DUDEN, -ling Wörter und das Elend des Genderns

Wer die Presse verfolgt, merkt seit einiger Zeit, dass der DUDEN und ganz vorne weg Frau Dr. Kathrin Kunkel-Razum, Chefredakteurin des Dudens, in Erklärungsnöten steckt.

IMAGO / Martin Müller

Die Reaktionen auf das „gendergerecht“ reformierte online-Wörterbuch des DUDEN sind schwerwiegend. Frau Dr. Kunkel-Razum befindet sich in einer prekären Lage. Aus ihren Reaktionen liest man heraus, dass sie sich wohl nichts lieber wünscht, als das unselige Projekt ungeschehen zu machen. Das geht aber nicht. Die Missgeburt hat das Licht der Welt erblickt und inzwischen vermutlich auch Säcke an Geld verschlungen. Jetzt wird zurückgerudert, um den Schaden abzumildern. Es sei ja alles gar nicht so gemeint gewesen. Das generische Maskulinum gäbe es nach wie vor, usw. Diese rhetorischen Abwiegeleien sind natürlich, folgt man der Logik des DUDEN, einen Pfeifendeckel wert. Die DUDEN-Regelung schafft das generische Maskulinum ab. Punkt. Alles andere würde die Verfertigung dieses neuen Meilensteins in der Beschreibung des Deutschen auf Kasperltheater reduzieren. Und einen Fasnachtsscherz wird Frau Dr. Kunkel-Razum wohl nicht beabsichtigt haben. Meines Erachtens wäre der würdigste Ausstieg, das Projekt einzustampfen und sich bei den Geldgebern für die Pleite zu entschuldigen.

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Ich will diese Kritik nicht einfach so stehen lassen. Man kann sie nämlich sehr gut konkretisieren. Die Beispiele fliegen einem nur so zu. Nehmen wir nur mal die Substantive, die auf –ling enden. In einem älteren rückläufigen Wörterbuch finde ich darin 320 Einträge. Viele davon bezeichnen Personen, also Wesen, die mit einem natürlichen Geschlecht gesegnet sind: Dichterling, Emporkömmling, Feigling, Firmling, Fiesling, Flüchtling, Fremdling, Günstling, Häftling, Häuptling, Höfling, Jüngling, Lehrling, Liebling, Lüstling, Mischling, Pflegling, Prüfling, Säugling, Schönling, Schreiberling, Schwächling, Sprössling, Täufling, Weichling, Wüstling, Zögling sind nur einige der frequenteren.

Das gender-linguistische Problem: Sie sind alle vom Genus her maskulin. Und es gibt zu keinem von ihnen eine etablierte feminine Ableitungsform. Man denke nur das Beispiel Feigling und das was einen erwarten müsste: Feiglingin, Feigline, Feigleuse, Feigtesse. Alle bestenfalls als ad-hoc Bildungen für Sprachscherze zu gebrauchen.

An vielen Beispielen kann man sehen, dass das Substantiv auf -ling trotzdem keinerlei Probleme bei der Anwendung an weibliche Personen verursachen. Ein Satz wie: Der Säugling Waltraud schaute voller Aufmerksamkeit in die Kamera, würde wohl auch härteste Verfechter und Verfechterinnen der Gendergerechtigkeit semantisch nicht aus dem Gleis werfen.

Bei Heinrich Mann heißt es über die Taufpatin Cathérine, Schwester des Königs Heinrich IV, anlässlich der Taufe seiner Tochter auf den Namen Cathérine-Henriette: Nach den wohlgelungenen Gliedern des Täuflings beschrieb sie das Kissen, auf dem er  … lag … Obwohl es um ein Mädchen geht, nimmt die Grammatik darauf Bezug mit der maskulinen Form Täufling und folgerichtig auch mit dem Pronomen er. Auch bei einem weiblichen Täufling scheint es also keine ernsthaften Probleme zu geben.

Was also tun? Das neue DUDEN-Wörterbuch findet sich in der Klemme und muss einräumen, dass sich Säugling auch weiterhin auf ein weibliches Neugeborenes beziehen darf. Wer aber gehofft hatte, dass das das letzte Wort zu den Substantiven auf –ling war, sieht sich getäuscht. Als Nachbareintrag für Fremdling wird nämlich nun – ich schwöre es – die Fremdlingin aus der Tasche gezogen.

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Der Ausdruck kommt einmal in einem Gedicht von Hölderlin vor und bezieht sich dort nicht einmal auf eine Person, sondern auf die Nacht. Auch bei Jean Paul und bei Max Frisch tauchte das Wort angeblich einmal auf. Dichterischer Freiheit sind keine Grenzen gesetzt, aber um diese geht es im DUDEN vermutlich nicht. Obwohl der DUDEN neue Wörter aufnehmen und alte entsorgen möchte, verkauft er seinen Kunden Fremdlingin – mit dem schüchternen Zusatz „veraltend, meist dichterisch“ – als die aktuelle feminine Version von Fremdling. (Für weitere Diskussion siehe https://merton-magazin.de/hier-endet-das-gendern).

