Die Deutschen Medien zur US-Wahl: Hoffen, Leiden, Verzweifeln

Die Deutschen Medien schreiben seit Wochen, Bidens Sieg wäre praktisch sicher. Jetzt wird es auf einmal richtig eng - sogar mit Vorteilen für Trump. Aber Karl Lauterbach spricht schon wieder von 94% Gewinnwahrscheinlichkeit - für Biden.

imago images / Agencia EFE
US-Wahlnacht – die „Nacht der Nächte“, die „Schicksalsnacht“, die „Nacht der Entscheidung“, die einzig wahre Nacht, oder wie auch immer man sie nennen will – in Amerika wartet man zitternd und gespannt auf Wahlergebnisse, und das ist auch in Deutschland nicht anders. Deshalb nimmt die deutsche Presse ihre Aufgabe zu Informieren sehr ernst und berichtet die ganze Nacht. Sie haben spürbar große Angst vor diesem Wesen, das noch immer an der Spitze der Regierung steht. Sie versuchen sich nichts anmerken zu lassen, rechnen fest mit einem Sieg für die Democrats. Der US-Experte Elmar Theveßen des ZDF geht sogar so weit und sagt schon am frühen Morgen: „Trumps Sieg erscheint fast unmöglich“. Aber ob er das tatsächlich glaubt, oder es sich einfach nur selbst einredet, ist nicht eindeutig.

Nicht eindeutig ist an diesem Tag so einiges. Geht man nach den deutschen Leitmedien, ist alles möglich – selbst der Umsturz der Demokratie weltweit. Denn ein Elefant ist los in Amerika. Er ist, so erzählt man, unberechenbar und unzurechnungsfähig. Ein Haufen verrückter Sterotyp-Patrioten mit Grashalm im Mund, Schrotflinte auf der Schulter und McDonalds im Blut haben ihm die Tür aufgehalten, und jetzt trampelt der Elefant durch‘s Weiße Haus.

Vom ZDF bis zum Spiegel kann sich das niemand erklären. Der Elefant ist anders. Er ist groß und fett und hässlich. Seine Haare drehen sich alle in eine Richtung und sehen aus wie ein Sahnehäubchen auf seinem Kopf. Das gefällt den deutschen Medien überhaupt nicht. Aber was noch viel schlimmer ist: Der Elefant wurde überhaupt nicht dressiert. Er kann nicht auf Bällen balancieren, trampelt durch die Gegend und trötet immer einfach dazwischen. Wenn jemand nicht seiner Meinung ist, bewirft er sie mit Erdnüssen und er hat groooooße Stoßzähne – so schöne Stoßzahne, er ist so stolz auf seine Stoßzähne.

Jetzt ist Wahl, die einmalige Chance, um den Elefanten aus dem Weißen Haus rauszuschmeißen. Was wird passieren? Elefanten-Experten werden zu Rate gezogen um einzuschätzen, wie er mit einer Niederlage umgehen würde.

Viel Unwissen
Wie sicher ist die US-Wahl?
Das Lieblingsszenario: Trump würde so eine Niederlage nicht akzeptieren. Er würde einfach brüllen: „Ich bin der Präsident Törööööh und ich werde Präsident bleiben!“ Und dann verbarrikadiert er sich im Weißen Haus und blockt alle, die reinkommen wollen, mit seinen Stoßzähnen ab, denn er hat keinerlei Demokratieverständnis. Eine Situation, die man im ZDF-Wahlstudio wohl für tatsächlich wahrscheinlich hält. Sie haben das ganze Szenario einmal durchgespielt und sind sich sicher: Würde Trump sich als Präsident ausrufen, hätte Amerika ein großes Problem. Sie beschreiben bürgerkriegsartige Verhältnisse, die man in den USA erwarten könnte. „Rechte Milizen“ könnten sich erheben, Amerika könnte Gewalt erleben, wie noch nie zuvor. Die Black Lives Matter-Bewegung könnte zurückschlagen, es käme zu Auseinandersetzungen.

