder Zehnte kritisierte die vermeintlich fehlende Unabhängigkeit der Medien.

Studien kann man so und so lesen

Wir sehen, es kommt also auch bei Studien, die zum Teil zu gleichen Ergebnissen kommen, auf die unterschiedliche Lesart an. So erscheint die Studie der Mainzer Forscher, die von einem gestiegenen Medienvertrauen sprechen, angesichts der Auswertungen der vorherigen Studie bei genauerer Betrachtung doch sehr optimistisch.

Mit der Lesart ist das nämlich wie mit der Wahrheit auch so eine Sache. In Zeiten, in denen sich allein 46,6 Prozent der deutschen Journalisten politisch eher links verorten (davon 26,6 Prozent allein bei den Grünen) und nur magere 16,4 Prozent bei CDU/CSU und FDP, sollte dieser jedenfalls besondere Aufmerksamkeit zuteil werden . Zumal eine persönliche Zuordnung zu Merkels CDU nicht mehr unbedingt auf eine Gesinnung „rechts“ von der Mitte schließen lässt und immerhin auch noch 36,1 Prozent der Journalisten angeben, sich keiner Partei zuzuordnen und deren politische Selbstverortung damit im Ungewissen bleibt.

Journalismus ist und bleibt wie z.B. auch die Geisteswissenschaft und das, was wir selbst für die Wahrheit halten, immer subjektiv von den eigenen Präferenzen und Ansichten geprägt. Man kann den Anspruch der objektiven Berichterstattung haben, aber selbst beim Verfassen einfacher Meldungen kommt es auf die eigene Schwerpunktsetzung an. Was wir für besonders wichtig oder unwichtig erachten, ist eben auch immer abhängig von der eigenen politischen Gesinnung. Das gilt für Journalisten, die sich eher „Mitte-Rechts“, genauso wie für diejenigen, die sich „Mitte-Links“ oder ganz „Links“ verorten. Schlimm ist das zumindest so lange nicht, wie sich die politischen Gesinnungen innerhalb des Journalismus die Waage halten und der Medienkonsument so ein ausgewogenes Angebot erhält, aus dem er sich informieren kann. Hier hat sich jedoch in den vergangenen Jahren eine kaum zu ignorierende Schieflage herausgebildet, welche die Menschen immer deutlicher spüren. Die bestenfalls (wir denken zurück an die Studien) dafür sorgt, dass die Leute eine gewisse Einseitigkeit der Medien bemängeln. Schlimmstenfalls jedoch zu Auffassungen führen, die ein tiefes Misstrauen und schlussendlich komplette Abkehr von den sogenannten „Mainstream-Medien“ verursachen. „Bewusste Fehlinformation“, „Manipulation“ – solche Aussagen tragen schon den Hauch der Verschwörung in sich. Fast die Hälfte der 60 Prozent, die den Medien mittlerweile misstrauen, gibt dies als Kritik an und schaut man sich im Internet, in den sozialen Medien um, lässt das die Vermutung zu, dass diese Zahl in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen ist und auch noch weiter steigt.

Das Misstrauen gegenüber den Medien resultiert demnach nicht aus der tatsächlichen Streuung von Fehlinformationen und Manipulation, sondern vor allem aus der Einseitigkeit der Berichterstattung. Verursacht durch eine Schieflage der politischen Gesinnungen innerhalb des Journalismus, die allen Raum für Spekulationen lässt, die letztlich durch immer mehr zweifelhafte Seiten im Netz genährt werden. Hier erfährt das dumpfe Gefühl des Misstrauens zweifelhafte Bestätigung. Plötzlich ist alles klar. Zumindest erscheint es so.

Jahrelang hat man diese Entwicklung, den immer stärkeren Hang zu Verschwörungstheorien eines stetig wachsenden Teils der Gesellschaft ignoriert. Mittlerweile haben sich fast so etwas wie kleine Meinungs-Parallelgesellschaften herausgebildet, in denen die Verschwörungstheorie zur Wahrheit geworden und absolut salonfähig ist. Auch in den Parteienanhängerschaften gibt es diese Meinungsgruppenbildung, auch wenn sie oft nicht ausgesprochen wird und die letztlichen Wahlentscheidungen schwer machen.