Der DUDEN schwindelt damit das Wort Fremdlingin in den Wortschatz des heutigen Deutschen hinein. Man fragt sich, wieso es dann keine Feiglingin, Häuptlingin, Lehrlingin gibt. Wenn selbst eine Politikerin der Grünen sagt, sie hätte als kleines Mädchen gerne „Indianerhäuptling“ gespielt, muss an der prinzipiellen semantischen Unverfänglichkeit der maskulinen Form ja etwas dran sein. Die Tatsache, dass es zu den Substantiven auf –ling im Deutschen keine separate feminine Form gibt, eine solche aber durch Anhängen von –in möglich wäre, beweist, dass diese Substantive auf alle natürlichen Geschlechter bezogen werden können.

Sätzen wie: Wenn meine Tante kein solcher Feigling wäre, hätte sie ihren Mann längst rausgeworfen, haftet nichts merkwürdiges an. Für Feiglingin und dergleichen gibt es offenbar nicht den geringsten Bedarf. Für Fremdlingin natürlich auch nicht. Man findet jederzeit Beispiele wie: Freda kann uns nachdenklich machen, denn sie war selbst ein „Fremdling in unserem Land“. Ein Kommentator schreibt daher sehr richtig, dass sich Substantive auf -ling gemeinhin auf beide (oder mehr) Geschlechter beziehen, und dass „alle Genderisierungen hochgradig albern wären“: https://dict.leo.org/forum/viewGeneraldiscussion.php?idForum=4&idThread=1445344&lp=ende&lang=de.

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Durch die Nicht-Anerkennung des generischen Maskulinums hat sich der DUDEN in seltsame und vollkommen überflüssige Verstrickungen begeben, aus denen ein Entkommen nur schwer möglich ist. Wo immer es möglich scheint, werden feminine Varianten hervorgezaubert, die bisher allenfalls marginal waren und für die erfolgreiche Referenz auf weibliche Personen keine spezielle Rolle spielten.

Angsthäsin und Drückebergerin sind in meiner DUDEN-Ausgabe von 1989 noch nicht zu finden, obwohl man sie bilden kann. Bei Angsthase und Drückeberger erfährt man dort, dass es „jemand, ist der …“. Die Definition besagt, es kann sich auf einen Mann aber jederzeit auch auf eine Frau beziehen. Das Geschlecht eines Menschen, dem die Furchtsamkeit eines Hasen zugeschrieben wird, schien bislang keine Rolle gespielt zu haben. Analoges beim Drückeberger, beim Feigling, beim Fremdling usw.

Wer aber dennoch meint, die Movierung dieser Formen könnte einen emanzipatorischen Nutzen haben, sollte sich dann im Sinne der logischen Geschlossenheit auch gleich um die stets maskulinen Personenbezeichnungen kümmern, die aus Imperativsätzen entstanden sind: Gottseibeiuns, Habenichts, Haudrauf, Taugenichts, Tunichtgut, Schlagetot, Springinsfeld. Hier wird’s dann wirklich eng.

Aber vielleicht findet ja das DUDEN-Team um Dr. Kunkel-Razum einmal einen Literaturbeleg für Habenichtsin, oder Tunichtgutin oder für Springinsfeldin. Anne Will würde sicher viel dafür geben, ihr Millionenpublikum mit gendergerechten Kreationen beglücken zu können wie etwa in: Das Finanzamt nimmt selbst den HabenichtsɁinnen ihre letzten Notgroschen ab.


Josef Bayer, Prof. em. für Allgemeine und Germanistische Linguistik
Universität Konstanz

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Kommentare ( 32 )

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Don Nicolas
3 Jahre her

Der Deutsche! Ist anfällig für Irrationales. Homöopathie, übrigens von den Nationalsozialisten gefördert, Astrologie mit wöchentlichen Horoskopen, im 21. Jahrhundert immer noch Lehrstühle für Theologie an den Universitäten, Gender Mainstreaming.
Mein Trost: die Wahrheit, in diesem Fall die biologische, setzt sich immer durch. Und dann: die Genderisten und mit Ihnen die Dudenredaktion kämpfen für eine Sprache, die sonst niemand spricht.

Watzmann
3 Jahre her

Der Duden wirft einen Blick in die Zukunft, wenn Grünlinge „gender-speech-konforme“ Gesetze formulieren. Babylonische Sprachverwirrung in Neuauflage. Scheinbar intelligente Menschen mutieren zum Däumling.

Christa Born
3 Jahre her

Wenn die dahinterkämen, dass sie nur das Werk der National-Sozialisten fortsetzen. Weiss noch jemand, was ein Knalltreibling ist? Gugle mal. „Kunstschaffende!“ Auch so ein Wort aus dem teutschen Totalitarismus. Der Deutsche ist halt Idealist.

