Nasrin Amirsedghis Essay beschreibt ein Land, das seine Lebendigkeit verloren hat – erstickt an Moral, Maß und Selbstzufriedenheit. Zwischen politischer Betäubung und medialer Gleichförmigkeit ruft sie dazu auf, die Farbe des Denkens wiederzuentdecken: Mut, Streit und Leidenschaft statt gepflegter Langeweile.
IMAGO
Ich habe die Farblosigkeit satt. Die Farblosigkeit der Wiederholung, der sich endlos drehenden Floskeln, der gepflegten Langeweile einer Gesellschaft, die sich selbst hypnotisiert. Ich habe die Farblosigkeit der Politikerlüge satt, dieses immergleiche Vokabular aus Verantwortung, Haltung und Dialog, hinter dem nichts als das taktische Zittern einer erschöpften Klasse steht. Ich habe die Farblosigkeit der woken Narrative satt, die in schrillen Farben daherkommen und doch nur das Grau ihrer moralischen Selbstgefälligkeit ausstrahlen. Ich habe die Farblosigkeit eurer Demokratie satt, die so korrekt geworden ist, dass sie jeden Funken Leidenschaft misstrauisch beäugt.
Ich bin es müde, in einem Land zu leben, das sich selbst zu Tode moderiert. Wo jeder Gedanke zuerst auf seine Form, nie auf seinen Gehalt geprüft wird. Wo man die Worte so lange spült, bis sie ihren Sinn verloren haben. Und während man von Vielfalt spricht, herrscht eine Gleichförmigkeit des Tons, die an die gleichgeschaltete Sanftheit einer Nachkriegsrepublik erinnert, die nie gelernt hat, zu streiten, ohne sich zu schämen.
Deutschland wirkt heute wie ein Land im Schlummer. Man will keine Extreme, keine Kanten, keine Leidenschaft. Man will Ruhe – und ruft sie zur Tugend aus. Dabei ist sie längst Trägheit geworden, die Unfähigkeit, Schmerz auszuhalten, Widerspruch zu ertragen, Freiheit als Risiko zu denken. Man hat die Demokratie so sehr mit Watte gepolstert, dass sie kaum noch atmet.
Die Politik gleicht einem endlosen Verwaltungsakt. Ministerien produzieren Sprache wie Ausschüsse und Beschlüsse: steril, präpariert, keimfrei. Alles ist korrekt, alles geregelt, alles angeblich durchdacht. Und doch wächst in diesem perfekt kontrollierten Raum ein Unbehagen, das keine Form findet, weil es keinen Raum für Affekt, für Pathos, für jene Unordnung gibt, aus der Lebendigkeit entsteht.
Selbst die Empörung ist ritualisiert. Man weiß, wann man sich entrüsten darf, wann man betroffen zu sein hat, wann man klatschen und schweigen soll. Das moralische Drehbuch ist bekannt, und wer davon abweicht, gilt als gefährlich. Die Demokratie, einst Ort der offenen Rede, ist zu einer Liturgie der Selbstbestätigung verkommen.
Die Medien liefern den Soundtrack dazu. Zwischen Empörungswellen und Betroffenheitsintervallen herrscht ein Gleichklang des Denkens, der sich als Differenz tarnt. Jeder Satz scheint durch dieselbe Schleuse zu müssen: moralisch überprüft, gefiltert, entschärft. Die Freiheit des Wortes, einst Stolz dieser Republik, ist heute ein Protokoll.
Und doch – man darf das alles sagen, und man darf es sogar kritisieren. Nur hören will es kaum jemand. Weil jede Kritik sofort in die Raster fällt, die man eigens dafür geschaffen hat: rechts, links, liberal, reaktionär. Das Denken selbst wird vermessen, etikettiert, archiviert. Der Diskurs ist ein Vermessungsamt geworden.
Ich habe die Farblosigkeit der Vernunft satt, wenn sie nur noch als Ausrede dient, nichts zu fühlen. Ich habe die Farblosigkeit des Anstands satt, der sich ins Gewand bloßer moralischer Pose hüllt, während dahinter die Furcht lauert, anzuecken. Ich habe die Farblosigkeit der Hass- und Hetzparolen satt, die in Wahrheit nichts anderes sind als das Spiegelbild der Tugendlehre – beide gleichermaßen leer, gleichermaßen monoton.
Deutschland, du graues Land. Du bist müde geworden von dir selbst. Du hast gelernt, das Maß zu lieben und die Leidenschaft zu fürchten. Du hast gelernt, tolerant zu sein, aber nicht neugierig. Du bist stolz auf deine Mitte, aber du hast vergessen, dass aus ihr kein Aufbruch entsteht.
Vielleicht ist das der eigentliche Skandal: dass man in diesem Land kaum noch etwas riskieren kann, ohne sofort verdächtig zu werden. Wer wagt, gilt als gefährlich. Wer zweifelt, als illoyal. Wer denkt, als zynisch. Wir haben den Widerspruch, diese Kraft des Denkens, mit dem Verdacht vergiftet.
Ich schreibe das nicht aus Zorn, sondern aus Trauer. Aus der Trauer um ein Land, das einmal den Mut hatte, sich neu zu erfinden. Das von Dichtern, Denkern, Rebellen geprägt war. Heute sind es Talkshows, Panels, Protokolle. Alles läuft glatt, und das ist das Problem.