Jetzt, wo es um die Bundestagswahl geht und man anhand der Wahl von Trump gesehen hat, was alles durch die wachsende Macht der alternativen Medien möglich ist, will man dagegen vorgehen. „Fake News“ sollen künftig markiert und ihr immer stärker werdender Einfluss damit unterbunden werden. Wer über „Fake news“ entscheiden soll, ist inzwischen auch klar. Und da beginnt das eigentliche Problem einer solchen Maßnahme, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die objektive Wahrheit von subjektiven Menschen ermitteln zu lassen. Es funktioniert nicht. Stattdessen erteilt man einigen wenigen das Monopol über die Wahrheitsfindung und wer garantiert dem Bürger, der nicht das Privileg hat, über Wahrheit und Lüge zu entscheiden, dass es hierbei immer nur um wirkliche „Fake News“ und nicht irgendwann auch um die „richtige“ Gesinnung und die „richtigen“ Ansichten gehen wird?

„Fake News“-Markierung gewinnt kein Vertrauen zurück

Ein Markieren von „Fake News“ ist nichts weiter als die Symptombekämpfung einer Entwicklung, die man in journalistischer und politischer Hybris lange Zeit ignoriert hat und der man jetzt durch eine Hauruck-Aktion versucht, Herr zu werden. Das ist nicht nur lächerlich, sondern auch zutiefst undemokratisch, weil man dem subjektiven Menschen nicht nur das Instrument zur Eindämmung der wirklichen Lüge an die Hand gibt, sondern schlussendlich auch das Instrument zur Einschränkung der Meinungsfreiheit. Die von der normalen Medienberichterstattung mittlerweile vollkommen Entkoppelten fängt man damit ohnehin nicht mehr ein. Für sie wird die als Brandmarkung gedachte Markierung von „Fake News“ eher ein Gütesiegel darstellen, was ihnen einmal mehr die Bestätigung dafür gibt, auf der Seite der Wahrheit zu stehen.

Und so sollte man sich auf Seiten der Politik und vor allem der Medien vielleicht langsam einmal fragen, wie man an die Wurzel des Problems gelangen könnte, statt sich weiter in Symptombekämpfung und Abkanzelung jener zu üben, die nicht genehme Meinungen vertreten. Statt immer mit dem Finger auf andere zu zeigen. Sich bewusst darüber werden, dass es in einer Demokratie eines ausgewogenen Journalismus bedarf, um die Menschen nicht in großer Zahl zu verlieren und dass der Journalismus in Deutschland diese Ausgewogenheit längst verloren hat. Unsere Journalisten sollten sich einmal kritisch selbst fragen, wie viel ihnen die einseitige Verkündung der eigenen Wahrheit wert ist, wenn sie schlussendlich vor stetig sinkenden Absatzzahlen stehen und einen immer größer werdenden Teil der Gesellschaft nicht mal mehr durch die mantrische Wiederholung der Degradierung zum „Rassisten“ oder „Nazi“ noch einzufangen vermögen.

Wer seinen Job gut macht, braucht keine „Fake News“ zu fürchten. Der hat es nicht nötig, den Journalismus für die Erziehung des mehr und mehr als unmündig wahrgenommenen Bürgers zu missbrauchen und damit nur noch für mehr Verdruss zu sorgen. Der muss andere neue Medien nicht der bösen Seite zuordnen und damit ständig betonen, selbst auf der guten Seite zu stehen. Die Zahl der Verschwörungstheoretiker sinkt in dem Maße, wie die Presse ihrer eigentlichen Aufgabe gerecht wird und durch unterschiedliche Sichtweisen ausgewogen berichtet. Erfüllen die Medien diese Aufgabe wieder, wird auch die Zahl derer sinken, die ihr misstrauen und sich von ihr ab- und Verschwörungstheorien und Falschmeldungen zuwenden. Dabei ist auch klar, dass man einen kleinen Rest nie wird abholen können. Dass dieser jedoch für eine Demokratie mit einer funktionierenden Presse auch ganz ohne Zwang und „Fake News“-Markierungen auszuhalten ist.

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