Alois Dimpflmoser
3 Jahre her
Antworten an  Christa Born

Ganz genau:
Mit welchen Worten begann Goebbels die Sportpalastrede?
Meine deutschen Volksgenossen und Volksgenossinnen!
Glauben Sie nicht?
Dann googeln Sie doch mal…

wolfdieter
3 Jahre her

Die Genderista hat den Duden sturmreif geschossen.

Nun gut. Duden ist desavouiert. Konsequenz – er ist als Ruine nicht mehr Orientierungspunkt. Suchen wir uns einen neuen. Genderista darf nicht durchkommen!

Deutscher
3 Jahre her

Willkommen in Meschugge-Land
Wo man Meschuggenes erfand
Wo auch die öffentliche Hand
Meschuggenes viel besser fand
Als was ersonnen mit Verstand
Am Ende ist es abgebrannt
Meschugge-Land, Meschugge-Land

Deutscher
3 Jahre her

„Frauen einzureden, dass nur eine mehrwertschaffende Arbeitssklavin ein erfülltes Leben führen kann, ist gar nicht so schwer.“

Man(n) konnte ihnen ja auch mal einreden, Rauchen sei ein Zeichen von Emanzipation. Die pfiffigen Herren von der Tabakbranche haben damit ihre Umsätze praktisch von heute auf morgen verdoppelt – und die Lungenärzte auch!

Dieter Blume
3 Jahre her

Ich möchte Frau Dr. Kunkel-Razum gern mit Rat und Tat unterstützen. Gemeinsam mit Frau Dr. Gans-Wichtigmann habe ich die Bäckereien in Backendeneien umbenannt. Insbesondere Rechtsextreme und Querdenker neigen dazu, Sätze wie „Schatz, ich geh mal eben zum Bäcker!“ auszusprechen und ignorieren dabei, dass es auch Bäckerinnen gibt. Svenja Schulze war uns in all den Jahren unermüdlicher Forschungsarbeit ein großes Vorbild, denn in ihrer Funktion als Ministerin für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen ist es ihr gelungen, die Studentenwerke erfolgreich in Studierendenwerke umzubenennen. Das Wort „Studentenwerk“ ist aus zwei Worten, „Studenten“ und „Werk“ zusammengesetzt. Das erste Wort ist ungerecht, das… Mehr

Deutscher
3 Jahre her
Antworten an  Dieter Blume

Hervorragend, Dieterin!

Christa Born
3 Jahre her
Antworten an  Dieter Blume

Es geht einfacher: Backerei. Dort wird gebackt äh gebacken von Backenden. Schwieriger ist’s bei Tischlerei. Vielleicht Holzerei. Holz ist geschlechtslos. Blechnerei wird zu Blecherei. Einfach weg mt dem n. Spart Platz und Papier. Schlosserei wird Schlüsselei. Metzgerei wird eh bald abgeschafft. Geht doch! Musse nur wolle!

Klaus Kabel
3 Jahre her

Diese ganzen Genderpropheten können mich kreuzweise. Ich behalte meine Sprache bei. Auf gegenderte Anschreiben reagiere ich: Please write to me in English. I don not understand your German. Ansonsten gibt es in keinen Menschen, mit dem ich privat oder dienstlich zu tun habe, der diesen Mist von sich gibt.

Ema
3 Jahre her

Dass man sich während der schlimmsten pandemischen Lage der Weltgeschichte ernsthaft Sorgen darum macht, ob man noch „A wie Augsburg“ sagen darf oder darum, ob es nur Flüchtlinge, sondern auch Flüchtlingine gibt, empfinde ich als Verhöhnung aller Corona-Opfer und als Verharmlosung des Leids ihrer Angehörigen. Während Pflegekräfte in unseren Krankenhäusern, vor allem auf den Intensivstationen, mit unermüdlichem Einsatz unser aller Leben retten, während Politiker rautenringend unermüdlich nach Lösungen suchen, die uns vor dem kolletiven Untergang bewahren, rotten respektlose Philologinninen sich in ihren Elfenbeintürmchen zusammen und verschleudern wertvolle Zeit und Energie, die im Kampf gegen das uns alle permanent bedrohende Virus… Mehr

nachgefragt
3 Jahre her

Der weibliche Hase ist die gute alte Zibbe oder Zippe. Das würde ja sogar passen und den Sprachschatz mancher erweitern. Klingt nur sehr unhöflich im Vergleich zu Angsthase. Dummerweise wäre der männliche Hase der Rammler, was nicht unbedingt nach ausgeprägtem Angsttrieb klingt. Aber es gibt ja noch andere Redewendungen. Zum Beispiel das „scheue Reh“, obwohl Neutrum eindeutig weiblich zugeschrieben wird. Aber ach, das weibliche Tier heißt ja Ricke und das männliche Bock. Klingt auch wieder ein bisschen zickig, während der Bock nicht nach Scheue klingt.