Das ZDF weiß, was anständige Amerikaner wollen

Was um 4 Uhr morgens noch erst eine Möglichkeit ist, Apokalypse zu spielen, wirkt um 7 Uhr morgens schon fast bestätigt – der Elefant hat wieder Twitter benutzt. „Wir sind GROSS, aber sie versuchen, die Wahl zu stehlen. Wir werden es niemals zulassen.“ Eine klare Kriegserklärung, finden die deutschen Medien. Sie befürchten, dass die Wahl nicht in den Wahllokalen, sondern vor Gericht entschieden wird. Die „Armeen von Anwälten“, die sich vor allem in den Swing States bereithalten, um Ergebnisse anzufechten, haben sie schon vorher geschildert. Und was gibt es schließlich Undemokratischeres als einen Gerichtsprozess?

„Die anständigen Amerikaner“ beobachten die Geschehnisse wahrscheinlich mit Schrecken, sagt ein Experte. Wäre die amerikanische Bevölkerung so vernünftig wie das ZDF und seine Zuschauer, würde natürlich Biden gewinnen. In einer Diskussion, mit unter anderem Beatrix von Storch, hat man sich im ZDF am frühen Morgen zu Trumps bisherigen Taten unterhalten – um dem Zuschauer noch einmal eindringlich klar zu machen, warum man als Trump-Anhänger nur absolut bescheuert sein kann. Frau von Storch wird hinzugezogen, die versucht, Trump zu verteidigen. Das eine oder andere habe er auch richtig gemacht, wagt sie doch tatsächlich zu sagen – mit Argumenten sogar! Das war zu viel des Guten und die Moderatorin Bettina Schausten sieht es als ihre Aufgabe, dem ein Ende zu setzen. „Sie müssen jetzt hier keinen Wahlkampf zu Trump machen“ faucht sie dazwischen. Von Storch versucht sich zu verteidigen, sie hätte doch nur mal eine andere Seite schildern wollen. Bettina Schausten weist sie trotzdem zurecht, sinngemäß fordert sie sie auf, jetzt die Klappe zu halten, denn man hätte ihre Postion jetzt verstanden.

Trumps Fehler
Die deutschen Medienverlierer und ein selbsterklärter Sieger
Wahrscheinlich tat sie das für das Wohl der Zuschauer – so viele Fakten ist man im ZDF-Publikum nicht gewohnt, das überfordert sie und verletzt sie in ihren Gefühlen. Cem Özdemir ist übrigens auch am Start und auch er sieht es als seine ehrenwerte Aufgabe, dazwischenzufunken. Donald Trump habe – ähnlich wie die AfD – ein falsches und gefährliches Demokratieverständnis. Die Argumente werden auf magische Weise hinfällig. Frau von Storch versucht ein weiteres mal etwas Dissens in den Kaffetratsch zu bringen: Merkel und überhaupt Deutschland haben den Präsidenten nicht ernst genug genommen, ihn gemaßregelt und ihre eigene Position überschätzt. Empörung macht sich breit. Warum sollte man einen Elefanten nicht als das ungehaltene, gefährliche, bösartige Trampeltier bezeichnen, dass es doch offensichtlich ist? Auch hier schaltet sich Özdemir wieder ein. Er verteidigt die Bundeskanzlerin. Man könne ja schon alleine an dem Trump-Zitat „Grab them by the pussy“ erkennen, dass er der Bundeskanzlerin genauso wenig mit Respekt begegnet und sie von Anfang an schon keine Chance hatte. Dass dieses Zitat vielleicht eher nicht auf Merkel, sondern auf etwas attraktivere, jüngere Frauen abzielt, ist ihm wahrscheinlich nicht in den Sinn gekommen. Es bleibt dabei – der Elefant muss weg, daran kann auch Beatrix von Storch in einer Drei-Gegen-Einen-Debatte nichts ändern.

Missionare für den mittleren Westen

Parallel sah Christian Lindner sich wohl gezwungen sich in das Elefanten-Bashing einzuklinken. Er schlägt vor: „Warum machen wir uns nicht auf den Weg, überall dort neue diplomatische Einrichtungen bzw. Dialogeinrichtungen wie Goethe-Institute zu gründen, wo auch die Wähler von Herrn Trump sind. … da müssen wir hin“. Also auf Deutsch – die verrückten Cowboys aus dem Wilden Westen hätte niemals ein wildgewordenes Trampeltier an die Regierungsspitze gelassen, wenn sie Goethe gelesen hätten. In der ARD-Redaktion rutscht das Bedauern immer wieder raus, dass man einen Erdrutsch-Sieg Bidens lieber gesehen hätte. Ein Kopf-an-Kopf Rennen ist wohl zu unsicher und da fühlt man sich so gar nicht wohl. Sigmar Gabriel sagte dagegen im ZDF: „Es wird so knapp, wie viele vorhergesagt haben“. Er zum Beispiel habe das auch immer gesagt.