Ich bin es leid, Teil dieser großen Selbstberuhigung zu sein. Ich bin es leid, zuzusehen, wie man aus der Freiheit ein Regelwerk macht und aus der Meinung eine Vorschrift. Ich bin es leid, wie man an der Oberfläche diskutiert und im Tiefenrausch der Belanglosigkeit versinkt.
Ich habe die Farblosigkeit satt – nicht, weil ich Farbe um der Farbe willen will, sondern weil ich Leben will. Ein Denken, das atmet. Ein Gespräch, das riskiert. Eine Demokratie, die nicht um Zustimmung, sondern um Wahrheit ringt.
Vielleicht muss man dafür wirklich einmal gehen. Nicht in die Ferne, sondern innerlich: hinaus aus dem Nebel der Wiederholung, hinein in die klare Weite des eigenen Gedankens. Vielleicht beginnt Freiheit dort, wo man das Grau nicht mehr hinnimmt.
Ich bin dann mal weg – dorthin, wo Worte wieder Farbe haben.

Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein
Ach, deshalb werden die Regenbogenfahnen propagiert…
Wir einheimischen Deutschen [mit deutschen Eltern, Grosseltern, Urgrosseltern, Ururgrosseltern …] sind nun so ganz anders als manch ein schon jahrelang/jahrzehntelang hier lebender Zugezogener, der wenig von einheimischen Deutschen verstand/versteht und sich deshalb sein eigenes Idealbild von Deutschen und Deutschland machte/macht.
Sie sprechen mit aus der Seele! Ein Land, in dem selbst die vorgeblich Liberalen für die „Radikale Mitte“ stehen wollen und mit diesen läppischen zwei Worten die Absurdität der deutschen Gesellschaft im Jahre 2025 entlarven. Diesem blutleeren Land ist nicht mehr zu helfen, es sei denn mit einer Kettensäge …
Danke für diese bildhafte Beschreibung, die ich voll und ganz teile. Ein Meer (absichtlich „e“ anstatt „h“) an Schwarz Rot Gold würde uns gut tun. So wie es im Sauerland teilweise schon zu sehen ist.
Wie wunderbar, es gibt sie noch, die klaren Denker, die auch den Umgang mit Sprache virtuos beherrschen. Danke für Ihren Beitrag, Frau Amirsedghi!
Sprache stellt für mich das Mindestmaß an Integration dar.
Als ich Kind war, schien die Zukunft aus aufregenden Dingen zu bestehen. Nicht nur, weil für Kinder alles neu und aufregend ist, sondern weil in den Menschen ein Wunsch nach Aufbruch, nach Zukunft und Glück brodelte. Meine ersten Erinnerungen reichen in die späten 70er und frühen 80er Jahre zurück. Eine Zeit, in der alles möglich erschien, die Zukunft schien nur positive Versprechen zu beinhalten. Wissenschaft machte Dinge möglich, die bis dato unmöglich erschienen, Krankheiten, die seit Jahrtausenden die Menschheit geißelten, wurden als ausgerottet erklärt. Die Menschen lebten länger und glücklicher. Und dann kamen die Moralisten. Die Grüne Partei war der… Mehr
Danke, Nasrin Amirsedghis, für diese erfrischende Dusche, danke an Tichy für dieses glasklare Essay. Ich bin schon lange da, oder weg, nach innen immigriert und erfreue mich an gehaltvoller, stilvoller Literatur und Musik der Vergangenheit.
So doI!
Dieses Gefühl teilen viele, übrigens auch viele „Normies“. Darin liegt eine der wenigen Chancen, die dieses Land noch hat, eine Wende einzuleiten. Es bedarf eines mutigen Politikers aus dem Mainstream, gegen den selbigen anzustinken. Die Mehrheit der Bevölkerung wartet auf ein Aufbruchssignal und ist auch bereit, Opfer zu bringen. Aber es braucht einen Tabubruch mit den Lebenslügen der heutigen Republik (Migration, Sozialsystem, Energie), einschließlich entsprechender Taten. … Derweil betet Merz die bekannte Klimarhetorik in Brasilien herunter.
Lief man durch die „volkseigenen“ Betriebe, durch die Wohnviertel der DDR dominierte das Grau. Farbe gab es auch: rote Fahnen und rote Plakate mit gelber oder weißer Schrift. Auch in der DDR war nur eine Meinung erwünscht. Die gleichgeschalteten Medien schrieben über sozialistische Demokratie, dem Vorläufer „unserer“ Demokratie. Die gesellschaftliche Mitarbeit der sozialistischen Bürger in der Nationalen Front wurde bejubelt; Jubelperser gab es schon damals! Die Mehrheit, die normalen Menschen, zog sich in private Nischen zurück. Aber einmal war es dann genug. Die normalen Menschen erhoben sich. Es braucht eben Alles seine Zeit!
Die Idee, daß jeder sein Scherflein für einen funktionierenden Staat bei zu tragen hat ist nicht verwerflich.
Nur gab und gibt es eben kaum Menschen, die für die Organisation des Gemeinwesens taugen!
Es ist daher auch kein Widerspruch, wenn ich behaupte, daß man die DDR nicht in Bausch und Bogen verdammen sollte!
Ganz im Gegenteil kann ich sehr gut verstehen, daß es auch heute noch Menschen gibt, die sich über den „Westen“ aufregen.
„…Es braucht eben Alles seine Zeit!…“
Ich habe diesem Land viele Jahre gedient. Heute würde ich keinem jungen Menschen empfehlen, meinen Berufsweg zu gehen. Wofür auch? Ich würde stattdessen auswandern!