Viel Spekulation, aber es bleibt spannend. Während man noch früh am Morgen vorhersagte, eine Niederlage Bidens wäre fast unmöglich, ist man sich jetzt nicht mehr sicher. Es ist ein „Krimi“ wie man im ZDF sagt, der Focus sagt eine „Schlammschlacht“ voraus. Niemand weiß, was passieren wird, klar ist aber schon jetzt: Die demokratische Grundordnung steht kurz vor dem Abgrund. Nichts ist gefährlicher für die Demokratie als demokratische Wahlen mit Kandidaten und unterschiedlichen Meinungen. Alle machen sich noch immer Sorgen über Trumps Tweet, die Demokraten würden versuchen, die Wahl zu stehlen. Noch schlimmer wird es dann nach seiner Rede. Die Welt upgradet den ZDF-Begriff „Wahl-Krimi“ zu „Wahl-Thriller“ und dann „Wahl-Drama“, so als wäre jemand gestorben. Es ist ja auch höchst problematisch, sich zuversichtlich und sicher als Gewinner zu sehen. Nicht mehr lange und der Queen-Hit „We are the Champions“ wird verboten, weil zu unsensibel. Folgt man jetzt einer der vielen Elefanten-Expertinnen, deren Namen ich vergessen habe, könnte Trumps „Selbstkrönung“ nun zu weltweiten Problemen führen. Sie hatte am frühen Morgen das Szenario ausgewertet – was ist, wenn Trump sich als Sieger erklärt, egal was die Wahlergebnisse sagen. Völlig absurderweise kommt wohl niemand darauf, solche Aussagen nicht absolut wörtlich zu nehmen. Wenn Karl Lauterbach twittert: Biden wird gewinnen, befürchtet niemand er würde mit einem Kampf-U-Boot gen Westen in See stechen. Wenn Trump sagt, dass er die Wahl gewinnt, veröffentlichen die öffentlich-rechtlichen animierte Videos mit Panzern vor dem Weißen Haus.

Biden, der in einer Rede an seine Anhänger in Delaware ebenfalls verkündet hat, zuversichtlich zu sein – nur etwas mehr drum rum geredet hat als Trump – , scheint dagegen wie Beruhigungsmittel für die Mainstream-Journalisten zu sein. Immer wieder spielen sie das Video ab. Die deutschen Medien haben ihr Urteil gefällt, der Elefant muss weg.

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Kommentare ( 49 )

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Riffelblech
25 Tage her

Ein absolut erfrischender Artikel zu dem immer mehr ansteigenden Meinungsmorast im ÖR . Wenn sich eine Moderatorin erdreistet eine Mitdiskutantin anzuranzen ,sie solle gefälligst keine Trump Wahlwerbung betreiben ,dann sollte das ihr letzter Tag im Amt gewesen sein .
— Ineiner Demokratie ,bei einem Intendanten ,der seinen Beruf ernst nimmt .
Aber zu erwarten ist ,das Frau Schausten zum Bundespräsidenten geladen wird und das Bundesverdienstkreuz bekommt .
So geht Medienpolitik im Kopfstand .

Lara Berger
26 Tage her

Ich lese Tichys Einblick, auch im Abo, weil ich von den Mainstreammedien nicht mehr belästigt werden möchte. Aber dann treffe ich sogar hier immer noch auf deren Einfluss. Das ist ärgerlich. Natürlich bräuchte ich es ja nicht zu lesen, könnte wegschauen und mich mit den wichtigen Themen befassen. So verhalte ich mich durchaus normalerweise. Aber in Anbetracht der Fülle der ganz sicher berechtigten Medienkritk an den Zwangsgebührenanstalten, scheint es mir heute doch mal sinnvoll, sich zu äußern. Ich sehe hier 44 Kommentare nach 9 Stunden. Das ist nicht viel für dieses Thema. Scheint so, als sähen viele es so ähnlich… Mehr

Lesermeinung
26 Tage her

Wir merken ja schon lange, anhand der Manipulationen der öffentlich rechtlichen Sender und der links geschalteten Zeitungen, die einigen wenigen Familienimperien in Deutschland unterstehen, wie dort Propaganda betrieben und Meinungsbeeinflussung ausgeübt wird.

Bleibt zu hoffen, dass den Zuschauern dieser Sendungen das auch mehr und mehr auffällt.

mediainfo
26 Tage her

Die deutschen Medien bleiben „on message“, auch wenn die Realität sie widerlegt. Soeben im heute-journal brachte Herr Thevessen wieder das Narrativ von der „wirtschaftlichen Kompetenz“, die Trump angeblich zugetraut worden sei, um damit Trumps unerwartet gutes Ergebnis unter Hispanics und Schwarzen zu „erklären“. Das ist offenbar der Ausweg, auf den man sich informell geeinigt hat. Es kann also nicht sein, was nicht sein darf! Dass es nämlich durchaus möglich ist, dass ein erheblicher Anteil der Nicht-Weißen, die Prämisse und das Vorgehen von „Black Lives Matter“ und seinem Umfeld, überhaupt nicht teilt, sondern die Chancen und Möglichkeiten schätzt, die die USA… Mehr

BJK2107
26 Tage her

21:55 Uhr, ich schaue WDR aktuell. Nur bashing, nur oberflächlich und einseitig. DT ist kein Sympath, aber hier wird nicht objektiv berichtet. Ein trauriges Bild, war aber zu erwarten. Ich schalte ab.

XXXX
26 Tage her

Ich kenne den nicht und ich kenne den nicht. Ich interessiere mich nicht für die Politik; Einfluss kann ich ja eh nicht nehmen. Aber was mich in diesem Zusammenhang interessieren würde, ist die Frage, wieviel Milliarden mag uns wohl die Anti-Trump-Kampagne wohl gekostet haben.

XXXX
26 Tage her
Antworten an  XXXX

Und alleine deswegen, würde mir gefallen, wenn Trump die Wahl gewinnen würde. Man weiß ja, man muss immer für das sein, das unsere Politiker und Medien zerfleischen. Tschuldigung, aber für ihr Vertrauensverlust bin ich ja nun wirklich nicht verantwortlich.

Entenhuegel
26 Tage her

Man kann es geradezu riechen: Das Polit- und Medienestablishment nebst Konsorten will Biden´s Sieg – um jeden Preis! Es zählt nur das Ergebnis, egal wie es erreicht wird, und sei es durch billigsten Betrug. Die reine Gesinnungslehre akzeptiert keine anderen „Wahrheiten“ als die eigene. Relotius hat es im Kleinen gezeigt, die Legenden von der „humanistisch gebotenen Flüchtlingsaufnahme“, der „Integration“ des Islams, der Vision „Europas“ und zahlreichen anderen „Alternativlosigkeiten“ tun es im Großen ….

Meinungskartell
26 Tage her

Sehr gut geschrieben, am besten hat mir folgender Satz gefallen:

Nichts ist gefährlicher für die Demokratie als demokratische Wahlen mit Kandidaten und unterschiedlichen Meinungen.

Oliver Koenig
26 Tage her

Die merken schon gar nicht mehr, wie peinlich und dämlich sie sind. Die Amerkaner interessiert was deutsche Talkshow-Fuzzies, Qualitätsmedien und Politiker meinen, sagen, raten…….. absolut keinen Schnurz. Die wissen nicht einmal, dass die existieren

Deutscher
26 Tage her

Sie sind einfach unbezahlbar, Frau David! Feiner und unaufgeregter Humor, dabei hochpräzise und mit äußerster Durchschlagskraft ins Ziel geballert! Bravo! Vielleicht ist es die Gnade der späten Geburt, die es einem ermöglicht, humorvoll zu bleiben – mir, der ich noch lebhafte Erinnerungen an die BRD der seligen 80er Jahre im jenem Herzen trage, welches an den Entwicklungen der letzten 20 Jahre zu zerbrechen droht, ist das Spotten und Lachen ziemlich vergangen. Bitterniss, Verzweiflung – allenfalls Sarkasmus ist mir noch geblieben. Frau David, versäumen Sie es nicht, den sinkenden Seelenverkäufer Deutschland – einst stolzer Viermaster unter schwarz-rot-goldenen Segeln ohne Hammer und… Mehr

Last edited 26 Tage her by Deutscher